Kapitel 21 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Efeu Risa ließ sich von Yarrow die benötigten Zutaten zeigen. Dann bestimmte sif zwei weitere Pflanzen – Orchidee und Gänseblümchen –, die sim beim Sammeln helfen sollten. Opuntie Hosha bot sich zur Verarbeitung an. Le konnte die Zutaten leicht mit lein stachelbewehrten Gliedern zu Brei stampfen. Calla Viria assistierte lir: Sie setzte den Kolben ihrer Blüte wie einen Hammer ein. Auch Venusfliegenfalle Sut konnte mit seinen Fangblättern ordentlich zuschlagen. Dendy, der Feuerbusch, das Distel und die Chrysantheme lernten den Zauberspruch auswendig. Terlu brachte ihnen Wort für Wort bei und ließ sie üben, bis sie alles fehlerfrei aufsagen und perfekt betonen konnten. Lotti war versöhnt, weil das Gejaule ein Ende genommen hatte, und führte ebenfalls eine Gruppe an, bestehend aus Winde, Rittersporn und Farnkraut. Zusammen kletterten sie die Wände hoch und verteilten den Brei.
Sobald alle wussten, was sie zu tun hatten, gingen sie eifrig ans Werk.
Am Abend war Terlu so erschöpft, dass sie in ihr eigenes Bett fiel und in der Nacht kein einziges Mal aufwachte. Yarrows leises Schnarchen wirkte beruhigend. Am Morgen sprachen sie nur über den Plan für den kommenden Tag: welches Gewächshaus sie sich als nächstes vornehmen wollten; wie viele Zutaten sie brauchten; wie sie dafür sorgen konnten, dass alles glatt über die Bühne ging.
Sorgenvoll biss Terlu in einen Muffin. »Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich begreifen, welchem Risiko sie sich aussetzen.« Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte – sie hatte die sprechenden Pflanzen zu kriminellen Handlungen angestiftet. Wie hatte sie das nur tun können? Zwar hatte sie keine Ahnung, wie der Fall des Inselreichs sich auf die geltenden Gesetze auswirken würde, aber es wäre Leichtsinn, sich einzureden, ihnen könne nichts geschehen.
Yarrow schnaubte. »Natürlich begreifen sie das. Sie sind gerade erst aus einem jahrzehntelangen Schlaf erwacht, der ihnen aufgezwungen wurde. Sie wissen, wie gefährlich die Welt ist.«
»Man könnte sie zur Strafe wieder einschlafen lassen. Oder Schlimmeres.« Der Muffin vom Vortag war immer noch herrlich locker und süß, die Menge an Äpfeln und Zucker genau richtig. Yarrow hatte Zimt darübergestäubt. Sie leckte sich die Finger ab. Mit Zucker und Zimt im Mund war es schwer, sich ernstlich zu grämen – aber das müsste sie! Niemand anderes schien es übernehmen zu wollen.
»Du hast sie selbst entscheiden lassen.«
Ihr fiel auf, dass er ihre Finger anstarrte. »Ja, aber …«
Er reichte ihr ihren Mantel. »Du bist dir des Risikos bewusst. Weshalb machst du es trotzdem?«
Terlu schlüpfte in den Mantel und machte ein finsteres Gesicht. »Schon gut! Aber wenn wir alle in Statuen verwandelt werden, hoffe ich doch, dass du ein hübsches Blumenbeet um uns herum anlegst.« Sie marschierte nach draußen und schlang sich dabei ihren weichen Schal um den Hals.
»Das wird kaum möglich sein, wenn sie mich ebenfalls verwandeln«, erwiderte er milde und folgte ihr.
Dieses Mal schnaubte sie.
Sie stapften durch den Schnee auf den Komplex zu. Terlu hatte erwartet, die sprechenden Pflanzen bei den singenden Blumen zu finden, aber die zarten Melodien wehten durch das achteckige Gewächshaus, ohne dass sich auch nur ein einziger misstönender Sänger hineinmischte. Auch im Rosenhaus waren sie nicht.
»Wo treiben sie sich rum?«, murrte Yarrow.
»Vielleicht haben sie schon angefangen?«
»Die Sonne ist gerade erst aufgegangen!«
Aber sie fanden die sprechenden Pflanzen tatsächlich in einem der toten Gewächshäuser. In einer Ecke beschmierte Lotti Sprünge in der Fensterwand mit Brei. Opuntie Hosha zerstampfte unermüdlich weitere Zutaten. Dendy war halb an einer Säule emporgeklettert und rezitierte den Spruch. Ihnen gegenüber stellte die Calla Brei her, der Farn verstrich ihn mit seinen Wedeln, und die Chrysantheme sprach den Zauber forsch und klar. Nicht weit entfernt hing die Winde von einem Dachsparren, voll erblüht, und trug ebenfalls Brei auf.
Sie hatten sich in Grüppchen geteilt, bestehend je aus einem Stampfer, einem Salber und einem Zauberer. Magie knisterte in der Luft, und die feinen Härchen auf Terlus Armen richteten sich auf.
»Du hattest recht«, murmelte Yarrow.
»Es liegt ihnen am Herzen«, erwiderte Terlu leise.
Sie wollte sie nicht unterbrechen. Sie arbeiteten einträchtig und hoch konzentriert. Abgesehen von den Zauberern sagte niemand ein Wort. Wie effizient sie waren! Yarrow und sie standen und staunten.
Sie brauchen uns gar nicht.
Yarrow berührte sie am Arm und deutete auf die Tür. Gemeinsam zogen sie sich aus dem Gewächshaus zurück.
»Sie packen richtig mit an«, sagte Yarrow. »Und mit Erfolg!«
»Lotti ist bestimmt froh, dass sie nicht singen – wobei das auch gehen müsste, wenn sie weiterhin die richtigen Silben betonen …«
»Erzähl ihnen das bloß nicht, wenn Lotti in der Nähe ist.«
Terlu grinste.
Yarrow grinste zurück, und ihr war, als könnte sie jeden Augenblick zu einer Pfütze schmelzen.
Er streckte ihr die Hand hin, und sie ergriff sie.
»Die Pflanzen kommen allein zurecht«, meinte er. »Was willst du als Nächstes versuchen?«
»Ich habe ein paar Ideen, falls du bereit bist, das Risiko …«
»Bin ich.«
Zusammen eilten sie in ein anderes zerstörtes Gewächshaus. Sie wollte seine Hand nicht loslassen, aber schließlich blieb ihr nichts anderes übrig – wie hätte sie sonst ihre Notizen hervorholen sollen? Es war ihr beinahe gelungen, ein zweites Element aus Laikens Zauber zu lösen, das ihnen möglicherweise nützen könnte. Allerdings war sie noch unsicher, wie genau sie das Ende formulieren sollte.
»Bei dem hier halte ich in der dritten Zeile drei Varianten für möglich.« Sie hielt ihm das Blatt hin, damit er einen Blick auf den Zauber werfen konnte. »Leider weiß ich nicht, welche ich wählen soll. Es sind unterschiedliche Bedeutungsnuancen. Schau, bei der ersten beispielsweise …«
»Terlu, ich vertraue deinem Urteil. Such dir einfach eine Variante aus, und die probieren wir dann.«
»Oh. Ja, gut!« Sie sollte wohl wirklich zuversichtlicher sein, schließlich war der letzte Zauber wunderbar gelungen. Den hatte sie aber auch leichter aus dem Gesamtgefüge extrahieren können. Sie deutete auf die Zutatenliste. »Das ist alles, was wir brauchen – zumindest für den ersten Versuch.«
»Wozu dient der Zauber?«
»Was die Pflanzen gerade machen, ist bloß der erste Schritt«, erklärte Terlu. »Nun kommt der zweite: das Errichten einer Schutzbarriere. Im Grunde bringen wir auf der Innenseite der Fenster einen magischen Schild zur Dämmung an. Das ist das Geheimnis von Laikens Gewächshäusern. So ist es ihm gelungen, in jedem die richtigen Bedingungen zu schaffen.«
»Wie kann ich mir diesen Schild denn vorstellen?«
»Wie eine unsichtbare Membran, direkt unter dem Glas.«
»Aha.«
Nun zeigte sie ihm den Zauber doch. Ihre Notizen an den Rändern waren hingekrakelt, aber die Worte des Spruchs hatte sie sorgfältig und sauber aufgeschrieben, um ja keine Aussprachefehler zu machen, bloß weil sie ihre eigene Schrift nicht lesen konnte. »Ich glaube, das hier ist das Stück, das die Blase erschafft.«
»Du glaubst?« Yarrow hob die Augenbrauen. Was hatte er doch für ausdrucksstarke Brauen! »Und was passiert, wenn es nicht klappt?«
»Da bin ich eben unsicher. Das Wort für ›Schutz‹ kann man nämlich auf verschiedene Art mit dem Aktivierungswort verbinden … Das ist im Prinzip das Verb. Ehrlich gesagt wäre es vielleicht am besten, wenn du dieses Mal draußen warten würdest.«
Damit würde er ganz bestimmt nicht einverstanden sein. Und tatsächlich …
»Nein.«
Sie erwartete eine Erklärung, aber er fügte nichts hinzu. »Nein?«
»Nein. Ich bleibe bei dir.«
»Das ist lieb, aber wenn irgendwas schiefgeht …«
»Dann bin ich an deiner Seite. Darüber haben wir doch schon gesprochen.«
»Da ging es aber um einen anderen Zauber. Der Ausgang jetzt ist viel ungewisser.« Noch einmal versuchte sie, ihm die Worte zu zeigen. »Schau doch mal, hier. Wenn ich die letzte Silbe der dritten Zeile betone, könnte das etwas ganz anderes bewirken, als wenn …«
Er schob das Papier beiseite, schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Dann küsste er sie, noch inniger als am Morgen. Seine Zunge strich über ihre Lippen, und sie öffnete sie. Sein Atem war ihr Atem.
Ihre Gedanken verwirrten sich, und der Zauber flatterte ihr aus der Hand. Es kümmerte sie nicht. Sie schob die Finger in sein Haar. Eine seiner Hände lag auf ihrem Rücken, die andere umfasste sanft ihren Nacken. In seinem Kuss schmeckte sie das honigsüße Verlangen.
Einen Augenblick, eine Weile, eine Ewigkeit später löste er seinen Mund von ihrem, und sie atmete wieder allein.
»Sprich den Zauber«, sagte er rau.
»Oh. Klar. Kann ich machen.« Sie trat einen Schritt zurück und wartete darauf, dass ihr Hirn wieder zu arbeiten begann. Sie hob den Zauber auf. »Ähm, wolltest du bloß, dass ich die Klappe halte, oder … Vergiss es. Ich will es gar nicht wissen. Das war … schön.«
»Gut.« Sein Blick irrte zur Kuppeldecke hoch, über die Glaswände, zwischen den Beeten voll vertrockneter, bröseliger Pflanzen umher. Nur sie schaute er nicht an.
»Genau … Ja, also. Du … äh … Die Zutaten?«
Yarrow hatte wieder einen Korb mitgebracht, aus dem er nun alles Nötige hervorholte.
Sie schaute in ihre Notizen. »Wir müssen sie wohl vereinen …« Ach, warum beschwor das Wort »vereinen« Bilder herauf, die rein gar nichts mit Gewächshauszaubern zu tun hatten? Sie schluckte schwer. »Ja, also … Vermischst du sie?« Denk an was Langweiliges. An was ganz Alltägliches! Vielleicht ans Frühstück …
Prompt war sie wieder mit Yarrow im Bett, so nah. Der Duft von Honigbutterbrötchen hing in der Luft, und Sonnenlicht flutete über die Holzdielen des Cottage … Das war nichts! Versuch was anderes …
Wie wär’s mit Dreck? Dreck ist doch nun wirklich langweilig! Es sei denn, es war die Erde an Yarrows Händen, die er nach der Arbeit sorgfältig wusch. Dann seifte er einen goldenen Finger nach dem anderen ab …
Und Schildkröten? An Schildkröten war doch nun wirklich nichts Verführerisches – richtig?
Eine Weile lang dachte sie an Schildkröten.
Als er die Zutaten zu einem körnigen Gemisch verarbeitet hatte, war sie ruhig genug, um ihm den Mörser abzunehmen. Sie drehte eine Runde durch das Gewächshaus und streute die Mixtur an den Wänden aus, wobei sie darauf achtete, nur wenig Platz zwischen den einzelnen Körnern zu lassen.
Sie spürte Yarrows Blick auf sich. Woran dachte er wohl? An den Kuss? Oder an Schildkröten? Sie vollendete die Runde, ging zu ihm zurück und gab ihm den leeren Mörser. »Was magst du lieber, Land- oder Meeresschildkröten?«
»Wie bitte? Ähm … Meeresschildkröten? Wir haben hier eine, bei der Meeresflora.«
»Manche Meeresschildkröten werden wohl bis zu fünfhundert Jahre alt. Es gibt eine Insel – treffenderweise heißt sie Schildkröteninsel –, zu der kommen unfehlbar jedes Jahr die ältesten Schildkröten, um ihre Eier abzulegen. Wenn die kleinen Schildkröten schlüpfen, halten die Inselbewohner immer ein Fest ab. Sie haben ganz viele Mythen über die große Schildkröte Marzipul, die Mutter der Sichelmond-Inseln. Sie hat sie nämlich alle ausgebrütet, musst du wissen …«
»Terlu.« Er sah amüsiert aus.
»Der Zauber. Genau.« Sie schaute auf das Blatt Papier und atmete tief durch. Es half ihr, sich ganz und gar auf den Spruch zu konzentrieren. Immer schon hatte sie sich in Worte geflüchtet, wenn es schwierig wurde, sie verwirrt oder überwältigt war. Worte waren ihr sicherer Hafen und ihr Schild.
Gefasster sprach sie den Zauber.
Ringsum begann die Luft zu flimmern wie über einem heißen Ofen – mit dem Unterschied, dass bernsteingoldene und smaragdgrüne Lichter darin aufschienen. Terlu streckte die Hand aus, als könnte sie das Phänomen berühren. Rasch hielt Yarrow sie fest. »Ist das nicht gefährlich?«, fragte er.
Sie ließ die Hand sinken, aber er hielt sie weiter fest. Da er halb hinter ihr stand, war es, als legte er den Arm um sie. Überall im Gewächshaus flirrte es.
Wäre Laiken noch am Leben gewesen, hätte sie jetzt ein Wörtchen mit ihm zu reden gehabt wegen seiner unvollständigen Aufzeichnungen! Um seine Nachlässigkeit wiedergutzumachen, hätte er ihr anschließend auch gleich erklären können, wie man ein geglücktes von einem missglückten Experiment unterschied. Das wüsste sie nämlich gern.
Wabernd bildeten sich Formen in der Luft, und bald trieben schillernde Blasen durchs Gewächshaus. Eine stieg zur Kuppeldecke auf und platzte dort. Andere folgten ihrem Beispiel: Plopp, plopp, plopp! Ein sanftes Feuerwerk.
»Wie unerwartet«, sagte Terlu.
Yarrow ließ sie los und sammelte erneut Zutaten zusammen. Sie ging zwischen den Blasen herum. Als sie eine berührte, zersprang sie. Roch es mit einem Mal nach Erdbeeren? Sie stupste noch eine an: Zitrone. »Yarrow, das musst du probieren!«
Er unterbrach seine Arbeit, erhob sich und ließ eine Blase platzen. »Oh! Zimt!«
Zusammen spazierten sie durch das Gewächshaus und pikten mit dem Zeigefinger nach den Blasen. »Hmmm … Was ist denn die hier?« Terlu erkannte den Duft nicht. Er verflüchtigte sich auch immer gleich, nachdem eine Blase geplatzt war, aber Yarrow beugte sich dennoch vor und schnupperte.
»Anis.« Er ließ die nächste zerspringen. »Vanille.«
»Ich liebe Vanille.«
»Die Pflanze stammt aus der Familie der Orchideen«, referierte er. »Sie muss es warm haben – Kälte verlangsamt ihr Wachstum. Bis sie Schoten trägt, dauert es drei Jahre.«
»Du solltest ein Buch schreiben. Dein Wissen für nachfolgende Generationen festhalten. Vorzugsweise nicht chiffriert!«
Er zuckte mit den Schultern. »Dafür habe ich wirklich nicht die Zeit.«
Vielleicht würde er mehr Zeit haben, wenn sie erst einmal die Gewächshäuser repariert hatte. Sie musste es so hinbekommen, dass die Biotope sich großenteils selbst erhielten. Außerdem brauchte er mehr Hilfe … Aber ihr Brief hatte nichts gebracht, und eine andere Idee hatte sie nicht.
Im Geheimen war sie froh, dass Yarrows Familie niemanden hergeschickt hatte. Sie hätten Yarrow allerdings ruhig wissen lassen können, dass es ihnen gut ging! Er sorgte sich um sie, auch wenn er kaum je darüber sprach. Jedenfalls konnten sie von denen gerade keinen auf der Insel gebrauchen. Es war schlichtweg nicht vorherzusehen, wie sie darauf reagieren würden, dass Terlu (wenn auch recht erfolglos) versuchte, Laikens Platz einzunehmen.
Die Zauberei ließ sich unmöglich verbergen.
Dennoch würden sie einen anderen Weg finden müssen, die vielen weitläufigen Gewächshäuser zu pflegen. »Glaubst du, du könntest die sprechenden Pflanzen anlernen? Richtige Gärtner aus ihnen machen?« Sie hatten geholfen, als das tropische Gewächshaus versagt hatte, und nun kümmerten sie sich bereitwillig um die Sprünge im Glas. Offenbar packten sie ja gern mit an.
»Nur wenn das ihr Wunsch ist«, sagte Yarrow. »Sie sollten selbst entscheiden können, was sie mit ihrem Leben anfangen.«
»Manche von ihnen fänden es vielleicht schön, mit Hand, ähm, Blatt anzulegen. Schau nur, wie eifrig sie sind!« Ob Flora oder Fauna, alles sehnte sich nach einem Lebensinhalt. »Und wer nicht gärtnern will … könnte vielleicht ein paar Gesangsstunden nehmen.«
Er lachte.
Als die Zutaten vermengt waren, versuchte Terlu sich an der nächsten Variante. Wieder flimmerte die Luft, dann bildete sich eine große Blase um Yarrow und sie.
»Schon besser!«
Sie machte ein paar Schritte nach vorn und berührte die Blase. Prompt zersprang sie, und opalisierende Fragmente regneten herab. Sie drehte sich zu Yarrow um. Regenbogenscherben hafteten an ihm. Sie lächelte. »Du hast hier ein wenig …« Sie strich ihm ein Stückchen Regenbogen von der Wange.
»Du auch.« Er staubte schillernde Scherben von ihrer Schulter. Im Fallen lösten sie sich in Luft auf. Dann pflückte er ihr Regenbögen aus dem Haar, und sie klopfte weitere von seinem Arm.
Lachend lehnte sie sich vor und blies ihm eine Scherbe vom Hals.
Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. Er schaute ihr in die Augen. Wie dicht sie schon wieder beieinanderstanden!
»Du hast da noch einen Regenbogen …« Er legte eine Hand an ihre Wange und rieb mit dem Daumen darüber.
»Ach ja?«
»Und da auch.« Er berührte ihre Lippen.
»Du willst mich wieder küssen«, bemerkte Terlu. Er zog die Hand zurück. »Das ist schon in Ordnung, ich will dich auch küssen. Aber willst du nur, weil ich der einzige andere Mensch auf der Insel bin, oder magst du mich wirklich? Ich hab bisher nämlich nicht den Eindruck gewonnen, dass du mich besonders gut leiden kannst, und ich will niemanden küssen, der bloß mitmacht, weil ich Lippen habe!«
»Ich …«
»Du musst mich nicht mögen! Es macht nichts, wenn ich dir bloß nützlich bin. Na ja, ich muss zugeben, die Blasen und Regenbogenscherben sind noch nicht besonders nützlich … Aber theoretisch könnte ich ja noch was Besseres hinbekommen. Und du brauchst Hilfe. Es ist bloß so, dass jemanden brauchen und ihn gernhaben nicht dasselbe ist.«
Er wich einen Schritt zurück. »Also ich …«
»Und eigentlich weiß ich so wenig über dich. Warst du schon mal verliebt? Willst du dich verlieben? Nicht dass ich verliebt wäre!« Zumindest noch nicht, flüsterte eine innere Stimme. »Wie schon gesagt, wir kennen uns kaum. Aber ich bin nicht gut darin, jemanden einfach nur zum Spaß zu küssen. Das sollst du lieber vorher wissen. Ich hab immer große Gefühle, und wenn du dich auf so was nicht einlassen willst … Natürlich nicht gleich jetzt, aber vielleicht irgendwann in der Zukunft … Dann sollten wir diese Richtung vielleicht lieber gar nicht einschlagen. Bestimmt würde nämlich unsere Zusammenarbeit schwieriger, und wir haben noch so viel zu tun, wenn wir die Gewächshäuser retten wollen!«
Er wirkte ein wenig benommen.
Einige Verflossene hatten ihr schon gesagt, sie sei anstrengend. Und hier war sie nun und überspannte schon wieder den Bogen … Aber wenn ich ihm zu viel bin, dann ist die Sache vielleicht sowieso zum Scheitern verurteilt?
Vielleicht machte sie aber auch aus einer Mücke einen Elefanten. Im Lauf der Zeit würden sie sich näher kennenlernen, und dann würden sie schon merken, ob sie einander etwas bedeuteten. Wieso sollten sie sich vorher nicht küssen? Sie besaß doch wohl genug emotionale Reife, um Arbeit und … was das hier auch sein mochte, voneinander zu trennen! Immerhin hatten sie eine wirklich wichtige Aufgabe.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich mach mir immer zu viele Gedanken.«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nie jemanden wie dich getroffen.«
War das ein Kompliment? Ein Tadel? Oder bloß eine Feststellung? Sie brachte ein Lächeln zustande. »Tja, zunächst bin ich mal keine Pflanze.«
»Das ist wahr«, sagte er ernst.
Dabei hatte sie einen Witz machen wollen. »Lass … Lass es uns noch mal versuchen.«
Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Notizen und studierte die Worte der nächsten Variante. Das war leichter, als seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Könnte sie das Gespräch doch noch einmal von vorne führen! Ich hätte ihn einfach küssen sollen. Sie hatte die Sache nicht unnötig kompliziert machen wollen, aber was, wenn sie ihn liebgewann (seinen Honigkuchen, seine Honigbrötchen und seine honigsüßen Küsse), während er sich nur mit ihr begnügte, weil sie eben da war? Diesen Kummer wollte sie sich ersparen. Dann wäre es besser, sie blieben befreundet. Wenn sie überhaupt Freunde waren …
Leise fragte er: »Wer hat dich so verletzt?«
Erschrocken schaute sie ihn an. »Ich hab doch gar nicht gesagt …« Sie schluckte. Wie sollte sie darauf antworten? Es war ja nicht so, als hätte ihr jemand auf spektakuläre Weise das Herz gebrochen. Sie hatte keine seelische Verletzung erlitten, die erklärte, weshalb sie war, wie sie war. Eher hatten sich über die Jahre lauter kleine Sprünge in ihrem Herzen gebildet, und jetzt sah es aus wie eins der toten Gewächshäuser. Von ihrer Familie wurde sie geliebt, aber sie hatte auf Eano nie ihren Platz gefunden. Und die Bibliothek? Dort hatte sie auch nicht hingehört. Sie trieb durchs Leben, sehnte sich und streckte die Hände aus, bekam aber nie etwas zu fassen. Immer fühlte sie sich ein wenig verloren, leer, einsam. »Ich bin bloß zu empfindlich.«
Yarrow brummte. »Was soll das bedeuten?«
»Dass ich verletzt bin, wenn es gar keinen richtigen Grund dafür gibt.«
»Wenn du verletzt bist, bist du verletzt, ganz egal, wie andere darüber denken. Schmerz wird nicht weniger, bloß weil irgendwer nicht damit einverstanden ist.«
Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. So etwas hatte noch nie jemand zu ihr gesagt! Sie dachte über seine Worte nach. Würde er es auch so sehen, wenn er sie in anderen Situationen erlebt hätte? Etwa damals, als sie in der Bibliothek in Tränen ausgebrochen war, bloß weil ein Besucher sich darüber beklagt hatte, dass sie ihm das falsche Buch gebracht hatte. Er hatte ihre Eignung als Bibliothekarin in Frage gestellt, und das hatte sie viel zu schwer genommen. Oder als sie sich eines Abends herausgeputzt hatte, im Glauben, sie hätte eine Verabredung zu einem romantischen Essen. Aber die junge Frau, mit der sie ausgegangen war, hatte nur an ein Zauberbuch herankommen wollen, damit sie bei einer Prüfung betrügen konnte. Unwichtige Erlebnisse, die andere Leute schnell vergaßen. Doch ihr hingen sie nach. »Ich will immer von allen gemocht werden.«
»Ich …«
Würde er doch sagen: »Ich mag dich!« Oder wenigstens irgendetwas Tröstliches. Vielleicht gefiel ihm ja, dass sie nicht schnarchte. Oder dass sie ihr Handtuch immer zum Trocknen aufhängte. Die sprechenden Pflanzen geweckt hatte. Nie auf nervtötende Weise vor sich hin pfiff. Aber er bekam keine Gelegenheit, den Satz zu Ende zu sprechen.
Ein Rudel Pflanzen kam durch die Tür galoppiert, Lotti an der Spitze. Die kleine Auferstehungsrose verkündete: »Es sind Leute auf der Insel!«