Kapitel 22 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Leute? Was denn für … Aber bevor Terlu fragen konnte, stürzte Yarrow bereits davon. Verdattert schaute sie die Pflanzen an. Lotti streckte wie ein Kleinkind die Blätter nach ihr aus. Terlu hob sie auf und lief dann Yarrow hinterher.
»Wohin?«, fragte sie keuchend. Bibliothekarinnen rannten wirklich nur halb so viel wie Gärtnerinnen und vorgebliche Zauberinnen!
Lotti klammerte sich an ihre Bluse. »Zum Anleger!«
»Sind sie mit dem Boot gekommen?«
»Ja. Du schwankst ganz schön!«
Terlu schaute sich um und sah, dass die übrigen Pflanzen ihnen folgten, ein langes grünes Band im weißen Schnee. War es klug, die Ankömmlinge gleich mit den sprechenden Pflanzen im Schlepp zu begrüßen? Eigentlich sprach nichts dagegen: Sie waren rechtmäßig von einem Zaubermeister erschaffen worden. Dass Terlu sie gerade erst geweckt hatte, musste man ja niemandem auf die Nase binden. Aber was, wenn jemand voreilige Schlüsse zog und ihnen Schwierigkeiten machte? Dafür hatten sie nun wirklich keine Zeit. »Was sind das für Leute?«, fragte sie. »Was wollen sie hier?«
»Keinen Schimmer«, erwiderte Lotti. »Als Dendy die vielen Passagiere auf dem Schiff gesehen hatte, sind wir gleich los. Die haben sich jedenfalls gerade bereit gemacht, von Bord zu gehen!«
Terlu blieb stehen und wartete auf Dendy. »Soll ich dich auch tragen?«
Der Philodendron kletterte an ihrem Bein hoch und wickelte die Sprossachsen um ihre Taille.
»Ich auch!«, verlangte Risa.
Sie hielt still, während die anderen Pflanzen an ihr hochkraxelten. Ein paar der kleineren steckten die Wurzelknoten mit den Erdbällen in ihre Manteltaschen. Die Orchidee hielt sich an den Bändern eines Stiefels fest, das Distel vergrub die Stacheln im Ärmel ihres Mantels, und das Gänseblümchen wühlte sich in ihre Locken wie ein lebendiger Kopfputz. Als alle einen Platz gefunden hatten, eilte sie weiter. Yarrow konnte sie durch die Kiefern schon nicht mehr sehen, aber sie wusste ja, wohin er wollte.
Bald hörte sie Stimmen vom Anleger her – eine ganze Menge. Männer und Frauen, junge wie alte. Am liebsten wäre sie in den Wald geflohen und hätte die Pflanzen in Sicherheit gebracht. Wie viele Leute waren das denn? Und was würden sie von den Pflanzen halten, von ihr, Yarrow und den Gewächshäusern? Wie ein Tentakel wand sich die Angst um ihren Hals und drückte zu.
Wieso sind sie hier?
Die Kiefern wichen zurück. Da war Yarrow, eine Silhouette vor Himmel und Meer. Er blickte auf den Anleger hinab, auf das Schiff mit den silbernen Segeln und die Menschen, die auf den Steg sprangen. Japsend gesellte sie sich zu ihm. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, und Terlu musste die Augen zusammenkneifen. Außer der Seefahrerin Marin erkannte sie niemanden. Eine große Überraschung war das nicht. Es gab viele Fremde auf der Welt, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen dieser Menschen schon einmal getroffen hatte, war verschwindend gering. »Wer sind diese Leute?«, fragte sie. Und wo war Wachsmyrte Ree, der das Meer liebte und mit Marin davongesegelt war?
Yarrow schaute sie an. Seine Augen weiteten sich. »Ähm …«
Sie schaute an sich hinab: Sie war rundum dicht belaubt.
Dendy winkte Yarrow mit einem Blatt. »Hallooo. Wie geht’s, wie steht’s?«
Vielleicht wäre es wirklich besser, nicht mit einem grünen Begrüßungskomitee aufzuwarten. Erst einmal sollten sie herausfinden, was aus Ree geworden war, ob diese Leute von Beldes sprechenden Pflanzen wussten und ob sie jemanden dabeihatten, der Terlu schnellstmöglich dem nächsten kaiserlichen Ermittler ausliefern wollte, damit man sie wieder statuisierte.
»Wie wär’s, wenn ihr in Laikens Werkstatt wartet, bis wir wissen, ob unser Besuch uns freundlich gesinnt ist?« Sie setzte die Pflanzen ab, und sie hoppelten durch den Schnee zum Turm. Dendy streckte sich auf seinem Wurzelknoten und öffnete die Tür mit einem großen Blatt. »Glaubst du, sie sind uns freundlich gesinnt?«, fragte sie Yarrow.
»Oh ja«, erwiderte er düster.
Sein Ton strafte seine Worte Lügen.
Schon hörte sie die Gerichtstrommeln schlagen, im raschen Tempo ihres Herzens.
Das Schiff mit den silbernen Segeln spie immer mehr Menschen aus. Marin stand mit einem Fuß auf dem Steg, mit einem an Deck und half einem nach dem anderen an Land. Ein zweiter Seefahrer, ein Mann mit leuchtend purpurrotem Haar und zwei gewundenen kristallenen Hörnern, entlud Kisten, Taschen und Koffer. Mindestens ein halbes Dutzend Leute stand bereits inmitten des Gepäcks auf dem Steg.
»Das sind meine Verwandten. Alle meine Verwandten!«
»Oh! Das ist … großartig? Ich meine: Das ist doch großartig, oder? Es geht ihnen gut!«
Er rührte sich nicht vom Fleck. »Sie sind hier. Das ist nicht gut!«
Plötzlich kam aus einer Luke ein Strauch gesprungen. Er wieselte übers Deck und kletterte geschickt die Takelage hoch. Da ist er ja! Terlu lächelte. »Sieht so aus, als hätte Ree den Brief tatsächlich ausgeliefert.«
Zugegeben, sie hatte nicht erwartet, dass gleich Yarrows ganze Familie anrücken würde! Eher (wenn sie Glück hatten), dass man ihnen einen entbehrlichen Cousin oder eine Tante ohne Anstellung schickte – vermutlich aber nur einen Antwortbrief voller gut gemeinter Ratschläge. Oder nicht einmal das. Yarrows Verwandte hätten auch einfach erklären können, dass niemand von ihnen seine neue Heimat samt Arbeit und Träumen zurücklassen würde, um längst abgeschriebene Gewächshäuser zu retten. Und das noch inmitten politischer Unruhen! Terlu sah zu, wie Marin den Leuten auf dem Steg einen Standspiegel, einen Stuhl und einen Hutständer herabreichte. Was hatte es zu bedeuten, dass sie alle gekommen waren? Was genau war in der Hauptstadt geschehen? »Es sieht nicht so aus, als wären sie, ähm … zu Besuch.«
»Wie eine Invasion sieht es aus«, knurrte Yarrow.
Die Leute auf dem Steg waren verschiedensten Alters: Von einem Kleinkind, das den anderen bloß bis zum Knie reichte, bis hin zu einem alten Mann mit Krückstock war alles dabei. Eine Frau half ihm über den Steg. Ihr Haar, geflochten und zu einer Schnecke aufgesteckt, war schwarz-golden – genau wie Yarrows. Terlu warf ihm einen Blick zu. So grimmig er auch dreinschaute, die Familienähnlichkeit war unverkennbar. Ob die Frau die gleichen ozeantiefen grünen Augen hatte?
»Meine Schwester«, brummte er. »Und mein Vater.«
Er klang wirklich nicht begeistert. Sie war so überzeugt gewesen, dass er sie vermisste! Seine Reaktion auf die Cottages, sein Ton, wenn er einen von ihnen erwähnte … Hatte sie sich das alles nur eingebildet, ihre eigenen Gefühle auf ihn übertragen? Es war nicht gerade einfach, aus seinem Gesicht zu lesen. »Ich dachte, du machst dir Sorgen.«
»Das stimmt, aber sie hätten mir auch einfach ein paar Zeilen schreiben können. Das hätte vollkommen ausgereicht.«
Aber war es denn nicht besser, dass sie hier waren? So konnte er mit ihnen sprechen, sich vergewissern, dass sie wohlauf waren, ihnen erzählen, wie es ihm ergangen war … Andererseits war das hier Yarrow.
»Hm, ja … In Ordnung. Sollen wir sie dann mal …«
Seine Miene war starr, die Hände zu Fäusten geballt.
Das konnte sie deuten.
»Warum willst du sie nicht begrüßen?«, fragte sie leise. »Was hast du mir verschwiegen?«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Du weißt alles. Sie sind weggegangen.«
»Aber du hast doch gesagt, Laiken hätte sie fortgeschickt.« War da noch mehr? Hatten sie sich nicht im Guten getrennt? Sie wusste ja, dass kein Kontakt bestanden hatte. Ist er wütend auf sie? »Er hat sie entlassen, oder nicht? Sie hatten keine Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.« Er wandte sich ab und blickte finster in den verschneiten Kiefernwald. Aus den Baumspitzen ragten die Kuppeln der Gewächshäuser hervor. Noch ist er nicht davongestürmt … Aber glücklich ist er mit der Situation offensichtlich nicht. So hatte er öfter ausgesehen, als sie ihn gerade erst kennengelernt hatte: wie ein schlechtgelaunter Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen worden war.
Einen Augenblick betrachtete sie ihn, dann schaute sie wieder zum Anleger hinab. War er nicht wenigstens neugierig, weshalb seine ganze Familie gekommen war? Oder war er erleichtert und wusste bloß nicht, wie er mit den widerstreitenden Gefühlen umgehen sollte? Das … kam ihr nicht unwahrscheinlich vor. Behutsam sagte sie: »Vielleicht haben sie ja nur darauf gewartet, von dir zu hören?«
Er schnaubte.
Sie sah zu, wie weitere Möbelstücke entladen wurden: ein schmales Schreibpult, ein Klapptisch, eine Truhe … Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Wir brauchen vorübergehend Unterstützung, hatte sie geschrieben. Bis die Krise überstanden ist. Aber Yarrows Verwandte sahen aus, als hätten sie vor, auf der Insel zu bleiben. »Ich gehe und begrüße sie. Kommst du mit?«
»Wenn ich muss.«
»Ich bin nicht deine Mutter. Tu, was du willst.« Ganz bestimmt würde sie ihn zu nichts zwingen. Er wusste selbst am besten, was er aushalten konnte. Allerdings hätte sie gern verstanden, wieso er so reagierte. Hätte sie Angst um ihre Verwandten gehabt – ihre Eltern, ihre Schwester –, und die würden nun an Land kommen … Nun ja, ihr wäre zwar äußerst unbehaglich zumute, aber sie wäre auch überglücklich! Und sie würde wissen wollen, wieso sie hier waren.
Er seufzte schwer. »Sie denken, ich hätte sie eingeladen.«
»Ich habe geschrieben, wir bräuchten eine helfende Hand. Falls sie einen Gärtner entbehren könnten. Einen! Ich bin genauso überrascht wie du. Fragst du dich nicht, was sie alle hier machen?«
»Wahrscheinlich bist du sehr überzeugend.«
Sie vermutete, das mehr dahintersteckte.
»Wegen der Gewächshäuser sind sie jedenfalls nicht hier … und auch nicht meinetwegen. Wäre ich ihnen wichtig, hätten sie zuerst zurückgeschrieben und würden nicht einfach hier einfallen.«
»Du kennst ihre Beweggründe nicht«, erwiderte sie. »Und du erfährst sie auch nicht, wenn du nicht mit ihnen sprichst.«
Sie setzte ein Lächeln auf, trat unter den Bäumen hervor und marschierte auf die Treppe zu, die zum Anleger hinabführte. Das Meer unter dem wolkigen Himmel war bewegt. Sie hielt Ausschau nach der Seeschlange, sah aber keine Spur von ihr. Auf dem Steg hörte sie hinter sich Yarrows Schritte. Sie war erleichtert. Wie hätte sie erklären sollen, wo er war? Ihr gezwungenes Lächeln verwandelte sich, wurde fröhlicher. »Hallo!«, rief sie. »Willkommen auf Belde!«
Wachsmyrte Ree schrie aus der Takelage: »Terlu! Yarrow! Land in Sicht!«
»Hallo, Ree!« Terlu winkte ihm. »Sieht aus, als wärt ihr mit vollem Schiff übergesetzt. Sehr vollem Schiff! Wie habt ihr denn nur so viele Passagiere untergebracht?« Die vielen Leute und der Berg aus Möbeln und Gepäck konnte doch unmöglich in das kleine Schiff gepasst haben.
Marin half gerade einem Mann mittleren Alters von Bord. Er hatte ein Büschel schlohweißen Haars mitten auf seinem ansonsten kahlen Schädel. Sie grinste. »In meinem Schiffchen steckt viel mehr, als man meint … Vor allem mehr Fracht!« Sie zwinkerte Terlu zu. »Es war trotzdem ganz schön eng! Ein paar Passagiere sind außerordentlich froh, an Land gehen zu können.«
»Ich kann mich gar nicht oft genug entschuldigen, Kapitänin Marin!«, sagte der Mann mit dem weißen Haarbüschel. »Ich putze dein Boot, sobald es aufgehört hat, so schrecklich zu schwanken …«
»Nicht nötig. Bleib einfach auf festem Boden – endgültig, bitte! Ich hätte nicht gedacht, dass jemand derartig viel erbrechen könnte, ohne dass die Innereien mit rauskommen!« Sie klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. »Faste mal lieber ein, zwei Tage.«
»Vielleicht wäre eine Woche sogar besser.« Aber er lächelte – warm und freundlich, mit Lachfältchen in den Augenwinkeln, wenn seine Zähne auch ein wenig schief waren. Sein Blick wanderte zu Yarrow. »Yarrow!«, dröhnte er. »Schön, dich zu sehen, mein Junge! Gut siehst du aus. Erinnerst du dich noch an deinen Onkel Rorick?«
»Yarrow!« Eine der älteren Frauen eilte mit feuchten Augen auf ihn zu. »Wie groß du geworden bist! Schau dich nur an!« Auf ihre goldenen Wangen waren Blumen tätowiert; die Blütenblätter rahmten ihre Tränen ein. »Du weißt doch noch, wer ich bin, oder? Tante Rin! Ach, der kleine Yarrow, gar nicht mehr klein! Schaut ihn euch an!«
Prompt setzte sich die Menge in Bewegung. Alles strömte auf Yarrow zu und krähte seinen Namen. Terlu sah Panik in seinen Augen aufblitzen; sie warf sich vor ihn und lächelte angestrengt. »Hallo! Ich heiße Terlu. Würdet ihr bitte alle einen Schritt zurücktreten? Yarrow kriegt ja gar keine Luft mehr!« Sie wedelte mit den Armen, als wollte sie Hühner verscheuchen.
Yarrow legte ihr von hinten eine Hand auf die Schulter. Wollte er sie zurückhalten oder ihr danken? Wie auch immer. Sie würde auf keinen Fall zulassen, dass er auf seiner eigenen Insel überrannt wurde!
»Es ist sehr nett, dass ihr gekommen seid!«
Yarrow raunte ihr ins Ohr: »Meinst du?«
»Auf so viel Besuch sind wir nicht eingestellt. Seid ihr alle Gärtner?« Ihr Blick streifte das Kleinkind: Es lutschte am Daumen und hielt sich an der Hand seiner Mutter fest. Die beiden hatten hellgrüne Haut und weißes Haar – sie schienen nicht mit den anderen verwandt zu sein. »Ich weiß nicht recht, ob wir euch heute Nacht alle einquartieren können. Marin, könntest du vielleicht …«
Marin hob eine letzte Kiste von Bord. »Ich kann nicht bleiben«, rief sie über die Menge hinweg. »Muss vor Sonnenuntergang noch ein Ziel anfahren. Sie gehören jetzt ganz euch.«
»Dem Ruf des Meers folgen wir«, sang Ree. »Wir segeln, wir segeln ins Blauuuuuu!«
Der zweite Seefahrer fiel ein: »Ins Blauuuuu!« Mann und Myrte klangen wunderbar zusammen. Terlu lächelte. Die anderen sprechenden Pflanzen könnten einiges von ihnen lernen.
Eine alte Frau mit silbrigem Haar und einem breiten Lächeln tätschelte mit knochiger Hand Terlus Schulter. Sie trug ein Kleid, wie es in der Hauptstadt Mode war. Auch sie sah den anderen nicht ähnlich – vielleicht hatte sie in die Familie eingeheiratet? »Sorgt euch nicht, meine Lieben. Wir bringen unsere eigenen Häuschen wieder in Ordnung, das wird schon. Immerhin gehören wir hierher!«
»Ach ja?«, fragte Yarrow.
Der Mann namens Rorick holte tief Atem. »So riecht die Heimat!« Dann strahlte er Terlu an. »Bist du Yarrows Frau?«
Jemand prustete – Yarrows Schwester mit der schwarz-goldenen Haarschnecke. »Was? Yarrow, verheiratet?«
Aufgeregt drängte sich die Menge um Terlu, und sie musste sich erklären. Nein, seine Frau war sie nicht. Sie waren Freunde. Sie half ihm mit den Gewächshäusern. Den Brief hatte sie für ihn geschrieben, weil …
»Wieso seid ihr alle hier?«, ging er dazwischen.
Seine Verwandten wurden still.
»Du hast uns eingeladen, Yarrow«, erwiderte ein Mann. Die Menge teilte sich, und Terlu staunte. Er hat Yarrows Augen! Und nicht nur das. Ihr war, als stünde sie Yarrow selbst gegenüber, der einige Jahrzehnte gealtert war. Er hatte Falten, war aber immer noch muskulös. Sein Rücken war gerade, auch wenn er sich auf einen Gehstock stützte.
Yarrow warf Terlu einen finsteren Blick zu. »Was hast du in dem verdammten Brief bloß geschrieben?«
Sie schaute böse zurück. Das hier war nicht ihre Schuld! »Das habe ich dir doch erzählt.« Na gut, es war zum Teil ihre Schuld, weil der Brief ihre Idee gewesen war. Sie hatte ihn erdacht, abgefasst und aufgegeben … Na schön, es ist vor allem meine Schuld!
»Noch einmal: Was macht ihr alle hier?« In Yarrows Stimme lag keine Wärme.
Rorick antwortete ihm. »Hast du denn die Neuigkeiten aus der Hauptstadt nicht gehört? Es gab eine Revolution. Der Kaiser wurde ermordet, und halb Alyssium ist niedergebrannt. Das Reich ist nicht mehr. Bevor dein Brief kam …«
»Wir dachten, deswegen hättest du geschrieben«, sagte Yarrows Vater. »Weil du uns retten wolltest.«
Seine Schwester verschränkte die Arme und machte schmale Augen. Einen Moment schien sie mit sich zu ringen, dann sagte sie: »Wir sind hergekommen, weil wir sonst nirgends hinkönnen.«
Ein ungeheures Stimmengewirr brach los, als Yarrows Verwandte alle gleichzeitig die Zustände in Alyssium beschrieben.
Terlu wusste ja bereits von den Unruhen und dem Fenstersturz des Kaisers. Nicht gewusst hatte sie, dass auch die Bibliothek in Brand gesteckt worden war.
Davon hatte Marin nichts erwähnt.
Die Feuer hatten nicht überall im Gebäude gewütet, aber viele Bücher galten noch immer als vermisst. Hoffentlich waren sie bloß gestohlen worden und nicht verbrannt. Gestohlene Bücher konnten wiederauftauchen oder doch wenigstens von ihren neuen Besitzern geschätzt werden, aber was den Flammen zum Opfer fiel oder in die Kanäle geworfen wurde … Sie fragte nach und fand heraus, dass ein Teil des Nordflügels zerstört war – mitsamt dem nördlichen Lesesaal.
Wäre ich noch dort gewesen, als die Revolution losgebrochen ist …
Terlu schauderte.
Und dann begriff sie: Ich war dort! So war sie gerettet worden: Rijes Velk hatte den Tumult genutzt, um Terlu fortzuschaffen.
Diese Erkenntnis raubte ihr den Atem. Die Stimmen von Yarrows Verwandten klangen plötzlich fern. Sie versuchte, sich das heillose Durcheinander in der großen Bibliothek vorzustellen. Feuer, Rauch, Schreie … Und trotz allem hatte Rijes Velk an eine Bibliothekarin niedrigen Ranges gedacht, die das Gesetz gebrochen hatte. Sie hatte Terlu gerettet. Was für ein unbegreifliches Geschenk!
Wie kann ich ihr das je vergelten?
Plötzlich wusste sie, was sie zu tun hatte.
Sie drängte sich durch die Gruppe, eine Entschuldigung nach der anderen murmelnd. Dann rannte sie den Steg hinunter. Marin bereitete mit dem gehörnten Mann und mit Ree die Abfahrt vor. »Marin!«
Gerade löste sie das Tau vom Poller. »Ich hab’s dir doch gesagt: Ich kann nicht bleiben. Ich hab noch eine Insel anzulaufen, und das hier war … Sagen wir’s so: Es gibt einen Grund, warum ich ein Handelsschiff habe und keine verfluchte Fähre! Aber dein Gärtner hat gut gezahlt, und sie haben noch was draufgelegt. Und hier sind sie nun! Auftrag erledigt.« Sie lächelte noch immer, aber nun wirkte es bemüht. Für eine Seefahrerin, die am liebsten allein unterwegs war, musste die beengte Fahrt recht unangenehm gewesen sein. Ein paar Aufgaben hatte sie bestimmt an ihre kleine Mannschaft delegieren können. Allerdings war ihr Schiffsjunge noch recht unerfahren …
Terlu hätte ihr nicht noch mehr abverlangen sollen, aber sie sah keinen Weg daran vorbei. Sie fischte den Rubin aus der Manteltasche, den der kleine Silberdrache ihr gegeben hatte. »Ich kann dich auch bezahlen! Es geht um Rijes Velk. Sie ist die oberste Bibliothekarin der großen Bibliothek von Alyssium. Oder war es zumindest. Ich weiß nicht, wohin es sie verschlagen hat …« Sie darf nicht umgekommen sein! Terlu wollte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand sich für sie geopfert hatte. Oder dass eine Frau, so gütig, brillant und unbeugsam, gelitten haben könnte.
Der Mann mit dem purpurroten Haar und den diamantenen Hörnern sagte: »Leider kehren wir nicht nach Alyssium zurück.«
Terlu reichte Marin den Edelstein.
»Manchmal ändern sich Pläne, Dax.«
»Aber du hast doch gesagt …«
»Das ist ein Rubin, Dax. Ein verdammt großer.« Sie hielt ihn ins Licht und pfiff durch die Zähne. »Ich kann nicht garantieren, dass ich sie finde.«
»Aber du versuchst es? Wenn du sie findest …« Plötzlich war Terlus Kehle wie zugeschnürt. Wie sollte sie die richtigen Worte finden, um der Frau zu danken, die ihr eine zweite Chance gegeben hatte? Ein zweites Leben?
»Ich bring sie aber nicht um.« Marins Ton war beiläufig, aber ihr Blick ernst.
»Was? Nein! Ich möchte mich nur vergewissern, dass es ihr gut geht! Vielleicht kannst du sie aus der Stadt bringen, wenn sie das möchte … Wohin sie will. Und kannst du ihr von mir danken? Bitte?« Sie konnte nicht wissen, ob die oberste Bibliothekarin überlebt hatte, aber falls ja … Sie hat mich gerettet, während um sie herum alles in Trümmer gegangen ist. Yarrows durcheinanderrufenden Verwandten zufolge musste es furchtbar gewesen sein. Das Viertel, in dem sie gelebt hatten, war dem Erdboden gleichgemacht worden. Viele von ihnen hatten die Revolution unterstützt, aber Feuer kannte weder Freund noch Feind. Sie hatten ihre Läden verloren, ihre Wohnungen, ihre gesamte Lebensgrundlage, und hätten darauf hoffen müssen, dass sie auf irgendeiner Insel Zuflucht fanden. Da hatte sie der Brief erreicht.
Marin grinste und steckte den Rubin ein. »Du bist ein bisschen merkwürdig, aber ich mag dich. Wenn es mir möglich ist, erledige ich deinen Auftrag. Viel Glück mit dieser Bande!« Sie stieß das Schiff vom Anleger ab. »Und sag deinem Gärtner, dass ich vor dem Winterfest seine üblichen Vorräte bringe, bloß zehnmal so viel wegen der neuen Leute. Vielleicht kann er mir ja ein paar Zucchinisamen beschaffen! Ist jedenfalls fest versprochen.«
»Danke schön«, sagte Terlu.
»Ree, hiss die Segel!«, rief Marin.
»Aye, Kapitän!«, brüllte die Wachsmyrte und flitzte zu einer Winde hinüber. Seine Zweige schwankten vor Aufregung. Dax gesellte sich zu ihm, und zusammen setzten sie die Segel.
Terlu schaute ihnen nach. Ree schien seinen Platz gefunden zu haben. Hoffentlich würden die drei Rijes Velk ausfindig machen – und hoffentlich ging es ihr gut. Mehr kann ich nicht tun.
Sie wandte sich um und bemühte sich um ein Lächeln, als wären Yarrows Verwandte ganz gewöhnlicher Besuch. Als hätten sie ihnen nicht erschütternde Neuigkeiten gebracht.
Yarrow versuchte nicht einmal, Gastfreundschaft zu heucheln. Er wirkte, als wollte er ins Meer springen und Marin hinterherschwimmen. Offenkundig wünschte er sich weit fort.
Terlu nahm ihn beiseite. »Wir sollten sie ins Warme bringen.«
»Aber nicht in mein Cottage!«, flüsterte er, und sie hörte die aufkeimende Panik in seiner Stimme.
»Wie wär’s dann mit Laikens Turm? Das ist nicht weit.« Früher oder später mussten Yarrows Verwandte die sprechenden Pflanzen sowieso treffen. Für manche würde es ja vielleicht ein Wiedersehen sein.
»Von mir aus.«
Terlu wandte sich der Gruppe zu und fragte Yarrow leise: »Kannst du mir sagen, wer wer ist?«
Seine Schwester drängte sich nach vorn. »Ich bin Rowan, Yarrows Schwester. Das hier ist meine Frau, Ambrel. Mein Cousin Vix. Meine Tante Rin.« Sie deutete auf jeden, den sie vorstellte. Die meisten waren Verwandte, aber es waren auch einige enge Familienfreunde darunter. Die Mutter des kleinen Jungen Epu war ihre Nachbarin, hieß Pipa und hatte Zickzack-Tätowierungen auf den blassgrünen Wangen. Terlu prägte sich so viele Namen ein, wie sie konnte. Dabei griff sie auf einen Kniff zurück, dessen sie sich auch bedient hatte, als sie neu in Alyssium gewesen war: Sie ordnete jedem ein Tier zu. Cousin Finnel (braunes Haar, winzige Nase) bekam das Eichhörnchen, Onkel Ubri (federiges Haar und ruckartige Bewegungen) den Sperling, Cousin Percik (breites, entenhaftes Lächeln) den Erpel, Tante Harvena (schwarze Knopfaugen und lange Beine) den Emu …
Der alte Mann mit dem Stock trat näher. »Ich bin Rowans und Yarrows Vater, Birch. Yarrow, mein Sohn … Es ist schön, dich wiederzusehen.«
Terlu schaute Yarrow an. Bestimmt war er doch froh, dass sein Vater hier war! So lange hatten die beiden allein auf der Insel gelebt, und sein Vater war nur fortgegangen, weil er krank geworden war. Mit ihm würde Yarrow gewiss sprechen wollen.
Yarrow knurrte – und dann kehrte er sich ab und ging in Richtung Gewächshäuser davon.
»Ich hatte gehofft, er hätte mir mittlerweile vergeben«, sagte Birch.
Sie hatte nicht gewusst, dass es etwas zu vergeben gab. Hätte er mir das doch früher erzählt! Vorzugsweise, als ich den Einfall mit dem Brief hatte … Sie brachte ein neuerliches Lächeln zustande und tätschelte Yarrows Vater unbeholfen den Arm. »Kommt erst einmal mit nach drinnen. Ihr habt eine lange Reise hinter euch.«