Kapitel 24 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Terlu erwachte in der Morgendämmerung. Durchs Cottage zog ein köstlicher Duft. Sie schlug die Augen auf und sah, dass auf dem Tisch Abkühlgitter mit sechs Honigkuchen standen. Yarrow rührte schon weiteren Teig an.
»Wie viele brauchen wir?«, fragte er.
»Was?« Sie setzte sich auf und strich sich über die Locken, die wild von ihrem Kopf abstanden.
»Einen Kuchen für drei Personen? Oder lieber für zwei? Sie haben bestimmt Hunger, wenn sie aufwachen.«
»Du machst Frühstück für alle?« Eigentlich war das keine große Überraschung. Auch für Terlu hatte er ja gekocht und ein Bett aufgestellt – und sie hatte er kaum gekannt. So war er eben: Er zeigte sich abweisend, sorgte dann aber für alle. Sie lächelte.
»Insgesamt neun?«, schätzte er.
Das war eine ganze Menge Kuchen. In den Formen buk er sonst Brot. »Wenn was übrig bleibt, können sie es später am Tag noch essen.«
Er nickte. »Bringst du sie ihnen?«
»Klar!«
»Ich kann nicht.«
»Das weiß ich doch. Ich mach’s gern! Ich zieh mich nur schnell an.« Solange er wollte, würde sie als Botin von Nachrichten und Honigkuchen fungieren. Es war vielleicht nicht die beste Art, mit der Situation umzugehen, aber wenn er noch nicht so weit war, dann war es eben so.
Außerdem musste sie nun wirklich niemandem gute Ratschläge erteilen! Sie hatte ihre eigene Familie bisher noch nicht einmal wissen lassen, dass sie noch am Leben war.
»Die letzten Kuchen müssen noch in den Ofen«, sagte er, »lass dir also ruhig Zeit.«
»Ich kann dir doch helfen …«
Er scheuchte sie davon und füllte Teig in die Formen. »Ich mache zwölf. Zehn für sie, einen für uns und einen für die Drachen im Labyrinth. Die freuen sich bestimmt, oder?«
»Aber ja!« Alle würden sich freuen. Ihr lief jedenfalls beim Gedanken an frischen Honigkuchen zum Frühstück das Wasser im Mund zusammen. Rasch stand sie auf. Auf dem Weg ins Bad musste sie über Emeral steigen, der sich vor dem Feuer ausgestreckt hatte.
Sie wusch sich und schlüpfte in ihre liebste weiche Hose und eine enge warme Tunika, die ihre Kurven zur Geltung brachte.
Yarrow gab gerade Rosenblätter und Zucker in einen Topf, als sie aus dem Bad kam. Die letzten Honigkuchen waren im Ofen. »Ich hab dir was abgeschnitten«, sagte er, ohne aufzuschauen.
Auf dem Tisch stand ein Teller mit einem dicken Stück Honigkuchen und einem Klecks Marmelade. Nur ein Teller. »Hast du schon gegessen?«
»Ich hab keinen Hunger.«
»Konntest du denn schlafen?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Willst du darüber reden oder lieber nicht?« Sie setzte sich, tauchte ein Stück Honigkuchen in die Marmelade und steckte es sich in den Mund. Oh! Er war wunderbar süß und flaumig, und die säuerliche Zitronen-Himbeer-Marmelade war eine hervorragende Ergänzung. Beinahe hätte sie aufgestöhnt. Zucker floss durch ihre Adern, und sie atmete Himbeerduft. Mit einiger Mühe nahm sie sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf Yarrow. Er hatte ja keine Ahnung, was seine Backkünste anrichten konnten! »Wenn du mir erzählen willst, was dich wach gehalten hat, höre ich dir gern zu. Aber du musst nicht.«
Das Backen half ihm offenbar, und daran hatte sie nichts auszusetzen. Wirklich gar nichts!
Yarrow wickelte die fertigen Kuchen in Stoffservietten ein. Dann blickte er eine Weile schweigend auf die Bündel hinab. »Als ich ein Kind war«, sagte er schließlich, »nahm Onkel Rorick mich eines Tages beiseite – ein Gespräch von Mann zu Mann. Es sei an der Zeit, mich abzuhärten, erklärte er mir. Ich sei noch immer zu abhängig von meinem Vater. Ich wolle doch sicher ein wertvoller Bürger des Mondsichel-Inselreiches werden, der seinen Beitrag leistete. Und, was in seinen Augen wohl noch wichtiger war, ein erfolgreicher Gärtner in den Gewächshäusern. Daher müsse ich lernen, selbständiger zu sein.«
Sie musterte ihn. Er starrte die eingewickelten Kuchen an, als sähe er etwas ganz anderes vor sich. Das wird bestimmt keine schöne Geschichte.
»Er sagte, wir würden ein Spiel spielen: Ich müsste nur den Weg nach Hause finden, dann hätte ich gewonnen. Ich bekam eine Augenbinde, und dann führte er mich ewig lange irgendwohin. Schließlich meinte er, ich solle bis zehn zählen, dann könne ich die Augenbinde abnehmen. Als ich sie abstreifte, war ich allein – im Dunkeln. Kohlrabenschwarz war es um mich. Ich hatte gedacht, ich würde mich in einem Gewächshaus auf der anderen Seite der Insel wiederfinden, aber stattdessen hatte er mich in die unterirdischen Höhlen gebracht und mich dort zurückgelassen. Ohne Licht und Proviant – ich konnte bloß das Wasser von den Wänden lecken.« Er verstummte. Der Tee begann zu kochen.
»Hast du den Weg nach draußen gefunden?« Sein Onkel war doch bestimmt zurückgekommen, um ihn zu holen. Oder vielleicht war der Höhleneingang ganz nah gewesen.
»Nach drei Tagen. Danach waren Labyrinthe für mich gestorben. Und Höhlen auch.«
Drei Tage! Unter der Erde, allein in der Finsternis, ohne Nahrung oder Wasser! Sie schauderte. »Wie alt warst du da?«
»Neun.«
»Du warst neun, und niemand ist dich suchen gekommen? Nicht einmal deine Eltern?«
Er schüttelte den Kopf. »Meine Mutter war schon seit einigen Jahren tot, und mein Vater … Später hörte ich, meine Großmutter habe sich erbittert mit meinem Vater und Onkel Rorick gestritten. Sie wollte einen Suchtrupp losschicken, aber die beiden haben sich geweigert. Ich dachte bis ganz zum Schluss, sie würden mich holen kommen. Es sollte doch ein Spiel sein. Für einen Nachmittag.«
Sie wollte zu ihm gehen und ihn umarmen. Oder zu Birch und Rorick marschieren und sie zur Rede stellen – laut und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
»Als ich endlich wieder draußen war, fragte ich meinen Vater, wieso er mich nicht gesucht hatte.« Mit ruhiger Hand goss er den Tee in zwei Tassen. Terlu schaute er noch immer nicht an. »Er hatte zu viel zu tun. Das waren seine Worte.«
»Das tut mir so leid, Yarrow …« Ich wäre dich suchen gegangen, wollte sie hinzufügen. Und ich hätte gesucht, bis ich dich gefunden hätte. Sie nahm ihre Tasse entgegen, wärmte sich daran die Hände und atmete den aromatischen Dampf ein. »Was er getan hat, war nicht richtig. Du warst noch ein Kind. Und selbst wenn du schon älter gewesen wärst … Es tut mir wirklich leid, dass dir das passiert ist.«
Er nickte knapp. Wie angespannt er war – hätte ihn jetzt ein Windstoß getroffen, er wäre vielleicht zersprungen. Seinen Tee rührte er nicht an. »Wenn sie dich fragen, wieso ich den Kuchen nicht selbst bringe …«
»Dann sage ich ihnen, du hast zu viel zu tun.«
Er lächelte beinahe.
Terlu machte sich allein auf den Weg zur Zaubererwerkstatt, beladen mit einem Korb voller Honigkuchen und einer großen Kanne Tee. Der Wind strich flüsternd über die Schneedecke, der Himmel war wolkenlos blau, und es roch nach Kiefern und dem Meer. In der Ferne hörte sie fröhliche Stimmen und hallende Hammerschläge.
Yarrows Verwandte umringten das blaue Cottage.
»Nur, damit ihr es wisst«, rief sie ihnen zu und deutete auf das erste Cottage, in das sie hineingeschaut hatte, »in dem da leben wilde Greifen! Oh, und ich bringe Frühstück.«
Eine Frau löste sich aus der Gruppe und kam auf sie zu. Terlu erkannte sie gleich an dem schwarz-goldenen Haar: Es war Yarrows Schwester Rowan. Heute hatte sie ihre Zöpfe nicht aufgesteckt, sondern mit einem violetten Band im Nacken zusammengebunden. Aus der Nähe sah Terlu, dass sie die gleichen Wangenknochen wie ihr Bruder hatte. Ihr Lächeln war jedoch viel breiter. Sie hatte eine Arbeitshose an und darüber einen schweren braunen Mantel. »Du bist ein Goldstück! Von den Greifen wissen wir schon. Das war das Haus unserer verstorbenen Tante Misla. Vor ihrem Tod hat sie uns noch gestanden, dass sie einen Kuchen im Küchenschrank vergessen hatte – eine sträfliche Unterlassung der Kuchen-Fürsorgepflicht und außerdem eine Einladung an Greifen, die eine Schwäche für Süßigkeiten haben. Du bist Terlu Perna, stimmt’s?«
»Ja. Und du Rowan? Willkommen zu Hause!« Yarrow hatte ja erzählt, dass das blaue Cottage seiner Schwester gehörte. Bloß gut, dass Terlu noch nicht dort eingezogen war. Dieses Häuschen würde am einfachsten wieder herzurichten sein, vermutlich weil es nicht so lange leer gestanden hatte wie die anderen. Sie stellte fest, dass Yarrows Verwandte sich seiner Werkzeuge und Baumaterialien bedienten. Was würde er wohl davon halten? Vermutlich ist es ihm recht, solange er nur nicht mit ihnen reden muss. »Hoffentlich hattet ihr eine ruhige Nacht.«
»Mich hat’s komplett umgehauen! Ich hab so tief gepennt wie ein Bär im Winterschlaf. Die Leute oben hatten es ein bisschen ungemütlicher wegen des Geistes … Aber es ist ja nicht für lange. Wir bringen die Cottages im Nullkommanichts wieder auf Vordermann!« Rowan nahm Terlu die Teekanne ab. »Komm, bringen wir alles in die Werkstatt. Die meisten sind noch dort. He, Ambrel! Terlu hat uns Frühstück gebracht!«
Ambrel gesellte sich zu ihnen. Sie war kleiner als Rowan, hatte himmelblaue Haut und ein apfelrundes Gesicht. Sie trug eine bauschige, mit Blumen bestickte Bluse und darüber einen offenen blauen Mantel, der bereits über und über mit Sägemehl bestäubt war.
»Meine Frau Ambrel«, stellte Rowan sie vor.
Terlu lächelte warm. »Wir haben uns gestern kurz getroffen, aber da … Warte mal, hast du gerade Geist gesagt?«
»Der olle Laiken«, erklärte Rowan. »Keine große Überraschung! Erstens war er immerzu mit Magie zugange und zweitens echt unglücklich. Von solchen Leuten bleibt oft ein Geist zurück.«
»Ich war schon überrascht«, warf Ambrel ein.
Rowan zuckte mit den Schultern – ganz genau wie Yarrow. Terlu konnte sie nur anstarren.
»Er ist harmlos. Eigentlich stöhnt er bloß ein bisschen.«
»Er könnte Arien singen, und ich würde trotzdem nicht dort wohnen wollen!«, sagte Ambrel.
Im Schlafzimmer über der Werkstatt ging tatsächlich Laikens Geist um? Terlu hatte ja das Gefühl gehabt, da oben könnte es spuken. Und hatte nicht Yarrow irgendetwas über Laikens Geist, seinen Vater und Orchideen gesagt? Aber das hatte sie für einen Scherz gehalten. Dennoch war sie kein zweites Mal in das unheimliche, schattenverhangene Zimmer hochgegangen. In der Luft hing noch immer seine Verzweiflung, hatte sie gedacht. Aber dass er tatsächlich zum Geist geworden war? Vielleicht konnte er ihr ja helfen! »Kann man mit ihm sprechen?« Sie könnte ihn fragen, welche Sprüche wirkten und welche bloß misslungene Experimente waren, ja im schlimmsten Fall gefährlich …
»Du bist noch nie einem Geist begegnet, oder?« Rowans Stimme klang ein bisschen müde, als wäre ihr das schon mindestens einmal passiert. Soweit Terlu wusste, waren Geister selten. Was mochte Rowan erlebt haben?
»Geister sind bloß Knäuel übrig gebliebener Gefühle. Alles, was sie im Leben stark umgetrieben hat. Sie haben kein Bewusstsein, können nicht denken. Nicht wirklich.«
»Bloß Traurigkeit, die alles durchtränkt«, murmelte Ambrel.
Rowan schlang ihrer Frau einen Arm um die Taille. »Deshalb habe ich auch alle überredet, zuerst mein Cottage zu reparieren. So dass es unser Cottage werden kann!«
»Es ist ein ganz reizendes Cottage«, sagte Ambrel. »So ganz ohne Geister und Greifen!«
Terlu erwähnte nicht, dass sie es selbst im Auge gehabt hatte. Yarrows Angebot, sie könne sich eins aussuchen, war jetzt zweifellos hinfällig, nun, da die Besitzer der Häuschen zurück waren. Sie war selbst überrascht, wie zufrieden sie das stimmte. Wie dachte Yarrow wohl darüber, längerfristig eine Mitbewohnerin zu haben? Er hatte ihren Auszug nie wieder angesprochen, deshalb hoffte sie, dass es ihm recht sein würde. Ich sollte ihn einfach fragen.
Allerdings würde er wohl bloß mit den Schultern zucken …
Vielleicht würde er aber auch sagen: So ist es wärmer.
Wusste er von Laikens Geist?
»Wann hattest du deinen Bruder zum letzten Mal gesehen? Vor eurer Ankunft gestern, meine ich.« Die nächste Frage wäre: Wieso war Rowan nicht mit auf Belde geblieben? Yarrow hatte gesagt, dass zum Schluss nur noch er und sein Vater übrig gewesen waren.
»Vor fünf Jahren? Sechs? Mein Onkel und meine Tante brauchten Hilfe in ihrem Blumenladen, und unser Vater fand, ich solle mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Tante Rin und Onkel Ubri hatten angeboten, mich auf die Universität zu schicken, und dorthin hatte ich immer gewollt.«
»Wie sich zeigte, wusste sie bereits mehr als der Großteil ihrer Kommilitonen«, bemerkte Ambrel mit einem liebevollen Lächeln. »So haben wir uns kennengelernt. Ich war ihre Tutorin. Sie war mitten im laufenden Semester nach Alyssium gekommen, und ich sollte ihr helfen, zu den anderen aufzuschließen. Aber sie brauchte meine Hilfe gar nicht.« Sie streichelte Rowan über die Wange.
»Und ob ich die brauchte! Bloß nicht mit dem Lernstoff.«
Ambrel grinste breiter. »Sie hatte überhaupt keinen Sinn für Mode.«
»Ich wusste, wie man sich anzieht, wenn man in einem Gewächshaus arbeitet. Aber in Alyssium …«
Terlu wusste noch gut, wie überwältigt sie selbst gewesen war, als sie in die Hauptstadt gekommen war. Die ungeheure Vielfalt der Stile hatte sie schier erschlagen. Erst als sie begriffen hatte, dass Mode eine eigene Sprache war, hatte sie sich besser zurechtgefunden. Über ihre Kleidung kommunizierten die Leute, was sie vom Tag erwarteten, wer sie in ihren eigenen Augen waren, wie andere auf sie reagieren sollten. Terlu war hocherfreut gewesen, dass Bibliothekarinnen zwar eine bestimmte Art Blusenkleid tragen mussten, es aber nach Belieben aufhübschen konnten. Ihres hatte sie gern mit bunten Bändern geschmückt, die sie an die farbenprächtigen Vögel, Früchte und Menschen Eanos erinnerten.
Plötzlich ging ihr auf, dass all die Sachen, die Yarrow ihr herausgesucht hatte, vermutlich früher Rowan oder einer anderen Verwandten gehört hatten. Hoffentlich musste sie sie nicht zurückgeben. Sie war nicht scharf darauf, wieder ihr Blusenkleid zu tragen. Es hatte nichts mehr mit ihr zu tun.
»An unserem ersten gemeinsamen freien Tag bin ich mit ihr einkaufen gegangen«, erzählte Ambrel.
»Du hast mir einen Schal gekauft. Etwas so Schönes hatte ich noch nie gesehen …«
»Einen Schal für die schönste Frau, die ich je gesehen hatte.«
Rowan strahlte Ambrel an, als wäre sie Sonne, Mond und der sternenübersäte Nachthimmel zugleich. Terlu seufzte neidisch. So wollte sie auch angeschaut werden, so voller Freude und Vertrauen!
»Die Blumen und Ranken darauf haben mich an die Gewächshäuser erinnert. Das hatte Ambrel sich so gedacht: Sie wusste von meinem Heimweh und wollte, dass ich ein Stück meiner Vergangenheit hatte, das auch in mein zukünftiges Leben passte.«
Ambrel lächelte Rowan nicht weniger hingebungsvoll an.
»Ich habe den Schal bei unserer Hochzeit getragen«, sagte Rowan.
»Und jetzt sind wir hier, auf der Insel deiner Geburt. Ich möchte alle Erfahrungen teilen, die dich zu der Rowan gemacht haben, die ich kenne! Mit einer Ausnahme: Nie, wirklich unter keinen Umständen, will ich so eine Hose anziehen!«
Rowan blickte auf ihre Arbeitshose hinab und grinste. »Da kommen keine Dornen durch.«
»Das Ding ist wie aus Holz! Aber genug von Modefragen.« Ambrel wandte sich Terlu zu. »Ich freue mich jedenfalls sehr, hier zu sein! Rowan spricht immerzu von den Wundern der Gewächshäuser auf Belde. Von den Traumblumen beispielsweise …«
»Ja, Terlu, sag du ihr, wie toll sie sind! Die Traumblumen sind der Hammer.«
Terlu schüttelte bedauernd den Kopf. »Die habe ich bisher noch nicht gesehen.«
»Was? Die hat Yarrow dir noch nicht … Das müssen wir nachholen!« Rowan hakte Terlu links und Ambrel rechts unter. »Ich bringe euch auf der Stelle hin!«
»Und das Frühstück?«, fragte Ambrel. Sie standen immer noch auf der Straße vor dem blauen Cottage.
Terlu lief rasch über den Zuweg und reichte den Korb und die Teekanne an Harvena und Finnel weiter. »Von Yarrow. Er … schaut später vorbei. Irgendwann. Vielleicht. Wie auch immer, lasst es euch schmecken!«
Das war nicht gerade elegant. Wenigstens hatte niemand gefragt, weshalb Yarrow nicht selbst gekommen war. Hoffentlich gingen alle davon aus, dass er bloß beschäftigt war. Oder schüchtern. Sie dachte an seine Geschichte. Wussten seine Verwandten, dass er als Kind in den unterirdischen Höhlen ausgesetzt worden war? Hatten sie versucht, sich einzumischen? Die Sache aufzuhalten? Hatten sie hinterher mit Rorick und Yarrows Vater gestritten oder das Ganze einfach hingenommen? Sie fragte sich, ob andere Geschichten aus seiner Kindheit besser waren oder noch schlimmer.
Harvena und Finnel lächelten, bedankten sich und machten sich wieder an die Arbeit. Terlu schloss sich Rowan und Ambrel an. Zu dritt nahmen sie Kurs auf die Gewächshäuser.
Rowan redete ohne Punkt und Komma. Die Traumblumen hatte sie am allerliebsten, kannte sie schon, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Damals sei sie von Albträumen geplagt worden. »Ihr wisst schon, das Übliche: Man stürzt splitterfasernackt von einer Klippe und wird von einer Venusfliegenfalle gefressen!«
»Das ist nicht das Übliche«, sagte Ambrel, »sondern sehr speziell! Nur du träumst so was.«
»So ungewöhnlich ist es auch wieder nicht!«, protestierte Rowan. Im Komplex angekommen, zogen sie ihre Mäntel aus. Es roch nach Sommer: nach warmer feuchter Erde und voll erblühten Blumen. »Terlu, was ist mit dir? Du hast doch bestimmt auch schon mal so einen Albtraum gehabt!«
Aber Terlus Albträume sahen anders aus. Wenn sie schlecht träumte, dann konnte sie sich nicht rühren, kein Wort sagen. Jahre verstrichen in Einsamkeit, und sie vergaß, was Zeit war, vergaß sich selbst … »Manchmal träume ich vom Fallen«, log sie.
»Es liegt an den Venusfliegenfallen«, sagte Ambrel zu Rowan. »Die machen deinen Albtraum so abstrus.«
»Hast du schon mal eine gesehen? Die lösen ihre Beute ganz und gar auf! Zehn Tage dauert es, bis ein Insekt verdaut ist.« Rowan schauderte. »Ich meine ja nicht, dass sie nicht faszinierend sind, was ganz Besonderes und was Yarrow sonst noch so über sie sagen würde – der hat ja noch nie ’ne Pflanze gesehen, die er nicht spitze fand, und ich nehme mal an, daran hat sich auch nichts geändert. Aber mir läuft’s eiskalt den Rücken runter, wenn ich bloß an sie denke!«
»Sut ist sehr nett«, erklärte Terlu.
»Ich werde ausgesucht höflich sein, wenn wir uns über den Weg laufen!«, versprach Rowan. »So, wenn ich mich recht erinnere … Ja, genau, hier geht’s lang!« Sie dirigierte sie auf die nächste Tür zu. Dahinter lag ein Haus voller Flieder, dunkelviolett, lavendelblau und weiß. Der Duft hing schwer in der Luft, und einen Augenblick lang schwiegen sie und atmeten tief. Die dichten Büsche wuchsen bis zur gläsernen Decke hoch. Hinter dem dichten Laub verwoben sich die Zweige, und überall wuchsen üppige Blütenstände hervor.
»Wunderschön«, hauchte Ambrel.
»Rowan, kanntest du die sprechenden Pflanzen?«, fragte Terlu. Wann waren sie noch mal eingeschlafen? Sie wusste es nicht mehr. War Yarrow noch ein Kind gewesen? Seine Experimente hatte Laiken vor fünfzig Jahren schon begonnen, so viel war aus seinen Aufzeichnungen hervorgegangen. Damals hatte er auch die ersten Gärtner entlassen. Hatte womöglich jemand einen Verdacht gehegt?
»Dendy hat früher öfter auf mich aufgepasst. Hat verhindert, dass ich ins Meer fiel oder giftige Beeren aß, solche Sachen. Ich mochte ihn gern.« Rowan öffnete die Tür zum nächsten Gewächshaus. Darin standen viele Reihen dicht belaubter Sträucher. »Und Hosha – die Opuntie – hat uns immer lein Blüte geschenkt, wenn lir eine gewachsen war. Lotti hab ich nie getroffen. Kann sein, dass sie schon in Trockenruhe war, als ich alt genug war, um in den Gewächshäusern rumzutoben. Oder Laiken hat sie im Turm behalten. Wie dem auch sei, als sie verstummt sind … Das war ein schwarzer Tag.«
Sie hat sie vermisst. Galt dasselbe auch für ihren Bruder? Hatte sie vorgehabt, irgendwann hierher zurückzukehren? Angenommen, Alyssium wäre nicht so hart vom revolutionären Umsturz getroffen worden. Wäre Rowan dann jetzt hier? Oder sonst einer von ihnen? »Wenn ich fragen darf: Weshalb hat keiner von euch Belde je wieder besucht?«
»Weshalb hat Yarrow uns nie besucht?« Rowans vorher so fröhliche Stimme hatte einen scharfen Ton angenommen. Sie ging schneller, durchquerte mit ihnen das Gewächshaus, das nächste und wieder das nächste, ohne auch nur einen Blick für die Pracht ringsum zu erübrigen: die opulenten Blüten, die aus ihren Töpfen quollen; die hohen Bäume, deren Kronen die Kuppeldecke berührten; die zarten Reben, die sich an den Säulen hochrankten; die zahllosen herrlichen Blumen. »Weißt du, wie viele Briefe ich ihm geschrieben habe? Wie oft ich ihn angefleht habe, nach Alyssium zu kommen, wenigstens auf einen Besuch? Ich habe dafür gespart. Nach den Vorlesungen habe ich im Blumenladen gearbeitet und jede verdiente Münze zurückgelegt: für seine Schiffspassage. Es war sogar genug für die Rückfahrt da, falls er nicht bleiben mochte. Ich wollte ihn bloß sehen. Und meinst du, er hat mir zurückgeschrieben? Wenigstens um zu erklären, wieso er nicht kommen würde?«
Sie hatte eine Vermutung, glaubte aber, dass Rowan keine Antwort erwartete.
»Ich hätte meinen Bruder gebraucht. Und meinen Vater. Der kam zu guter Letzt, aber ohne Yarrow, und da habe ich ihm noch einmal einen langen Brief geschrieben. Alle Gründe hab ich darin aufgeführt, wieso er zu uns kommen sollte.«
Zwei weitere Male bogen sie links ab und gingen durch Gewächshäuser, die Terlu noch nie gesehen hatte (in einem wuchs Zierkohl in verschiedenen Grün-, Weiß- und Violetttönen, im anderen dichte Vegetation, bevölkert von Raupen, die wie winzige langgestreckte Katzen aussahen), dann erreichten sie eine Tür aus rauchigem Glas. Oder vielleicht war das Gewächshaus auf der anderen Seite schummrig und dunstig? Terlu versuchte angestrengt, durch das Glas zu spähen. Im Innern sah sie schattenhaft Säulen und Bäume. Es schien dort wirklich merkwürdig düster zu sein.
Rowan war stehen geblieben. Sie starrte die Glastür an, als sähe sie sie gar nicht. »Er hat mir nicht geantwortet. Keinen einzigen Brief hat er mir geschrieben.«
Dann riss sie die Tür auf und zog Ambrel hindurch.
Terlu blieb stehen und dachte nach. Sie hatte Yarrow nie gefragt, ob er Kontakt zu seiner Familie gehalten hatte, und von sich aus hatte er natürlich nichts gesagt. Im Stillen hatte sie seinem Vater, seiner Schwester und den übrigen Verwandten die Schuld an seiner Einsamkeit gegeben. Doch jetzt erkannte sie, dass beide Seiten eine Entscheidung getroffen hatten. Die Familie war fortgegangen, und er war geblieben.
Sie folgte Rowan und Ambrel durch die Tür.
»Also war der Brief, den ich euch geschickt habe, der erste Versuch, den er je …«
Sie erstarrte und riss die Augen auf.
Das Gewächshaus war in blassblaues Licht getaucht. Oben in der Kuppel hing ein leuchtender Mond in einem Netz aus glitzernden Strängen. Magischer Wind trieb funkelnde Wolkenfetzen vor sich her. Alle Blumen hier waren dunkelblau, schwarz und grau – die Farben eines Gartens in der Nacht. Glimmende Funken stiegen auf, als hauchten die Blüten Sternenstaub aus.
Es duftete nach Jasmin. Terlu holte tief Atem.
»Nehmt am besten Platz«, sagte Rowan.
Ambrel ließ sich im Schneidersitz nieder, und Terlu tat es ihr nach. Rowan pflückte eine Blume, deren Blüte wie eine schwarze Teetasse aussah. Sie ging in die Hocke und hielt sie zuerst ihrer Frau hin.
»Passiert auch nichts Schlimmes?«
»Würde ich zulassen, dass dir was Schlimmes passiert?«
»Wenn du es für witzig hieltest, schon. Vielleicht schnuppere ich an der Blume und denke im nächsten Augenblick, ich sei ein Äffchen …«
»Sich ein bisschen zu blamieren, ist doch nicht Schlimmes!« Rowan grinste. »Außerdem warst du ein unheimlich süßes Äffchen.« Sie stupste ihrer Frau auf die Nasenspitze.
Ambrel fletschte die Zähne und ahmte Affenlaute nach. Beide brachen in Gelächter aus. »Entschuldige, Terlu. Das war vor Monaten in Alyssium – vor der Revolution, als wir alle noch dachten, es würde zu einer friedlichen Einigung kommen. Rowan und ich waren auf einem Fest, das ein junger Zauberer gab. Zur Unterhaltung hatte er verzauberte Süßigkeiten da, die einen für eine Weile in ein Tier verwandeln sollten.«
»Ein billiger Trick! Man glaubte bloß, ein Tier zu sein!«
»Rowan dachte, sie sei ein Igel!«
»Offenbar habe ich eifrig mit der Nase Insekten im Teppich gesucht.« Rowan grinste. »Man hat mir gesagt, ich hätte ordentlich geschnaubt und geschnobert!«
»Immerhin hast du nicht versucht, am Kronleuchter schaukelnd Pastete nach den Gästen zu werfen!« Wie Ambrels Augen glitzerten … Offenbar hatten die beiden Alyssium ganz anders erlebt. Terlu hatte nie eine andere Feier als das Winterfestmahl in der großen Bibliothek besucht. Zauberer, ob jung oder alt, gaben sich nicht mit Bibliothekarinnen des vierten Rangs ab. Zumindest nicht mit mir. Ein einziger hatte Interesse an ihr gezeigt: ein schlaksiger junger Mann mit grüner Haut von einer der abgelegenen Inseln. Er hatte sich den Anschein gegeben, sie umwerben zu wollen, aber sie hatte bald begriffen, dass auch er bloß Zugang zu Büchern wollte, die nicht jeder einsehen konnte. Er war nicht einmal besonders subtil vorgegangen. Sie hatte ein paar Tage lang seinetwegen geweint.
»Der Zauberer hatte Pastete im Haar verdient!«
Ambrel lachte. »Das hat ihm aber gar wirklich nicht gefallen! In seiner Frisur steckte nämlich einiges an Zeit und Magie. Wenn ich mich recht erinnere, wechselte es ständig die Farbe.«
Rowan gnickerte. »Mit der Pastete drin schwankte es dann bloß noch zwischen Grau und Grün. Jedenfalls brauchst du dir keine Sorgen zu machen: Bei Traumblumen bestimmt man den Traum selbst!« Sie hob die Blüte an die Nase und sagte: »Ich will am Strand tanzen!«
Dann schloss sie die Augen und atmete ein. Ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht.
Bald darauf blinzelte sie. »So leicht geht das. Warmer Sand, sanfte Wellen und eine angenehme Brise!«
»Man sagt einfach bloß, wovon man träumen möchte?«, fragte Terlu. Ein Zauber wie dieser war ihr in Laikens Tagebüchern nicht begegnet, aber viele hatte sie noch gar nicht übersetzt, geschweige denn studiert. Welche Wunder harrten wohl noch der Entdeckung?
Ambrel nahm Rowan die Blüte ab. »Ich will davon träumen, dich zu küssen.«
»Aber das kannst du doch jederzeit.«
»Auf dem Mond!«, präzisierte Ambrel. Sie atmete den Duft der Traumblume ein und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lehnte sie sich vor und küsste ihre Frau.
Dann reichte sie die Blume an Terlu weiter.
Terlu hielt sie in beiden Händen. Funken glühten darin. Was auch immer sie sich jetzt wünschte, sie würde es sehen. Doch während sie die Blume anschaute, wurde ihr klar, dass ihr gerade gar nicht danach war.
Sie hatte sich verzweifelt nach Freunden gesehnt, nach Gesprächen. Hatte in der großen Bibliothek sogar ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt. Nun luden diese beiden Frauen sie ein, plauderten mit ihr, bezogen sie ganz selbstverständlich mit in ihre Scherze ein, erzählten ihr aus ihrem Leben … Und sie wünschte sich dabei bloß eins: dieses Erlebnis mit Yarrow teilen zu können. Ich will nicht bloß irgendjemanden. Ich will ihn! Ja, er konnte sich seinen Gefühlen schwer stellen. Hatte ihr verschwiegen, wie zornig er wegen seiner Verwandten war, wie enttäuscht. Und was er für sie empfand, wusste sie auch immer noch nicht. Aber das alles spielte keine Rolle.
»Es tut mir leid, aber ich muss gehen«, murmelte sie.
Weder Rowan noch Ambrel nahmen Notiz von ihr: Sie hatten eine zweite Blume gepflückt und hielten sie gemeinsam, die Finger um die Blüte verschränkt.
Das will ich, dachte Terlu. Dasselbe, was die beiden haben.
Behutsam legte sie ihre Blüte auf den Boden. Dann ließ sie die Liebenden mit den Traumblumen allein und machte sich auf die Suche nach ihrem stillen Gärtner.