Kapitel 26 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Sie blickten einander in die Augen, so dicht beieinander, dass sich ihr Atem mischte. Seiner war so süß wie Honig. Sie fühlte sich, als würde sie schweben.
»Warum?«, fragte er.
Sie starrte seine Lippen an und fragte sich, was er meinte. Ein Kuss konnte nicht ewig währen, sosehr man es sich auch wünschte. Früher oder später musste man eben Luft holen. Schließlich wiederholte sie einfach das Wort. »Warum?«
»Auf mich lässt sich doch niemand ein«, sagte er, als wäre das völlig abwegig.
Ach, du liebes Meer! Glaubte er denn, sie küsste jeden, der vorbeigeschlendert kam? Sie rollte so kräftig mit den Augen, dass es beinahe weh tat. »Hör bloß auf. Ich mag dich! So einfach ist das.«
»Ich weiß schon, ich habe dich aufgeweckt. Und ich tue dir leid, weil ich so lange allein war …«
»Mit Mitleid hat das nichts zu tun. Auch nicht mit Dankbarkeit!« Sie knuffte ihm in die Schulter. »Das denkst du ernsthaft?« Ja, das tat er – sie las es ihm vom Gesicht ab. Wenn sie jetzt sagte, dass sie nichts weiter von ihm wollte, dann würde er bereitwillig aufgeben, was sie miteinander hatten … Was das auch sein mochte. »Ich will dich küssen, das kannst du mir ruhig glauben!«
Er atmete tief durch. »Alle, die mir je etwas bedeutet haben, sind fortgegangen.«
»Und mich hat man in eine Statue verwandelt.« Was für ein absurdes Gespräch! Sie wandte sich um und machte sich an den Abstieg. »Wir haben beide unser Päckchen zu tragen«, rief sie durch die Röhre zu ihm hoch. »Deswegen sind wir noch lange nicht dazu verdammt, ewig einsam und unglücklich zu sein. Oder ziehst du das vor?«
»Selbstverständlich nicht.« Er kletterte ihr nach.
Was war daran bitte selbstverständlich? Er lebte wie ein Eremit. »Deine Schwester sagt, du hättest ihr nie zurückgeschrieben.« Vielleicht sollte ihr das eine Warnung sein. Ließ er alle seine Beziehungen so verkümmern? Verbindungen – ob zwischen Verwandten, Freunden oder Geliebten – konnte man nur dann aufrechterhalten, wenn beide Beteiligten bereit waren, aufeinander zuzugehen. Es hieß immer, eine Beziehung erfordere Arbeit, und das stimmte. Diese Arbeit war nicht unangenehm, langweilig oder quälend – so etwas behaupteten bloß Leute, denen daran gelegen war, dass man in einer schlechten Beziehung blieb. Aber Mühe musste man sich schon geben.
»Ich wusste nicht, was ich ihr schreiben sollte.«
»Dann hättest du ihr das schreiben können! Das wäre immer noch besser gewesen, als sich auszuschweigen.« Sie hatte nicht vorgehabt, sich mit ihm zu streiten – schon gar nicht nach dem wunderbaren Erlebnis mit der Meeresschildkröte und dem Kuss. Auf halber Höhe schaute sie sich in der gläsernen Röhre um. Hinter ihr im Aquarium glitt gerade der Schildkröterich vorbei. Sie kletterte weiter.
»Und was ist mit deiner Familie?«, fragte Yarrow über ihr. »Hast du schon nach Hause geschrieben?«
Ach, so wollte er ihr kommen? »Das ist was ganz anderes!«
»Ja?«
Ja! Und ob! Wenn sie ihren Eltern schrieb, brachte sie sie in Gefahr. Oder sich selbst. Oder die Familie und sich selbst! Andererseits war das Kaiserreich Vergangenheit. Interessierte es überhaupt noch jemanden, dass sie entstatuisiert worden war? Na schön, ganz unrecht hatte er nicht. Vielleicht sollte sie nicht solche Angst haben, dass ihre Eltern enttäuscht sein würden. Sie liebten sie. »Vielleicht schreibe ich ihnen noch.«
»Und vielleicht rede ich mit meinen Verwandten. Wenn ich so weit bin.«
»Prima!« Terlu kam unten an. Einen Augenblick dauerte es noch, dann wurde ihr etwas klar: Sie würde bekommen, was sie wollte, nur musste sie dafür das Gleiche tun. Beide würden sie Kontakt zu ihren Angehörigen suchen, sie nicht im Dunkeln lassen. Da löste sich ihr Ärger in Wohlgefallen auf. Das war kein Zugeständnis – es war ein Erfolg auf ganzer Linie! »Ich lasse sie wissen, dass ich am Leben bin und dass es mir gut geht.« Wie sie damit umgingen, war ihre Angelegenheit.
Auch er trat aus der Röhre.
Sie studierte sein Gesicht, als könnte sie so ergründen, was er dachte. Sie hatte gar nicht auf der Sache mit seiner Familie herumreiten wollen. Eigentlich war es ihr nur um sie beide gegangen. Das Bad mit der Meeresschildkröte war so wunderbar gewesen. Und der Kuss noch wunderbarer. Wie gern wäre sie zurück in den Moment geschlüpft, als er ihr aus dem Wasser geholfen hatte, aber sie wusste nicht, wie. Stumm standen sie da und schauten einander unbehaglich an, während über ihnen das Meer wogte.
Schließlich versuchte Terlu es mit einem Friedensangebot. »Sollen wir es noch einmal mit der magischen Membran versuchen?«
Seine Miene wurde sanfter. »Bist du sicher? Du musst nicht gleich wieder zaubern, wenn du dich damit nicht wohlfühlst. Meine Verwandten würden dich nicht verraten. Immerhin tust du es für die Gewächshäuser! Aber du kennst sie ja noch nicht so gut wie ich …«
»Es gibt ein paar Varianten, die ich gern noch ausprobieren würde. Und doch, ich muss schon. Es ist noch lange nicht ausgestanden. Jederzeit könnte das nächste Gewächshaus versagen.«
»Du bist wichtiger als jedes Gewächshaus«, sagte Yarrow.
Terlu vergaß, wie man atmete.
Eine Ewigkeit lang starrte sie ihn bloß an. Endlich riss sie sich zusammen, holte tief Luft und streckte ihm stumm die Hand hin. Ihr war zumute, als wollte sie ein scheues Reh anlocken. Immer wieder war er von Menschen verlassen worden, die er bei sich gebraucht hätte. Vielleicht hätte er mit ihnen gehen oder wenigstens in Kontakt mit ihnen bleiben sollen. Narben hinterließ eine solche Erfahrung in jedem Fall.
Yarrow ergriff ihre Hand.
Gemeinsam gingen sie durch den gläsernen Gang, während über ihnen die Meeresschildkröte dahinschwamm. Sie sagten nichts, aber das Schweigen war so friedlich und natürlich wie die Stille unter Wasser. Ob der Schildkröterich wohl einsam war? Yarrow hatte gesagt, er sei von sich aus zum Gewächshaus zurückgekehrt. Aber vermisste er nicht das Meer? Und andere Schildkröten? Sie würde so oft wie möglich zurückkommen und ihn besuchen.
Als sie in das zerstörte Gewächshaus kamen, in dem sie mit den Blasen experimentiert hatten, fanden sie alles unverändert vor. Der Korb mit den Zutaten war nicht bewegt worden. Anscheinend war bisher keiner der Neuankömmlinge hier gewesen. Unwahrscheinlich also, dass ausgerechnet jetzt jemand hereingeplatzt kam. Vielleicht kann ich die Zauberei ja doch vor ihnen geheim halten!
»Ich bereite die Zutaten vor«, bot Yarrow an. »Dann kannst du dich auf die Worte konzentrieren.«
»Danke.« Sie setzte sich mit ihren Notizen auf den Boden. Welche Variante sollte sie als Nächstes probieren? Sie hatte sich Gedanken um die dritte Zeile gemacht. Vielleicht wurde die Größe der Blase schon weiter vorn im Zauber bestimmt, nicht erst in dem Stück, das sie herausgelöst hatte. Wenn sie also die Maße aus dem vorherigen Abschnitt übernahm, der die Säulen und Stützbalken wachsen ließ …
Sie arbeiteten Seite an Seite.
Nach einer Weile reichte Yarrow ihr stumm ein Stück Honigkuchen auf einer bestickten Serviette. Sie verputzte es, während sie im Kopf die Worte des Zaubers neu arrangierte. Sie musste die Magie nicht nur auf ihr Ziel zulenken, sondern auch die Ausdehnung der Blase definieren. Alles deutete darauf hin, dass der Abstand zum Glas nur haarbreit sein sollte. Sie wusste nicht, was in den sterbenden Gewächshäusern zuerst nachgab – die Membran oder das Glas –, aber falls es der Schutzschirm war, dann vielleicht, weil er sich ausdehnte und so die Sprünge im Glas verursachte. Das Erlöschen der übrigen Zauber (die ersterbende Sonne, die heftig schwankenden Temperaturen) machte alles noch viel schlimmer. Wüsste sie doch nur, was die Ursache war! Aber wie dem auch sei … Der Schutzschirm war ohne jede Frage eine unabdingbare Voraussetzung für die Reparatur der zerstörten Häuser. Sobald sie ihn gemeistert hatte, würde sie sich um die Zauber kümmern, die das Klima in den einzelnen Gewächshäusern regulierten.
Eins nach dem anderen, dachte sie. Ich schaffe das!
Yarrow stand ihr bei, davon war sie überzeugt. Ob der Zauber nun gelang oder nicht, ob sie die Gewächshäuser rettete oder an der Aufgabe scheiterte – sie war nicht allein.
Sie stand auf. »So, ich glaube, ich bin so weit.«
»Sehr schön«, sagte Yarrow.
Er hatte die Zutaten zu einem Brei verarbeitet. Sie drehte sich einmal im Kreis. Sonnenlicht brach durch das schneebedeckte Kuppeldach und sprenkelte die nackte Erde und die vertrockneten Pflanzen. »Am besten ziehen wir mit dem Brei einen Kreis, um zu bestimmen, wo die Blase entstehen soll.«
»An den Wänden entlang?«
»Beim ersten Versuch halten wir sie lieber kleiner.« Sie ging voraus und umrundete ein paar Beete und die zentrale Wegkreuzung, auf der sie gearbeitet hatten. Die Blase würde einen Durchmesser von etwa vier Metern haben.
Yarrow zog eine dünne Linie hinter ihr her, bis der Kreis geschlossen war. »Es kann losgehen.«
Terlu stellte sich in die Mitte, konzentrierte sich auf den Kreis und sprach die Worte, darauf bedacht, jede Silbe richtig zu betonen. Die letzte hielt sie lange aus wie die Schlussnote eines Liedes.
Als sie verstummte, geschah zunächst gar nichts.
Sie wollte sich schon bei Yarrow entschuldigen. Es würde wohl eine Weile dauern, bevor sie Fortschritte machte. Immerhin war Laiken ein Zaubermeister mit jahrzehntelanger Erfahrung gewesen, während sie bloß versuchen konnte, aus seinen zurückgelassenen Notizen kleine Zauber herauszuschälen und …
Aus dem Kreis wuchs eine durchsichtige Membran, wölbte sich über sie und schloss sich. Sie schillerte in der Sonne wie eine Seifenblase.
»Es hat geklappt!« Yarrow klang ehrfürchtig.
»Wahnsinn …« Dass es sofort klappte, hatte sie nun doch nicht erwartet. Es gab ja so viele mögliche Varianten, und sie war davon ausgegangen, dass sie noch eine ganze Reihe würde durchgehen müssen, bevor sie eine derart vollkommene Kuppel hinbekam. Neugierig ging sie auf die Membran zu, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
Es gab weder Löcher noch Fugen. Und wie schön sie war … Terlu schaute dem Farbenspiel auf der Oberfläche zu. Die Töne flossen ineinander, wandelten sich in einem fort, eine unerschöpfliche Vielfalt – wie ein lebendiger Regenbogen. »Wenn wir eine solche Membran direkt vor die Wände legen, sollten wir die Temperatur und Feuchtigkeit drinnen nach Belieben regeln können. Dann kannst du es mitten im Winter wieder Sommer sein lassen!« Sie unterbrach sich kurz. »Vorausgesetzt, die Blase hält die Wärme.«
»Ich kann ja mal ein Feuer anzünden. Ich habe einen Funkenschläger dabei.«
»Tolle Idee!« Sie fand es großartig, dass er so gut vorbereitet war.
Er sammelte trockene Gräser aus den Töpfen toter Pflanzen. Nachdem er ein paar Hände voll zusammengeklaubt hatte, griff er nach einem Büschel jenseits der Membran – und stieß dagegen. »Hm. Sie ist fest.«
Er legte die Hand flach gegen die Blase und drückte, kam aber nicht durch.
Terlu eilte zu ihm. Sie waren schon durch so viele Gewächshäuser gegangen und immer problemlos durch die unsichtbaren Schutzbarrieren in den Türrahmen gelangt. Dieser Zauber gründete auf Laikens Arbeit. Eigentlich sollte er eine Dämmung erschaffen, keine feste Wand!
Sie klopfte gegen die Membran. Sie wellte sich, löste sich aber nicht auf. »Na gut, das war wohl doch nichts. Wir müssen eben weiter daran arbeiten.« Sie redete sich gut zu, deswegen nicht enttäuscht zu sein. Natürlich war der erste Versuch nicht perfekt! Welche Stelle musste sie wohl verändern, damit man die Blase durchqueren konnte, sie aber nicht zu durchlässig wurde?
Yarrow drückte mit mehr Kraft gegen die Blase. Sie beulte sich, zersprang aber nicht. »Hmmm.«
Terlu lehnte sich mit der Schulter gegen die Wand. Jeden Moment würde sie durchflutschen und vermutlich auf der anderen Seite kräftig ins Taumeln kommen … Aber stattdessen federte sie zurück. Unbehagen stieg in ihr auf. Das hier war doch bloß eine Blase. Sie konnten ja wohl kaum darin gefangen sein! Oder?
Yarrow holte seine Gartenschere aus der Tasche und versuchte erfolglos, die Blase aufzuschlitzen. »Ich glaube, wir sitzen fest«, sagte er grimmig.
»Das ist … nicht gut.« Reg dich nicht auf. Es ist bloß eine Blase. Die platzt schon noch!
Yarrow stach weiter mit der Schere auf die Membran ein. Unterdessen lief Terlu zu ihren Notizen zurück und las noch einmal den Spruch. Ganz klar besagt er nicht, dass … Oh! Sie starrte die Zeile an, die dazu diente, die Blase undurchlässig zu machen, so dass Wärme und Luftfeuchtigkeit sich nicht verflüchtigten. Dass alles andere weiter durchdringen sollte, stand aber nirgendwo! Vielleicht fand sich das an anderer Stelle im Gesamtzauber?
Yarrow warf sich mit ganzem Gewicht gegen die Wand – vergebens. Er fluchte leise vor sich hin. Jedes Mal wenn seine Schulter die Wand traf, gab es einen dumpfen Aufschlag, den die Blase gleich darauf absorbierte. Ringsherum wogten die Farben wie ein unschuldiger Regenbogen.
Was, wenn er die Blase nicht zum Platzen bringen konnte? Was, wenn sie wirklich in der Falle saßen?
»Jemand wird uns finden«, sagte sie so beruhigend wie nur möglich, ganz die Bibliothekarin. Sie musste sich jetzt auf die Lösung des Problems konzentrieren, nicht auf Schreckensszenarien.
»Unwahrscheinlich«, sagte Yarrow.
»Lotti wird sich irgendwann fragen, wo wir geblieben sind. Dann kommt jemand.«
»Und was macht der dann? Die Blase ist unzerstörbar.«
»Wenn sie alle zusammenarbeiten …« Von außen konnte man die Blase bestimmt zum Platzen bringen! Es brauchte nur genug Wucht. Andererseits hatten die Gewächshauszauber jahrzehnte-, vielleicht jahrhundertelang den Elementen getrotzt. Jetzt erst versagte ihre Magie, und auch das nur nach und nach. Was, wenn ihr ein ebenso stabiler Zauber gelungen war? »Na schön, vielleicht bringt es nichts, auf Rettung zu warten …«
»Hat das Ding eine Schwachstelle?«
»Ich weiß nicht …« Terlu vertiefte sich wieder in den Spruch. Da die Blasen bisher so unbeständig gewesen waren, hatte sie sich darauf konzentriert, sie robuster zu machen. Hab ich es übertrieben? Was hab ich bloß getan? Sie hatte doch nicht etwa Yarrow und sich hier eingesperrt, ohne etwas zu essen, ohne Wasser, ohne … »Oh! Oh nein …«
»Was?«
»Meine größte Sorge war, dass die Blase zerspringt und dabei das Glas zertrümmert. Dann würden deswegen alle Pflanzen sterben … Also habe ich sie so widerstandsfähig gemacht, wie ich nur konnte.« Sie hatte nur eine ganz kleine Änderung vorgenommen und ein verstärkendes Wort eingefügt. Das war ihr ganz logisch erschienen. »Sie lässt auch keine Luft durch.«
»Und uns auch nicht.«
»Aber die Luft, Yarrow! Sie kann weder raus noch rein!«
Yarrow wandte sich von der Membran ab und ihr zu. »Willst du sagen, dass uns hier drinnen irgendwann der Sauerstoff ausgeht?«
Sie nickte. Tränen brannten ihr in den Augen. Sie hatte ja gewusst, dass sie nicht mit Magie herumspielen sollte! Wie hatte sie sich nur einbilden können, diese Zauber zu verstehen? Und jetzt würden sie beide …
»Nicht«, sagte Yarrow.
Sie schluckte gegen die Tränen an. »Es tut mir so leid …«
»Du nimmst dir jetzt einfach deine Notizen vor und findest raus, wie wir sie zum Platzen bringen.« Er sprach zuversichtlich und klang so beruhigend wie sie, wenn sie ihren Bibliothekarinnenton anschlug. Dabei wirkte er weder ängstlich noch wütend. Er sollte aber wütend auf mich sein, dachte sie. Doch offenbar war er das nicht.
»Du kriegst das hin!«
Terlu schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht …«
»Du kannst später darüber nachdenken, was du alles hättest tun und lassen sollen. Aber jetzt gerade …« Er kam zu ihr und ging vor ihr in die Hocke. »Terlu Perna, schau mich an. Das hier ist nicht deine Schuld.«
Beinahe musste sie lächeln. »Doch, ist es. Eindeutig.«
»Nun, vielleicht … Aber du bemühst dich hier um ein Wunder. Du hast doch sicher nicht erwartet, dass es dir auf Anhieb gelingt, oder?« Er war wie ausgewechselt. Gerade hatte er sich noch gegen die schillernde Membran geworfen wie ein wütender Bär, doch nun war seine Stimme leise, sein Blick verständnisvoll. Sanft legte er ihr die Hände auf die Schultern.
»Dass ich auf Anhieb unser Leben in Gefahr bringe, hab ich jedenfalls nicht erwartet. Es ist doch bloß eine Blase und keine …« Sie schüttelte den Kopf. Es half niemandem, wenn sie sich in Schuldgefühlen suhlte. »In Ordnung. Wie hebt man einen Zauber auf? Du hast mich in einen Menschen zurückverwandelt, ich die sprechenden Pflanzen aus ihrem magischen Schlaf geweckt.« Allerdings hatten sie in beiden Fällen einen spezifischen Gegenzauber gesprochen. Vielleicht gab es auch einen, um solche Blasen zu zerstören, aber den kannte sie nicht. Hätte sie Zugriff auf Laikens Tagebücher … Doch sie hatte nur die wenigen Aufzeichnungen hier, die ihr relevant erschienen waren. Vielleicht fand sich darin ein Hinweis? Sie breitete die Papiere vor sich aus und vertiefte sich hinein.
»Lies du nach, und ich versuche weiter, durchzubrechen.« Yarrow stemmte einen schweren Blumentopf in die Höhe und schleuderte ihn gegen die Wand. Sie beulte sich nach außen, federte jedoch zurück. Der Topf kam zurückgeflogen und zerbarst am Boden.
Terlu verschwammen die Worte vor den Augen. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Ihre Kehle war trocken, und sie schluckte schwer. »Könnten wir uns rausgraben?«
Er holte eine Handschaufel aus einer seiner Taschen, kniete vor der Wand nieder und grub. Sie versuchte, weiterzulesen. Was, wenn es keinen Ausweg gab? Wenn sie die ganze Luft verbrauchten und immer noch eingeschlossen waren? Wenn niemand sie fand?
Nach einer Weile berichtete er: »Die Wand reicht tief in die Erde.«
Natürlich. Es war eine Blase, und Blasen waren rund.
Flipp nicht aus!, befahl sie sich. Du findest schon eine Lösung, wenn du nur richtig nachdenkst!
Er stützte die Ellenbogen auf die Knie. »Kannst du die Worte … Ich weiß auch nicht … umdrehen?«
»Das geht nicht. Für jeden Zauber braucht man genau die richtigen Worte, die mit ganz bestimmten Zutaten zusammenwirken …« Da blitzte ein Einfall in ihr auf. Ohne Zutaten kein Zauber. Was wäre, wenn sie die Zutaten aus der Gleichung entfernten? Aufgeregt schlug sie vor: »Wir könnten die Zutaten vernichten!«
Der Schutzschirm war ein Zauber, der sich dauerhaft selbst aufrechterhielt – das war klar aus Laikens Aufzeichnungen hervorgegangen. Anfangs hatte Terlu gemutmaßt, dass die Gewächshäuser versagten, weil die Zutaten nach all der Zeit zu Staub zerfallen waren. Zuerst hatte sie daher gar nicht die Zauber auffrischen, sondern nur die Zutaten ersetzen wollen. Leider hatte sie nicht gewusst, wo Laiken sie einst platziert hatte. In diesem Fall war das anders. Und die Blase hatte sich glücklicherweise hinter dem Ring aus Zutaten geformt!
Yarrow stampfte auf den Brei und verrieb ihn mit der Stiefelspitze.
»So wird das nichts.«
»Sollen wir es mit Feuer versuchen?«
»Das könnte hinhauen …« Aber würde das nicht Sauerstoff verbrauchen? »Warte mal! Was, wenn das Feuer uns keine Luft zum Atmen übrig lässt?«
»Hast du denn noch eine andere Idee?«
Stumm schüttelte sie den Kopf.
Er holte den Funkenschläger aus der Tasche. Terlu sammelte mehr vertrocknetes Grünzeug und brachte es ihm. Er wand alles zu einer Art Fackel zusammen und betätigte den Funkenschläger.
Ein Ende fing Feuer. Yarrow blies auf die kleine Flamme, um sie weiter anzufachen. Wie viel Sauerstoff hatten sie wohl bereits verbraucht, und wie viel mehr würde das Feuer verschlingen? Falls dieser Versuch fehlschlug …
Er hockte sich hin und hielt die Fackel an den Brei, der zusehends verkohlte. Langsam bewegte er sich an der schimmernden Membran entlang.
Terlu hielt den Atem an.
Wie viel Luft blieb ihnen noch?
Und wie würde es sein, wenn sie keine mehr hatten? Würden sie qualvoll ersticken? Oder einfach einschlafen? Sie schüttelte die Gedanken ab. Noch war nicht viel Zeit vergangen. Bevor es gefährlich wurde, konnten sie sicher noch einiges ausprobieren. Bloß was? Sie wusste herzlich wenig darüber, wie man Zauber ohne Gegenzauber aufhob. Vielleicht hätte ich mich erst einmal damit beschäftigen sollen!
Die trockenen Gräser verbrannen rasch zu Asche, und Terlu reichte Yarrow mehr an. Er wickelte sie sorgfältig um die provisorische Fackel, darauf bedacht, sich nicht zu versengen. Einmal zuckte er dennoch zusammen, als ihm ein Funke auf die Hand sprang. Vorsicht, wollte sie rufen, verbiss es sich aber. Er passte schon auf, musste aber gründlich sein.
Endlich war er einmal herum.
Und da löste sich die Blase mit einem Mal auf wie eine Wolke im Sonnenschein.
Yarrow streckte den Arm aus. »Es hat geklappt!«
Terlu drückte ihre Notizen an sich, sprang über die verkokelte Linie am Boden und sank gegen die nächste Säule. Nie wieder würde sie mit Magie herumpfuschen! Das Zaubern war viel zu gefährlich und völlig zu Recht verboten. Laien sollten wirklich die Finger davon lassen, ganz gleich, wie gut sie die erste Sprache zu beherrschen glaubten. Eine wahre Zauberin hätte nie derart ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt und schon gar nicht das Leben des Mannes, den sie liebte!
Liebte?
Sie mochte ihn. Begehrte ihn.
Aber Liebe?
Er kam zu ihr und nahm sie in die Arme. Sie lehnte sich an ihn, und es beruhigte sie, wie robust er war. Er roch nach Rauch. »Hast du dich verbrannt?«, fragte sie.
»Mir geht’s gut. Und dir?«
»Auch. Es tut mir so leid …«
»Muss es nicht. So was kommt vor. Nächstes Mal wissen wir gleich, was zu tun ist.«
An seiner Brust schüttelte sie den Kopf. »Es darf kein nächstes Mal geben! Es ist einfach zu gefährlich.« Sie hätte gleich die Finger davon lassen sollen. Dumm und selbstgefällig war sie gewesen. Sie spielte mit Mächten, die sie nicht wirklich verstand, und hatte niemanden, den sie um Rat fragen konnte. Sie pfuschte bloß herum – und das hätten sie um ein Haar beide mit dem Leben bezahlt.
Er zog sie fester an sich. »Nächstes Mal«, sagte er nachdrücklich, »bin ich wieder dabei. Dann sind wir schlauer. Und ich nehme auch eine richtige Fackel mit!«
Beinahe hätte sie aufgelacht, aber sie hatte zu große Angst, es könnte eher wie ein Schluchzen klingen. »Du traust mir das immer noch zu? Nach diesem Desaster? Wir hätten umkommen können! Wenn uns der Sauerstoff ausgegangen wäre … Wenn es nichts genützt hätte, die Zutaten zu verbrennen …«
»Alles ist gutgegangen«, erwiderte er. »Und wir bekommen es noch hin, das weiß ich.«
Er klang so zuversichtlich. So gelassen. Terlu drückte die Wange an seine Brust und atmete tief ein und aus, um ihr jagendes Herz zu beruhigen.
Wir, hatte er gesagt.
Er glaubt an mich. An uns!
»In Ordnung«, sagte sie. »Wir versuchen es wieder. Aber erst, wenn ich dahintergekommen bin, was schiefgelaufen ist. Ich muss hundertprozentig sicher sein, dass ich uns nicht aus Versehen umbringe – wenigstens nicht auf dieselbe Weise.«
»Einverstanden.«
So blieben sie stehen, ihre Wange an seiner Brust, bis ihre rasende Angst zu einem leisen Nervenflattern verklungen war. Über ihnen fiel sacht der Schnee auf die Glaskuppel, und in der Ferne sang eine Pflanze.