Kapitel 30 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Unter den schneebedeckten Kiefern holten sie Rowan und Ambrel ein. Terlu schnappte nach Luft. Der Himmel war von ausgewaschenem Weiß. Der Wind fuhr rauschend durch die Bäume, und die Wellen schlugen heftiger als sonst gegen die Felsenküste. Das Meer wirkte aufgewühlt.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Ambrel.
Rowan schaute Yarrow an und hob überdeutlich die Augenbrauen. Wir hätten es lassen sollen, dachte Terlu sofort.
»Ach, sieh mal einer an, wer uns mit seiner Gegenwart beehrt! Warte kurz, dann lassen wir alles fallen und brechen in Jubel aus.«
Yarrow öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.
»Du hast mir also immer noch nichts zu sagen?«
»Lass es gut sein«, sagte Ambrel. »Terlu, was ist los?«
Yarrow war halb hinter Terlu getreten, als suchte er Schutz. Gern hätte sie seine Hand genommen und ihn wissen lassen, dass er nicht allein einer feindlichen Armee gegenüberstand. »Die Kurzfassung: Ich glaube, dass ein fehlerhafter Zauber die Gewächshäuser beschädigt. Wir müssen die Zutaten finden und vernichten, sonst geht es immer so weiter. Leider wissen wir nicht, wo sie sind … Sie könnten in jedem beliebigen Gewächshaus versteckt sein.«
»Oder irgendwo sonst auf der Insel«, fügte Yarrow hinzu.
Terlu nickte. »Wir müssen ein großes Gebiet absuchen.« Hätte Laiken doch aufgezeichnet, wo er den Zauber gesprochen hatte! Über die Zutaten selbst hatte er akribisch Notizen angefertigt – doch kein Wort über den Ort.
Rowan stemmte die Hände in die Hüften. Im selben Augenblick donnerte eine Woge so gewaltvoll gegen die Felsen, dass ringsum Gischt niederregnete. »Du willst also unsere Hilfe.« Sie sprach zu Yarrow, als wäre Terlu gar nicht da.
»Wir brauchen die Hilfe von allen«, stellte Yarrow klar.
»Aber jetzt gerade fragst du mich, sehe ich das richtig? Deine Schwester.« Ihr Ton war so scharf, dass Terlu unwillkürlich die Schultern hochzog. »Daran erinnerst du dich schon noch, oder? Dass ich deine Schwester bin?«
Terlu tauschte einen Blick mit Ambrel. Die schien ihrer Ansicht zu sein: Ja, die beiden sollten sich aussprechen, aber doch nicht gerade jetzt! Yarrow stand sicher kurz davor, die Flucht zu ergreifen. Vermutlich hielt ihn allein die Tatsache zurück, dass sie endlich einen Weg gefunden hatten, die Gewächshäuser zu retten.
Ambrel legte ihrer Frau die Hand auf die Schulter und raunte ihr etwas ins Ohr, aber Rowan warf ihr nur einen ärgerlichen Blick zu. »Nein, ich verbeiße mir das jetzt nicht länger. Er wird sich schön anhören, was ich zu sagen habe!«
Mit einem Seufzen zog Ambrel ihre Hand zurück.
Der Wind fegte durch die Kiefern und schüttelte die Zweige. Schnee fiel in Klumpen herab und scheuchte einen Vogel auf. Dafür haben wir keine Zeit! Und Yarrow sollte auch wirklich selbst entscheiden, wann er dieses Gespräch führt! Terlu trat vor. »Jetzt ist nicht …«
»Du hast mir gefehlt, Rowan«, sagte Yarrow.
Das nahm Rowan sichtlich den Wind aus den Segeln. »Ach ja?« Sie stockte. »Wie gemein, dass du mir plötzlich so kommst!« Sie versetzte ihm einen Knuff an den Arm. Ihre Fingerknöchel versanken tief in seinem Mantel. »Gezeigt hast du’s jedenfalls nicht.«
»Ich weiß«, erwiderte er. »Das tut mir wirklich leid.«
Wieder wirkte sie perplex.
Terlu fragte sich, ob sie sich zurückziehen sollte. Das hier war ein bedeutsamer Augenblick zwischen Bruder und Schwester. Aber sie hatte Yarrow versprochen, das Reden zu übernehmen. Wollte er das noch? Ambrel hinter Rowan sah belustigt aus. Hatte sie ihre Frau schon oft sprachlos erlebt? Wahrscheinlich nicht.
Rowan starrte Yarrow an. »Das ist alles? Willst du gar nicht versuchen, dich rauszureden?«
Aber er brachte kein Wort zu seiner Verteidigung vor.
»Du willst nicht mir die Schuld geben? Oder unserem Vater? Oder Laiken?«
»Ich hätte dir zurückschreiben sollen.«
Bestimmt hatte sie vorgehabt, mit den Armen zu fuchteln, laut zu schreien und wütend aufzustampfen. Nun schien sie nicht recht zu wissen, was sie stattdessen tun sollte. »Hmpf. Ja, allerdings! Ich war fast noch ein Kind. Wegzugehen war nicht meine Entscheidung … Oder falls doch, war mir nicht klar, dass ich mich anders hätte entscheiden können. Außerdem habe ich geglaubt, du würdest nachkommen. Ich hab nicht begriffen, dass es ein richtiger Abschied war.«
»Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist.«
Rowan kniff die Augen zusammen. »Du lügst!«
»Ich färbe höchstens ein bisschen schön. Denn vorher war es schon ruhiger hier …«
»Aber ich habe dir gefehlt?«
»Ja.«
»Hm.« Rowan blies ein weißes Atemwölkchen aus. Über dem Meer rief krächzend eine Möwe. »Das ist ja schon mal was, würd ich sagen. Na gut, dann erzählt mal: Was war das mit den Zauberzutaten? Seit wann bist du überhaupt Magier? Warte mal … Sag bloß, der alte Narr hat dich in die Lehre genommen!«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Er hat kaum mit mir gesprochen. Oder mit irgendwem sonst.«
»Und wir wollen keinen Zauber wirken«, erklärte Terlu rasch, »sondern einen aufheben!«
Rowan hob die Augenbrauen.
»So können wir vielleicht verhindern, dass noch mehr Gewächshäuser sterben«, sagte Yarrow ernst.
Da pfiff Rowan durch die Zähne. »Ich höre!«
Terlu zeigte Ambrel und ihr die Liste mit den Panzern und Schalen. »Wir müssen rauskriegen, wo Laiken die Zutaten für seinen letzten Zauber gelassen hat. Bestimmt hat er den Platz sorgfältig ausgesucht: Er wollte ja nicht, dass jemand darüber stolperte. Aber da er alle Gewächshäuser mit dem Zauber belegen wollte, muss er eine große Menge an Zutaten zusammengetragen haben.«
»Könnte er sie vergraben haben?«, fragte Ambrel.
Zuerst hatte Terlu das auch befürchtet, aber nun hielt sie es für unwahrscheinlich. »Das macht man bloß, wenn man die Wirkung des Zaubers auf ein bestimmtes Ziel beschränken will.« Dann wären nicht so viele Gewächshäuser an ganz verschiedenen Orten des Komplexes betroffen gewesen. »Ihm ging es aber nicht um ein Haus, sondern um alle. Deshalb glaube ich, dass sie irgendwo offen liegen. Verborgen, aber nicht verscharrt.« Nun hatte sie ja einige Erfahrungen gesammelt und war sich daher ihrer Sache ziemlich sicher.
»Ha, ich weiß: das Sonnenblumenlabyrinth!«, rief Rowan. »Dort könnte er …«
Yarrow schüttelte den Kopf. »Wir finden uns darin zurecht. Was Panzerartiges gibt’s dort nicht.«
»Wirklich?«, fragte Rowan. »Ist ja irre! Ich kann gar nicht zählen, wie viele Nachmittage ich im Labyrinth verbracht habe … Vater musste mich immer rauszerren, wenn er wollte, dass ich irgendwo mit anpackte. Was habt ihr wegen der Drachen unternommen?«
Ambrel machte große Augen. »Hast du gerade Drachen gesagt?«
»Sie mögen Honig«, erklärte Yarrow.
»Du musst mir unbedingt zeigen, wie du …«, setzte Rowan eifrig an.
Ambrel drückte ihren Arm. »Lass dich nicht ablenken, Rowan!«
»Hast recht. Nicht jetzt.«
»Später geh ich gern mit dir ins Labyrinth«, sagte Yarrow.
»Toll!«, rief Rowan.
Terlu sah sie plötzlich als ganz junges Mädchen vor sich, außer sich vor Begeisterung, nach Alyssium aufzubrechen und neue Abenteuer zu erleben. Sie wusste sehr gut, was für ein Gefühl das war.
Rowan betrachtete ihren Bruder einen Moment lang abwägend. »Du brauchst also Unterstützung, und zwar so dringend, dass du dich durchgerungen hast, mit mir zu reden. Also ist es ernst.« Sie schien einen Entschluss zu fassen. »Wir trommeln alle zusammen!«
Ohne auf Antwort zu warten, wandte sie sich ab und eilte die Straße hinunter.
Ambrel lächelte und folgte dann ihrer Frau.
Yarrow nahm Terlus Hand und drückte sie, als suchte er nach Bestärkung oder Trost. Zusammen gingen sie seiner Schwester nach. Jetzt musste er sich dem Rest seiner Familie stellen – und ebenso all den unangenehmen Gesprächen, die er bisher vermieden hatte. Terlu hielt seine Hand ganz fest, um ihn wissen zu lassen, dass sie nicht von seiner Seite weichen würde. Er musste ihnen nicht allein gegenübertreten.
Rowan hatte Wort gehalten. Sobald Terlu und Yarrow die Gewächshäuser erreichten, kamen von allen Seiten Leute angelaufen: Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen – selbst die beiden Familienfreunde, die mit nach Belde gekommen waren. Außerdem hatte sie Dendy losgeschickt, um die sprechenden Pflanzen dazuzuholen. »Sie wollen bestimmt auch helfen«, sagte sie, und Yarrow und Terlu stimmten ihr zu. Sie versammelten sich im Rosenhaus.
Die Rosen wiegten sich im Luftzug der Ventilatoren. Auf die Glaskuppel fiel Schnee, aber hier drinnen war es warm und duftete lieblich und süß nach Sommer. Terlu atmete tief ein und spürte, wie ihre Schultern sich entspannten.
Alle sind gekommen, dachte sie. Vielleicht machen sie auch alle mit!
Yarrow verteilte Honigkuchenstücke – wann hatte er den schon wieder gebacken? Eigentlich hätte er ununterbrochen vorm Ofen stehen müssen. Die einzige andere Erklärung war, dass er mittlerweile den Kater angelernt hatte. Überall saßen die vielen Menschen: am Rand der Beete auf dem Boden, auf umgedrehten, leeren Blumentöpfen und auf Stühlen, die aus den Cottages hergebracht worden waren. Die Pflanzen hatten sich im ganzen Haus verteilt. Dendy hockte mit Lotti in den Dachsparren. Efeu Risa hatte sich um eine Säule gewunden, Orchidee Amina saß unter den Zweigen eines Rosenbusches mit violetten Blüten, und Gänseblümchen Cyna hatte sich auf einem Spalier mit weißen Kletterrosen niedergelassen.
Rowan stieg auf einen großen umgedrehten Blumenkübel und pfiff auf zwei Fingern, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.Es wurde still.Vom Feuerbusch stiegen ein paar Funken auf und verglühten in der Luft.
»He, ihr!«, rief Rowan. »Super, dass ihr da seid. Das hier ist Terlu! Ihr habt sie ja alle schon getroffen. Sie muss euch um was bitten … Wir können vielleicht was für die Gewächshäuser tun und verhindern, dass noch weitere ausfallen. Könnte sogar sein, dass Yarrow auch was sagt … vermutlich aber nicht. Passt jedenfalls gut auf – das hier ist wichtig!«
»Ähm … Danke«, sagte Terlu.
Rowan sprang vom Blumenkübel, und Terlu stieg hinauf, gestützt von Yarrow. Sie schaute sich im Rosenhaus um. Es war noch nicht so lange her, da hatte sie geglaubt, auf dieser Insel ganz allein zu sein. Und nun sprach sie vor einer richtigen Menge. Gemeinsam sind wir stärker. Oder könnten es sein. Wie ein Seil aus vielen Fasern. Alle hier wollten, dass die Gewächshäuser überdauerten, Menschen wie Pflanzen, davon war sie überzeugt. Sie räusperte sich.
Und dann erklärte sie, wieso die Gewächshäuser ihrer Meinung nach versagten (wegen eines unfertigen Zaubers), was sie suchen mussten (einen großen Haufen Schalen und Panzer) und was zu tun war, wenn sie es gefunden hatten (alles zerschlagen). Sie brauchte nicht viel Zeit.
Dann stieg sie wieder vom Kübel. Sie bereitete sich auf die Fragen vor, die unweigerlich folgen mussten. Weshalb wusste sie das alles? Wie hatte sie den Code des Zauberers geknackt? Wie seine Tagebücher übersetzt und die Zauber studiert?
»Bist du Magierin?«, erkundigte sich einer von Yarrows jüngeren Cousins – Percik.
Mit der Frage hatte sie nicht gerechnet, aber sie konnte damit umgehen.
»Nein, ich war Bibliothekarin.« Er hatte sie nicht direkt beschuldigt, das Gesetz gebrochen zu haben. Also lenkte sie einfach ab und erklärte wortreich, dass sie sich gut mit Sprachen auskannte, insbesondere mit toten, und dass dieses Wissen es ihr glücklicherweise ermöglicht habe …
Aus den Dachsparren rief Lotti beherzt: »Sie ist ganz genauso gut wie eine Magierin!«
Ach, um des Meeres willen! Terlu stockte das Blut in den Adern.
»Sie hat uns aufgeweckt!«, fiel Orchidee Amina ein.
»Wir sind ihr unheimlich dankbar«, ergänzte Efeu Risa.
»Sie hat uns beigebracht, das Glaaas wieder heilzumachen«, sagte Dendy. »Uuund sie hat die Zauber studiert, mit denen Laiken die Gewächshäuser erschaffen hat – um sie zu retten! Ihr könnt ihr glaaauben. Wenn sie sagt, dass etwas getan werden muss, dann ist es sooo!«
Was soll ich denn jetzt tun? Was soll ich sagen? Die Angst schnürte ihr die Kehle zusammen, und sie fing an zu zittern. Mühsam rang sie nach Atem. Hätte ich den sprechenden Pflanzen doch gesagt, dass sie nicht darüber sprechen dürfen! Auf den Gedanken war sie gar nicht gekommen, dass ihre Freunde ihr Geheimnis ausplaudern könnten – vor allen! Woher sollte sie wissen, ob sie Yarrows Verwandten ausnahmslos trauen konnte? Einer von ihnen könnte wie jener Bibliotheksbesucher sein, der sie wegen Caz gemeldet hatte.
Ich könnte es nicht ertragen, wieder eine Statue zu sein! Nein, das würde sie nicht zulassen. Niemals!
Falls sie Belde verlassen musste, würde sie das tun. Sie würde Marin rufen und fliehen, selbst wenn das bedeutete, dass sie alles verlor, was sie liebte.
Yarrow schlang den Arm um ihre Schultern. »Falls irgendwer ein Problem damit hat …«
»Ach, Unsinn«, sagte Rowan. »Glaubt ihr denn, wir hätten nicht gewusst, dass hier einer von euch beiden zaubert? Wir haben doch alle gesehen, wie die Pflanzen das Glas reparieren. Laiken hat ihnen ganz sicher keinen einzigen Zauberspruch beigebracht. Das musste einer von euch gewesen sein.«
»Das war eine tolle Idee!«, sagte Onkel Rorick.
Ein paar nickten zustimmend.
Terlu schaute in die Runde. Niemand wirkte beunruhigt oder erschrocken. »Aber … Es ist doch verboten! Denkt ihr nicht, dass … Ich meine …« In Alyssium waren die Leute vor ihr zurückgeschreckt, nachdem sie Caz erschaffen hatte. Wieso verurteilten die Menschen hier sie nicht?
»Hast du je Magie als Mittel eingesetzt, um jemandem was anzutun?«, fragte Rowan.
»Nein.«
»Um Pflanzen zu schaden?«
Bei der Verhandlung in Alyssium hatten Terlus Intentionen keine Rolle gespielt. Plötzlich war ihr nach Weinen zumute. »Das würde ich nie tun. Ich will bloß helfen.«
Dendy erklärte: »Sie hat uns erlöööst.«
»Also machst du einen Fehler wieder gut.« Rowan stemmte die Hände in die Hüften. »Noch dazu den Fehler eines anderen. Das finde ich bewundernswert.« Sie schaute ihre Verwandten herausfordernd an.
Ambrel trat zu ihr. »Wir sind nicht mehr in Alyssium. Der Kaiser ist tot, und hier draußen haben seine Gesetze sowieso keine Bedeutung. Für gute Taten sollte niemand bestraft werden!«
Das hatte Terlu auch einmal geglaubt. In der großen Bibliothek hatte sie sich vollkommen sicher gewähnt. Und Caz’ Existenz konnte niemand für etwas Schlechtes halten! Der Welt neues Leben zu schenken, war doch kein Verbrechen! Erfolgreich hatte sie sich eingeredet, dass man ihr ihren Fehltritt verzeihen würde, wenn erst herauskam, dass ihre Absichten harmlos waren – sogar gut.
Aber ich war selbstsüchtig, dachte sie. Sie hatte Caz nicht um seiner selbst willen erweckt. Dabei war es nur um sie gegangen, um ihre Einsamkeit.
Vielleicht war das hier ja wirklich etwas anderes. Sie wollte nichts erschaffen, sondern nur retten, was bereits da war. Und sie tat es nicht für sich. Zumindest nicht ausschließlich. Es hätte doch sicher niemand gewollt, dass sie Lotti, Dendy und die anderen in todesähnlichem Schlaf beließ. Und wie konnte sie den sterbenden Gewächshäusern den Rücken kehren, wenn es vielleicht eine Möglichkeit gab, sie zu retten?
»Von uns hast du nichts zu befürchten! So ist es doch, oder?« Rowans strenger Blick wanderte über die Anwesenden. Wie ihr Vater und ihr Bruder konnte sie einen an einen wilden, grimmigen Bären erinnern.
Birch ergriff das Wort. »Du kümmerst dich um die Gewächshäuser, und das macht dich zu einer Gärtnerin. Du bist eine von uns. Keiner von uns will aufgeben, was wir hier haben.« Er schaute seinen Sohn an. »Wir wollen alle das Beste für unsere Pflanzenfreunde. Für unsere Familie.«
Er sprach eher mit Yarrow als mit ihr, aber das war nicht weiter schlimm. Wie es aussah, war sie außer Gefahr, wenigstens für den Moment. Sie hatte keine Ahnung, ob der Arm des Kaisers wirklich nie bis nach Belde gereicht hatte oder ob seine Gesetze noch galten. Aber niemand schien etwas dagegen zu haben, dass Terlu auf ihre Weise half. Ihre Brust weitete sich. Sie musste blinzeln, um die Tränen zurückzuhalten.
Ich kann ihnen vertrauen.
Yarrows Verwandte lehnten sie nicht ab, nicht einmal angesichts ihrer Taten.
Vielleicht würde meine Familie ja ähnlich reagieren?
»Jetzt reicht’s aber mit der Gefühlsduselei!«, rief Lotti aus den Dachsparren. »Wir werden geordnet zu Werke gehen. Die Pflanzen übernehmen die östlichen Gewächshäuser. Du und du, ihr geht nach Westen. Ihr da fangt im Norden an. Wenn ihr ein Haus durchsucht habt, malt mit Holzkohle ein X an die Tür, sonst machen wir alles doppelt und dreifach. Und los! Hopp, hopp!«
In den Häusern, die täglich gepflegt werden mussten, kannte Yarrow jeden Winkel. Rasch drehten sie eine Runde und schauten in Geräteschuppen, Vorratstruhen und – wo es welche gab – verzauberte Öfen. Terlu achtete besonders auf Stellen, an denen Yarrow vielleicht aus Gewohnheit einfach vorbeigegangen wäre. Die Pflanzen überprüften die Dachsparren.
Einige von Yarrows Verwandten waren in dieselbe Richtung aufgebrochen, aber an jeder Weggabelung bogen ein paar ab, bis nur noch Yarrows Vater ihnen in das Gewächshaus mit den lebhaften Lianen folgte.
»Dieses Haus habe ich nie gemocht«, bemerkte er. »Ich muss immer an Schlangen denken.«
Yarrow brummte. »Die Lianen sind auf ihre Weise schön! Wie Schlangen auch.«
»Aber wieso musste er sie überhaupt verzaubern?« Birch ging geduckt unter einem Wust bebender Blätter hindurch. In der Höhe flochten sich Lianen zu Seilen zusammen, über die grüne Laubmäuse flitzten. »Er hätte sie doch auch einfach normale Pflanzen sein lassen können.«
»Ich finde, sie sind was ganz Besonderes.« Terlu schubste sanft eine Liane von ihrer Schulter, doch die versuchte prompt, sich um ihr Handgelenk zu winden. Als Terlu sie abschüttelte, quiekte eine Maus, wie um sie zu schelten – oder sie wollte Käse.
Yarrow löste eine Liane von seinem Oberschenkel und sagte zu seinem Vater: »Du kannst dir ja eins der anderen Häuser vornehmen, wenn du das hier nicht leiden kannst.« Er holte Krümel aus einer seiner Taschen und streute sie auf den Weg. Eine kleine Horde Laubmäuse kam die Lianen herabgeschossen und machte sich darüber her. Eine hatte ein einzelnes leuchtend orangerotes Blatt zwischen den grünen. Sie schüttelte sich, und es fiel zu Boden wie Herbstlaub.
Terlu lächelte. War ja klar, dass er die Mäuse füttert.
»Wir kommen schneller durch die Häuser, wenn wir zusammenbleiben«, behauptete Birch.
»Warum sind die anderen dann alle woanders langgegangen?«
»Na schön. Ich bin hier, weil ich Zeit mit dir verbringen will. Ich weiß, du hast viel Verantwortung und bist es mittlerweile gewohnt, sie allein zu tragen. Aber wie Rowan glaube ich, dass du mir absichtlich aus dem Weg gegangen bist.«
»Bin ich auch.«
Beinahe hätte Terlu gelacht. Die Antwort war typisch Yarrow. Sie umrundete eine Werkzeugtruhe und berichtete: »Nichts. Wir können weiter.«
Wie Lotti angeordnet hatte, malte sie mit Holzkohle ein X an die Tür. Das nächste Haus war Kakteen und anderen Sukkulenten gewidmet. Terlu hatte es irgendwann schon einmal durchquert. Sie erinnerte sich an die mit Nadeln besetzten Knollen sowie an die größeren Gewächse, die ihre dicken Arme reckten. In der Mitte stand ein verdrehter Baum mit Stacheln, dessen ausladende Zweige den Himmel zerschnitten. In der Kuppel hing eine Sonnennachbildung. Die Luft war heiß, trocken und staubig, und Terlu fühlte sich rasch so gut durchgebacken wie ein Honigkuchen. Sie wateten durch den Sand, Yarrow an den Wänden entlang, Terlu im Zickzack durchs Haus. Geduckt ging sie unter den dornenbesetzten Zweigen des großen Baumes hindurch. An der Tür trafen sie sich wieder.
»Ich kann nicht zählen, wie oft ich schon in diesen Häusern war«, sagte Yarrow. »Einen großen Haufen Schalen und Panzer hätte ich bemerkt.«
Da war etwas dran. Aber irgendwo mussten die Zutaten sein. Oder war sie auf der ganz falschen Spur? Aber der Geist hatte ihnen zu verstehen gegeben, dass ihre Schlussfolgerung stimmte! »Du hast bislang nicht danach Ausschau gehalten«, sagte sie. »Vielleicht hast du sie deshalb übersehen.«
Birch trat zwischen Yarrow und die Tür. Er klopfte mit dem Stock auf den Boden. »Sie hat recht. Manchmal übersehen wir, was direkt vor uns ist. Yarrow, ich muss mich bei dir entschuldigen.«
»Du willst, dass ich mit dir rede? Dann hilf uns und steh nicht bloß im Weg. Such weiter!« Er schob sich an seinem Vater vorbei, malte ein X an die Tür und marschierte ins angrenzende Gewächshaus weiter.
»Verzeihung«, murmelte Terlu, umrundete Birch und schlüpfte ebenfalls durch die Tür.
Er folgte ihnen. »Du musst meine Entschuldigung nicht annehmen, sollst aber wissen, wie leid es mir tut. Damals als ich fortgegangen bin … Ich habe vieles gesagt, was ich gerne zurücknehmen würde.«
Steif wandte Yarrow sich zu Terlu um. »Ich schaue in die Vorratskisten. Geh du einmal in der Runde. Mag sein, dass dir was ins Auge fällt, wofür ich blind bin.« Dann stakte er davon, ohne seinen Vater zu beachten. Sie hörte, wie er die Kistendeckel aufriss und wieder zuwarf.
Birch hinkte ihm nach.
Hartnäckig war er ja. Aber sollte sie ihm das anrechnen oder ihn anfahren, weil er Yarrow so bedrängte? Sie ging ihre Runde. Die Blumen hier erkannte sie nicht. Sie hatten glockenförmige Blüten, die wie Windspiele läuteten. Eine größere Knospe glich einem Becken, und als Terlu sie antippte, brachte sie tatsächlich einen zischenden, obertonreichen Klang hervor, der an Metall erinnerte.
Ein Stück entfernt hörte sie Birch sagen: »Du musst doch wissen, dass ich dich nicht gern zurückgelassen habe. Ich dachte, du würdest im Laufe der Zeit zur Vernunft kommen und zu uns in die Hauptstadt ziehen.«
»Ah ja, dort habt ihr ja alle euer Glück gemacht.«
»Wenigstens waren wir zusammen! Du hättest bei uns sein sollen, bei deiner Familie, anstatt wie ein Einsiedler auf dieser sterbenden Insel zu leben …«
»Hör auf.«
Birch seufzte schwer. »Ich kriege es nicht besonders gut hin mit meiner Entschuldigung.«
»Nein, wohl nicht. Aber ich hab dir ja gesagt, das ist auch nicht nötig. Ich werfe dir nicht vor, dass du weggegangen bist. Du warst krank. Du konntest nicht hierbleiben.«
»Dass ich nicht zurückgekommen bin, wirfst du mir vor.«
»Nein.« Yarrow schlug eine weitere Gerätetruhe zu. »Ich werfe dir vor, was vorher war!« Damit ließ er seinen Vater stehen.
Birch wartete auf Terlu. »Ich weiß wirklich nicht weiter.«
Was sollte sie ihm sagen? Dass Yarrow Zeit brauchte? Seine Ruhe? Aber es war gut möglich, dass das Gegenteil der Fall war. Wie konnte sie helfen? Anscheinend wollte Birch sich mit Yarrow aussöhnen, hatte aber keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Wie das war, wusste sie sehr gut. Behutsam fragte sie: »Bei deiner Entschuldigung, geht’s da um ihn oder um dich?«
»Ich will bloß, dass alles wieder wie früher wird.«
»Vielleicht war es früher ja gar nicht so gut?« Eigentlich sollte nicht sie dieses Gespräch mit Birch führen. Am Ende machte sie aus Versehen alles noch schlimmer. Andererseits ging das vermutlich gar nicht. Yarrow war ja schon auf und davon. »Er hat mir nicht viele Kindheitsgeschichten erzählt, aber eine über seinen Onkel Rorick und ein ›Spiel‹ … Ihr habt ihn in den Höhlen ausgesetzt?«
Birch blinzelte. »Ach, das? Das hat er prima überstanden.«
»Er war noch ein Kind, und er hatte Angst.«
Er winkte ab. »Das ist so lange her. Deswegen kann er unmöglich noch sauer sein.«
Terlu legte den Kopf schief und taxierte ihn. Yarrow war nicht konkret deswegen wütend. Aus seiner Sicht repräsentierte die Geschichte, wie seine Familie insgesamt mit ihm umgegangen war. Wieder und wieder war er allein zurückgelassen worden.
»Meinetwegen entschuldige ich mich dafür, aber ich finde, er steigert sich da in was rein. Er war schon immer ein bisschen empfindlich. Neigt zum Dramatisieren. Ebendas wollten wir ja angehen: Er sollte lernen, ein bisschen selbständiger zu sein.«
Yarrow sollte eine Neigung zum Dramatisieren haben? Ausgerechnet er? So beschrieb man doch niemanden, der hauptsächlich brummte und alles mit einem Schulterzucken abtat! »Stattdessen hat er gelernt, dass er denen nicht trauen kann, die ihn eigentlich lieben sollten.« Sie bemühte sich, weiterhin ruhig und freundlich zu sprechen, obwohl sie Birch am liebsten geschüttelt hätte.
Erschüttert sah er sie an. »Das war ein Übergangsritus zum Mannsein! Wir haben gefeiert, als er es aus den Höhlen geschafft hatte.«
Wie Yarrow zuckte sie mit den Schultern. »Verschiedene Menschen können ein Ereignis mit ganz verschiedenen Augen sehen. Auch Laiken glaubte, er täte das Richtige für die, die er liebte.«
Birch sah sie böse an. »Wie Laiken bin ich nun wirklich nicht!«
Sie wollte nicht mit ihm streiten, schon gar nicht, ohne genau zu wissen, wie Yarrow sich fühlte. Und sie hatte Laiken ja auch nie getroffen. Nur seine Tagebücher hatte sie gelesen, und die enthielten kaum ein persönliches Wort. Selbst sein Geist war nicht wirklich er. »Du könntest Yarrow ja fragen, was er will.«
»Ihn fragen? Einfach so?«
Wieder zuckte sie mit den Schultern.
»Hm.«
Sie malten das X an die Tür und gingen weiter. Yarrow wartete im angrenzenden Gewächshaus und bedachte sie beide mit einem finsteren Blick.
»Yarrow …«, setzte Birch an.
Aber Yarrow beachtete ihn gar nicht. Anklagend zeigte er mit dem Finger auf Terlu. »Ich bin kein missglückter Zauber! Also hör auf, diese Sache in Ordnung bringen zu wollen!« Dann fuhr er herum und stapfte davon, auf das nächste Gewächshaus zu.
Na gut, ein bisschen dramatisch ist er vielleicht doch. Manchmal.
Er hatte seine Familie zurück. Eigentlich könnte er jetzt Zeit mit seinen Verwandten verbringen, Versäumtes nachholen … Aber sie hatten ihn verletzt, besonders sein Vater, und von dem hatte sie bisher keine glaubwürdige Entschuldigung gehört. Weder versuchte er, sich in Yarrow hineinzuversetzen, noch ließ er den Willen erkennen, sich zu ändern. Es ging ja nicht nur darum, was in den Höhlen unter der Insel geschehen war …
Abrupt blieb sie stehen. »Yarrow? Warte mal!«
»Ich will nicht darüber reden.« Aber er hielt vor der Tür an.
»Dieses Höhlenlabyrinth, in dem dein Onkel dich zurückgelassen hat, das erstreckt sich unter den Gewächshäusern, oder?« Sie musste daran denken, was sie im letzten versagenden Gewächshaus bemerkt hatte: Die Sprünge hatten am Boden begonnen. Der zerstörerische Zauber kam von unten!
Birch antwortete ihr. »So ist es. Die Gänge ziehen sich unter der ganzen Insel durch.«
Yarrow schaute sie an. »Glaubst du etwa …«
»Ja«, erwiderte sie. »Genau das!«
Kurz darauf traten sie alle drei in ihre Mäntel gewickelt in den Schnee hinaus. Die Flocken, so fein wie Nebel, verfingen sie sich in Terlus Wimpern. Yarrow war im Handumdrehen weiß überstäubt.
»Ich sollte da runtergehen«, sagte Birch.
Yarrow schnaubte. »Nein.«
»Gerade erst hat deine Freundin mich darauf hingewiesen, dass ich dir was schuldig bin.«
»Wenn du dich nützlich machen willst, sag den anderen Bescheid. Und schick uns jemanden nach, falls wir bei Sonnenuntergang nicht zurück sind. Tu ausnahmsweise einmal, was ich will, und nicht, was du für das Richtige hältst!« Er wandte sich dem Cottage zu. »Auf keinen Fall gehen wir ohne Proviant«, sagte er zu Terlu. »Wasser, ein bisschen was zu essen.«
Dass sein Vater sie seine Freundin genannt hatte, ließ er unkommentiert. Jetzt war natürlich nicht der Augenblick, um darüber zu sprechen, aber sie würde das Wort in ihrem Herzen bewahren.
»Wir sollten eine Rolle Bindfaden mitnehmen. Wenn wir sie beim Gehen abspulen, finden wir leicht wieder zum Ausgang zurück.« Sie erinnerte sich an eine Geschichte über einen Knaben, der mit Hilfe einer Schnur den Weg aus einem dunklen, verfilzten Wald voller Schattenungeheuer gefunden hatte. Ein ginianisches Volksmärchen, fiel ihr wieder ein. Sie hatte es gelesen, als sie angefangen hatte, die Sprache zu lernen. Kein Wunder also, dass es darum gegangen war, wie man sich in einem Labyrinth zurechtfand.
Yarrow schaute seinen Vater an. »Kannst du eine Rolle für uns auftreiben?«
»Kann ich machen.« Birch war offensichtlich froh, eine Aufgabe zu haben.
Er stapfte davon und stützte sich dabei kaum auf seine Krücke. Yarrow und Terlu liefen zum Cottage. Drinnen war es warm und duftete noch immer nach Honigkuchen. Sie knöpften die Mäntel auf, und Yarrow eilte zur Anrichte.
»Mit einem hat dein Vater recht: Du musst das nicht unbedingt selbst machen. Es ist ja nicht so, als würdest du dich da unten besonders gut auskennen. Wir könnten deinen Onkel Rorick schicken – das wäre doch passend!«
Seine Mundwinkel zuckten. »Ein verlockender Gedanke. Aber ich will mich selbst darum kümmern. Du hast es ja gesagt: Es sind meine Gewächshäuser.« Er suchte in einem Küchenschrank und fand eine Wasserflasche.
»Warst du je wieder in den Höhlen?«, fragte sie. »Oder war sonst mal jemand dort? Gibt es vielleicht eine Karte?« In Laikens Aufzeichnungen hatte sie keine gesehen. Vielleicht hatte er in seinem Verfolgungswahn sichergehen wollen, dass niemand sein Versteck fand. Er selbst hatte sich wahrscheinlich gut ausgekannt und keine Karte gebraucht. Wenn wir Erfolg haben und ich irgendwann die Zeit haben sollte … Dann lege ich Karten über die ganze Insel an! Und die würde sie mit jeder Menge Anmerkungen versehen. Ordentlichen Anmerkungen, unverschlüsselt.
»Nein, es gibt keine. Und ich bin bloß noch einmal zurückgegangen, aber nicht lange geblieben.« Yarrow füllte die Flasche mit Wasser, stöpselte sie zu und steckte sie in eine Umhängetasche. »Du musst mich nicht begleiten.«
»Mach ich aber. Du denkst immer, dass du alles allein hinkriegen musst … Musst du aber gar nicht! Jedenfalls hab ich eine Idee.« Sie holte Honiggläser aus einem Schrank und ein Töpfchen Honigbutter aus dem Eiskasten und verstaute die Sachen in Yarrows Tasche. »Wir nehmen ein paar Drachen mit!«
Er lachte. »Was? Wieso das denn?«
»Sie verstehen was von Labyrinthen. Und von Schätzen.«
»Glaubst du denn, sie begreifen, was wir von ihnen wollen?«
»Bisher haben sie gern Schätze gegen Honig getauscht, und ich könnte mir vorstellen, dass sie in einer Höhle versteckte Zauberzutaten als Schatz betrachten. Ich weiß natürlich nicht, ob sie bereit sind, ihre Sonnenblumen allein zu lassen, aber wir können sie fragen.« Wer nicht um Hilfe bat, bekam auch keine.
»Du überraschst mich immer wieder«, meinte er.
Das Kompliment wärmte sie. Sie strahlte ihn an.
Er grinste zurück.
»Wunderbar, wir haben einen Plan!«, rief sie. »Wir nehmen Proviant mit, eine Laterne, Schnur und ein paar kleine Drachen. Und wir werden nicht ruhen, bis Belde gerettet ist!«