Kapitel 4 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Der Kater maunzte von oben und riss Terlu aus ihrer Erstarrung. Sie eilte dem Gärtner nach. »So warte doch!« Hinter der Kurve gabelte sich der Schieferweg: Fünf Pfade schlängelten sich davon, jeder überhangen von einem Baldachin aus Rosenzweigen.
Hatte der Gärtner sie einfach stehenlassen? Wer tat denn so was?
Er hatte gesagt, dass sie sich in seinem Cottage ausruhen konnte. Das war auch wirklich nett von ihm. Bloß wusste sie nicht, wie sie dorthin kommen sollte! Geschweige denn, wer er eigentlich war.
»Bitte komm zurück! Ich weiß ja nicht mal, wie du heißt!« Willkürlich wählte sie einen Pfad, musste aber bald erkennen, dass es der falsche war: zu viele dornige Ranken überwucherten ihn. Den konnte der Gärtner nicht genommen haben. Sie wirbelte herum und rannte zurück zur Kreuzung. »Du kannst doch arbeiten, während wir reden! Oder ich packe mit an … Ich weiß, wie man sich nützlich macht! Meine Eltern würden dir jetzt die Geschichte erzählen, wie ich mit drei Jahren die Hühner vor dem Sturm gerettet hab. Die erzählen sie ständig … Das war so: Ich wollte helfen, aber niemand hatte mir eine Aufgabe gegeben. Also habe ich die Hühner ins Haus geholt. Eins nach dem anderen habe ich reingeschleppt, obwohl die alle furchtbar gezappelt haben … Meine Eltern sagen, sie werden den Anblick nie vergessen: die wild entschlossene Dreijährige mit dem zeternden Geflügel in den Armen. Hör mal! Du kannst doch nicht jemanden wieder zum Leben erwecken und dann weglaufen!«
Aber ebendas hatte er getan. Geflüchtet war er, als wäre er ein Verbrecher und sie eine kaiserliche Ermittlerin. Sie nahm den nächsten Pfad, der vor einer üppig überrankten Laube endete. Eine Flut weißer Rosen ergoss sich über dunkelgrüne Blätter. Der Anblick war atemberaubend schön, half ihr aber nicht weiter.
Er hat mich abgehängt. Sie war den Tränen nah. Das sah ihr gar nicht ähnlich: Unter normalen Umständen setzte sie eher ein Lächeln auf und stürmte weiter voran. Aber normal war schon lange nichts mehr gewesen, und nun quälten sie Hunger, dumpfe Schmerzen und eine bleierne Müdigkeit. Wäre sie doch in der Bibliothek! Auch wenn die noch so still und leer war … Sie könnte sich mit einer Tasse heißer Schokolade an einen der großen Kamine setzen. Ihre Augen brannten. »Nimm dich mal ein bisschen zusammen, Terlu«, sagte sie laut. »Jetzt weißt du wenigstens, dass du hier nicht alleine bist!«
Allerdings war das kein großer Trost. Bisher hatte sie nur diesen Gärtner getroffen, und der hatte gar nicht schnell genug vor ihr davonlaufen können.
Die Stille kam ihr laut vor. Sie musste an die Abstellkammer denken und umklammerte ihre Oberarme, erleichtert, warme Haut unter den Fingern zu spüren und kein poliertes Holz. Ich bin nicht mehr dort. Ich bin lebendig! Und diese Insel ist nicht verlassen.
Sie ging zurück zur Kreuzung und spähte in die rosenumwundenen Dachsparren hoch. »Katerchen? Willst du mich begleiten?« Sah sie da ein wenig grauen Pelz? Einen flatternden grünen Flügel? Möglich war es; er kam jedoch nicht zu ihr nach unten. Natürlich nicht! Anhänglich mochte er sein, aber er war immer noch ein Kater. Schön aber, dass er in der Nähe geblieben war. »Was soll ich deiner Meinung nach machen?«
Er schwieg sich aus, aber das machte nichts. Sie hatte schon entschieden, den dritten Pfad auszuprobieren. Wenn der nirgendwohin führte, würde sie erst mit dem vierten und dann mit dem fünften weitermachen. Hunger und Erschöpfung waren jetzt nicht das Wichtigste. Ich gebe nicht auf! Ich finde ihn, und dann muss er mir erklären, was eigentlich los ist.
Na gut, vielleicht muss er nicht. Aber ich hoffe, er macht’s trotzdem!
Entschlossen marschierte sie los. Auch dieser Pfad war von einem Rosenspalier überdacht. Links und rechts standen Miniatursträucher, die winzige zartrosa Rosenblüten trugen. Über die Schieferplatten des Weges lagen Blütenblätter verstreut wie in einem Brautgemach.
Erfreulicherweise wartete am Ende dieses Pfades eine Tür. Terlu schob sie auf, und da segelte der Kater über ihren Kopf hinweg. Sie folgte ihm und staunte über die bunte Vielfalt, die sich ihren Augen bot. Sie hatte Gewächshäuser voll leuchtender Grüntöne gesehen, und das Rosenmeer hatte vor allem mit eleganten Varianten der Farben Rot, Gelb, Violett und Weiß aufgewartet. Hier dagegen hatte man den Eindruck, ein Regenbogen habe alles durchtränkt.
»Wahnsinn!« Mit großen Augen schaute sie sich um.
Anmutige Lilien erblühten in unzähligen Nuancen von Weiß, Rosa, Rot, Gelb und Violett. Manche hatten Streifen, andere Punkte. An Sträuchern hingen Rispen mit glockenförmigen blauen und pinken Blüten. Ein dicht belaubter Busch trug Bälle aus strahlend weißen Blüten, die an Feuerwerkskugeln am Himmel erinnerten.
Schmetterlinge flatterten umher, aber sie glichen keiner Art, die Terlu je gesehen hatte. Ihre Flügel wechselten bei jedem Schlag die Farbe: Erst waren sie rot, dann blau, grün, gelb, schwarz, silbern, violett … Sie konnte sich kaum an ihnen sattsehen, bewunderte das Spiel des Regenbogens, während sie von Blüte zu Blüte gaukelten.
»Hallo?«, rief sie, aber nun eher aus Höflichkeit. Sie glaubte nicht, dass sich der Gärtner noch einmal zeigen würde.
Auf dem Weg durch das bunte Gewächshaus fragte sie sich, was es mit diesem Ort auf sich hatte. Woher kamen all diese Pflanzen? Und der Blumenvogel, die tanzenden Libellen und die schillernden Schmetterlinge? Weshalb standen diese außergewöhnlichen Gewächshäuser im Nirgendwo? Sie beugte sich vor und schnupperte an den lila Blüten einer großen konischen Rispe. War das Flieder? Sie hatte noch nie einen Fliederstrauch mit derartig großen Blütenständen gesehen, aber der süße, liebliche Duft war unverkennbar.
»Rrrau!«
Der Kater flog vorbei, so dicht, dass seine Flügelspitze über ihre Wange strich.
»Ach? Du weißt wohl, wohin er gegangen ist?«
Aber selbst wenn nicht – lieber folgte sie dem Kater, als ziellos umherzuirren. Wie wahrscheinlich war es schon, dass sie über einen Mann stolperte, der nicht gefunden werden wollte? Also hielt sie sich an den Kater.
Ihr fiel auf, dass in keinem der prächtigen bunten Beete Unkraut spross. Die Lilien blieben unter sich, und auch die Erde um die Fliedersträucher war nicht überwuchert. Eine Schubkarre am Wegesrand war mit Gartenabfällen beladen. Terlu erinnerte sich an ihre Angst, die Gewächshäuser seien aufgegeben worden. Dem war offensichtlich nicht so. Auf einer rosa Lilie mit weißen Rändern und dunkelroten Punkten landete ein Schmetterling und breitete die Flügel aus. Sie bewunderte einen Augenblick lang sein Farbenspiel: rot, violett, blau, grün, goldgelb. Vielleicht gibt es hier ja noch mehr Gärtner. Die riesigen Gewächshäuser, die sie bisher durchwandert hatte, konnte ein einziger Mensch gar nicht betreuen! Und der Komplex schien noch viel größer zu sein. Ihr gefiel der Gedanke, dass ihr ein anderer, freundlicherer Gärtner begegnen könnte.
Der geflügelte Kater wartete vor einer Tür, und sie lief rasch zu ihm. Doch als sie sie öffnete, fuhr ihr eisiger Winterwind entgegen, und Schnee wirbelte herein. Hastig schloss sie die Tür wieder. »Nicht da lang!«
Der Kater scharrte am Glas. »Miiiau!«
»Glaub mir, du willst nicht raus. Es ist wirklich kalt!«
Da draußen gab es nichts als Schnee, Eis und Bäume … Oder? Der Gärtner hatte gesagt, sein Cottage sei nicht weit. Wollte der Kater dorthin? Oder stand ihm bloß der Sinn danach, Vögel zu jagen?
Er umschmeichelte ihre Knöchel und schubste dann mit dem Kopf die Tür an. Nahebei sah Terlu einen schweren beigen Mantel und einen roten Schal hängen.
»Bist du ganz sicher?«, fragte sie den Kater.
Er maunzte wieder.
Sie nahm den Mantel vom Haken und schlüpfte hinein. Dann wickelte sie sich den dicken Schal um. Er war aus weicher Wolle und roch schwach nach Kiefern, Nelken und Muskat. Der Mantel war ihr viel zu groß – er verschluckte sie förmlich –, aber das machte ihr nichts aus. So würde sie wenigstens nicht frieren. »In Ordnung, aber wenn du bloß Spatzen nachstellen willst, gehe ich gleich wieder rein!«
Sie wagte sich in den Schnee hinaus, und sofort versanken ihre Füße darin. An der Glaswand des Gewächshauses türmte er sich richtig auf. Und es schneite noch immer: Dicke Flocken fielen auf ihre Ärmel und die Enden des Schals. Der Kater kam aus dem Gewächshaus geflogen. Er hielt auf den Wald zu.
»Warte auf mich!«, rief sie.
Ängstlich überprüfte sie, ob sich die Tür auch nicht selbsttätig hinter ihr verriegeln würde. Erst als sie sicher war, watete sie durch den Schnee, dem Kater hinterher. Die Winterluft brannte auf ihrer Zunge, frisch und scharf wie Pfefferminze.
Aus dem Schneegestöber tauchte der Kiefernwald auf, die Wipfel weiß. Und da … War das ein Cottage? Tatsächlich! Sie stapfte darauf zu. Aus dem Schornstein ringelte sich Rauch. Der würzige Geruch eines Holzfeuers stieg ihr in die Nase. Schnee bedeckte das Dach, und Eiszapfen hingen vor den Fenstern. Das Cottage sah aus, als hätte es einen Zuckerguss.
Aus der Nähe erspähte sie hier und da freiliegende graue Schindeln. Die Klappläden und die Tür waren so grün wie das Gefieder des Katers. Auf den Simsen der beiden Fenster links und rechts der Tür standen Blumenkästen mit weißen Hauben. Der Weg zum Cottage musste gerade erst geschippt worden sein, denn hier war der Schnee nur halb so tief wie überall sonst. Hatte der Gärtner sich darum gekümmert? War das sein Cottage? Er hatte ja gesagt, es sei gleich beim Gewächshaus, aber woher sollte sie wissen, dass sie den gewaltigen Komplex durch die richtige Tür verlassen hatte? Bestimmt gab es auf der Insel noch viele andere Cottages.
Na und? Ich wollte ja sowieso einen anderen Gärtner treffen.
Der Kater landete auf der obersten Eingangsstufe und kratzte an der grünen Tür. Terlu gesellte sich zu ihm und klopfte. Dann steckte sie die kalte Hand schnell wieder in die Tasche und wartete, dass jemand öffnete.
Als nichts geschah, klopfte sie noch einmal und spähte schließlich durchs Fenster. Viel sah sie nicht, weil ein Küchenschrank im Weg war – nur die Ecke eines Holztisches und dahinter einen offenen Kamin, in dem munter ein Feuer brannte.
Sie solle sich ausruhen, hatte der Gärtner gesagt. Und dass sie das in seinem Cottage tun könne. Also war es auch kein Einbruch, wenn sie hineinging, richtig? Hm, ja … Vorausgesetzt, das hier war wirklich sein Cottage!
Sie drehte den Knauf, schob die Tür einen Spaltbreit auf und rief: »Hallo? Ist jemand da? Darf ich reinkommen?«
Der Kater flitzte zwischen ihren Beinen durch. Allem Anschein nach war ihr neuer Freund hier zu Hause. Also ist er kein Streuner. Ein bisschen enttäuscht war sie schon: Im Stillen hatte sie angefangen, den grau-grünen Kater als ihren Kater zu betrachten.
Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich. Wie wunderbar warm es hier drinnen war! Das Cottage war winzig und ganz und gar vollkommen. Auf der Fußmatte blieb sie stehen, während ihr der Schnee von den Schuhen schmolz. Sie schaute sich um und war begeistert. Am Fenster zu ihrer Rechten stand ein Bett, auf dem sich einladend Kissen und Decken türmten. Daneben hatte ein schmaler, ordentlicher Schreibtisch seinen Platz. Zu ihrer Linken war die Küche mit einer Spüle, Schränken und Regalen. Alles war ordentlich und sauber mit Stapeln aus Tellern, Schüsseln und Tassen. An der Rückwand, der Eingangstür gegenüber, befand sich der offene Kamin, und davor war ein klobiger, gepolsterter Sessel gerückt, wie dafür gemacht, sich mit einem Buch hineinzukuscheln. Die Raummitte nahm der Esstisch ein, auf dem ein Krug mit Fliederrispen stand. Eine kleine Holztür in der Nähe der Spüle führte vermutlich ins Bad. Von den Dachsparren hingen Sträuße getrockneter Kräuter und Blumen, und es roch nach …
»Suppe!« Andächtig hauchte sie das Wort.
Nicht nur der Duft der getrockneten Kräuter erfüllte das Cottage, sondern außerdem das würzige Aroma von … Ja, wovon? Aber es war ihr eigentlich gar nicht weiter wichtig, was genau da in dem großen Topf über dem Feuer simmerte. Köstliche, kräftige Suppe wartete auf sie! Sie machte einen Schritt auf den offenen Kamin zu, hielt dann jedoch inne. Es wäre furchtbar unhöflich, sich einfach zu bedienen! Sicher, der Gärtner hatte gesagt, sie solle etwas essen. Aber was, wenn dieses Cottage jemand anderem gehörte?
Was würde der Richter sagen, wenn Terlu nach ihrer Erlösung sofort Einbruch und Diebstahl beging?
Andererseits war der Richter nicht hier, die Suppe aber schon.
Doch, es musste das richtige Cottage sein! Oder nicht?
Einen Augenblick drückte sie sich noch bei der Tür herum. Der Kater hatte sich auf dem Sessel am Feuer zusammengerollt, die Flügel aufgefächert, damit die Federn in der Wärme besser trocknen konnten.
Schließlich gewann der Hunger die Oberhand. Die Suppe roch einfach zu gut.
Ich nehme mir nur ein ganz kleines bisschen.
Sie zog den geliehenen Mantel aus und hängte ihn zusammen mit dem Schal an den Haken bei der Tür. Dann streifte sie Schuhe und Socken ab (sie waren schon wieder nass) und tappte barfuß über die Dielen in die Küche. Dort holte sie sich ein Schälchen und nahm sich am Feuer zwei Schöpfkellen voll. Nun zögerte sie nicht länger: Sie setzte sich an den Tisch und begann zu essen.
In der großen Bibliothek von Alyssium gab es ein Stockwerk ohne Bücher. Dort befand sich die Küche. Die Köche, die dort arbeiteten, waren sehr talentiert. Nicht nur hatten sie Erfahrungen in verschiedenen Adelshäusern gesammelt, viele hatten sogar eine Zeitlang im Palast gekocht. Immerhin sollten sie Mahlzeiten für die Crème de la Crème der Zauberer zubereiten. So kamen auch die Bibliothekare in den Genuss vorzüglicher Speisen: perfekt gebratenes Fleisch, wunderbar feines Gebäck und köstliche Vanillepuddings wie aus geschmolzenem Gold. Je einsamer Terlu sich gefühlt hatte, desto häufiger hatte sie bloß Desserts bestellt, um sich zu trösten. Einmal – nach einer kaiserlichen Feier in einem der prächtigen Säle der Bibliothek – hatte sie einen übrig gebliebenenen, mit sahniger Crème gefüllten Brandteigschwan bekommen. Sie war eine richtige Naschkatze, und ein ehemaliger Liebhaber hatte gern gesagt, nicht zuletzt deswegen sei sie so wunderbar kuschelig. Dagegen gab es in ihren Augen nichts einzuwenden – schon gar nicht, wenn es bedeutete, dass ihr niemand die gefüllten Brandteigschwäne ausreden wollte. Ach, und schon auf ihrer Heimatinsel Eano hatte sie so manch fantastisches Gericht versucht! Sie brauchte nur an das Kokosnusscurry einer ihrer Tanten zu denken, bekannt dafür, erwachsenen Männern und Frauen Tränen des Glücks in die Augen zu treiben; jene Ente, bestrichen mit einer Marinade nach Geheimrezept und dann über der Feuergrube geröstet; warmes, gebuttertes Schmalzgebäck mit Drachenfruchtgelee …
Doch nun glaubte sie, noch nie etwas so Gutes wie diese Suppe gekostet zu haben.
Hat er sie gekocht?
Sie erkannte die Kräuter darin nicht, aber der Geschmack gab ihr ein beglückendes Gefühl der Geborgenheit, beinahe wie eine Umarmung. Die Suppe hatte etwas Nussiges, und die Gemüsewürfel waren zum Teil süß, zum Teil säuerlich. Die Brühe wärmte sie bis in die Zehenspitzen.
Da sie beim Essen sowieso an nichts anderes denken konnte, versuchte sie es gar nicht erst, sondern genoss bloß ihr Mahl, während der Kater am knisternden Feuer schnurrte.
Ein Blick in den Topf überzeugte sie, dass noch mehr als genug Suppe da war, also aß sie eine zweite Portion. Danach fühlte sie sich zum ersten Mal wieder ganz wie sie selbst. Sie lächelte den Kater an. Ließ den Blick durchs Cottage schweifen. Schaute auf ihr leeres Schälchen hinab und fing wieder an zu denken.
Wenn das hier das Heim des Gärtners war, würde er sicher bald eintreffen, denn er hatte ja die Suppe über dem Feuer hängen lassen. Er mochte nicht damit gerechnet haben, einen Gast bewirten zu müssen, aber nach getaner Arbeit würde er bestimmt sein Abendessen haben wollen. Also brauchte sie bloß hier auf ihn zu warten! Dann konnte sie endlich mit ihm reden und würde erfahren, wieso sie hier war. Hatte man ihr Gnade gewährt? Oder eine neue Strafe auferlegt? Und was wurde nun von ihr erwartet?
Sie wusch ihr Schälchen und ihren Löffel ab. Der Schnee, den sie hereingeschleppt hatte, war geschmolzen, und sie putzte die kleinen Lachen auf. Das dauerte nicht lange, also trat sie ans Fenster und schaute eine Weile nach draußen. Der Schneefall hatte endlich nachgelassen, und sie konnte die Gewächshäuser sehen. Vorher war es ihr nicht aufgefallen, aber während sie gegessen hatte, war die Sonne untergegangen. Draußen sank die Dämmerung herab. Bald kommt er.
Da er jedoch auf sich warten ließ, nahm sie sich schließlich Evena Therros »Handbuch für Orchideenliebhaber« vom Schreibtisch und setzte sich damit ans Fußende des Bettes – den einzigen bequemen Sessel hatte der Kater mit Beschlag belegt. Wie flaumig weich die Kissen waren! So weich, wie frisch gefallener Schnee aussah …
Sie schlug das Buch auf.
Sie hatte es nicht für möglich gehalten, dass sie einschlafen könnte, aber es wurde immer dunkler im Cottage, der Schnee flüsterte gegen die Fenster, das knisternde Feuer war himmlisch warm und das Bett unbeschreiblich gemütlich … Gegen Ende des dritten Kapitels war es um sie geschehen.