Kapitel 5 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Als Terlu erwachte, war das Cottage sonnendurchflutet, und es duftete nach Honigkuchen.
Sie setzte sich auf. Draußen glitzerte der frisch gefallene Schnee in allen Farben des Regenbogens. Benommen blinzelte sie die Kiefern und den Gewächshauskomplex an, bis ihr Gehirn sie endlich einholte: Sie war keine Statue mehr! Und sie war im Heim des Gärtners.
Als sie sich umschaute, sah sie, dass sich ein paar Kleinigkeiten verändert hatten. Der Suppentopf hing nicht mehr über dem Feuer. Ihr Schälchen und ihr Löffel waren vom Abtropfgestell geräumt worden, und auf dem Tisch stand ein Teller mit einem dicken Stück Honigkuchen. Eine Gabel und eine säuberlich gefaltete Serviette lagen daneben.
Wie nett! Augenblick mal, das ist gar nicht gut …
Der Gärtner war nach Hause gekommen, und sie war nicht aufgewacht. Die ganze Nacht über nicht. Sie hatte sogar bis tief in den Morgen hinein geschlafen. Und nichts gehört! Jetzt war niemand mehr da, nicht einmal der geflügelte Kater. Der Sessel am Feuer war leer. Was mochte der Gärtner gedacht haben, als er sie schlafend in seinem Bett gefunden hatte? Das hatte er bestimmt nicht gemeint, als er gesagt hatte, sie solle sich ausruhen! Aber geweckt hatte er sie auch nicht. Wo hatte er geschlafen? Hatte er überhaupt geschlafen? Aufgeräumt hatte er. Und er hat mir Frühstück gemacht.
Zumindest nahm sie an, dass der Kuchen für sie gedacht war. Sicher wissen konnte sie es nicht. Eine Nachricht hatte er ihr offenbar nicht hinterlassen. Was hätte auch darin stehen sollen? An die Fremde in meinem Bett. Oder: Sehr geehrte Einbrecherin. Oder: Es war mir ehrlich gesagt lieber, als du noch eine Statue warst. Sie stand auf und fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Ihr Mund fühlte sich pelzig an. Hätte sie doch eine Zahnbürste und Zahnpasta! Und wo war wohl das Klo?
»Ähm, hallo? Ich bin jetzt wach! Bist du noch da?« Natürlich war er das nicht.
Sie öffnete die schmale Tür bei der Spüle. Dahinter befand sich tatsächlich ein kleines Bad mit einem Waschtisch und einem Wasserklosett (mit einer Zugkette zum Spülen!). In der Waschschüssel stand frisches Wasser bereit, und daneben lagen ein Schwamm und ein Handtuch, das nach Rosmarin duftete. Waren die Sachen für sie – wie der Honigkuchen? Sie wollte, der Gärtner wäre geblieben. Dann könnte sie ihn fragen.
Sie fühlte sich schuldig, aber Hunger hatte sie auch. Und Honigkuchen liebte sie. Aber gestern hatte sie ihm schon seine Suppe weggegessen, nur um dann in seinem Bett einzuschlafen. Sie konnte schließlich nicht einfach davon ausgehen, dass er sie gern weiter durchfütterte. Was bin ich doch für ein furchtbarer Gast! Sollte sie ihm zum Dank eine Blaubeertorte backen? Torte mochte doch jeder! Die Zutaten würde natürlich er stellen müssen, was die Geste ihres Zwecks beraubte. Sie griff nach dem Handtuch und stellte fest, dass darunter ein Kleiderstapel lag: eine Hose aus der weichsten Wolle, die sie je berührt hatte, eine gestrickte Tunika sowie saubere Socken und Unterwäsche. Alles schien ihre Größe zu haben. Damit stand es fest: Er hatte die Sachen für sie hingelegt! Und er hatte an alles gedacht: Ein Stück Seife und ein Gefäß mit Zahnpasta gab es auch.
Terlu wusch sich, zog die wollenen Kleider an und verließ das Bad. Sie rechnete beinahe damit, dass er auf sie warten würde, aber natürlich war niemand da. Unvermittelt erfasste sie ein Schaudern. Ganz ruhig. Das hier ist bloß ein Cottage, keine Abstellkammer! Und sie stand auch nicht gelähmt auf einem Sockel, sondern konnte jederzeit nach draußen gehen.
Ihr Blick wanderte zum Sessel, und sie wünschte, der Kater wäre nicht mit dem Gärtner zusammen verschwunden.
Wie ruhig es war. Nur das Feuer im offenen Kamin knisterte leise. Es war heruntergebrannt, und sie fragte sich, ob sie ein Scheit nachlegen sollte. Oder wollte er es so haben? Schließlich ließ sie alles, wie es war, und setzte sich an den Tisch, um in der Stille ihren Honigkuchen zu essen.
Neben ihrem Teller stand ein Kännchen, und sie tränkte das Kuchenstück mit Sirup. Dann nahm sie einen Bissen. Ach, wie köstlich! Vanille mischte sich mit Honig: ein Gefühl, als streichelte der Sonnenaufgang ihre Zunge. Plötzlich machte es ihr nichts mehr aus, allein zu sein. Sie fühlte sich nicht mehr allein! Aus einem Krug auf der Anrichte schenkte sie sich Wasser in ein Glas und stellte verblüfft fest, dass es nach Erdbeeren und Pfefferminze schmeckte – mitten im Winter! Gab es etwa auch ein Gewächshaus, in dem wunderbarerweise jetzt noch Kräuter und Erdbeeren wuchsen?
Nach dem Essen räumte sie auf und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie ihm danken konnte. Sie besaß nichts, und er hatte ihr schon mit so vielem ausgeholfen. Da wollte sie nicht auch noch ohne Erlaubnis einen Bogen Papier nehmen, bloß damit sie ihm ein paar Zeilen schreiben konnte. Ich muss ihn eben finden!
Mantel und Schal hingen noch neben der Tür. Anstelle ihrer dünnen Bibliotheksschühchen stand darunter nun allerdings ein Paar Stiefel. Kurz zögerte sie, aber sie wusste noch, wie eisig ihre Füße gestern gewesen waren, also stieg sie hinein. Sie passten ihr tatsächlich. Als sie den Mantel überzog, stellte sie erleichtert fest, dass ihr nichts mehr weh tat. Eine Nacht durchzuschlafen, hatte wahre Wunder gewirkt. Hoffentlich hatte ihre Zeit als Statue ihr nicht irgendwie geschadet … Ob es wohl Studien über die langfristigen Auswirkungen von Verwandlungszaubern gab? Käme sie an die Bücher in der großen Bibliothek heran, könnte sie es leicht herausfinden, aber sie hatte das unbestimmte Gefühl, weit von den vertrauten Magazinen entfernt zu sein. Wie weit, vermochte sie nicht sagen. Wie war sie nur hierhergekommen? Hatte man sie wie einen Baumstamm auf einen Frachtkahn gehievt? War sie zusammen mit Waren verschickt worden, oder hatten die Seefahrer sie wie einen Menschen behandelt? Hatten sie gewusst, dass sie einst eine lebendige Frau gewesen war? Weshalb hatte man sie überhaupt verschifft? Sie war doch nicht grundlos auf jenen Sockel gestellt worden. Alle neuen Bibliothekare erhielten ihre Einführung im nördlichen Lesesaal. Jeder einzelne hatte ihre Geschichte erfahren, ob nun aus einem Vortrag oder hinter vorgehaltener Hand. Eine Plakette zum Lesen hatte es natürlich auch gegeben. Die Bibliothekare hatten sich fragen sollen, wieso sie zur Verbrecherin geworden war. Weshalb hatte sie so viel aufs Spiel gesetzt, so viel geopfert? Was sie getan hatte, hatte weder dem Wohl des Reiches gedient, noch hatte es ihr Ruhm oder Reichtum eingebracht. Warum sollte sich jemand verbotener Magie bedienen, nur um eine Hauspflanze mit Bewusstsein zu erschaffen? Sie fragte sich, ob je irgendjemand die unwürdige Wahrheit erahnt hatte: dass sie schlicht und ergreifend die Einsamkeit nicht mehr ertragen hatte. Doch sie hatte auch nicht kündigen und fortgehen wollen, denn sie liebte die Bibliothek und war überzeugt gewesen, dass sie dort gute Arbeit leisten konnte, wenn sie bloß eine Lösung für ihr kleines Problem fände. Außerdem hatte sie nicht kleinlaut nach Hause zurückschleichen und zugeben wollen, dass sie in der Hauptstadt nicht zurechtgekommen war. Weder ihre Eltern noch ihre übrigen Verwandten hatten gewollt, dass sie fortging. Niemand hatte verstanden, weshalb sie unbedingt ihre Berufung finden wollte – anderswo noch dazu. Vielleicht hatte also ihr Stolz sie dazu verleitet, Caz zu kreieren. Oder ein anderer Charakterfehler. Aber wie Rijes Velk vor Gericht gesagt hatte: Terlu hatte niemandem ein Leid zugefügt. Deshalb hatte sie geglaubt, es werde auch niemand Anstoß nehmen – oder auch nur etwas merken.
Aber da hatte sie sich getäuscht.
Wenn sie jetzt zurückdachte, musste sie eingestehen, dass eine sprechende Pflanze wirklich nicht gerade unauffällig war.
Aber das lag nun alles in der Vergangenheit, und sie sah sich mit einer recht unerwarteten Gegenwart konfrontiert. Es war klar, was sie zu tun hatte. Sie musste den Gärtner finden, ihm danken und sich entschuldigen. Anschließend würde sie ihn mit Fragen bestürmen und hoffen, dass er wenigstens ein paar beantwortete, bevor er wieder davonrannte. Unter anderem musste sie eines herausfinden, auch wenn sie Angst hatte: wie viel Zeit seit der Gerichtsverhandlung vergangen war.
Der Tag war kalt, aber schön. Sie holte tief Atem. Hoch oben in den Bäumen sangen die Vögel verwobene Melodien. Terlu erhaschte einen Blick auf einen Kardinal, der über den Gewächshäusern dahinflog: Leuchtend rot hob er sich von dem weißen Schnee, den grünen Kiefern und dem blauen Himmel ab.
Auf dem Weg zu den Gewächshäusern knirschte der Schnee unter ihren Sohlen. Es war wunderbar, keine nassen Füße zu bekommen! Sie trat ein und hängte Mantel und Schal auf. »Herr Gärtner? Katerchen? Guten Morgen!«
Stille begrüßte sie.
»Guten Morgen, ihr Blumen«, sagte sie, aber auch die antworteten ihr nicht.
Sie wanderte zwischen Lilien und Fliederbüschen über den Pfad und horchte. Vielleicht würde ihr irgendein Geräusch verraten, wohin sie sich wenden musste – und tatsächlich glaubte sie bald, zu ihrer Linken etwas zu hören. Ein Summen? Sie ging darauf zu.
Als sie die Tür zum nächsten Gewächshaus öffnete, wehte ihr Musik entgegen.
Das Haus war kleiner als die meisten anderen, die sie schon gesehen hatte, und achteckig. Die Blumen hier wuchsen sowohl in Töpfen als auch in Beeten: Narzissen, Rosen, Tulpen, Lilien und Orchideen; dazu Tulpenbäume, Magnolien und Hartriegel. Bäume, Sträucher und Blumen standen allesamt in voller Blüte, und die Blüten sangen, wortlos und in vollkommener Harmonie.
Es war kein komponiertes Stück. Die Musik floss dahin, immerzu im Wandel. Eine Flut von Tönen war das, die wie aus glücklichem Zufall Akkorde bildeten und sich wieder voneinander lösten. Wohlklang umströmte Terlu, plätscherte so sanft über sie hinweg wie ein Bach über Steine. Reglos stand sie auf dem Pfad, und Tränen rannen ihr über die Wangen. Warum sie weinte, wusste sie nicht recht. Ich bin am Leben. Ich habe geschlafen, mich gewaschen, etwas gegessen. Sie hatte keinen Grund zu weinen. Hör schon auf, ermahnte sie sich, aber vergebens.
Vielleicht hätte die Musik sie nicht so überwältigt, hätte sie nicht gerade an Caz gedacht, ihren lieben, verlorenen Freund.
Nun weinte sie um das Leben, das sie hatte aufgeben müssen. Sie hatte nicht alles daran gemocht, das stimmte. Aber sie hatte es sich alleine aufgebaut. Hatte sich ihre Stellung in der Bibliothek verdient, wenngleich dann nichts so gewesen war, wie sie es sich ausgemalt hatte. Und auch um Caz weinte sie. Wie ging es ihm? War er glücklich? Das hoffte sie von ganzem Herzen. Aber sie wusste nicht einmal, ob er in Sicherheit war, und würde es vielleicht auch nie erfahren. Wusste er, was aus ihr geworden war? Hatte er nach ihrer Verwandlung um sie getrauert? Hatte er erfahren, dass sie gerettet war? Dann dachte sie an ihre Familie auf Eano: ihre Eltern, ihre Schwester, die Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Wären sie doch hier, oder sie bei ihnen! Vielleicht konnte sie ihnen ja einen Brief schicken … Aber was sollte sie schreiben? Wie sollte sie erklären, was geschehen war? Möglicherweise wussten sie gar nicht, was aus ihr geworden war – dass sie alles verpfuscht hatte. Es wäre besser, sie erführen es nie.
Dann würden sie nur den Verlust ihrer Hoffnungen für Terlu beklagen müssen und sich nicht darüber grämen, dass sie zur Verbrecherin geworden war.
Das Lied der Blumen tröstete sie schließlich. Ihre Tränen versiegten, und sie holte bebend Atem. Fühlte sie sich nun besser, oder war sie bloß nasser als vorher? »Wie wunderschön!«, sagte sie laut. Sie fragte sich, ob die Blumen sie hören, ja vielleicht sogar verstehen konnten. Waren sie wie Caz? Hatten sie ein Bewusstsein? »Hallo! Ich heiße Terlu. Könnt ihr sprechen?«
Die Blumen sangen einfach weiter.
Also nicht wie Caz.
Terlu ging durchs Gewächshaus und zählte die pflanzlichen Sänger. Dreiundsechzig … Moment, da war noch eine kleine blaue Glockenblume in einem pinken Topf, die mit hellem Sopranstimmchen trällerte. Sie stand unter einem Hartriegelbusch, der sanft im Bariton säuselte. Vierundsechzig, was für eine beeindruckende Zahl! Sie kniete bei der Glockenblume nieder und bewunderte, wie sich die kelchförmige Blüte weitete, wenn sie einen ihrer kristallklaren Töne sang.
Um einen solchen Chor würde einen der Kaiser selbst beneiden!
Wer hatte die Blumen verzaubert? Nur ein fähiger Magier konnte dafür verantwortlich sein. Der Gärtner? Er hatte Terlu zurückverwandelt, behauptete aber, mit Zauberei nichts am Hut zu haben. Hatte er sie angelogen? Aber wieso hätte er das tun sollen? Zauberern war es nicht verboten, Magie zu wirken. Wäre er einer, wäre es klüger, die Wahrheit zu sagen. Also stimmte es wohl. Aber wenn er den Blumenchor nicht erschaffen hatte, wer dann?
Sie verließ das Gewächshaus der singenden Blumen durch eine Tür, auf die Noten gemalt waren.
Dass die Klimazonen der Häuser sich so stark voneinander unterschieden, war ebenfalls ein Wunder. Und jedes einzelne war offenbar vollkommen isoliert! Hitze, Kälte, Feuchtigkeit – nichts drang von einem Gewächshaus ins nächste. Nicht einmal, wenn eine Tür offen stand! Auch das musste einem Zauber zu verdanken sein. Und zwar einem äußerst komplizierten. Wie der, mit dem die singenden Blumen erschaffen worden waren, bloß zweckmäßiger.
Im nächsten Haus war es heiß, trocken und still. Die Beete bestanden aus Sand. Die verschiedenartigsten Kakteen wuchsen darin: Große Sukkulenten streckten die Arme zur Decke; kleine stachelige Knollen lugten gerade so aus dem Boden. Manche trieben zwischen den Stacheln sternförmige gelbe Blüten. Einer war ganz von rosaroten Trompetenblüten besetzt. Auf einer Art stacheligem Baum hockte ein kaninchengroßer Greif. Er brüllte wie ein kleiner Löwe und flog zur Decke auf. Ob er wohl mit dem geflügelten Kater befreundet war?
Hier fand sie die Tür leicht. Das nächste Gewächshaus war angenehm warm. Überall standen Bäumchen in großen Holztöpfen. Waren das Obstbäume? Oh, ob wohl Orangenbäume darunter waren? Man stelle sich vor: frische Orangen so kurz vor der Wintersonnenwende! Auf ihrer Heimatinsel gab es fantastische Orangenhaine, aber die Früchte wurden im Frühling reif. Terlus liebste Winterfestsüßigkeit waren kandierte Orangenschnitze mit Schokoladenüberzug. Vor ihrer ersten Wintersonnenwende in Alyssium hatte sie die ganze Stadt nach einem Konditor abgesucht, der diese Leckerei verkaufte. Schließlich hatte sie einen gefunden, der Schokolade mit Orangenlikör anbot, aber das war nicht dasselbe gewesen.
Gespannt öffnete sie die nächste Tür. Was mochte dahinter auf sie warten? Doch ihr Blick fiel weder auf prächtiges Grün noch auf eine kleine Sonne oder einen Greifen. Stattdessen breitete sich ein Pflanzenfriedhof vor ihr aus. Der Gegensatz war so schroff, dass ihr ein Laut des Schreckens entfuhr. Weiß blieb ihr Atem in der Luft hängen. Sie schlang die Arme um sich.
Durch die Fensterwände und sogar durch die Kuppel zogen sich Sprünge. Manche Scheiben waren sogar ganz herausgefallen, und Schnee überstäubte die Beete voll spröder, verkümmerter Pflanzen und herabgefallener Glasscherben. Braune, ausgedörrte Ranken hingen mit Reif bedeckt von Säulen, und in Töpfen mit knochentrockener Erde standen gebeugt die Überreste von Setzlingen.
Was in aller Welt war hier geschehen?
Die anderen Gewächshäuser waren doch so voller Leben gewesen! Terlus Schritte knirschten im Schnee. Es war eisig und totenstill. Im angrenzenden Haus war es dasselbe; die eingegangenen Pflanzen boten einen jammervollen Anblick. Terlu war fassungslos.
Wie hatte der Gärtner das nur zulassen können?
Sie lief von einem zerstörten Gewächshaus ins nächste. Schließlich konnte sie es nicht mehr ertragen und kehrte um. Hätte sie geahnt, dass so ein großer Teil des Komplexes aufgegeben worden war, hätte sie sich erst einmal den geliehenen Mantel geholt.
Die Stille war drückend. Fünf tote Häuser hatte sie gesehen, aber wer konnte sagen, wie viele es noch gab? Sie ging schnell, und nicht nur weil sie fror. Es kam ihr so vor, als störte sie die Ruhe von Gräbern. Sie hatte hier nichts verloren! Aufgeregt schlug ihr Herz, und sie atmete immer flacher.
Endlich kam sie wieder in das erste Haus, das sie in diesem furchtbaren Zustand vorgefunden hatte. Sie war beinahe wieder in der Welt der Lebenden! Zu ihrer Überraschung sah sie, dass der Gärtner ihr entgegengeeilt kam.
Sie lächelte erleichtert und wollte ihm einen Gruß zurufen, doch er war schneller.
»Du hast hier nichts verloren!«, fuhr er sie an.
Ach, so ein herzlicher Mensch! Sie hatte gehofft, der Honigkuchen und die Wollsachen wären als Friedensangebot zu verstehen gewesen, vielleicht sogar als Entschuldigung, weil er sie erst im Winterwald alleingelassen und dann im Rosenhaus abgewimmelt hatte – aber da hatte sie sich wohl geirrt. »Verzeihung. Ich wusste nicht …«
»Komm, hier ist es gefährlich.« Er scheuchte sie durch die Tür zurück ins Kakteenhaus. Die warme Luft breitete sich wie eine Decke über sie. Sofort strich ihr der geflügelte Kater um die Knöchel. Sie ging in die Hocke und streichelte ihn.
»Er hat vor der Tür gejault, bis ich angelaufen gekommen bin«, sagte der Gärtner.
»Du hast dich um mich gesorgt?«, fragte Terlu den Kater. »Wie lieb! Aber ich war schon auf dem Rückweg.« Der Kater breitete die Flügel aus und sprang ihr auf den Arm. Mit ihm stand sie auf.
»Du hättest da wirklich nicht reingehen sollen«, murrte der Gärtner. »Diese Häuser sind einsturzgefährdet. In einigen ist schon die Decke runtergekommen.« Finster starrte er die Tür an, als würde er es ihr übelnehmen, dass sie Terlu durchgelassen hatte.
Bei der Vorstellung, eine der mächtigen Glaskuppeln hätte auf sie herabstürzen können, schauderte sie. Der Kater entwand sich ihr, stieg auf ihre Schultern und mimte wieder den Pelzkragen. »Vielleicht solltest du ein Schild aufstellen. Oder die Tür abschließen!«
»Außer mir ist ja niemand hier«, erwiderte er. Den Nachsatz sprach er zwar nicht aus, aber sie hörte ihn dennoch: Und ich bin ganz sicher nicht so dumm. »Na ja, abgesehen von Emeral, aber der kriegt keine Türen auf.«
»Emeral?« Ha! Hatte sie es doch gewusst. Es musste noch jemand hier sein, sonst gäbe es die singenden Blumen nicht. Vielleicht konnte dieser Emeral ihr ja sagen, wie es jetzt weitergehen sollte! »Ist das der Zauberer?«
»Der Kater.« Er deutete auf ihren Kragen, der ihr ins Ohr schnurrte.
Na schön, dann gab es eben keinen unbekannten, aber hilfsbereiten Zauberer. »Hallo, Emeral. Ich bin Terlu Perna.« Sie blickte den Gärtner an und wartete darauf, dass er sich nun endlich selbst vorstellen würde. Als er schwieg, fragte sie: »Und wie heißt du?«
Er wirkte überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass sie sich für seinen Namen interessieren könnte. »Yarrow. Yarrow Verdane.«
Wenn das kein Fortschritt war! Zumindest doch ein kleiner. »Schön, dich kennenzulernen, Yarrow. Danke, dass du mir das Leben gerettet hast! Und für die Suppe, den Honigkuchen, die Kleider und die ungestörte Nacht in deinem Bett.«
Er zuckte mit den Schultern und hob seine Tasche mit Gartengeräten auf. Er wollte sich schon wieder davonmachen! Aber dieses Mal ließ sie sich nicht überrumpeln. Sie hielt Schritt mit ihm.
»Was stimmt mit den Gewächshäusern nicht?«, erkundigte sie sich.
»Ihre Magie ist versiegt.«
»Wieso?«
»Ist einfach passiert.«
»Hat niemand versucht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen?«
Er blieb stehen. »Das solltest du machen!«
Sie schaute ihn groß an. »Ich?« Wieso denn das? Sie wusste nichts darüber, wie man magische Gewächshäuser wieder instand setzte! Soweit sie sich erinnerte, hatte sie nie auch nur ein gewöhnliches besucht … Es sei denn, Blumenläden zählten? Aber das glaubte sie nicht. Der Maßstab war ein ganz anderer. »Warum ausgerechnet ich?«
Wieder zuckte er mit den Schultern. »Ich habe in die Hauptstadt geschrieben, weil ich hier einen Magier brauche, der die Zauber stärkt. Fast ein Jahr habe ich auf Antwort gewartet. Und dann … Dann haben sie dich geschickt. Aber es muss wohl ein Fehler passiert sein, denn du sagst ja, dass du keine Zauberin bist.«
Ein Fehler. Das tat weh. Wieder einmal war sie unerwünscht. Sie musste daran denken, wie ihr klargeworden war, dass sie auf Eano keine Zukunft hatte – sie war dort einfach nicht gebraucht worden. Natürlich war das hier etwas anderes. Es war albern, dass sie sich zurückgewiesen fühlte, denn es ging Yarrow ja gar nicht um sie persönlich. Er brauchte eben einen Zauberer, der dafür sorgte, dass die Gewächshäuser heil, klimatisiert und fruchtbar blieben.
Und passte es nicht eigentlich ganz gut ins Bild? Ihr ganzes Leben war von Fehlern geprägt gewesen. Einer nach dem anderen: Zuerst hatte sie ihre Heimat in der vagen Hoffnung verlassen, anderswo eine lohnende Aufgabe zu finden; dann hatte sie sich eingebildet, sie könnte in der großen Bibliothek von Alyssum bestehen; und zuletzt war sie noch so unklug gewesen, Caz zu erschaffen.
Nein, unklug war es lediglich, sich erwischen zu lassen! Der Zauber selbst war kein Fehler.
Sie atmete tief durch und stellte dann die Frage, die sie sich bisher aus Angst verbissen hatte. »Könntest du mir vielleicht sagen … Ich meine, ich wüsste gern … Welches Jahr haben wir?«
Yarrow sah sie merkwürdig an. »Das Jahr des Kaisers 857.«
Etwas Ähnliches hatte sie ja befürchtet. So lange hatte sie auf ihrem Sockel gestanden … Die Tage waren ineinandergeflossen, und in der Nacht hatte sie sich oft gefragt, ob es noch oder schon wieder finster war.
Sie hatte gewusst, dass mehr als ein Jahr vergangen war. Drei Jahre, hatte sie geschätzt. Höchstens vier.
Doch dass es sechs gewesen sein sollten! Das traf sie nun doch unerwartet.
Plötzlich zitterte sie. Sechs Jahre! Vermutlich war sie als Statue nicht gealtert, aber ihre Eltern und alle Menschen, die sie kannte … War Rijes Velk nach wie vor oberste Bibliothekarin? Waren ihre Kollegen noch vollzählig? Was war in der Welt geschehen, während sie geschlafen hatte? Ging es ihren Angehörigen gut? Was hatte sie verpasst?
»Ist alles in Ordnung?« Zum ersten Mal klang Yarrow freundlich.
Nimm dich zusammen! Sie ballte die Fäuste so fest, dass sich ihre Nägel in die Handflächen bohrten, und brachte ein Lächeln zustande. »Sicher.«
Er schien ihr nicht zu glauben.
Abrupt wechselte sie das Thema. »Was ist aus dem Zauberer geworden, der all das hervorgebracht hat?« Sie machte eine ausladende Geste, die den ganzen riesigen Komplex einschließen sollte. Emeral maulte, und sie kraulte ihn. Er drückte den Kopf in ihre Hand und machte es sich wieder bequem. Seine Federn kitzelten sie am Hals.
»Er ist verstorben«, sagte Yarrow.
»Das tut mir leid.«
Er zuckte bloß wieder mit den Schultern.
Wortlos hockte er sich vor ein Kaktusbeet. Er steckte den Zeigefinger in den Sand, zog ihn heraus und versenkte ihn erneut, aber nun ein Stück weiter links. Dann erst merkte er, dass sie ihn anstarrte.
»Ich muss wissen, ob es Schwankungen gibt. Ob der Boden feuchter wird. Aber es ist alles bestens.«
»Ach so! In den anderen Gewächshäusern … Denen, die jetzt Ruinen sind …«
»Wenn die Magie wirklich versagt, ist das künstliche Klima ganz schnell dahin. Und du siehst ja, wie groß die Häuser sind. Ist es erst einmal kalt …« Sie hörte den Schmerz in seiner Stimme. »Ich hab so viele Pflanzen gerettet, wie ich nur konnte. Aber viel zu vielesind gestorben …«
Terlu wusste nur zu gut, wie schrecklich es war, bei etwas Wichtigem zu versagen. »Das tut mir leid«, wiederholte sie. Sie hätte gern mehr gesagt, aber ihr fiel nichts ein. Hoffentlich hörte er das ehrliche Mitgefühl heraus.
Dieses Mal reagierte er auf die Worte. Er schaute zu ihr auf. »Danke.«
Sie bedauerte, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie helfen sollte. Wäre sie doch eine Zauberin! Wenn sie wenigstens ein bisschen mehr übers Gärtnern wüsste! »Wie viele Häuser …«
»Mehr als die Hälfte. Von den dreihundertfünfundsechzig sind mittlerweile einhunderteinundneunzig verfallen. Aus manchen konnte ich die Pflanzen noch herausholen. Aber längst nicht aus allen … Ich brauche einen Zauberer, der die Sprüche erneuert! Ich selbst kann es nicht.«
Aber wie er sich wünscht, er könnte es! Sie wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, vielleicht sogar seine Hände nehmen – aber dafür kannte sie ihn nicht gut genug. Sie wusste gerade mal, wie er hieß! Manche Leute fanden Berührungen tröstlich; andere konnten sie nicht gut aushalten. »Wenn ich irgendwas tun kann …«
»Du warst meine letzte Hoffnung«, sagte er.
Das zerriss ihr das Herz. »Ich …«
Er stand auf und winkte ab. »Es ist nicht deine Schuld.«
Emeral rieb seine Wange an ihrer und schnurrte lauter, als spürte er, wie aufgewühlt sie war. Natürlich wusste sie, dass Yarrow recht hatte. Sie hatte den Gewächshäusern nicht geschadet, und sie hatte auch nie behauptet, Zauberin zu sein. Und doch …
»Belde wird nicht regelmäßig angefahren«, sagte Yarrow, »aber in der Nähe gibt es eine Meeresstraße. Wenn ich eine Flagge hisse, kommt ein kleines Handelsschiff vorbei. Die Kapitänin kennt mich. Ich bezahle dir die Überfahrt. Du kannst dich nach Hause bringen lassen … Oder wohin du sonst willst.«
Terlu war sprachlos. Hätte jemand ihr dieses Angebot am Tag ihrer Verurteilung gemacht, sie hätte nicht lange gezögert. Um ihrem schrecklichen Schicksal zu entrinnen, wäre sie überall hingegangen, erst recht, wenn sie Caz hätte mitnehmen können. Doch jetzt, da sie frei war … Sechs Jahre, dachte sie wieder.
Ganz leise sagte sie: »Ich werde nirgends erwartet.«