Kapitel 7 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Eigentlich hätte Terlu genau die Richtige sein müssen, um ein kluges und höfliches Gespräch mit einer sprechenden Rose zu beginnen. Immerhin hatte sie selbst ein Spinnenkraut mit Bewusstsein erschaffen! Und doch war sie nun vollkommen aus der Fassung. »Du lebst ja!«
»Ach du lieber Himmel«, stöhnte die Rose. »So eine bist du also!« Sie wedelte mit ihren Blättern, die auch grün noch feiner Spitze glichen, und sagte mit hohem Stimmchen: »Wahnsinn, eine sprechende Pflanze! Wie ist das nur möglich? Sie hat doch keine Kehle! Und keine Lunge! Nicht einmal Lippen hat sie! Wie kann sie da reden?«
»Das hängt mit einem äußerst komplizierten Zauber zusammen«, erklärte Terlu mechanisch. »Man braucht dafür siebzehn verschiedene Zutaten und muss fehlerlos fünf Zeilen zitieren, die in der ersten Sprache verfasst sind. Falls du das wirklich wissen wolltest! Ähm. Eigentlich meinte ich was anderes … Wie hast du so lange ohne Wasser, frische Erde und Sonnenlicht überlebt?«
Die Rose ließ kleinlaut die gefiederten Blätter sinken. »Oh, das tut mir jetzt aber leid. Ich dachte, du meintest … Na ja, egal! Wenn’s sein muss, kann ich etliche Jahre Trockenruhe halten. Ich bin eine Auferstehungsrose und heiße Lotti!«
»Angenehm! Ich bin Terlu.« Sie gab sich die größte Mühe, Lotti nicht weiter zu begaffen. Nie hätte sie gedacht, so bald wieder eine Pflanze mit Bewusstsein zu treffen! Sie waren selten. War es Schicksal? Oder hatte das Universum einen verkorksten Sinn für Humor?
»Du hast gefragt, wie ich so lange überleben konnte. Wie lange habe ich denn geschlafen? Wie viele Jahre?«
Eine wichtige Frage. Terlu konnte sehr gut nachempfinden, wie Lotti sich fühlen musste. Sechs Jahre, dachte sie abermals. Wenn man sich die Werkstatt so ansah, könnte in Lottis Fall noch mehr Zeit vergangen sein. Wäre Yarrow doch nicht so zugeknöpft! »Leider kann ich das nicht beantworten. Ich bin selbst erst seit kurzem hier. Tatsächlich bin ich nicht einmal sicher, wo genau wir hier überhaupt sind!« Kurz fragte sie sich, wie viel sie der kleinen Rose erzählen sollte. Aber was konnte es schaden? »Ich bin nämlich auch gerade erst wiederauferstanden.«
»Ich weiß zwar nicht, was das heißen soll«, sagte Lotti, »denn du bist ein Mensch und nicht wie ich. Aber es kümmert mich auch nicht groß. Lass uns mal lieber Laiken suchen gehen. Bestimmt kann er das alles aufklären.«
»Laiken?« Einen Moment war sie verwirrt. War das der Gärtner? Nein, Unsinn, der hatte sich doch als Yarrow vorgestellt! Wusste er von Lotti? Und wenn ja, warum hatte er sie in einer verlassenen Werkstatt vertrocknen lassen?
»Aber du kennst doch Laiken! Hat ’nen buschigen Bart, kämmt sich nie … Der mächtige Zaubermeister, der die wundervollen Gewächshäuser auf Belde erschaffen hat!«
Also wirklich nicht der Gärtner. Terlu hatte noch nie von einem Zauberer namens Laiken gehört, und die Beschreibung sagte ihr auch nichts. Außer Yarrow hatte sie auf der Insel noch niemanden gesehen. Aber wenn Lotti den Schöpfer der Gewächshäuser meinte … Du weißt nicht, ob das wirklich der Zauberer ist, von dem Yarrow gesprochen hat, ermahnte sie sich. Sie konnte der Rose doch nicht sagen, er sei tot, wenn sie gar nicht sicher war!
Lotti schüttelte sich kräftig. Dann setzte sie ihre farnwedelartigen Blätter wie Beine ein und hüpfte ein gutes Stück in die Luft. Über den Topfrand schaffte sie es jedoch nicht. »Uff. Noch ein Versuch!« Sie kauerte sich zusammen, schloss fest die violette Rosenblüte und katapultierte sich in die Höhe. Dabei riss sie die Blüte weit auf und spreizte alle Blätter. Dieses Mal schaffte sie es beinahe.
»Soll ich dir helfen?«, bot Terlu an.
»Nein, ich pack das!« Beim dritten Versuch wirbelte sie die Blätter im Kreis, als wollte sie Schwung holen. Sie kam nur halb so hoch.
Beim vierten Versuch kletterte sie und benutzte ihre Blätter dabei wie Arme.
»Wirklich, ich könnte dich einfach rausheben …«
»Nichts da!«, keuchte Lotti. »Wenn du bitte wegschauen würdest …«
Höflich wandte Terlu sich ab. Ihr wurde immer unbehaglicher zumute. Natürlich war sie froh, dass Lotti das Wasser geholfen hatte! Niemand sollte ein derartiges Unleben ertragen müssen. Aber …
Hätte sie doch jemand anderes geweckt!
Jeder Richter, der Lotti zu Gesicht bekäme, würde auf Grund von Terlus Vorgeschichte äußerst misstrauisch sein. Würde ihr irgendjemand glauben, dass sie nicht gezaubert hatte? Es war ja schon ein sonderbarer Zufall! Jeder Außenstehende musste annehmen, sie hätte, kaum von ihrer Strafe erlöst, denselben Fehler noch einmal gemacht. Man würde sie direkt wieder im nördlichen Lesesaal aufstellen. »Ich hatte nichts damit zu tun!«, würde wie eine plumpe Lüge klingen, da es sich um dasselbe Verbrechen handelte, das sie bereits verübt hatte! Sogar ich selbst würde mich für schuldig halten.
Schon die Strafe für ihr erstes Vergehen war streng gewesen. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, was eine Wiederholungstäterin erwartete. Aber allein der Gedanke, in eine Statue zurückverwandelt zu werden, ihre kostbare zweite Chance schon wieder zu verlieren …
Niemand darf erfahren, dass ich etwas mit Lottis Wiederauferstehung zu tun hatte.
Zum Glück waren sie allein und …
Die Tür flog auf. Yarrow stand auf der Schwelle. »Findet man dich denn immer da, wo du nichts zu suchen hast?«, fragte er gereizt.
Erschrocken schrie Terlu auf. Und dann überwältigte sie die Angst. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis wie ein Windrad im Sturm: Ich ertrage das nicht noch einmal – ertrage es nicht – unmöglich, unmöglich, unmöglich! Ihr war, als schlösse sich eine Hand um ihre Kehle. So hatte es sich angefühlt, als der alte Magier den Bann auf sie gelegt hatte. Und, oh, sie erinnerte sich, wie ihre Glieder erstarrt waren, an die Trockenheit im Mund, in den Augen … Ihr Herzschlag hatte sich verlangsamt, immer weiter verlangsamt, obwohl die Panik in ihrer Brust herumgeflattert war …
Sie schubste die kleine Rose zurück in den Topf. »Bitte sei still«, zischte sie. »Ich komme wieder, versprochen!« Dann fuhr sie zu Yarrow herum. Ein Schwall Worte stürzte ihr aus dem Mund. Ihre Stimme war dünn und piepsig. Albern. »Aber natürlich, du hast ganz recht! Es tut mir leid, ich habe hier wirklich nichts verloren. Wie dumm von mir!« Sie eilte durch die Werkstatt, packte Yarrow am Arm und zog ihn mit sich aus dem Turm.
Er darf Lotti nicht sehen …
Was konnte sie tun, um ihn abzulenken?
Ich könnte ihn küssen!
Das würde ihn bestimmt ablenken! Aber nein, was für ein absurder Gedanke. Sie kannte ihn doch kaum! Bloß weil seine goldenen Lippen so einladend aussahen … Nein. Was dann? Was hatte sie noch gleich tun sollen? Ach ja, sich ein Cottage aussuchen! »Das hier ist gar kein Wohngebäude … Eindeutig nicht! Ich weiß nicht, was ich hier überhaupt wollte. Für mich ist das nichts! Aber ich habe ein vielversprechendes Cottage gefunden.«
»Sehr schön.« Er starrte auf ihre Hand hinab.
Unwillkürlich tat sie es ihm nach. Da ging ihr jäh auf: Sechs Jahre war es her, dass sie zum letzten Mal jemanden berührt hatte. Gut, sie war ihm im Gewächshaus um den Hals gefallen, aber davon abgesehen … Sein Arm fühlte sich durch den Stoff seines Mantels hindurch robust an. Muskulös. Wahrscheinlich schaufelte er viel. Oder schleppte er Säcke voll Erde? Sie wusste nicht genau, worin die tägliche Arbeit eines Gärtners bestand. Hatte sie wirklich erwogen, ihn zu küssen? Was in aller Inseln Namen hatte sie sich nur dabei gedacht? Wie lange ist es erst her, dass ich jemanden geküsst habe?
Ein Augenblick verstrich.
Sie schwiegen beide.
Terlu nahm die Hand von Yarrows Arm. »Ich zeig’s dir.« Es klang zittrig. Hoffentlich merkte er nichts! Schnell stapfte sie auf die Straße zu.
Er rührte sich nicht.
Kurz glaubte sie, alles verdorben zu haben. Er würde zurück in die Werkstatt gehen, die sprechende Rose entdecken – und weil sie fluchtartig nach draußen gerannt war, würde er sich dann seinen Teil denken. Bestimmt glaubt er mir kein Wort mehr!
Sie hätte gar nicht versuchen sollen, die Rose zu verstecken.
Was würde Lotti nun von ihr halten? Terlu hatte sich jetzt ebenso unhöflich benommen wie Yarrow: Sie war ohne Erklärung davongestützt. Ich habe das alles ganz falsch angepackt.
Leider wusste sie nicht, wie sie die Sache wieder hinbiegen sollte. Zumindest würde sie ein wenig warten müssen … Sobald Yarrow das Weite gesucht hatte (was jetzt fraglos jeden Moment passieren würde), konnte sie zurück zu Lotti laufen und sich entschuldigen. Sie würde ihr alles erklären: was sie verbrochen hatte und wie sie bestraft worden war. Vielleicht würde Lotti sie ja verstehen.
Bisher war sie allerdings noch nicht auf viel Verständnis gestoßen. Sie erinnerte sich gut daran, wie die Leute sie angeschaut hatten: missbilligend, enttäuscht, bedauernd. Besonders ihre Kollegen hatten sie bemitleidet. Ob wohl jemand ihre Familie benachrichtigt hatte? Bis zu ihrer Verhaftung hatte sie jede Woche nach Hause geschrieben, wenn auch manchmal nur ein paar Zeilen. Dass sie Zitronentee getrunken und an Eano gedacht hatte. Oder sie war über ein Geschäft mit ausgefallenem Werkzeug gestolpert – wäre das nicht interessant für Cerri? Ein bestimmtes Gericht war ihr eingefallen – könnte sie vielleicht das Rezept haben? Und einmal hatte sie einen Straßenkünstler gesehen, der wunderschön mit Seidenschals getanzt hatte.
Hatten sie sich über ihr plötzliches Schweigen gewundert? Waren sie über ihr Schicksal in Kenntnis gesetzt worden? Beinahe hoffte sie, es wäre nicht so und ihre Eltern glaubten, sie sei eines natürlichen Todes gestorben – an einer Krankheit oder durch einen Unfall. Denn wäre das nicht besser, als zu wissen, dass ihre Tochter ihren eigenen Untergang herbeigeführt hatte?
Yarrow ging nicht wieder hinein. Stattdessen zog er die Tür zu, schloss ab und hängte den Schlüssel wieder an seinen Haken. Wieso machte er sich überhaupt die Mühe? Sprang die Tür sonst wieder auf? Vielleicht soll es ja Leute wie mich davon abhalten, einfach reinzumarschieren. Er kam auf sie zu, und sie atmete leichter. Es gelang ihr sogar, ihn anzulächeln. Zusammen gingen sie zurück, und sie schwatzte dabei auf ihn ein: Welche Cottages ihr besonders gefallen hatten, in welchem der Greifenschwarm lebte und wie sie ihr neues Heim herrichten wollte.
»Ich habe einen Kaminbesen«, sagte er. »Und eine Leiter auch.«
»Großartig!« Sie lief auf das kleine blaue Cottage zu. »Das hier ist es! Was meinst du?« Sie schaute sich nach ihm um und sah gerade noch einen schmerzlichen Ausdruck über sein Gesicht huschen. Gleich darauf hatte er sich wieder Griff.
»Bist du dagegen?«, fragte sie.
»Keineswegs. Es ist eine gute Wahl.«
»Ich kann mir auch ein anderes aussuchen.«
»Es gehört dir.« Er wandte sich ab und marschierte davon. Dieses Mal würde sie ihn gehen lassen. Sie musste erst zurück zu Lotti und dann rasch mit der Arbeit beginnen.
Sie blickte zum Himmel auf. Die Sonne war ein gutes Stück hinter die Kiefern gesunken. Ihre Schatten wuchsen bereits. Sie würde es nie schaffen, den Kamin zu fegen und den Herd zu befeuern, bevor es dunkel wurde. Sie sollte Yarrow um eine Laterne bitte. »Yarrow …«
»Kommst du nicht mit?« Er schaute sich zu ihr um.
»Äh … Was? Wohin denn?« Er wollte wohl doch nicht wie üblich verschwinden?
»Du kannst hier nicht übernachten. In das Cottage muss man erst mal ein paar Tage Arbeit stecken … Vielleicht sogar Wochen, falls es durchs Dach regnet. Oder kennst du dich mit Dächern aus?«
Nicht wirklich. Sie schloss zu ihm auf. »Ich kann’s bloß versuchen.«
Er brummte.
Stumm gingen sie nebeneinander her. Er nahm sie mit zurück in sein Cottage! Sie ging die vielen Fragen in ihrem Kopf durch und entschied sich schließlich für die neuste. »Wem hat denn das blaue Cottage früher gehört?«
»Meiner Schwester.«
»Ach … Wo ist sie denn?«
Yarrow zuckte mit den Schultern, den Blick gesenkt.
Erschrocken riss Terlu die Augen auf. »Wie schrecklich! Das tut mir aber leid …«
»Nein, nein. Sie ist nicht … Sie ist mit den anderen von hier fortgegangen. Früher hat sie mir Briefe geschrieben … Ihr geht’s gut.« Sie waren bei seinem Cottage angelangt. Er öffnete die Tür für sie, und sie trat ein.
Und blieb wie festgewurzelt stehen. Sie sah sofort, was anders war: Er hatte ein zweites Bett zwischen seins und den Schreibtisch gezwängt. Kissen und Decken häuften sich darauf. Ganz oben auf dem Berg lag der geflügelte Kater, die smaragdgrünen Schwingen um sich gelegt. Kurz blinzelte er sie an, dann legte er eine Pfote über die Nase.
Yarrow schloss die Tür hinter ihnen und hängte seinen Mantel auf. »Besonders luxuriös ist es nicht, aber das Bettzeug ist sauber. Oder zumindest war es das, bevor Emeral Fell und Federn darüber verteilt hat.«
Er klang verlegen. Sie kam aus dem Staunen nicht heraus. Sie hatte sich so abgewiesen gefühlt! Aber seiner schroffen Art zum Trotz hatte er ein zweites Bett in sein Cottage geschleppt und es so gemütlich hergerichtet, dass Emeral es bereits zum Schlafplatz auserkoren hatte! Sie hatte geglaubt, er wolle sie sich vom (prächtigen goldenen) Leib halten, sie am liebsten loswerden, wenigstens aber so viel Abstand zu ihr halten wie möglich. Doch das hier … Das war echte Freundlichkeit. Sie schluckte schwer. Es war schon eine Weile her, dass jemand so nett zu ihr gewesen war. Länger als sechs Jahre. In Alyssium hatte sie alles darangesetzt, freundlich und liebenswert zu sein, Anschluss zu finden, jemandem nützlich zu sein, aber immer wieder war ihr gesagt worden: Bemüh dich doch nicht so. Du bist echt verkrampft. Entspann dich mal ein bisschen. Sei einfach du selbst! Ein Rat, den sie offenbar nicht befolgen konnte. Unlängst (zumindest war es vor sechs Jahren unlängst gewesen) war sie mit einer Bibliothekarin ihres Alters aus dem dritten Stock zum Teetrinken gegangen. Eilia hatte lila-weiß gesträhntes Haar und eine Schwäche für Ingwerplätzchen gehabt. Aber Terlu hatte sie zu sehr bedrängt. Sie hatte Eilia zum dritten Mal in einer Woche gefragt, ob sie etwas unternehmen wolle, und ihr dazu noch ein Blech Ingwerplätzchen mit geriebener Orangenschale gebacken. Das ist mir alles zu viel, hatte Eilia da gesagt. Nimm’s nicht persönlich, aber im Augenblick habe ich weder die Kraft noch die Zeit für jemanden, der so viel Aufmerksamkeit braucht. Aber wie hätte Terlu das nicht persönlich nehmen sollen? Kurz darauf war sie über den Spruch gestolpert, mit dem man einer Pflanze ein Bewusstsein verleihen konnte … Aber genug davon. Was Yarrow getan hatte, war wirklich nett. »Danke schön.«
Er schaute weg. »Wenn dir das lieber ist, kann ich auch im Gewächshaus übernachten. Das wäre kein Problem. Hab ich schon öfter gemacht.«
»Aber ich kann dich doch nicht aus deinem eigenen Cottage werfen!«
»Ich bin ein Fremder für dich.«
Fröhlich entgegnete sie: »Ein Fremder ist bloß ein Freund, den man noch kennenlernen muss.« Dann schauderte sie. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? So redete man mit Vierjährigen, nicht mit erwachsenen Männern, die ab jetzt neben einem schlafen würden!
Einen Augenblick mal …
Sie würde wirklich dicht neben ihm liegen! In dem winzigen Cottage ließ sich das gar nicht vermeiden. Heiß schoss ihr das Blut ins Gesicht. »Als ich noch klein war, haben im Winter immer alle Kinder des Dorfes um den Ofen des Gemeinschaftshauses herum geschlafen. Ich dachte damals, das wäre so, damit wir zusammenbleiben konnten, aber mittlerweile glaube ich, dass es so für die Erwachsenen leichter war. Sie mussten nicht so viele verschiedene Zimmer beheizen. Diese Nächte gehören jedenfalls zu meinen schönsten Erinnerungen.«
»Hmm.« Das sagte nicht viel, war aber besser als nichts.
Ermutigt fuhr Terlu fort: »Du hast doch von deiner Schwester erzählt.« Vielleicht konnte er einfach so tun, als wäre sie zurück … Vorausgesetzt, er konnte sie gut leiden. Ob er wohl schöne Erinnerungen an sie hatte?
»Hm.« Er ging in die Küche. »Magst du Zucchini?«
»Was?«
»Zucchini.« Er warf ihr einen hoffnungsvollen Blick zu. »Eine Unterart des Gartenkürbisses. Man muss sie ernten, wenn die Kerne noch unreif sind … Ich esse sie gern mit schwarzem Pfeffer angebraten.«
Zucchini kannte sie nicht. Und einen so abrupten Themenwechsel hatte sie noch nie erlebt! Aber wenn er nicht über seine Schwester sprechen wollte, war das in Ordnung. Sie würde nicht weiter nachbohren. »Das klingt köstlich. Kannst du hier das ganze Jahr über Gemüse ziehen?«
Seine Miene hellte sich auf. »Vier Gewächshäuser beherbergen essbare Pflanzen, und in jedem herrscht eine andere Jahreszeit – in einem ist daher immer Ernte.« Während er redete, schnitt er die Zucchini in Scheiben, die in Terlus Augen wie mattgrüne Gurken aussahen. »Außerdem gibt es ein Tomatenhaus. Tomaten sind genau genommen Früchte, auch wenn sie in Rezepten nicht so behandelt werden.«
»Ein ganzes Gewächshaus nur mit Tomaten?« Sie hätte sich lieber anderen Themen zugewandt, war aber froh, dass er überhaupt etwas sagte. Er wurde richtig lebhaft, wenn er von seinen Gewächshäusern erzählte. Nun klang er gar nicht mehr unwirsch, sondern hellauf begeistert. Es war zugegebenermaßen bezaubernd.
»Und ob! Sie sind einmal der Form nach sortiert: rund, oval, platt. Als da wären gewöhnliche Tomaten, Fleisch-, Kirsch-, Trauben-, Pflaumen- oder Ochsenherztomaten. Und dann noch nach Strauch- und Rispentomaten. Wir haben alle Sorten hier, die es im Mondsichel-Inselreich gibt, das sind dreitausendsiebenhundertsechs. Einer meiner Cousins konnte die Sorte nach dem Geschmack bestimmen.«
Wie beruhigend seine Stimme war! Dazu das Knistern des Feuers. Es war herrlich warm, und Terlu spürte, wie alle Last des Tages von ihr abfiel. Hätte sie nicht noch immer so furchtbar viele Fragen gehabt, die nur er beantworten konnte, hätte sie ihm gern ewig zugehört, während er über Tomaten dozierte. »Hat dein Cousin auch in einem der Cottages gelebt?«
»In dem runden, das wie ein Pilz aussieht. Mit seinen Eltern.« Er verstummte wieder. Schweigend schnitt er die Zucchini zu Ende. Dann gab er ein wenig Öl in eine Pfanne und legte die Scheiben hinein. Es begann zu brutzeln. Auf dem Bett streckte sich Emeral, knetete mit den Vorderpfoten ein Kissen und krümmte den Rücken.
Terlu wartete, ob Yarrow noch etwas sagen würde.
Vergeblich.
Also hakte sie nach. »Wann hat die Familie deines Cousins denn die Insel verlassen?«
»Ich war noch ein Kind, als der Zauberer sie gefeuert hat«, erwiderte Yarrow.
Aha. Also war das schon eine Weile her. »Und wohin sind sie gezogen?«
»Sie haben sich wohl in Alyssium niedergelassen. Tante Rin hat einen ziemlich vornehmen Blumenladen eröffnet, der vom Adel frequentiert wird. Sie hat meinem Vater ein paar Mal geschrieben.« Er schaute Terlu nicht an, sondern konzentrierte sich auf seine Vorbereitungen. Mittlerweile schnitt er Tomaten und legte sie auf die Zucchinischeiben.
»Ein Blumenladen … Wie schön!«
Er brummte und blickte zu ihr auf. Seine Augen waren in diesem Licht so dunkelgrün wie die Zucchini. Ihr fiel auf, dass er sich rasiert hatte; seine Wangen sahen ganz glatt und weich aus. Das schwarz-goldene Haar hatte er im Nacken zusammengebunden. Hatte er sich ihretwegen zurechtgemacht? Nun bilde dir mal nichts ein, dachte sie. Er ist bloß ein gepflegter, ordentlicher Mensch!
»Und die anderen?«, fragte sie. »Aus den übrigen Cottages?«
Er schnitt mehr Tomaten. »Ein Vierteljahr später hat Laiken Onkel Rorick, Finnel und Percik entlassen, und sie sind ebenfalls nach Alyssium gegangen.«
Laiken – das war der Name des Zauberers, den Lotti suchte. Ich hätte sie wirklich nicht allein lassen dürfen! »Warum hat er das getan? Der Zauberer, meine ich … Warum hat er deine Verwandten weggeschickt?« Sie sprach ganz sanft. Beinahe kam es ihr so vor, als wollte sie eine verwilderte Katze anlocken. Sie war ehrlich dankbar für jede Kleinigkeit, die er mit ihr teilte.
Er schob die Pfanne mit den Zucchinischeiben in den kleinen gemauerten Ofen gleich neben dem offenen Kamin. »Er meinte, hier müssten nicht so viele Gärtner rumrennen. Zum Zeitpunkt seines Todes waren nur noch mein Vater und ich übrig.«
Sein Vater? Es gab keinen Hinweis darauf, dass er noch irgendwo auf der Insel lebte. War er wie der Zauberer schon gestorben? Wie fragte man so etwas? »Und dein Vater …«
»Ist auch fortgegangen.« Wieder an der Anrichte, schnitt er einen frischen Salatkopf in Streifen und warf sie in eine Schüssel.
Immerhin war er noch am Leben! Das war eine Erleichterung. Trotzdem … »Er hat dich hier allein gelassen? Wann? Wieso?« Sie war zu neugierig, das wusste sie. Gleich würde er wieder dichtmachen. Aber sie wollte so gern mehr über ihn erfahren – ihren Retter.
»Er war krank.« Yarrow zuckte mit den Schultern. Er mengte dem Salat eine Handvoll roter Beeren bei, dann streute er geschälte Sonnenblumenkerne darüber. »Hier gibt es keinen Heiler.«
Das musste ungeheuer schwer gewesen sein, sowohl für Yarrow als auch für seinen Vater. Sie versuchte, es sich auszumalen: Wie er Abschied von seinem kranken Vater hatte nehmen müssen, ohne zu wissen, ob er sich erholen würde; wie Yarrow als Einziger auf der menschenleeren Insel zurückgeblieben war. Ohne Hilfe, ohne Gesellschaft. Wie lange war er schon allein? »Wann war denn das?«
Er mischte Kräuter mit Öl, und die Stille dauerte an. Sie sah zu, wie er die angerührte Sauce über den Salat goss. Vermutlich hatte sie den Bogen überspannt …
»Vor ungefähr zwei Jahren.«
Niemand sollte so lange allein sein! Nicht einmal, wenn man einen geflügelten Kater zum Freund hatte. Er tat ihr wirklich leid. Sie hätte ihn gern umarmt, wagte es aber nicht. »Ist keiner deiner Verwandten je vorbeigekommen, um nach dir zu sehen? Oder um dich einfach zu besuchen?«
Schulterzuckend stellte er die Schüssel auf den Tisch. Das Kochen war ihm so leicht von der Hand gegangen. Sie staunte, wie raffiniert der Salat geworden war.
»Aber du kannst dich doch nicht ganz allein um alle Gewächshäuser kümmern!« Sie musste gar nichts von der Gärtnerei verstehen, um zu wissen, dass die Arbeit zu viel für ihn war. Insbesondere wenn die Magie versagte! »Hast du ihnen nicht erzählt …«
»Könnten wir …« Er hielt den Kopf gesenkt, um ihr nicht in die Augen schauen zu müssen. »Könnten wir vielleicht eine Weile nicht reden?«
Terlu spürte, wie ihr Gesicht magentarot anlief. Sie hätte ihn nicht so bedrängen sollen! Das alles ging sie nichts an. Sie kannte ihn ja kaum! »Natürlich, es tut mir …«
Von der Tür her kam ein dumpfer Schlag.
Der Kater drehte die Ohren, rührte sich aber sonst nicht weiter.
»Was war das?«, fragte Terlu.
Yarrow zuckte mit den Schultern. Das macht er wirklich ständig, dachte sie. So kommunizierte er wohl am liebsten: durch Schulterzucken und Brummen. Es war ein kleines Wunder, dass sie überhaupt so viele Worte aus ihm hervorgelockt hatte. Nein, ein Wunder war das nicht. Ich habe ihn ausgehorcht, und das hätte ich nicht tun sollen. Hätte sie doch nur gewartet, bis er sich ihr aus freien Stücken öffnete! Ihre Wissbegierde war nicht wichtiger als sein Seelenfrieden. Sie musste lernen, geduldiger zu sein, durfte nicht ständig …
Wieder ein dumpfer Schlag.
»Manchmal rutscht Schnee vom Dach«, sagte Yarrow.
Da schrie draußen ein schrilles Stimmchen: »Lasst mich rein!«
Wer konnte … Oh!
Yarrow war schon auf dem Weg zur Tür.
»Ich kann das erklären …«, begann Terlu.
Auf der Schwelle, im Schnee, hockte zitternd die kleine Auferstehungsrose. »Na endlich!«