Kapitel 8 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Lotti kam ins Cottage gehüpft. Auf der Fußmatte schüttelte sie sich wie ein nasser Hund und verteilte Schneeklümpchen auf dem Boden, die rasch zu winzigen Lachen schmolzen.
Yarrow starrte Lotti an, aber sie beachtete ihn gar nicht.
»Du!«, herrschte sie Terlu an. »Du hast mich einfach zurückgelassen!« Sie war so klein – kaum größer als eine geballte Faust –, aber ihre Stimme war wirklich durchdringend.
Terlu wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. »Es tut mir so leid … Ich hab den Kopf verloren. Ich wäre wirklich zurückgekommen.« Wie erbärmlich das klang! Sie ließ den Kopf hängen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass der geflügelte Kater die kleine Rose beäugte. Sein Schwanz peitschte hin und her. Sie versperrte ihm die Sicht. »Wage es nicht, Emeral!«, murmelte sie.
Yarrow öffnete den Mund, schloss ihn und öffnete ihn erneut. »Aber wie kann das … Wer bist …«
Die kleine Pflanze – ungefähr so hoch, wie eine Hand breit war – plusterte sich auf und öffnete weit die violette Rosenblüte. »Ich bin die Auferstehungsrose Lotti, und ich wünsche Laiken zu sprechen, Zaubermeister und Schöpfer der prachtvollen und wunderbaren Gewächshäuser Beldes!«
Der Kater breitete die Flügel aus und verlagerte das Gewicht auf die Hinterbeine.
Yarrow schüttelte den Kopf und versuchte es noch einmal. »Wie meinst du das, sie hat dich zurückgelassen? Woher kommst du überhaupt? Und wie bist du …«
Rasch mischte sich Terlu ein. »Ich habe nicht gezaubert! Du glaubst mir wahrscheinlich nicht, aber es ist wahr! Ich habe bloß …« Aber weiter kam sie nicht.
Emeral schwang sich mit einem Satz in die Lüfte. Sie wollte ihn packen, aber er flog schon zu hoch; ihre Finger streiften lediglich seine Flügelspitzen. Lotti quiekte. Terlu wirbelte herum. Sie musste ihr helfen!
Leider hatte sie den Tisch vergessen und rannte mit Wucht dagegen. Der Krug mit dem Flieder fiel um. Wasser ergoss sich über die Tischplatte, floss über die Kante und pladderte zu Boden. Der Kater landete in der Lache und rutschte weiter, die Pfoten gespreizt. Heftig schlug er mit den Flügeln, prallte jedoch trotzdem gegen den Schreibtisch. Der ordentliche Papierstapel darauf kam ins Rutschen. Lotti ergriff panisch die Flucht.
Terlu schaffte es gerade so, das Gleichgewicht zu halten. Schnell beugte sie sich hinab und hob Lotti auf. Das Pflänzchen war pitschepatschenass und fühlte sich ein wenig pieksig an.
»Du weckst mich, lässt mich mutterseelenallein zurück, und jetzt hetzt du auch noch ein Ungeheuer auf mich?« Lotti bebte vor Zorn. Wie gesund sie aussah! Ihre Blätter hatten sich noch weiter entrollt und wirkten saftiger. Das zusätzliche Wasser hatte ihnen wohl gutgetan.
»Emeral ist kein Ungeheuer«, erklärte Terlu. »Bloß ein Kater.«
Yarrows ungläubiger Blick wanderte über Terlu, die Auferstehungsrose, den geflügelten Kater (der ganz unbekümmert tat und sich vor dem Ofen die Federn putzte), das verschüttete Wasser und die verstreuten Papiere.
Angst schnürte Terlu das Herz zusammen. Hätte sie Lottis Existenz doch nicht verschwiegen! Sie hätte Yarrow gleich ins Vertrauen ziehen sollen. Vielleicht hätte er ihr dann geglaubt! »Ich kann wirklich alles erklären.«
»Bring mich sofort zu Laiken!«, forderte Lotti. »Du weißt ja ganz offensichtlich nicht, wie man für eine Pflanze sorgt.« Sie wand sich aus Terlus Händen und sprang auf den Tisch.
Terlu fuhr innerlich zusammen; ihr war, als wäre sie geohrfeigt worden. Sie musste an Caz denken, ihr Spinnenkraut. Auch ihn hatte sie nicht beschützen können. Man hatte ihn ihr weggenommen. Bei der Verhandlung hatte sie ihn noch einmal gesehen, da er dem Richter als Beweis vorgeführt worden war. Aber sie hatte nicht mit ihm sprechen dürfen. Wie gern hätte ich mich wenigstens von ihm verabschiedet. Die oberste Bibliothekarin hatte ihr versprochen, sich um ihn zu kümmern. Terlu hatte ihr genau erklärt, welche Erde er brauchte und wie oft er gegossen werden musste. Sie hatte nicht gewollt, dass er einsam war. Aber hatte Rijes Velk Wort gehalten? Ging es Caz gut? War er glücklich? Vermisste er Terlu? Ich vermisse ihn.
»Ja, du hast recht«, murmelte sie. »Ich sollte wirklich die Finger von Pflanzen lassen.«
Yarrow ging vor dem Tisch in die Hocke, ohne sich um die Pfütze zu scheren. Nun hatte er Lotti direkt vor Augen. »Ach, beim Ozean!«, fluchte er. »Du gehörst zu Laikens sprechenden Blumen! Ich dachte, die wären alle …« Er brach ab. »Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du frische Erde? Dünger?«
Terlu holte ein Küchenhandtuch und trocknete um Lotti herum den Tisch ab. Dann sammelte sie Emeral auf, der sich wieder näher schleichen wollte. Sie nahm ihn auf den Arm und kraulte ihn. Das gefiel ihm offenbar: Er faltete die Flügel und schnurrte.
»Mir geht es recht gut.« Lotti klang besänftigt. »Ich brauche nicht viel Pflege. Wenn ich wach bin, kann ich mich um mich selbst kümmern! Ich brauche bloß Zugang zu Wasser. Und Schutz vor bösartigen Raubkatzen.«
Yarrow schaute zu Terlu auf. »Wusste ich doch, dass du eine Zauberin bist!«
Sein Gesicht war so hoffnungsvoll, dass sie ihm gern recht gegeben hätte. Er sollte sie weiter so anschauen, als wäre sie der Morgenstern! Aber sie konnte nicht lügen. Es mochte gerade noch angehen, einem Bibliotheksbesucher vorzuschwindeln, seine Frisur sei hinreißend, aber zu behaupten, man sei ein vollkommen anderer Mensch? Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin wirklich keine. Und das Gesetz gebrochen habe ich auch nicht: Ich habe Lotti bloß gegossen. Sie ist ganz von selbst wieder zum Leben erwacht! Offenbar war sie bloß in einer Dormanzphase.«
Wie niedergeschlagen er aussah … Ihr war, als hätte sie einen Welpen enttäuscht.
Emeral zappelte auf ihrem Arm.
»Könnt ihr bitte auf euer Ungeheuer aufpassen!«, schimpfte Lotti.
Yarrow öffnete eine Küchenschublade und fischte ein Knäuel rotes Band heraus. Er wickelte es ab und wedelte damit in der Luft herum. Emeral, das Band fest im Blick, sprang aus Terlus Armen und stürzte sich darauf. Yarrow ließ es los, und der Kater flog mit seiner Beute in die Dachsparren.
»Gewieft!«, bemerkte Terlu.
Lotti klatschte mit einem Blatt auf den Tisch. »Können wir dann wieder über mich reden? Was wolltest du über Laikens sprechende Blumen sagen? Du dachtest, wir seien alle was? Spuck’s schon aus! Ach nein, vergiss es. Bringt mich einfach zu Laiken … Zweifellos kann er mir am besten weiterhelfen!«
Terlu schaute Yarrow an. Gerade hatte er den Namen erwähnt. Bei dem verstorbenen Zauberer handelte es sich tatsächlich um Lottis Laiken.
»Leider geht das nicht. Er ist …« Hilflos fuhr sich Yarrow mit den Fingern durchs Haar.
Er weiß nicht, wie er es ihr beibringen soll. Terlu wartete noch einen Moment, aber es kam nichts. Yarrow sah aus, als wäre er am liebsten durch die Tür hinausgestürzt und im Schnee verschwunden. Sanft sagte sie: »Er ist von uns gegangen.«
»Was?«, piepste Lotti. »Nein, das ist doch nicht möglich … Oh! Oh … Es ist wahr. Seine Werkstatt … Der viele Staub, die Spinnweben. Ich hätte es wissen müssen! Ach, mein Laiken!« Sie krampfte die Blüte zusammen, so fest wie eine Knospe.
Yarrow schien zu glauben, Terlu wisse, was man in einer solchen Situation sagte. Bittend blickte er sie an.
»Willst du darüber reden?«, fragte sie zaghaft.
Lotti riss die Blüte wieder auf. »Nein, will ich nicht!«, schrie sie. »Wer hat das Gewächshaus von Laiken übernommen? Welcher Zauberer? Den will ich sehen und zwar sofort!«
Yarrow räusperte sich. »Es gibt keinen Nachfolger. Laiken hatte weder einen Lehrling noch einen Kompagnon, und einen Nachfolger hat er auch nicht bestimmt. Es durfte ja niemand auch nur auf die Insel kommen. Er hat allen misstraut.«
Lotti ließ die Blätter hängen. »Also ist es schlimmer geworden mit ihm.«
Terlu setzte sich zu ihr an den Tisch. »Wie meinst du das?«
Lotti seufzte schwer. »Wäre ich doch bei ihm gewesen … Vielleicht hätte er ja auf mich gehört. Ach, ihr hättet ihn sehen sollen, als er noch jung war: der reine Sonnenschein! Die Gewächshäuser waren sein Geschenk an die Welt.«
»Als ich geboren wurde, war er schon über hundert«, sagte Yarrow. »Solange ich ihn kannte, hat er nie auf irgendwen gehört.«
»Er wollte uns bloß beschützen«, erklärte Lotti. »Seine Pflanzen und seine Gewächshäuser.«
Manche Zauberer lebten sehr lange, das wusste Terlu. Aber selbst wenn er sich eingebildet hatte, er werde niemals sterben: Dass Yarrow nun ganz allein für den weitläufigen Gewächshauskomplex sorgen musste, war unverantwortlich. Laiken hatte keinen Lehrling gewollt? Dann hätte er eben mit einem Kollegen verabreden müssen, dass der hin und wieder nach dem Rechten sah. Auch Zaubermeister hatten mal einen Schnupfen und konnten Hilfe gebrauchen. Allermindestens aber hätte er mehr Gärtner anstellen müssen. Kein einzelner Mensch konnte die viele Arbeit bewältigen, die in den Gewächshäusern anfiel, Magie hin oder her. Niemandem sollte eine solche Last aufgebürdet werden. Die Verantwortung war zu groß. All die Schufterei, und nie eine Pause.
»Ich muss wirklich lange geschlafen haben.« Lotti klang traurig. »Ich kenne keinen von euch beiden … Er muss mich lange ohne Wasser gelassen haben. Sehr lange.«
Yarrow nickte.
»Ich bin noch ganz neu auf der Insel«, steuerte Terlu bei. »Mich kannst du also gar nicht kennen …«
Lotti drehte sich trippelnd auf ihren vielen kleinen Wurzeln und wandte Terlu die Blüte zu. »Ganz neu, hm? Und da hattest du nichts Eiligeres zu tun, als mich zu wecken und wegzurennen? Du brauchst gar nicht zu glauben, dass ich dir das vergeben hätte!«
»Ähm …« Wie sollte sie es ihr erklären? Angst war keine Entschuldigung. Es war grausam gewesen, Lotti so abrupt sich selbst zu überlassen. Terlu wusste schließlich ganz genau, wie es war, allein, verwirrt und frierend durch den Wald zu stolpern. »Es tut mir so leid!« Die Worte kamen ihr unzureichend vor.
»Hmpf«, machte Lotti.
Yarrow zog seinen Mantel an. »Ich muss dir was zeigen.«
»Mir?« Terlu war überrascht, dass er überhaupt noch mit ihr sprach. Er musste doch furchtbar schlecht über sie denken.
»Nein, ihr.« Yarrow nickte Lotti zu.
Sofort brannten Terlu die Wangen. Natürlich hat er nicht mich gemeint! Wie oft hatte sie schon jemandem zurückgewinkt, nur um festzustellen, dass er gar nicht ihr, sondern jemandem hinter ihr gewinkt hatte? Peinlich! Doch jetzt schämte sie sich ganz genauso wie in solchen Momenten – nein, heftiger. Yarrow hatte sie hier nie haben wollen. Sie war bloß auf dieser Insel, weil irgendjemandem ein Fehler unterlaufen war.
»Du kannst aber gern mitkommen, wenn Lotti nichts dagegen hat«, fügte er noch hinzu.
Die Rose reckte ihre Blüte hoch in die Luft. »Ich gestatte es, wenn du mich trägst. Aber ganz vorsichtig!«
Terlu fühlte sich so nichtig wie ein Wurm. Sie schlüpfte in ihren Mantel und barg Lotti darunter. Dann folgte sie Yarrow nach draußen. Die Sonne stand jetzt tief, und die Bäume warfen lange Schatten über die weiße Schneedecke.
Yarrow führte sie auf das gewaltige Glasgebäude zu.
Lotti stieß einen kleinen Schrei aus. »So viele neue Häuser! Ach, Laiken, wärst du doch hier …« Ihre Stimme brach, und sie schluchzte.
Schweigend ging Yarrow voraus. Das war wohl einfach seine Art. Natürlich hatte er auch lange niemanden zum Reden gehabt … Zog er die Stille vor? Oder hörte er eigentlich gern anderen zu?
Sie hatte jedenfalls den starken Eindruck, dass er sie nicht besonders gut leiden konnte.
Und dasselbe galt für Lotti.
Ich habe wirklich Mist gebaut.
Wie konnte sie die Sache nur wieder in Ordnung bringen? Es gab immer einen Weg – es sei denn, man zog den Zorn eines Richters auf sich und wurde in eine Statue verwandelt. Aber wie sich herausgestellt hatte, musste nicht einmal das ein ewiges Hindernis sein. Irgendwie mache ich es wiedergut.
Sie grübelte über der Frage, was sie sagen oder tun konnte, bis Yarrow sie durch eine Seitentür in ein Gewächshaus ließ, das Terlu noch nicht kannte. Gab es eigentlich eine Karte des Komplexes? Vielleicht könnte sie eine anfertigen …
Dieses Haus war kleiner und erinnerte ein wenig an einen Pavillon. Auf schön geschmiedeten Metallregalen standen ein paar Topfpflanzen. Terlu erkannte eine Orchidee und ein Gänseblümchen. Auch ein Strauch mit roten Blättern war dabei, und da, ganz oben, hatte ein Efeu seinen Platz. Seine langen Ranken reichten bis auf den Boden.
»Ach!«, rief Lotti.
»Was ist denn?«, fragte Terlu sie. »Ich weiß, wo wir sind! Alles hier ist mir vertraut: die Regale, die Töpfe, die Luft!« Dann schrie sie aus vollem Hals (sozusagen, denn sie hatte ja gar keinen Hals): »WACHT AUF!«
Nichts geschah. Nur der magische Ofen in der Mitte des Pavillons summte vor sich hin, und unter Yarrows Stiefeln knirschte der Kies. Er machte die Runde und schaute nach jeder einzelnen Pflanze. Wie in den anderen Häusern auch roch es hier nach Erde, jedoch kaum nach frischem Grün und Blüten, da es nur so wenige Pflanzen gab. Terlu musste an ein beinahe leeres Krankenhaus denken: sauber, ruhig, der Zeit enthoben.
»Gieß sie!«, befahl Lotti.
»Ich gieße sie regelmäßig«, erwiderte Yarrow. »Das ändert nichts.«
»Versuch’s noch mal!«
Neben einer Wasserpumpe standen verschiedene Gießkannen. Yarrow füllte eine kleinere und trug sie zum ersten Regal. Er überprüfte immer erst die Erde, ehe er eine Pflanze wässerte. Manchen gab er nur ein paar Tropfen, andere goss er, bis es aus den Töpfen tropfte. Als er fertig war, stellte er die Gießkanne weg und gesellte sich zu Terlu und Lotti.
»Wieso wachen sie nicht auf? Ich sehe doch, dass sie nicht tot sind!« Lottis Stimme zitterte immer heftiger. Sie sprang aus Terlus Händen ins nächste Regal und hüpfte zu einem der Töpfe weiter. »Kommt schon, lasst mich bitte nicht allein! Laiken ist gestorben … Da kann ich euch nicht auch noch verlieren!«
Da begriff Terlu endlich, was all diese Pflanzen miteinander gemein hatten. Oder nach Lottis und Yarrows Ansicht gemein haben müssten. Sie hätten wie Lotti sein sollen. Wie Caz.
Aber irgendetwas war ihnen zugestoßen. Sie regten sich nicht. Sagten kein Wort.
Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitzschlag.
Es ist kein Zufall, dass ich hier bin!
Wie aus weiter Ferne hörte sie Yarrow sprechen. »Ich muss ungefähr acht oder neun gewesen sein, als sie verstummt sind. Vermutlich war es das erste Anzeichen, dass mit der Magie was nicht stimmt … Es hat dann aber noch Jahre gedauert, bis es das erste Gewächshaus erwischt hat. Damit haben wir erst nach Laikens Tod Probleme gekriegt.«
»Ihr müsst zu euch kommen!«, flehte Lotti.
Terlu drehte und wendete die Worte in ihrem Kopf. Es ist kein Zufall. Kein Irrtum. Man hat mich mit Absicht hergeschickt! Dessen war sie sich ganz sicher. Yarrow hatte ein Bittgesuch an die kaiserlichen Beamten gesandt, weil er einen Zauberer brauchte, der ihm mit seinen Pflanzen half. Und nicht nur mit den Tomaten, Orchideen und Miniaturbäumen! Ganz bestimmt wusste man in der Hauptstadt von Laikens Pflanzen mit Bewusstsein. Yarrow musste erwähnt haben, dass sie nicht mehr sprachen.
Und daraufhin hatte man ihm Terlu Perna geschickt.
Lotti hüpfte verzweifelt zwischen den stummen Pflanzen umher. Terlu fragte Yarrow: »Wer hat veranlasst, dir meine Statue zu liefern?«
Sein Blick hing an der kleinen Rose.
»Bitte … Ich muss es wissen!«
Er holte einen Brief aus der Innentasche seines Mantels und gab ihn ihr. »Mein Gesuch ist eine Weile herumgereicht worden, bevor es beantwortet wurde. Eine ganze Weile.« Dann wandte er sich wieder Lotti zu, die inzwischen vor dem Topf eines Philodendrons schluchzte.
Terlu öffnete den Umschlag und entfaltete den Brief. Der Atem stockte ihr. In das seidige Papier war das vertraute Wappen der großen Bibliothek von Alyssium geprägt! Beinahe glaubte sie, der staubige Geruch der Magazine würde daran haften. Ihr war ein bisschen schwindelig, also setzte sie sich in den Kies und starrte die elegante Handschrift an. Der Brief richtete sich an den obersten Gärtner auf der Insel Belde: Yarrow Verdane. Die Verfasserin brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, auf diese Weise gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen. Es folgte eine kurze Erklärung, wie Yarrow Terlu erwecken konnte. Der Spruch war in Lautschrift notiert, und die benötigten Zutaten waren säuberlich aufgelistet.
Kein Wort darüber, wer Terlu war, weshalb sie als Statue nach Belde kam oder was sie auf der Insel tun sollte. Auch von einer Begnadigung oder einem offiziellen Ende ihrer Strafe war keine Rede.
Aber es gab eine Unterschrift in klaren, geschwungenen Lettern: Rijes Velk, oberste Bibliothekarin der großen Bibliothek von Alyssium.
Rijes Velk hatte vor Gericht geschworen, dass Terlu nie wieder Magie wirken würde. Ihren Ruf hatte sie dafür aufs Spiel gesetzt! Und trotzdem hatte sie Terlu hierhergeschickt – zusammen mit einem Zauber, phonetisch abgefasst, so dass ihn ein Laie sprechen konnte. Illegal.
Wieso?
Sie hoffe, mehrere Probleme auf einmal zu lösen, hatte sie geschrieben.
Terlus Herz schlug schneller.
Lotti verlangte von dem Philodendron, sich zusammenreißen, und rief dann schluchzend nach Laiken. Er dürfe nicht tot sein, schrie sie, sie nicht so zurücklassen. Yarrow bemühte sich vergeblich, sie zu trösten. Verschreckt sah er aus, als stünde er kurz davor, die Flucht zu ergreifen.
Deshalb hat Rijes mich geschickt.
»Ich soll sie aufwecken!«, sagte sie laut.