Kapitel 1: Kapitel Eins - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Tropf. Tropf. Tropf.
Nur mit Mühe konnte ich ein Gähnen unterdrücken, während ich dem Regen lauschte. Ich mochte es, wenn er auf das dünne Blechdach meines Unterschlupfs prasselte. Er ließ alle anderen Geräusche in Varun, dem Juwel des Königreichs Lovril, verstummen. Stille war gut, sie beruhigte meine Gedanken, die sich sonst viel zu schnell drehten. Doch ausgerechnet heute war die Stille mein Feind, denn ich befand mich nicht in meinem Unterschlupf, sondern auf dem Sims eines Hauses, das ich für einen Auftrag ausspionierte.
Genau genommen auf einem verflixt schmalen Sims, auf dem meine Stiefel kaum Platz fanden. Seit Stunden hockte ich hier, eng an die Mauer des herrschaftlichen Gebäudes gepresst, um den perfekten Moment zu erwischen, meinen Auftrag zu erfüllen.
Ein Seufzen entschlüpfte mir. Meine Oberschenkel brannten bereits vor Anstrengung, meine Finger zitterten vor Kälte. Und der Regen sickerte langsam durch meine Kleidung bis auf meine Haut.
Tropf. Tropf. Tropf.
Es hätte ein leichter Auftrag sein sollen. Einer, der nicht lange dauerte. Aber ich hatte unterschätzt, dass die wohlhabenden Händler offensichtlich die Nächte zum Tag machten. In diesem Viertel der Stadt, in dem nur gut betuchte Leute lebten, brannte selbst jetzt, da die Uhr des Königsschlosses längst Mitternacht geläutet hatte, noch in erstaunlich vielen Häusern Licht. Wobei … vielleicht löschten die Bewohner es nur nicht, um Einbrechern das Gefühl zu geben, dass jemand wach war. Zutrauen würde ich es diesen Leuten. Zu sehr fürchteten sie den Verlust ihrer materiellen Güter.
Als ich meine Position veränderte und mein Fuß abzurutschen drohte, verbiss ich mir einen Fluch. Zum Glück war mein Körper gut in Schuss. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste ich in der Lage sein, lange in einer so unbequemen Position auszuharren. Die schwarzen Steine, aus denen fast alle Häuser in Varun gebaut worden waren, wurden bei Nässe allerdings glitschig. Und je länger ich hier ausharrte, desto schwieriger wurde es für mich, mein Gleichgewicht zu halten.
Nach dieser Nacht würde ich den Regen wohl nicht mehr so mögen wie bisher.
Wobei, er half mir in gewisser Weise trotz allem. So lange die Tropfen in Strömen fielen, sah mich niemand an der Hauswand im ersten Geschoss vor einem Fenster kauern. Die feinen Herrschaften vermieden es nämlich, ihre Häuser zu verlassen, wenn es schüttete. Das spielte mir also doch in die Karten. Trotzdem wünschte ich, es würde bald aufhören zu regnen.
»Ist er immer noch nicht schlafen gegangen?«, flüsterte eine Stimme unter meinem feuchten Umhang.
Keinen Herzschlag später schlüpfte ein blasslila Kopf unter dem Stoff hervor. Kein gewöhnlicher Kopf – sondern der eines Otters.
»Sag schon, Nektaria, ist er noch wach?«, wollte das Tier wissen.
»Nein, er schläft seit zwei Stunden, ich sitze nur gern hier und betrachte die Gegend.« Ich verdrehte die Augen. »Pearl, er schläft noch immer nicht. Und jetzt sei still, sonst hört er uns vielleicht.«
»Die Wände sind dick, das Fensterglas ebenfalls, er hört uns niemals.« Der Otter rümpfte die Nase. »Ich will endlich nach Hause und mich abtrocknen.«
Ich grinste. »Darf ich dich daran erinnern, dass du ein Otter-Familiar bist? Du magst Wasser.«
»Nicht diesen eiskalten Regen.« Pearl rümpfte erneut die Nase. »Außerdem habe ich Hunger.«
»Du hast immer Hunger. Gedulde dich bitte ein wenig. Ich jammere ja auch nicht, oder?«
»Weil du nie jammerst.«
Damit verkroch sich Pearl wieder unter meinen Umhang. Zärtlich tätschelte ich ihren Körper durch den Stoff. Das kleine Wesen und ich hatten uns gefunden, als wir beide verloren gewesen waren. Wie ich war sie ein Außenseiter und ihr Leben in Gefahr, nur weil sie war, was sie eben war: ein Familiar mit magischen Fähigkeiten.
Und ich … war eine Frau mit magischen Fähigkeiten. Gerüchten um meine Begabungen verdankte ich diesen Auftrag. Doch genauso wie ich mich bemühte, meine Fähigkeiten zu verheimlichen, versuchte ich, mich selbst zu einem Gerücht zu machen. Nur so hatte ich bisher überlebt.
In Lovril gab es einige Menschen wie mich und besonders in Varun schienen mehr Leute ihre Magie zu verstecken, als man annehmen wollte. Die meisten von ihnen besaßen schwache Fähigkeiten. Manche konnten kleine Gegenstände mit ihren Gedanken bewegen, andere sahen Bruchstücke einer möglichen Zukunft und wieder andere waren dazu fähig, eine Kerze mit einer Handbewegung zu entzünden. Meine Fähigkeiten waren stark - dafür meistens ziemlich nutzlos.
Als das Fenster neben mir aufgerissen wurde, schob ich die Gedanken von mir und hielt den Atem an. Der Hausherr selbst beugte sich nach vorn, holte tief Luft und wandte sich sofort wieder ab. Erleichtert ließ ich die Luft entweichen. Er hatte mich offensichtlich nicht gesehen. Ich wollte gerade meine Position verändern, da erklang ein ohrenbetäubendes Geräusch und gleich darauf breitete sich ein übler Gestank aus.
»Bei den Totengöttern, hat der gefurzt?«, wisperte Pearl.
Ich kniff mir in die Nase. Was auch immer der Kerl abends zu sich nahm, er sollte seine Ernährung definitiv überdenken und einen Arzt konsultieren. Noch ein paar Pupsgeräusche erklangen, dann wurde das Licht gelöscht.
So ekelhaft der Gestank auch war, der aus dem Zimmer drang, diese Flatulenzen hatten mir einen Dienst erwiesen, denn sie ersparten es mir, das Fenster aufzubrechen, da es bereits offen stand, um den Gestank in die Nacht zu entlassen.
»Pearl, würdest du bitte deinen Teil des Auftrags erfüllen?«, flüsterte ich.
Sie streckte wieder den Kopf unter dem Umhang hervor.
»Ich erwarte eine besonders große Portion Mylan-Eis, wenn ich mich in dieses stinkende Zimmer bewege.«
»Bekommst du. Los jetzt.«
Der Otter kroch unter meinem Umhang hervor, sah mich einen Herzschlag finster an. Dann hüllte lila Magie, die genauso schimmerte wie Pearls Fell, ihren Körper ein. Schwebend erhob sie sich von meiner Schulter und schlüpfte hinein in das Zimmer, aus dem immer noch ekelhafte Geräusche drangen.
Gedanklich zählte ich von zehn rückwärts. Noch ehe ich bei Null angekommen war, veränderten sich die Geräusche und ein tiefes Schnarchen erklang. Pearls magische Fähigkeiten waren viel nützlicher als meine. Sie konnte Schlafzauber weben und Wunden heilen. Das war mehr als praktisch. Aber deswegen hatte ich sie nicht vor fünfzehn Jahreszyklen gebeten, an meiner Seite zu bleiben. Sondern weil ich sofort eine Verbindung zu ihr gespürt hatte, sie so einsam war.
Ich keuchte leise.
Fünfzehn Jahreszyklen.
So lang war es her, dass Pearl und ich uns gegenseitig geholfen hatten, den Schergen des Königs zu entkommen, weil wir über besondere Fähigkeiten verfügten. Taryna, wie Wesen mit magischen Gaben abfällig genannt wurden, weil es Spiegelwesen bedeutete, wurden von Menschen ohne Begabung gefürchtet. Aus diesem Grund galten die Gesetze des Königs als notwendig, die jedem erlaubten, Taryna gefangen zu nehmen und auszuliefern. Pearl war damals von einem Fischer gefunden und festgehalten worden. Als mein Blick auf sie gefallen war, hatte ich ihr einfach helfen müssen. Von da an waren wir die besten Freundinnen, Kampfgefährtinnen und das, was einer Familie für mich am nächsten kam.
»Wo bleibst du denn?«, zischte Pearl. »Komm endlich, damit wir es hinter uns bringen und von hier verschwinden können.«
Ich prüfte meinen Stand, richtete mich auf und schob mich langsam auf das Fenster zu. Mein Stiefel glitt über den Stein und ich fluchte. Der Sims war wirklich rutschig; und wegen der Nässe in meiner Kleidung würde ich im Schlafgemach Spuren hinterlassen. Also musste ich es aussehen lassen, als wäre jemand eingebrochen. Wenn ich meinen Auftrag erledigt hatte, würde ich Wertgegenstände suchen und etwas Chaos im Zimmer stiften. Sonst würde man vielleicht herausfinden, was wirklich geschehen war, und für den Ärger, den mir das einbringen konnte, wurde ich eindeutig zu schlecht entlohnt.
So geräuschlos wie möglich schwang ich mich in den Raum und bahnte mir einen Weg zum Bett.
»Was machst du hier?«, fuhr mich eine Männerstimme an.
Keuchend blieb ich stehen, rührte mich nicht, sah nicht nach der Person, die mich angesprochen hatte.
»Pearl?«, flüsterte ich. »Ist außer uns drei noch jemand im Raum?«
Der Otter schwebte auf mich zu, ließ den Blick schweifen und schüttelte den Kopf. »Nein, wieso?« Pearl senkte die Stimme. »Ist ein Geist hier?«
Ich blinzelte zweimal als Antwort.
Das war eine meiner Fähigkeiten: Ich konnte die Geister von Verstorbenen sehen. Eine mehr als nutzlose Gabe. Die Seelen waren nämlich selten hilfreich, sondern wurden gesprächig, wenn sie bemerkten, dass ich sie wahrnehmen konnte. Dann wollten sie, dass ich Dinge für sie erledigte, die außerhalb meiner Möglichkeiten lagen. Etwa, weil ich mit Personen reden sollte, die längst ebenfalls verstorben waren, oder weil ich einen Gegenstand beschaffen sollte, dessen Aufenthaltsort ich nicht mal kannte. Zwar waren die meisten Geister an den Ort gebunden, an dem ihre Leben geendet hatten, allerdings gab es auch Geister, die diese Orte verlassen konnten, wenn sie sich an einen Lebenden anhefteten und ihm nach Hause folgten. Und ich hatte wirklich keine Lust, von Seelen in meinem Versteck heimgesucht zu werden. Mein Leben war schon herausfordernd genug.
»Ich rede mit dir, Mädchen«, keifte der Mann. »Was macht eine Diebin wie du in meinem Haus? Du ruinierst den Boden. Maart! Wach auf und wirf dieses Gör hinaus!«
Natürlich rührte sich Maart nicht. Falls er so hieß. Der Geist konnte auch schon mehrere hundert Jahreszyklen lang tot sein und den Mann im Bett für einen längst verlorenen Verwandten halten.
Obwohl er ohrenbetäubend laut zeterte, schlich ich bis zum Kopf meines Ziels. Lila Schimmer umgab das aufgedunsene Gesicht. Pearls Magie würde den Kaufmann weiterschlafen lassen, während ich nach dem suchte, was ich stehlen sollte.
Eine Diebin war ich wirklich. Allerdings keine gewöhnliche. Ich raubte hauptsächlich Erinnerungen und das gelang am besten, wenn meine Opfer dabei schliefen.
»Mal sehen, ich suche eine Erinnerung, die etwa zwei Jahre zurückliegt«, murmelte ich, während ich meine Magie rief.
Meine Fingerspitzen schwebten über dem Kopf des Kaufmanns und leuchteten rosa auf.
»Taryna!«, brüllte mir der Geist ins Ohr. »Elendes Miststück! Wachen! Wachen! Eine Taryna! Wo bleiben die Wachen des Königs?«
»Wirkt deine Magie immer noch nicht bei Geistern?«, fragte ich Pearl, die über dem schlafenden Händler schwebte.
»Bedauerlicherweise nicht«, antwortete meine Freundin.
»Na, es wird auch so gehen«, flüsterte ich und konzentrierte mich wieder.
Ich wollte keine Spuren meiner Magie hinterlassen, also musste ich aufpassen, nicht zu lange im Kopf des Mannes herumzuwühlen. Tat ich es, könnte er Schäden davontragen. Außerdem blieben kleine Brandwunden von meinen Fingern zurück und je länger ich ihn berührte, desto offensichtlicher wurden sie. Deswegen legte ich meine Fingerspitzen an seinen Scheitel, wo die Haare zwar fettig waren, jedoch noch dicht sprossen.
Einmal atmete ich durch, dann ließ ich mich von meiner Magie vereinnahmen. Unzählige Erinnerungen rauschten vor meinem geistigen Auge an mir vorbei. Von Festessen, Verhandlungen, Besuchen im Bordell und anderen Dingen, die ich nicht sehen wollte, durch die ich mich aber graben musste, bis ich fand, wonach ich suchte.
Das Gesicht meines Auftraggebers erschien in den Erinnerungen meines Opfers. Es war knallrot und von Zorn entstellt. Ich hörte die Worte nicht, die gesprochen wurden, wusste aber, dass dies die Erinnerung war, die ich brauchte.
»Ist das Gefäß bereit?«, fragte ich atemlos.
»Ja, ich bin hier«, antwortete Pearl.
»Was tust du elendes Geschöpf da?«, blaffte der Geist neben mir. »Hör endlich auf! Ich habe die Wachen verständigt! Du wirst im Gefängnis verrotten oder deinen Kopf verlieren. Hörst du mir nicht zu?«
Ich war versucht, nach dem Geist zu schlagen, ließ es jedoch, und saugte stattdessen die Erinnerung aus den Gedanken des Händlers. Mit einem leisen Plopp entriss ich ihm den Funken seines Gedächtnisses, der wie zähflüssiger rosafarbener Honig an meinen Fingern klebte.
Schnell hob ich die Hand über die winzige Phiole an einer Kette, die Pearl mir reichte, ließ die Flüssigkeit hinein sickern und verschloss das Gefäß.
»Gut, lass uns nach ein paar Wertgegenständen suchen, um die Spuren zu vertuschen«, sagte ich atemlos zu Pearl.
»Ich habe schon ein paar Dinge genommen«, antwortete diese und hob eine mehrreihige Perlenkette und passende Ohrringe an. »Die werden hübsch an mir aussehen«, fügte sie hinzu.
Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. »Warum wundert mich das nicht? Wir brauchen allerdings mehr.«
»Im Schreibtisch ist jede Menge Bargeld und noch etwas Schmuck«, erklärte Pearl.
»Wunderbar. Sorg dafür, dass er weiterschläft, ich reiße ein paar Laden aus den Möbeln und wühle durch seine Kleidung.«
»Aye, Captain.« Pearl kicherte und ließ ihre Magie weiter fließen.
Während mich der Geist wüst beschimpfte, räumte ich die Schreibtischladen leer, steckte das Geld und den Schmuck ein. Es würde eine Weile dauern, bis ich etwas von der Beute verkaufen konnte, aber irgendwann konnte ich all die Juwelen zu Geld machen.
Schnell riss ich die Schubladen der Kommoden heraus, drehte sie um und verteilte die Sachen darin im Raum. Dasselbe tat ich mit der Kleidung im Schrank. Als ich mit dem angerichteten Chaos zufrieden war, rief ich nach Pearl.
Sofort kam sie zu mir, kroch unter meinen Umhang und klammerte sich an mir fest. Ich legte die Kette mit der Phiole um meinen Hals, kletterte aus dem Fenster und suchte die Straße ab.
Der Regen war abgeebbt, aber noch waren die Straßen leer und verlassen. Keiner der teuren Wächter der Stadtgarde patrouillierte im Moment. Vermutlich würde ich Regen weiterhin lieben, auch wenn ich dank ihm nass bis auf die Knochen geworden war. Immerhin konnte ich mich seinetwegen unbehelligt davonstehlen.
»Worauf wartest du?«, flüsterte Pearl. »Mein Zauber bricht bald.«
Ich hob die Nase, genoss die frische, klare Luft, die der Regen erschaffen hatte. Dann schwang ich mich über das Fensterbrett und glitt hinaus in die Nacht. Lautlos landete ich auf der Straße, drückte mich sofort an die Wand und lauschte.
Tropf. Tropf. Tropf.
Außer dem Regen war nichts zu hören. Also stieß ich mich ab und lief, so leise ich konnte, fort. Nur für den Fall, dass mich jemand bemerkte, wählte ich einen Umweg, hielt immer wieder inne und achtete auf jeden Laut. Doch außer mir schien niemand unterwegs zu sein. Gut. Dann hatte ich eine Sorge weniger. Jetzt musste ich nur die Übergabe reibungslos überstehen; dann hätten Pearl und ich für eine Weile genug Geld, um komfortabel über die Runden zu kommen. Und vor allem, um sicher zu sein.