Kapitel 13: Kapitel Dreizehn - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Angespannt blickte ich zu der Küste, die hinter dem Morgennebel immer näher kam. Das Königreich Sculla war das kleinste der Sieben Reiche. Mehr wusste ich nicht über die Insel, die angeblich gerade einmal so groß wie die Stadt Varun war.
Pearl lief auf der Reling auf und ab, sah neugierig in Richtung Festland. Ich wickelte eine bunte Haarsträhne um meinen Finger und fragte mich, ob Taryna in Sculla gejagt wurden oder nicht. Die Kleidung, die Maya mir für den Landgang gebracht hatte, sah aus wie die einer Edelfrau. Ein Kleid aus festem smaragdgrünem Stoff, der sich teuer anfühlte und sich eng an meinen Körper schmiegte, dazu ein Beutel sowie ein Sonnenschirm. Wären meine Haare nicht so bunt gewesen, hätte ich wirklich als Adelige durchgehen können.
Schon bevor er an meiner Seite erschien, spürte ich Caspians Nähe. Dicht neben mir blieb er stehen und stützte die Ellbogen auf der Reling ab. Sein Gehrock war mit goldenen Stickereien an den Ärmelaufschlägen und am Revers veredelt. Seine Hose war cremeweiß, weswegen sich die schwarzen, kniehohen Stiefel besonders abhoben. Die Haare hatte er im Nacken zusammengebunden, nur eine Strähne fiel ihm ins Gesicht. Auch er sah aus wie ein Edelmann, nicht wie ein Pirat. Und ich war nicht sicher, wie er mir besser gefiel.
»Hast du Lovril je verlassen?«, fragte er beiläufig.
»Ich dachte, ich hätte dir erklärt, dass ich das Meer vermeide. Wie soll ich also Lovril verlassen haben, wenn sie ringsum von Wasser umgeben ist?«
Er lachte in sich hinein. Wieder erblühte Gänsehaut auf meinem Körper nur bei dem Klang. Verdammt, das war schlecht.
»Guter Punkt.« Er richtete sich auf und sah mich an. »Soll ich dir etwas über Sculla erzählen?«
Verstohlen warf ich einen Blick über die Schulter. Maya stand am Steuerrad, die anderen Piraten schwatzten am Bug miteinander. Niemand hörte uns zu. Seit dem Wettschießen gestern war ich Caspian nicht begegnet. Was nicht schwer war, schließlich hatte ich geschlafen und er war wohl am Steuerrad gestanden. So ungern ich es zugab, es hatte mir gefehlt, mit Caspian zu reden. Oder zu streiten, oder wie auch immer man unsere Gespräche bezeichnen konnte.
»Fang am besten damit an, ob Taryna dort sicher sind«, schlug ich vor und deutete auf meine Haare. »Denn wenn nicht, würde ich gern wissen, wie ich mich ohne Perücke tarnen soll.«
»Taryna sind auf Sculla kein Freiwild wie in Lovril oder Nyxor«, antwortete er. »Ich würde dennoch vorschlagen, dass du deine Haare ausnahmsweise versteckst.«
»Und womit? Laut Maya könnte ich mir nur einen Mopp aufsetzen.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Maya wird dir einen Zauber mitgeben, der deine Haare hinter einer Illusion verbirgt. Solang du den Zauber trägst, wird es für jede Person – einschließlich dir selbst – aussehen, als hättest du braune Haare. Beruhigt dich das?«
»Ein wenig.« Ich wandte mich wieder zu der Insel um, die noch näher gekommen war. »Was muss ich noch über die Stadt wissen?«
»Sie ist nicht groß, aber sehr gepflegt. Es gibt vornehme Viertel und weniger schöne Gegenden. Wir werden uns in den Straßen des Händlerbezirks aufhalten. Die Crew besorgt Segel und Material zur Reparatur sowie Nahrung. Wir beide holen dir deinen Preis.«
Ich räusperte mich. »Sei ehrlich, hast du mich gestern gewinnen lassen?«
Viel zu hoch lachte er auf und ich ahnte, dass er mir gleich eine Lüge auftischen würde. »Wie kommst du auf die Idee? Denkst du, ich sei doch der bessere Schütze?«
Ich wandte mich ihm zu, wartete darauf, dass er meinen Blick erwiderte. Doch Caspian betrachtete das Meer. War das bereits ein Eingeständnis?
»Weißt du, ich brauche keine Waffe«, begann ich und verstummte, als er schnaubte.
»Wettschulden muss man einlösen, sonst wird man verflucht. Altes Piratengesetz.«
Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich Caspian. »Ist das so?«
»Ja.« Er stieß sich von der Reling ab. »Die Menschen in Sculla sind übrigens besonders, falls es dich interessiert. Es gibt drei Augenfarben – alle eher außergewöhnlich. Und je nachdem, welche Färbung die Iriden haben, wird einem eine Aufgabe für das Leben zugewiesen.«
»Oh, das klingt ein wenig so wie bei den Haaren der Taryna«, murmelte ich und betrachtete meine bunten Strähnen. »Was für Augenfarben gibt es denn und was bedeuten sie?«
Zufrieden schmunzelte Caspian. »Es gibt purpurne, minzgrüne und lehmrote Augen. Männer mit lehmroten Augen werden Krieger, die mit purpurnen Handwerker und die mit minzgrünen Priester. Bei den Frauen bedeutet lehmrot Heilerin, purpurfarben Gelehrte und minzgrün Hohepriesterin. Auf Sculla regieren Frauen und es gibt sehr strenge Gesetze, um die Menschen zu schützen. Piraten werden ungern gesehen, aber meine Leute und ich haben einen Sonderstatus.«
»Sieh an, Frauen regieren dieses Land? Das … ist wirklich besonders.«
Mit einem warmen Schmunzeln nickte er. »Absolut.«
Ich betrachtete erneut die Insel. »Nehmen denn alle Menschen ihre Schicksale einfach so an? Ich meine, was wäre, wenn jemand mit minzgrünen Augen lieber Heilerin werden möchte? Oder jemand mit purpurnen Augen Krieger?«
»So gut kenne ich mich auch nicht aus«, gab Caspian zu. »Vielleicht kann uns der Schmied, zu dem ich dich bringen möchte, das beantworten. Seine Frau ist Gelehrte und gemeinsam erschaffen die beiden Waffen, die so besonders sind, dass man sie als magisch bezeichnen könnte.«
Schmunzelnd verdrehte ich die Augen. »Bei dir ist alles magisch, oder?«
Er hob die Schultern. »In gewisser Weise steckt Magie in allem, meinst du nicht?«
»Darüber habe ich nie nachgedacht.«
»Vielleicht solltest du das.« Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Wenn du mich entschuldigst, ich muss das Schiff zu unserem Ankerplatz bringen. Danach gehen wir gemeinsam an Land.«
Mit einem Nicken wandte er sich ab und schritt die Stufen zum Achterschiff hoch. Maya übergab ihm das Steuer, wechselte ein paar Worte mit ihm und kam dann zu mir. Lächelnd streckte sie die Hand aus, in der sie ein schmales Armband aus rotem Gold hielt.
»Hier, leg das an«, forderte sie mich auf. »Darin ist die Illusion eingewoben, um deine Haare unauffällig zu machen.«
Einen Herzschlag zögerte ich, dann nahm ich das Armband und befestigte es um mein Handgelenk. Kühl legte sich die Magie auf meine Haut und gleich darauf verblassten die bunten Farben meiner Haare, wurden von einem Schokoladenbraun überdeckt.
»Erstaunlich«, murmelte ich. »Wie kannst du deine Kräfte in Gegenstände fließen lassen?«
»Es ist für mich nicht kompliziert, weil ich das schon immer gemacht habe. Meine Mutter hat es mir beigebracht. Sie besaß auch Illusionsmagie.«
»Also waren ihre Haare so blau wie deine?«
Maya nickte. »Mein Vater hatte waldgrüne Haare mit hellblauen Strähnen. Seine Illusionsmagie war kaum vorhanden, dafür konnte er Dinge mit den Gedanken bewegen.«
»Dein Vater war ein Taryn?«
»Wieso überrascht dich das?« Sie hob die Mundwinkel, doch das Lächeln wirkte traurig. »Ich bin in Nyxor aufgewachsen, obwohl meine Familie aus Dwarka stammt. Dort gibt es viele Taryna und sie bleiben unter sich, verstecken sich gemeinsam. Es nutzt ihnen nur leider nicht viel, denn … es gibt ja die Jäger, die sie aufspüren und gefangen nehmen.«
Ihre Stimme bebte leicht. Dass Maya viel durchgemacht haben musste, ahnte ich bereits. Aber wie viel hatte sie wirklich erleben müssen?
Als sie eine wegwerfende Handbewegung machte, blinzelte ich. »Du bist mit dieser Tarnung auf jeden Fall sicher«, sagte sie und fügte schelmisch grinsend hinzu: »Besonders, wenn du bei Caspian bist. Er wird dafür sorgen, dass dir nichts passiert.«
Eigentlich wollte ich ihr erklären, dass ich selbst auf mich aufpassen konnte, doch sie meinte es gut mit mir. Also nickte ich lediglich und bedankte mich für die Illusion.
Der Brummbär ließ auf Caspians Befehl den Anker zu Wasser und die Segel wurden eingeholt. Ich ging zur Reling, an der drei Piraten das Beiboot bereit machten. Caspian erschien gleich darauf neben mir und musterte mich unverhohlen.
»Was?«, fragte ich und griff in meine Haare.
»Nichts.« Er neigte den Kopf, bis seine Lippen neben meinem Ohr schwebten. »Ich finde nur, die bunten Haare stehen dir so viel besser als dieses langweilige Braun.«
»Tja, nur bin ich dank des langweiligen Brauns keine wandelnde Beute.«
»Denkst du, ja?« Er zog sich zurück und schenkte mir ein schiefes Schmunzeln, als wollte er mir sagen, dass ich für irgendjemanden immer Beute sein würde.
Da ich nicht darauf einsteigen wollte, schwieg ich ebenfalls. Pearl kroch unter meine Haare, legte sich wie ein Schal um meinen Hals, als wir in das Beiboot stiegen. Maya und der Brummbär würden auf dem Schiff bleiben. Dank der Illusionen, die Maya erschuf, würde es aber angeblich so aussehen, als wären dutzende Leute an Bord.
Die beiden Männer ruderten, während die Frau mit Caspian beratschlagte, wo sie die besten Materialien herbekommen sollten. Ich lauschte nur und sah dem Steg entgegen, auf den wir zuhielten. Wie auch in Varun stand jemand dort und wartete, bis wir unser Boot vertäut hatten, ehe er uns den Preis nannte, um im Hafen anlegen zu dürfen. Während Caspian den seiner Meinung nach viel zu hohen Preis verhandelte, betrachtete ich den Mann. Seine Haut hatte einen warmen Ockerton, seine Haare waren pechschwarz. Die Iriden hingegen schimmerten lehmrot. Er war also ein Krieger. Ich ließ den Blick über seinen Körper gleiten, entdeckte einen Waffengürtel an seiner Hüfte. Ein Krummschwert hing daran, ebenso wie ein paar Dolche und eine Armbrust. Ich war mir sicher, dass dieser Mann uns alle überwältigen konnte, wenn er wollte.
»Das ist immer noch Wucher«, meinte Caspian, griff jedoch zu seinem Beutel. »Aber da wir keine andere Wahl haben, nehme ich dein großzügiges Angebot natürlich an.«
Schnaubend reichte er dem Kerl drei Goldmünzen. Der betrachtete sie und wog sie in seiner Hand, dann nickte er. »Willkommen in Sculla«, sagte er und machte Platz.
Da Caspian mich zu sich winkte, trat ich näher an ihn heran. Galant bot er mir den Arm an. Erst da wurde mir klar, dass ich wohl seine Begleitung war. Die anderen Piraten trugen schlichte Kleidung, nur Caspian und ich waren herausgeputzt. Zögerlich ergriff ich den Arm und wartete darauf, dass Caspian losging. Er räusperte sich.
»Du musst den Schirm aufspannen«, meinte er leise. »Als Edeldame würdest du nie ohne Schutz durch die Straßen Scullas gehen. Und wir wollen uns ja bedeckt halten, oder?«
Leise schnaubend hob ich den Sonnenschirm, mühte mich damit ab, ihn aufzuspannen, und hob ihn über meinen Kopf. Wie mich der dünne weiße Spitzenstoff davor bewahren sollte, einen Sonnenbrand zu bekommen, erschloss sich mir nicht. Aber wenn das der Preis war, um diese Stadt kennenzulernen, würde ich den Schirm eben tragen.
Caspian setzte sich in Bewegung und wir folgten ihm. Nachdem wir den Hafen hinter uns gelassen hatten, drehte er sich zu den Piraten um.
»Ihr erledigt die Besorgungen wie besprochen«, raunte er ihnen leise zu. »Wenn ihr noch Zeit habt, könnt ihr euch gern umsehen. Bei Sonnenuntergang treffen wir uns genau hier. Falls etwas passiert, nutzt die Signalillusionen.«
Ich hob die Augenbrauen. Signalillusionen?
»Viel Erfolg«, meinte Caspian und entließ die anderen damit, obwohl ich vermutete, dass wir den gleichen Weg hatten.
Eine Weile sah ich die Piraten noch vor uns in den Straßen, doch als ich mich kurz abwandte, um einen Stand mit leuchtend rotem Obst zu bewundern, waren sie verschwunden.
Trotz der Morgenstunde brannte die Sonne bereits erbarmungslos auf uns herab und die Luft flirrte. Dennoch trugen die Frauen und Männer lange Kleidung, die ihre Körper luftig umspielte.
»Sie schützen sich so vor der Sonne«, beantwortete Caspian meine unausgesprochene Frage. »Die Stoffe sind sehr leicht und luftdurchlässig, halten aber die Sonnenstrahlen von der Haut fern. Sonst würden sie ständig Sonnenbrand bekommen.«
»Obwohl sie hier leben?«, wisperte ich.
»Aye. Es ist gerade Sommer und da sind sogar die Menschen Scullas vorsichtig, was die Hitze betrifft. Deswegen der Schirm.«
Ich warf einen Blick auf den hellen Stoff, ehe ich den Schirm neigte, damit auch Caspian darunter Schutz fand. Er schenkte mir ein Schmunzeln, nahm den Griff in seine freie Hand und zog mich mit dem anderen Arm enger an sich. Ihm so nah zu sein, fühlte sich falsch an. Und richtig zugleich. Ich durfte nur nie vergessen, dass dies hier nichts als ein Schauspiel war.
Um mich von Caspian abzulenken, betrachtete ich die Häuser, die aus demselben hellbraunen Stein erbaut worden waren, wie die Straßen. Allerdings hingen farbenfrohe Banner an den Wänden, und in seltsamen Schriftzeichen stand wohl die Geschäftsbezeichnung darauf. Aus einigen drangen würzige Gerüche, die ich noch nie in meinem Leben gerochen hatte, aus anderen strömten unerträgliche Hitze und laute Geräusche. Und bei wieder anderen entdeckte ich Waren, die ich noch nie gesehen hatte: farbenfrohe Gefäße aus Glas, Stoffe, die im Sonnenlicht schimmerten, kunstvoll verzierte Teller und Kannen aus Lehm. Alles erstrahlte in den buntesten Farben. In Varun wurde alles schlicht gehalten, edlere Läden boten bestenfalls mit Gold verzierte Waren an.
Das hier war eine ganz andere Welt. Bunt, heiß, fremd, aber faszinierend und wunderschön. Allein dafür sollte ich Caspian dankbar sein, denn ohne ihn wäre ich wohl nie an diesen Ort gekommen.
Als sich hinter den Häusern des Händlerviertels ein Schloss erhob, stockte mein Atem. Die Dächer waren nicht flach wie jene des Königsschlosses in Varun, sondern erhoben sich wie eine Kuppel über dem Gebäude. Auch die Türmchen besaßen Kuppeldächer und schimmerten golden in der Sonne, verliehen dem sandfarbenen Palast eine eigene Magie.
Ich wollte noch näher an das Schloss, doch Caspian führte mich in ein Gebäude. Blinzelnd versuchte ich, meine Augen an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen – denn im Inneren war es verglichen mit draußen finster wie die Nacht.
Noch ehe ich alles erkennen konnte, erklang eine warme weibliche Stimme aus einem Nebenraum. »Ah, wenn das nicht mein liebster Piratencaptain ist«, sagte die Frau.
Ich drehte mich, um sie zu betrachten. Sie trug ein langes Kleid aus hellblauem Stoff, ihre Augen schimmerten purpurfarben, die Haare schwarz mit vielen weißen Strähnen darin. Falten bildeten sich um ihren Mund, als sie lächelnd auf Caspian zuschritt.
»Hast du es endlich geschafft, eine Frau dazu zu bringen, dich zu heiraten?«, fragte sie zwinkernd und musterte mich. »Du hast auf jeden Fall eine gute Wahl getroffen, wenn ich das so sagen darf.«
Meine Wangen fingen mit einem Mal Feuer. Lachend schloss Caspian den Schirm und legte einen Arm um mich.
»Das ist Sussura«, stellte er mich vor. »Bisher nur eine Freundin. Und das, meine liebe Sussura, ist Rosabaya, die Gelehrte, von der ich dir erzählt habe.«
Die Frau verneigte sich, also senkte ich ebenfalls meinen Kopf.
»Es freut mich, Sussura. Wenn Caspian dich zu mir bringt, um hier ein Geschenk zu wählen, musst du ihm viel bedeuten. In Sculla sind Waffen für die Liebste das wertvollste Geschenk, das man ihr machen kann.«
Ich war mir sicher, dass sie all das nur aus Höflichkeit sagte. Da ich Caspian nicht in Verlegenheit bringen wollte, lächelte ich und schwieg.
»Also, was möchtest du deiner Liebsten schenken?«, fragte Rosabaya und breitete die Arme aus. »Wenn es etwas ist, das wir gerade nicht hier haben, kann ich es natürlich gern anfertigen lassen. Mein Gemahl ist sehr schnell, was das betrifft.«
Ich wartete, dass Caspian antwortete, doch er sah mich nur schief schmunzelnd an.
»Was hättest du denn gern, Sussura? Ein Schwert, um gegen mich zu kämpfen?«
»Ich … habe bereits ein sehr gutes Schwert«, stammelte ich und ließ den Blick schweifen. An einer Reihe Armbrüste an der Wand blieb er hängen. Sie waren kleiner als jene, die von den Stadtwachen Varuns genutzt wurden. Ob auch sie besonders waren?
»Du scheinst an unseren Schusswaffen interessiert zu sein«, stellte Rosabaya fest, schritt auf die Wand zu und nahm eine Armbrust von der Halterung. »Eine gute Wahl. Wir bauen sie handlicher als jene, die in den meisten Ländern noch genutzt werden. Ich weiß, vielerorts sind Schusswaffen mit Schießpulver und Metallkugeln sehr beliebt. Aber die sind so laut und das Nachladen dauert ewig. Mit dieser Armbrust kannst du lautlos fünf Schuss abfeuern, ehe du neue Bolzen einlegen musst.«
Sie reichte mir die Armbrust, die ich vorsichtig von ihr und Caspian wegdrehte. Ich wollte schließlich niemanden damit erschießen.
»Als begnadete Schützin solltest du dir unbedingt eine solche Waffe nehmen«, raunte mir Caspian zu.
Gänsehaut breitete sich auf meinem Nacken an jenen Stellen aus, die sein Atem berührt hatte. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu schaudern.
»Sagst du das, damit ich nicht mehrere Stunden in diesem Geschäft verbringe?«, flüsterte ich und sah ihn an.
Sein Lächeln ließ ein heftiges Kribbeln in meinem Bauch entstehen. »Meinetwegen können wir den ganzen Tag hier verbringen«, antwortete er. »Aber ich denke, mit der Armbrust triffst du die richtige Wahl. Sie könnte dir nützlich sein, oder siehst du das anders?«
Es stimmte, eine gute Schusswaffe fehlte mir definitiv in meinem Arsenal. Und diese Armbrust lag gut in meinen Händen.
»Darf ich sie ausprobieren?«, fragte ich.
»Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn nicht«, antwortete Rosabaya und deutete auf eine Tür in Richtung Hinterhof.
Dort befanden sich einige Zielscheiben, Kampfpuppen und Hindernisse. Ich nahm auf einer Markierung Aufstellung und betrachtete die Armbrust.
»Erst musst du sie entsichern, hier«, erklärte Rosabaya und legte einen kleinen Hebel neben dem Abzug um. »Jetzt zielen und schießen. Ganz einfach.«
Ich hob den Arm, kniff ein Auge zu und zielte. Als ich den Abzug betätigte, schoss ein Bolzen aus der Armbrust. Vom Rückstoß taumelte ich und kippte gegen Caspian, der mich auffing. Der Bolzen traf die Zielscheibe mit einem lauten Geräusch, doch ich sah nicht hin, weil ich in Caspians blauen Augen versank. Für einen Moment schien die Welt um uns herum stillzustehen.
Erst Rosabayas Klatschen riss mich aus dem Augenblick und ich richtete mich hastig auf.
»Für den ersten Versuch wirklich gut«, meinte sie zufrieden. »Ich hätte dich vor dem Rückstoß warnen sollen, entschuldige. Aber mit ein wenig Übung gewöhnst du dich daran. Die Bolzen sind sehr widerstandsfähig, du kannst sie mehrmals verwenden. Natürlich geben wir einen großen Vorrat mit.«
»Möchtest du diese Waffe?«, fragte Caspian mit dieser weichen, tiefen Stimme, die ich auch in meinen Träumen hörte.
»Ich … glaube schon«, antwortete ich.
»Du musst dich nicht sofort entscheiden, wenn du noch etwas anderes versuchen möchtest …«
»Nein, ich denke, das ist die richtige Wahl«, sagte ich lächelnd. »Danke.«
Caspian antwortete mit einem Lächeln und begann dann, mit Rosabaya um den Preis zu feilschen. Offensichtlich war das üblich, denn ich hatte erwartet, Caspian würde einfach zustimmen und bezahlen.
Nachdem sie sich geeinigt hatten, lud Rosabaya uns noch zu einem Glas Tee ein, während sie die Waffe sowie Bolzen verpackte. Mit einem zufriedenen Lächeln überreichte sie mir die Pakete.
»Ich wünsche dir, dass du sie nie einsetzen musst«, sagte Rosabaya. »Aber wenn doch, mögen die Götter die Pfeile lenken, damit du sicher bist.«
»Danke«, wisperte ich.
Rosabaya brachte uns hinaus, verabschiedete uns und winkte uns, während Caspian den Schirm aufspannte und mir die Pakete abnahm.
»Das war ein angenehmer Einkauf«, meinte Caspian, als wir ein paar Schritte gegangen waren. »Wenn Maya sich eine Waffe aussuchen darf, braucht sie den halben Tag, um überhaupt zu entscheiden, was sie möchte. Aber du … du bist unkompliziert.«
»Sind Maya und du irgendwie … zusammen?«, fragte ich, so beiläufig ich konnte.
»Nein, ich verliere nur oft Wetten gegen sie.« Er lachte in sich hinein. »Also kein Grund zur Eifersucht.«
»Wieso sollte ich eifersüchtig sein?« Ich verdrehte die Augen. »Es interessiert mich nur. Mehr nicht.«
»Hm.« Caspian sah aus, als wollte er noch etwas sagen, schwieg jedoch und bog mit mir in eine Seitengasse. »Wie sieht es aus, möchtest du etwas essen? Es gibt hier einige Restaurants, die wirklich hervorragende Gerichte anbieten.«
»Klingt verlockend«, nuschelte Pearl. »Ich habe nämlich Hunger.«
»Du hast immer Hunger«, brummte ich.
Das entlockte Caspian ein Lachen. »Dann sollten wir uns wohl beeilen. Das erste Lokal ist gleich da vorne. Die Kuchen sind ein Gedicht und …«
Mitten im Satz brach er ab und ließ meine Hand los. Bevor ich begriff, was geschah, stülpte jemand einen Sack über meinen Kopf.
»Caspian!«, rief ich panisch.
Jemand schlug mir in den Bauch und ich ging ächzend in die Knie.
»Maul halten«, bellte mich ein Mann an. »Sonst schneide ich dir die Kehle durch.«
»Leg Hand an sie und ich bringe dich um«, erwiderte Caspian gedämpft. Ob auch er einen Sack über dem Kopf hatte?
»Ihr kommt jetzt mit und kein Mucks«, fauchte der Kerl von gerade. »Sonst kann deine Mannschaft Lösegeld für eure Einzelteile bezahlen.«