Kapitel 22: Kapitel Zweiundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Ich zögerte nicht, setzte in dem Moment zum Sprung an, in dem Caspian über die Kante schlitterte. Ächzend landete ich auf dem Bauch, packte Caspians Handgelenk mit der linken Hand und suchte mit der rechten verzweifelt Halt. Aber es gab nur die rutschigen Schindeln, über die meine Nägel kratzten. Der Abgrund kam immer näher und im nächsten Atemzug glitt ich darüber.
Instinktiv griff ich mit meiner freien Hand nach der Regenrinne und atmete einen Wimpernschlag auf, als ich sie zu fassen bekam. Dann jedoch spürte ich Caspians Gewicht, das an mir riss und mir halb den linken Arm ausrenkte. Trotzdem grub ich meine Finger fester in seine Haut, sah zu der Dachrinne, die bedrohlich knirschte, und dann zu Caspian.
Mit weit aufgerissenen Augen erwiderte er meinen Blick. Seine regennassen Haare klebten ihm an der Stirn, sein Gehrock flatterte im Wind. Zwar hielt er sich mit einer Hand an mir fest, die zweite hing jedoch nur herab.
»Du musst mich mit beiden Händen festhalten«, presste ich zwischen den Zähnen hervor.
Er sah zu Boden. Ich vermied es, ebenfalls hinunterzuschauen. Wir hingen mehrere Meter über dem Abgrund, unter uns befand sich ein Hof, der nachts ungenutzt blieb. Aber wenn Caspian abstürzte, würde man es vermutlich hören. Selbst wenn er es einigermaßen unbeschadet überstehen sollte, verletzen würde er sich auf jeden Fall. Und soweit ich es vorhin bei meiner Erkundung gesehen hatte, gab es keine Möglichkeit, den Hof zu verlassen – außer über ein Tor, das in den Haupthof führte, in dem es auch um diese Uhrzeit von Wachen wimmelte.
»Caspian … gib mir deine zweite Hand«, flehte ich.
»Nektaria.« Langsam sah er wieder zu mir auf und die Traurigkeit in seinen Augen brach mir das Herz. Trotz dessen lächelte er. »Lass mich los.«
»Auf keinen Fall«, zischte ich. »Du greifst jetzt mit der zweiten Hand nach meinem Arm, und dann …«
»Dann was? Ziehst du mich hoch, bis ich die Regenrinne erreiche?« Kaum erkennbar schüttelte er den Kopf. »Ich weiß, du bist stark, aber das wirst du nicht schaffen. Also lass mich los und bring dich in Sicherheit.«
Ich wusste nicht, ob die Illusionsmagie uns immer noch tarnte oder ob man uns jetzt sehen konnte. Es war aber auch egal, weil ich Caspian nicht zurücklassen würde.
»Du wirst dir sämtliche Knochen brechen, wenn du fällst«, fuhr ich ihn an.
»Vermutlich, aber vielleicht lande ich auch wie eine Katze auf den Füßen und stehe unbeschadet wieder auf.«
Hysterisch lachte ich auf. »Hör auf, den Helden zu spielen und hilf mir gefälligst.«
Er grinste verwegen. »Weil du die Heldin sein möchtest?«
»Weil ich nicht will, dass dich der König umbringt, verdammt!«, blaffte ich ihn an.
Das Grinsen verschwand. »Ich fürchte, da kommst du zu spät«, murmelte er so leise, dass ich nicht sicher war, ob ich ihn richtig verstanden hatte.
Aber auch das war egal.
»Caspian!«, sagte ich entschlossen. »Bitte, greif nach meiner Hand und wir überlegen, wie wir hier lebend rauskommen.«
Er presste die Lippen fest zusammen und versuchte sich verzweifelt an meinem Handgelenk festzuhalten. Doch der Regen hatte seine Hände rutschig gemacht. Wenn er nicht die zweite Hand hob und meinen Arm umklammerte, würde er abstürzen.
Meine Brust schnürte sich zu, sodass mir die Luft wegblieb, und in meinem Kopf drehte sich nur ein einziger Gedanke: Caspian wird abstürzen.
Ich konnte es nicht verhindern. Pearl hätte Hilfe holen oder etwas suchen können, um Caspian zu fixieren. Aber wir waren allein.
Tränen brannten in meinen Augen, vermischten sich mit dem Regen, der unaufhörlich auf mich fiel und meine Kleidung tonnenschwer machte. Früher oder später würde mir die Kraft ausgehen. Spätestens dann würden wir beide abstürzen.
Was sollte ich tun?
»Nektaria«, flüsterte Caspian mit diesem sanften Blick, der mein Herz dazu brachte, schneller zu schlagen. »Es ist in Ordnung. Lass mich einfach los.«
Heftig schüttelte ich den Kopf, suchte fieberhaft nach einer Lösung. Ich besaß Magie, die unglaublich mächtig war. Zwar hatte ich weder Ahnung, wie ich diese einsetzte, noch welche Fähigkeiten sie mir verlieh, aber irgendwie musste ich sie aktivieren.
Bitte, flehte ich die Magie in Gedanken an. Bitte, gib mir die Kraft, uns beide zu retten.
In meinem Kopf knirschte es und für einen Moment verschwanden das Geräusch von Regen, der Schmerz in meinen Armen, die Kälte auf meiner Haut. Sogar Caspian verblasste. Für diesen Moment nahm ich nichts als Licht und Wärme wahr und einen süßen Duft nach Blumen. Es gab eine Zeit, da hatte ich gewusst, welche Blumen diesen Geruch verströmten. Eine Silhouette zeichnete sich gegen die Helligkeit ab und ein Flüstern erhob sich. Die Worte drangen nicht zu mir durch, doch ich spürte: Etwas in mir veränderte sich.
Das Prickeln, das ich auch beim letzten Mal gespürt hatte, zog über meinen Körper, sickerte in jede Pore. Als das Prasseln des Regens wieder an meine Ohren drang, durchströmte mich eine Macht, die fremd und vertraut zugleich war. Meine Haare begannen zu leuchten, schwebten trotz der Nässe um meinen Körper und erhellten die Nacht.
Caspians Augen weiteten sich, doch er wandte sich nicht von mir ab. Auf seinem Gesicht spiegelte sich das türkise Licht, das uns mittlerweile vollständig umgab. Rufe wurden laut und ich wusste, dass man uns entdeckt hatte.
Panik schnürte meine Kehle zu. Meine Magie würde uns nicht helfen, sie brachte uns in Gefahr. Denn bisher war nichts geschehen, außer, dass ich wie ein Feuerball leuchtete.
Da bemerkte ich es.
Der Regen tropfte nur noch träge vom Himmel, ehe er gänzlich stoppte, als wäre er eingefroren. Im nächsten Augenblick fiel er nicht mehr nach unten, sondern nach oben. Mein Körper wurde leicht und auch Caspians Gewicht nahm ab. Immer noch hielt ich seine Hand, während ich zusah, wie Caspian zu mir hoch schwebte. Als wir auf derselben Höhe waren, schlang er seinen freien Arm um meine Taille und ich ließ instinktiv die Regenrinne los, um meine Hand in Caspians Nacken zu schieben.
Gemeinsam schwebten wir noch höher, landeten federleicht auf dem Dach. Es dauerte zwei weitere Atemzüge, bis das Leuchten meiner Haare verblasste und sie schließlich schwer durch die Nässe auf meinen Schultern lagen. Der Regen prasselte wieder tosend auf uns herab, Kälte hüllte uns ein und Dunkelheit umgab uns einen bittersüßen Moment, in dem ich nur in Caspians Augen sah, seinen Körper wahrnahm, den er an meinen presste, wodurch ich seine Atemzüge überdeutlich spürte.
»Da sind sie!«, rief jemand.
Fluchend wirbelte Caspian herum, umfasste mein Handgelenk fester und zerrte mich hinter sich her über das Dach. Direkt neben meinem Fuß schlug etwas ein. Ich unterdrückte einen Schrei und rannte mit Caspian über das rutschige Dach. Eine lose Schindel, ein falscher Schritt und wir würden in die Tiefe stürzen. Und darauf zu hoffen, dass meine Kräfte ein weiteres Mal erwachen würden, war sinnlos. Ich spürte nicht einen einzigen Funken Magie mehr in mir.
Hinter uns wurden Befehle gebrüllt und Flüche geschrien. Caspian rannte weiter, hechtete mit mir zu der Strickleiter, die wir bei unserer Ankunft angebracht hatten, um das Gebäude von außen zu erklimmen. Energisch deutete er darauf, damit ich zuerst hinunterstieg. Trotz meiner zitternden Finger schaffte ich es in Rekordzeit. Caspian folgte mir sofort, zerrte an der Leiter, die klappernd zu Boden fiel, ließ sie liegen und schloss dafür seine Hand um meine.
Wir befanden uns in einer schmalen Seitengasse. Angeblich wurde die für Lieferungen zum Schloss genutzt. Es gab nur einen Ausgang und den mussten wir erreichen, bevor die Wächter uns fanden.
So schnell mich meine Füße trugen, lief ich mit Caspian drauf zu, ließ mich von ihm durch die Straßen führen, die dunkel und leer waren. Erst wollte ich aufatmen, dann erklangen unzählige schwere Schritte in unserer Nähe.
»Sie sind verdammt schnell«, zischte Caspian, bog in eine Seitengasse ab und rannte weiter.
Obwohl ich die Stadt gut kannte, hatte ich längst die Orientierung verloren. In der Gegend rund um das Schloss hatte ich mich so gut wie nie aufgehalten. Hier wäre ich in meiner schäbigen Kleidung zu leicht aufgefallen und es wimmelte stets von Wachen und Tarynajägern aus Nyxor, die dem König ihre Dienste anboten. Deswegen musste ich Caspian vertrauen. Und das tat ich.
Als er allerdings in eine Sackgasse einbog, machte sich Panik in meinem Inneren breit. Wenn man uns hier fand, gab es kein Entkommen. Die Wächter waren so dicht hinter uns gewesen, sie mussten gesehen haben, wo wir hineingelaufen waren. Trotz dieser Tatsachen lief Caspian weiter.
Ich wollte ihn fragen, was er vorhatte, da hob er den freien Arm und presste die Hand auf eine Wand. Geräuschlos glitt sie zur Seite, Caspian sprang in den Verschlag, zog mich mit sich und schloss die Wand wieder.
Der Raum, in dem wir standen, war so eng, dass wir gerade einmal so Platz hatten. Durch eine schmale Öffnung fiel das Licht einer Straßenlaterne hinein. Caspian schlang beide Arme um mich und zog mich enger an sich. Ich klammerte mich an seinem Gehrock fest, sah in seine Augen und hielt den Atem an, als draußen Schritte laut wurden.
»Sie müssen hier irgendwo sein!«, dröhnte die Stimme eines Mannes förmlich in meinen Ohren.
Er musste direkt vor der Holzwand stehen. Was, wenn er sie berührte und den Mechanismus auslöste?
Mein Herz schlug so wild gegen meinen Brustkorb, dass Caspian es spüren musste. Nur sein Blick hielt mich davon ab, in Panik zu verfallen. Trotz der Dunkelheit, die uns umgab, konnte ich seine Miene erkennen und das Schimmern in seinen Iriden sehen. Obwohl wir um unser Leben gerannt waren, atmete Caspian ruhig und gleichmäßig. Das ließ meinen Puls ebenfalls zur Ruhe kommen.
»Hier könnten sie sich nirgends verstecken«, brummte ein anderer Mann. »Es gibt keine Türen, nur kahle Wände.«
Als er gegen etwas klopfte, musste ich mir auf die Unterlippe beißen, um nicht zu schreien. Caspian strich mit einer Hand über meinen Rücken, als wollte er mir so sagen, dass alles gut werden würde.
»Aber ich habe gesehen, wie sie hier reingelaufen sind!«, keifte der Mann.
»Dann hast du dich wohl geirrt«, blaffte der andere. »Hier sind sie nicht. Wir suchen weiter.«
Die Schritte entfernten sich, meine Anspannung aber blieb. Caspian machte keine Anstalten, sich zu bewegen oder mich loszulassen.
Ich wusste nicht, wie lange sich die Männer bereits zurückgezogen hatten. Vermutlich waren nur wenige Sekunden oder Minuten vergangen. Unaufhörlich prasselte der Regen auf das dünne Dach über unseren Köpfen, doch es war nicht so laut wie das Pochen meines Herzens. Nicht die Angst ließ es so heftig schlagen, sondern Caspians Nähe, die mir jetzt noch deutlicher bewusst war als vorhin.
Nach einer gefühlten Ewigkeit atmete er gedehnt aus.
»Was hast du dir dabei gedacht?«, fragte er so leise, dass ich es kaum hören konnte.
»Wobei?«, wisperte ich.
»Als du mir hinterher gesprungen bist. Du hättest selbst abstürzen können.«
»Ich habe an gar nichts gedacht«, log ich. Denn ich hatte an einiges gedacht, doch nichts davon konnte ich Caspian erzählen.
»Das hat man gemerkt«, brummte er. »Und dann setzt du auch noch Magie ein. Im Schloss. Ist dir klar, in welche Gefahr du dich meinetwegen gebracht hast?«
»Nur fürs Protokoll: Ich habe diese Magie nicht bewusst eingesetzt, sie hat sich verselbstständigt.«
»Aber sie ist nur erwacht, weil du mich retten wolltest«, knurrte er und packte grob meine Oberarme. »Wieso, Nektaria? Es war ein einfacher Befehl, als ich sagte, du sollst mich loslassen.«
»Ein Befehl?« Ich funkelte ihn an. »Dann hättest du es so klingen lassen sollen.«
»Hättest du ihn dann befolgt?«, fragte er gereizt.
»Kaum, aber …«
Er lachte heiser auf und ich verstummte. Caspian hörte nicht auf, zu lachen, was Wut in meinem Inneren entfachte.
»Was ist so lustig?«, ging ich ihn an. Als er immer noch nicht aufhörte zu lachen, pikste ich ihm mit dem Finger in die Brust. »Caspian, das ist nicht komisch.«
»Du hast recht«, japste er und war mit einem Mal wieder ernst. »Es ist nicht komisch, denn du hast meinen Befehl missachtet und dich in Gefahr gebracht.«
»Wirfst du mir ernsthaft vor, dass ich dich retten wollte?«, fauchte ich. »Du hättest es genauso bei mir getan!«
»Denkst du das, ja?«
»Ich weiß es«, sagte ich, ehe ich mich davon abhalten konnte.
Denn ich wusste es. Ich wusste, dass Caspian sein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, um mich zu retten. Wieso warf er mir dann vor, dass ich dasselbe für ihn tat?
Scharf sog er den Atem ein und musterte mich einen Herzschlag lang. »Ich wäre schon irgendwie da rausgekommen«, meinte er weit weniger angriffslustig als zuvor.
»Ich traue dir wirklich viel zu, aber dass du einen Weg durch einen voll besetzten Hof findest, ohne entdeckt zu werden, liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Erst recht, wenn du dir die Beine gebrochen hast.« Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme zittrig. Denn allein daran zu denken, dass Caspian verletzt war und von den Wachen des Königs gefangen genommen wurde, ließ meine Brust zu eng zum Atmen werden.
Caspian schwieg, sah mich einfach an. Ich konnte seine Miene nicht deuten.
Unendlich langsam glitt sein Blick über mein Gesicht bis zu meinen Lippen. Ein Schaudern, das nichts mit der Kälte zu tun hatte, erfasste mich. Wir standen uns so nahe, waren gerade mit dem Leben davongekommen. Vielleicht lauerten draußen noch die Wachen und würden uns schnappen, sobald wir dieses Versteck verließen. All das schoss mir durch den Kopf, während ich Caspians Lippen betrachtete.
»Nektaria«, hauchte er meinen Namen und es klang wie ein Flehen.
Es war mir egal, was zwischen uns stand oder stehen würde, wenn ich meinem Verlangen jetzt nachgab. Wir wussten nicht, wie viel Zeit uns blieb, bis unsere Leben erneut in Gefahr waren – oder endeten. Und ich wollte keine Gelegenheit mehr verpassen.
Dennoch zögerte ich, hob meine Hände ganz langsam und fuhr mit den Fingern durch Caspians nasse Haare, ließ sie bis zu seinem Nacken gleiten, wo ich sie verschränkte. Sein Atem beschleunigte sich und seine Hände an meinem Rücken zuckten.
Als er tief einatmete, befürchtete ich schon, er würde mich stoppen. Doch da überraschte er mich, brachte sein Gesicht näher an meines. Nur noch ein Lufthauch trennte uns. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, stellte mich auf die Zehenspitzen und bedeckte Caspians Lippen mit meinen.