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Kapitel 24: Kapitel Vierundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Nervös knetete ich meine Finger, während Madam Narzisse in einem kleinen Raum das Ballkleid mit unzähligen Nadeln absteckte. Dass die Schneiderin aus diesen vielen losen Stoffstücken in wenigen Tagen ein fertiges Kleid genäht hätte, ließ sich nur schwer vorstellen. Jetzt bereute ich es, Caspians Wunsch, Maya und mich zu begleiten, zugestimmt zu haben. Die beiden warteten im Verkaufsraum auf mich.

Genau wie ich hatte er einen Illusionszauber von Maya angelegt, um unbehelligt durch die Stadt zu schlendern. Ich wusste zwar nicht, wozu er diese Maßnahme traf, aber nachdem wir vor wenigen Nächten nur knapp entkommen waren, verstand ich seine Vorsicht. Wir konnten ja nicht wissen, ob einer der Wächter uns nicht doch erkannt hatte bei unserer Flucht.

Es war dennoch seltsam gewesen, dass Caspian als blonder Mann neben mir hergeschritten war. Seltsamer war nur Mayas Anblick gewesen, deren Illusion sie ebenfalls mit blonden Haaren und blasser Haut zeigte. Bevor wir die Schneiderei betreten hatten, hatte Caspian seine Tarnung abgelegt, Maya jedoch nicht. Eigentlich hätte uns Pearl begleiten sollen, die Caspian in einer Umhängetasche tragen wollte. Doch meine Freundin hatte sich zum Frühstück über den Berg Plätzchen hergemacht, die Aram ihr vom Markt mitgebracht hatte, und lag jetzt mit schlimmen Bauchschmerzen auf dem Schiff.

Aber viel gab es ohnehin nicht zu sehen. Wir waren nur durch das Händlerviertel geschlendert, in dem Caspian mir zwei Verstecke gezeigt hatte, ehe wir den Laden betreten hatten. Und außer dem Ballkleid, das mich eben an ein zerrissenes Kleidungsstück erinnerte, würde ich nichts anprobieren. Alle anderen Dinge hatte die Madam bereits verpackt und Maya übergeben, deren Illusion ihr die schlichte Kleidung einer Dienerin erschaffen hatte. Caspian war in einem prächtigen Gehrock herumgelaufen – ganz ohne Illusion. Und meine Ledermontur war für alle Augen zu einem einfachen Kleid aus weißer Spitze geworden. Ja, Mayas Magie war beeindruckend und ich hoffte, dass ich irgendwann in der Lage war, ebenso mächtige Zauber zu weben.

Seufzend ließ ich die Schultern hängen. Seit der Nacht, in der Caspian und ich vom Schloss geflohen waren, hatte ich noch intensiver versucht, Magie zu wirken. Ohne Erfolg. Ich hatte sogar an Caspian gedacht, an seine Küsse, die Sehnsucht nach ihm. Nichts hatte meine Magie gelockt. Gar nichts.

»Ihr müsst nicht so enttäuscht schauen«, meinte die Schneiderin mit einem warmen Lächeln. »Das ist nur das Grundgerüst, über das ich dann den edlen Stoff einarbeite. Von diesen Lumpen wird dann nichts mehr zu sehen sein.«

Ich zwang mich, das Lächeln zu erwidern. »Ich vertraue Euch, Madam.«

»Das solltet Ihr.« Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem verschmitzten Lächeln. »Lord Caspian werden die Augen herausfallen, wenn er Euch in dem fertigen Kleid sehen wird. Ich bin sicher, er wird bereits jetzt kein Wort herausbringen vor stiller Bewunderung.«

»Ich soll mich ihm aber so nicht zeigen, oder?«

»Doch, meine Liebe. Ihr scheint Euch seiner Gefühle für Euch nicht sicher zu sein. Wenn er Euch so sieht, wird es keine Zweifel mehr geben, vertraut mir.«

Bevor ich etwas dazu sagen konnte, schob mich die Madam zwischen den Vorhängen des Umkleidezimmers hinaus und in den Raum hinein, in dem Caspian und Maya auf roten Samtpolstermöbeln saßen.

Die Luft flirrte mit einem Mal, als sich die Blicke der beiden auf mich richteten. Ich zwang mich, Caspian anzusehen, dessen Lippen sich halb öffneten. Ein Funkeln erschien in seinen Augen, das meine Haut erhitzte. Ich musste daran denken, wie wir uns gestern über das Deck gedreht hatten, wie leicht es mir gefallen war, mit ihm an meiner Seite zu tanzen. Die Zeit hatte jegliche Bedeutung verloren. Wäre die Sonne nicht gesunken, hätte ich ewig mit Caspian getanzt. Doch als die Piraten von ihrer Mission beim Schloss zurückgekehrt waren, hatte Caspian das Schiff verlassen und war irgendwann in den Morgenstunden wiedergekommen.

Auf dem Weg hierher hatte er mich nicht angesehen. Doch jetzt … jetzt zog er mich förmlich mit den Augen aus.

»Ich habe den Ausschnitt am Kleid wie gewünscht etwas höher gesetzt«, erklärte Madam Narzisse. »Durch das verstärkte Mieder wird die Figur von Lady Sussura noch besser zur Geltung kommen. Sie hat eine wunderbare Figur, wie gemacht für ein Ballkleid. Nicht wahr, Lord Caspian?«

Ohne mich aus den Augen zu lassen, schluckte Caspian und räusperte sich. »Ja, ganz bezaubernd«, raunte er und erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung.

Mit wenigen Schritten war er bei mir, blieb dicht vor mir stehen und sah mir tief in die Augen. Um uns verschwand einen Moment lang die Schneiderei und die beiden Frauen, sodass es nur er und ich waren.

»Das Kleid erinnert mich nicht an eine Glockenblume«, sagte ich, um die allesverzehrende Stille zu überbrücken.

Caspian hob eine Augenbraue und mein Herz stolperte bei dem Anblick. »Glockenblume?«, fragte er mit rauer Stimme.

»Das Kleid gestern. Durch den Rüschenrock sah es aus wie eine Glockenblume. Das … das hier nicht«, stammelte ich. »Es ist … jetzt schon wunderschön.«

»Was nur an dir liegt«, antwortete er leise. »Du lässt dieses Kleid bereits erstrahlen.«

Langsam, wie um mir die Möglichkeit zu geben, zurückzuweichen, hob er eine Hand, strich mir eine schwarze Strähne hinter das Ohr. Dann lehnte er sich nach vorn und für einen Wimpernschlag berührten seine Lippen meine, ehe sich Caspian zurückzog.

Da wusste ich es: Er empfand eindeutig etwas für mich. Wäre es nur pures Verlangen nach meinem Körper, würde er mich nicht auf diese Weise küssen. Ich war mir sicher, dass Madam Narzisse kein Wort gesagt hätte, falls Caspian sie gebeten hätte, uns allein zu lassen, um über mich herzufallen. Das tat er jedoch nicht. Er betrachtete mich lediglich wie einen kostbaren Schatz.

Behutsam ergriff er meine Hand, strich mit seinen Fingern darüber, während er sie betrachtete. »Wirst du den Abend heute mit mir verbringen?«, fragte er so leise, dass ich es kaum hörte. »Mir erlauben, dir die Wahrheit über mich zu erzählen? Denn ich … ich möchte nicht nur wenige gestohlene Momente mit dir.« Er senkte seine Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern. »Nektaria.«

Meinen Namen wie ein gehauchtes Gebet aus seinem Mund zu hören, ließ mich vor Wonne zittern. Am liebsten hätte ich meine Hände in seinem Nacken verschränkt, ihn stürmisch geküsst und gebeten, mir jetzt alles zu erzählen. Doch ich hielt mich zurück, wartete, bis sein Blick auf meinen traf.

»Ich bin heute Abend dein«, sagte ich und errötete, als mir bewusst wurde, wie zweideutig die Worte klangen.

Ein neckisches Schmunzeln umspielte seine Lippen, ehe er ernst wurde. »Danke.« Er hauchte einen Kuss auf meine Hand und ließ sie los. »Das Kleid wird Eure prächtigste Schöpfung«, sagte er an Madam Narzisse gewandt. »Aber ich habe nichts anderes von Euch erwartet.«

Die Schneiderin neigte ihren Kopf. »Bei Lady Sussura war es keine Kunst, ein Kleid wie für eine Königin zu erschaffen. Ich hoffe nur, Ihr begleitet sie auch zur letzten Anprobe. Ich kann es nämlich nicht erwarten, zu sehen, wie sie Euch in der von ihr gewählten Farbe gefällt.«

Ich konnte hören, dass die Madam dabei lächelte. Offensichtlich bedeutete es ihr etwas, dass ihre Kleider eine solche Reaktion bei Caspian auslösten.

»Darauf bin ich auch gespannt«, meinte dieser. »Gibt es noch etwas anzuprobieren?«

»Nein, ich helfe der Lady aus dem Kleid und dann gehört sie wieder Euch«, erwiderte die Schneiderin und führte mich zurück in den Umkleideraum.

Breit lächelnd half sie mir, aus dem von Nadeln durchwirkten Stoff zu gelangen, ohne mich zu verletzen oder etwas abzureißen. Während ich mich umzog, unterhielt sie sich draußen mit Caspian. Ich blickte der unbekannten Frau in die Augen, die mir im Spiegel entgegensah. Würde mich Caspian jemals ohne diesen Tarnzauber in dem Kleid sehen? Würde ich ihm dann besser gefallen?

Bei dem Gedanken, wie er mich betrachtet hatte, schoss Blut in meine Wangen und ich lächelte. Es war ein schönes Gefühl, dass Caspian bereit war, mir seine Geheimnisse anzuvertrauen. Ich fürchtete mich nicht davor, denn ich hatte meine Worte ernst gemeint: Was auch immer er in der Vergangenheit gewesen war, ich würde Verständnis dafür aufbringen. Denn jetzt war er nicht mehr diese Person. Er war der aufrichtigste Mann, den ich kannte.

Als ich in den Hauptraum zurückkehrte, sammelte Maya die Pakete mit meiner Kleidung ein. Caspian drückte der Schneiderin eine Münze in die Hand und Madam Narziss verneigte sich, brachte uns zur Tür und verabschiedete uns.

Kühl schimmerte die Sonne zwischen einer Schicht grauer Wolken hindurch. Es sah nach Regen aus. Dennoch machte Caspian, der seine Tarnung wieder anlegte, keine Anstalten, schnell zum Boot zurückzukehren.

Er schlenderte mit mir durch die Straßen, als wollte er noch etwas besorgen. Maya folgte uns mit den Paketen.

»Wohin gehen wir?«, flüsterte ich, als er in eine schmale Seitenstraße einbog.

Der säuerliche Verwesungsgeruch des Armenviertels tränkte bereits die Luft, obwohl noch einige Häuser uns davon trennten. Aber ich erkannte jetzt schon, dass die Gebäude hier älter und schäbiger waren als jene im Händlerviertel. Da Varun auf dem Wasser gebaut worden war, neigten sich manche Häuser windschief in die Gasse hinein. An einigen Stellen waren die Dächer bereits aneinander gekracht und die Häuser sahen aus, als würden sie nur noch stehen, weil sie sich gegenseitig stützten und verhinderten, dass sie endgültig zusammenbrachen.

Kälte kroch über meine Haut. Weil die Häuser sich so sehr in die Gasse neigten, fiel kaum Sonnenlicht auf uns herab. Dieser Ort wirkte so dunkel wie die Nacht selbst.

»Entschuldige, ich habe vorhin die Nachricht erhalten, dass sich der Lieferant für die Schlafzauber heute mit mir treffen will«, erklärte Caspian ruhig.

Im Gehen zog er den Ring mit der Tarnmagie ab und nahm sein gewohntes Äußeres an.

»Ich will dich nicht allein lassen«, fügte Caspian hinzu. »Aber ich brauche Maya an meiner Seite für den Fall, dass etwas schiefgeht. Denkst du, du könntest uns begleiten, wenn wir in die Schenke Zum goldenen Bären gehen, um den Handel abzuschließen?«

Mein Blick wanderte zu den vielen Paketen in Mayas Armen. Als hätte sie meine Gedanken erraten, blieb sie stehen, klopfte dreimal gegen die morsche Bretterwand neben sich und öffnete damit ein weiteres Versteck. Sie legte die Pakete hinein und sah mich fragend an.

»Du kannst auch hierbleiben«, meinte sie. »In dem Verschlag bist du sicher.«

Die Vorstellung, in einer Besenkammer zu stehen, während sich Caspian und Maya womöglich in Gefahr brachten, gefiel mir nicht. Die Schenke Zum goldenen Bären war mir nicht unbekannt, allerdings hatte ich bisher vermieden, mich dort nach Aufträgen umzusehen. Denn anders als im Safe House gab es dort keinen geheimen Raum. Wer das Gasthaus Zum Goldenen Bären betrat, tat es, weil er seine Dienste anbieten oder jemandem einen Auftrag geben wollte. Und die meisten, die dort verkehrten, waren verzweifelt und hingen nicht besonders an ihren Leben. Das machte sie noch gefährlicher als die Leute, die ins Safe House kamen.

Wieso hatte der Lieferant ausgerechnet diese Schenke gewählt?

»Ich komme mit«, sagte ich entschlossen. »Aber dann müsste Maya meine Kleidung verändern. Sonst errege ich zu viel Aufmerksamkeit.«

Maya krümmte ihre Finger und ein süßer Geruch verdrängte einen Moment den Gestank von Urin und Erbrochenem. Das weiße Kleid verschwand und meine Lederrüstung kam zum Vorschein. Meine Haare hingegen waren immer noch schwarz und ich hatte keinen Zweifel, dass mein Gesicht unverändert das einer Fremden war.

Wortlos verschloss Maya den Verschlag und wir setzten uns in Bewegung. Caspian führte uns ohne Umschweife zu dem mit grünem Schlamm bespritzten Gebäude direkt am Wasser. Die Wände waren so schief, dass ich mich fragte, wie dieses Haus noch stand. Zwei der vier Fenster an der Front waren zerbrochen, bei einem hatte man ein Tuch vorgehängt. Aus dem anderen drangen das Stimmengewirr der Leute im Inneren sowie deren Ausdünstungen. Einmal mehr fragte ich mich, wieso wir den Verkäufer der Schlaftränke hier trafen.

Unsere Schritte knarrten auf den morschen Stufen, die zur Eingangstür führten. Das Holz war alt und verwittert, das Schloss sah aus, als hätte jemand versucht, es gewaltsam zu öffnen. Alles an diesem Ort war heruntergekommen und düster.

Caspian öffnete die Tür und trat als Erster ein. Er ließ den Blick schweifen und deutete kaum merklich mit dem Kinn in Richtung einer Nische. Dort saß eine vermummte Gestalt am Tisch und schob den hölzernen Bierkrug hin und her.

Maya nickte nur, umfasste meinen Ellbogen und führte mich zum Tresen, während sich Caspian auf die Nische zubewegte. Ich zwang mich, nicht nach Caspian zu sehen, sondern richtete meine Aufmerksamkeit auf die anderen Leute im Raum.

Nah am Fenster hockte ein Mann, dem drei Finger an der linken Hand fehlten. Er stocherte in einer Schale herum, sah immer wieder verstohlen auf, als würde er auf etwas warten. Am Tresen selbst saß eine Frau, deren tief ausgeschnittene und viel zu kurze Kleidung sehr eindeutig zeigte, dass sie ihren Körper anbot. Ihr Gesicht war blass und eingefallen, ihr Körper abgemagert. Das Make-up ließ sie älter erscheinen statt attraktiver. In ihrem Stiefel bemerkte ich den Griff eines Dolchs. Vielleicht schätzte ich sie falsch ein und sie war eine Attentäterin, die sich tarnte.

An einem runden Tisch befand sich eine Gruppe Männer und Frauen, die Karten spielten. Münzen lagen vor ihnen, ebenso wie Schusswaffen. Ich wollte nicht wissen, wie lang es dauern würde, bis einer der Spieler einen anderen erschoss.

Am Tresen angekommen musterte ich den Wirt. Er war vermutlich nicht viel älter als ich, das Haar war jedoch schütter, die Finger speckig wie die Schürze. Mit schmierigem Lächeln betrachtete er erst Maya, dann mich. Die Piratin hatte immer noch blonde Haare und blasse Haut, nur ihre Kleidung war ihre eigene.

»Was macht ihr zwei hübschen Vögelchen denn an einem Ort wie diesem?«, fragte der Wirt und entblößte beim Lächeln seine Zähne. Oder das, was davon übrig war. Die Schneidezähne oben fehlten, ebenso wie einige Zähne unten.

»Wir sind auf der Suche nach einem Auftrag«, meinte Maya und ließ sich neben mir auf einem Hocker nieder. »Gibt es hier Arbeit für zwei Diebinnen?«

»Nein, aber ich glaube, für andere Tätigkeiten könntet ihr hier Auftraggeber finden.« Der Wirt glotzte unverhohlen in Mayas Ausschnitt. »Eventuell wäre ich bereit, eine von euch für eine schnelle Nummer zu entlohnen.«

Ich musste ein Würggeräusch unterdrücken. Maya schenkte dem Kerl ein finsteres Lächeln.

»Ich bezweifle, dass du dir das leisten kannst«, meinte sie.

Er schnaubte und sein Lächeln verschwand. »Was wollt ihr trinken?«

»Bier«, antwortete ich mit tiefer gestellter Stimme. »Wehe, es ist schal.«

Noch einmal schnaubte der Wirt und stellte uns zwei Holzbecher hin. Der Geruch, der daraus aufstieg, genügte bereits, dass bittere Galle meine Kehle hochkroch.

Weder Maya noch ich tranken einen Schluck aus dem Gefäß, nahmen es nur in die Hand und warteten. Immer wieder sah ich verstohlen zu Caspian, der mit dem Rücken zu mir saß. Sein Gegenüber sagte etwas zu ihm, allerdings konnte ich es weder verstehen noch von den Lippen ablesen, weil die unter der Kapuze halb verborgen waren. Anfänger war der Kerl jedenfalls nicht.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, ehe er Caspian einen Beutel über den Tisch reichte und die Hand darauf liegen ließ, bis dieser ebenfalls einen Beutel zur Mitte schob. Blitzschnell legten sie die Hände auf das jeweils andere Säckchen und zogen es zu sich zurück. Kaum war das geschehen, erhob sich der Kerl mit Kapuze und verließ die Schenke. Caspian blieb sitzen.

»Scheint, als wäre alles glatt gegangen«, flüsterte Maya mir zu. »Wir können gleich gehen. Caspian wird uns folgen.«

Sie stellte den Becher auf den Tresen zurück, warf zwei Kupfermünzen dazu und erhob sich von dem Hocker. Ich stand gerade auf, da wurde die Tür aufgerissen und der Kerl mit der Kapuze kam zurück.

»Königliche Wachen!«, rief er panisch. »Sie kommen her. Wir müssen sofort weg.«

Er hechtete auf die Hintertür zu, riss sie auf und wollte ins Wasser springen. Mitten in der Bewegung erstarrte er, röchelte und senkte den Blick auf seine Brust. Dann kippte er einfach um.

Durch die Tür sprang ein Wächter mit blutbesudeltem Schwert. Die Spieler reagierten schnell, zückten die Waffen und schossen. Brüllend taumelte der Wächter rückwärts, wurde zurückgerissen. Gleich darauf erschien ein neuer Wachmann, den die Spieler ebenfalls beschossen.

Als mich jemand an der Schulter packte, schrie ich auf und verstummte, weil Caspian mich berührt hatte. Sein Blick war so ernst, wie ich es noch nie gesehen hatte.

»Maya«, sagte er, ohne sich von mir abzuwenden. »Egal, was es kostet, bring Nektaria in Sicherheit.«

»Was ist mit dir?«, fragte ich panisch und klammerte mich an ihm fest. »Caspian, was …«

»Ich komme zum Schiff, sobald ich kann. Jetzt verschaffe ich euch die Möglichkeit, zu fliehen«, unterbrach er mich, lehnte sich nach vorn und sah mich sehnsüchtig an.

Verzweifelt presste ich meine Lippen auf seine. Caspian erwiderte den Kuss genauso verzweifelt. In mir regte sich das Gefühl, dass ich Caspian nie wieder sehen würde. Also klammerte ich mich stärker an ihn und beendete den Kuss.

»Caspian«, flehte ich.

»Maya, bring sie weg.« Er schob mich von sich. »Bring sie in Sicherheit.«

»Aye«, antwortete die Piratin, packte meinen Arm und zerrte mich zu einem Fenster.

Ihre Magie umgab uns, verschleierte meinen Blick, als würde uns Wasser einhüllen. Trotzdem sah ich zu Caspian, verstand nicht, was hier vor sich ging. Denn während die anderen Leute in der Schenke auf die Wächter schossen, die durch den Hintereingang hereinstürmten, ging Caspian zu einem leeren Tisch und ließ sich darauf nieder, als wollte er zu Abend essen.

Maya brachte mich zu einem der Fenster, doch als sie es öffnen wollte, flog etwas herein. Fluchend wich sie zurück, sah sich um und schleppte mich auf die Speisekammer zu. Hastig bewegte sie die Finger und die Luft vor uns waberte von ihrer Magie.

»Ganz gleich, was jetzt passiert«, flüsterte Maya, »sei bitte still. Ich erkläre dir alles, sobald ich kann. Aber wenn wir uns jetzt verraten, ist es aus.«

Mein Blick war auf Caspian gerichtet, der immer noch lässig auf dem Stuhl saß und den Kampf um sich nur beobachtete. Was im Namen der Totengötter, ging hier vor? Wieso versteckte sich Caspian nicht mit uns, sondern saß dort und sah gleichgültig zu, wie unzählige Leben erloschen?

Tief atmete ich durch, wollte mich von Maya losreißen und zu Caspian eilen. Da brach die Vordertür und sämtliche Gedanken verstummten für einen Moment. Denn hinter mehr als dreißig Wächtern trat niemand Geringeres als König Byron persönlich ein.

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