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Readers Treasury

Kapitel 27: Kapitel Siebenundzwanzig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Ich war nicht sicher, wie lange ich auf dem Boden vor den Quartieren gesessen hatte. Thelonius war verschwunden, kurz nachdem Caspian gegangen war. Nur Pearl hatte mit mir ausgeharrt, kein Wort gesagt, aber sich tröstlich an mich geschmiegt.

In meinem Kopf ratterte es immer noch unaufhörlich. Wieder und wieder drehten sich meine Gedanken um dieselben Fragen: Konnte ich Caspian je wieder vertrauen? Und wenn nicht, war es wirklich in Ordnung, ihm einfach den Rücken zu kehren, wo ich doch wusste, was er durchmachte?

Ein nagendes Gefühl in meinem Inneren gab mir eigentlich bereits die Antwort. Es war nicht in Ordnung, wegzusehen. Erst recht nicht, da Thelonius wohl recht hatte, was meine Gefühle für Caspian betraf. Trotz des Zorns und des Schmerzes war er mir nicht gleichgültig. Vermutlich würde er das nie sein.

Seufzend kämpfte ich mich auf die Beine und schleppte mich an Deck. Die Sonne stand tief, Caspian war bestimmt schon lange fort. Die Piraten standen alle vor dem Aufgang zum Achterschiff; Ceto fehlte, weil er wohl noch nicht zurück war. Sie mussten sich gerade unterhalten haben, doch nun, da sie mich bemerkt hatten, waren sie alle verstummt und sahen mir entgegen. Mayas Blick war mitfühlend, der von Farah und Aram neutral, Alek funkelte mich zornig an.

»Sobald Ceto hier ist, können wir aufbrechen«, erklärte Maya niedergeschlagen.

»Wohin?«, fragte ich verwirrt.

»Wohin auch immer du willst«, knurrte Alek. »Wir sind Caspian treu ergeben, und wenn er meint, du hast es verdient, in Sicherheit zu sein, dann werden wir ihm den Gefallen tun.«

Ich biss mir auf die Zunge, um Alek nicht etwas Boshaftes entgegenzuschleudern. Dieser Pirat wusste nichts über mich, behandelte mich wegen eines Traums schlimmer als eine verurteilte Verbrecherin. Was bildete er sich ein?

»Wenn du mir einen Rat erlaubst, solltest du Sculla als neue Heimat wählen«, meinte Farah. »Dort kannst du vermutlich sogar als Taryna ohne Tarnung unbehelligt leben.«

Alek wandte sich schnaubend ab. Ich ließ meinen Blick zwischen den Piraten schweifen. Pearl blieb auf meiner Schulter sitzen und dafür war ich ihr unendlich dankbar. Ihre Nähe gab mir die Kraft, mich den Piraten zu stellen.

»Jeder von euch wusste, wer Caspian wirklich ist, oder?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort darauf bereits ahnte.

»Ja, aber nicht zu Beginn unserer gemeinsamen Reise«, antwortete Maya. »Ich habe dir gesagt, dass jeder von uns eine eigene Geschichte hat. Manche können ihre früher erzählen, andere später. Wir alle tragen tiefe Narben auf unserer Seele und brauchten Zeit, uns zu öffnen. Caspian hat uns nie gedrängt. Allein dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Denn als unsere Wege sich kreuzten, war mir mein Leben nicht besonders viel wert.«

Die Stimmung an Deck wurde mit einem Mal schwerfällig, legte sich wie ein bleiernes Gewicht über uns. Erst dachte ich, Maya würde es dabei belassen, doch dann räusperte sie sich.

»Ich will dir meine Geschichte erzählen«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Das wollte ich schon länger, habe aber nie den passenden Moment gefunden. Doch jetzt, da du an Caspian und uns zweifelst, ist der perfekte Augenblick wohl dafür gekommen.«

Sie trat einen Schritt auf mich zu, blieb vor mir stehen und sah mir in die Augen.

»Ich stamme aus Dwarka, wuchs aber in Nyxor auf; jenem Reich, in dem Taryna wie Tiere in Käfige gesperrt und für die Belustigung anderer Menschen dressiert werden.«

Ich nickte, weil ich das wusste. Mein Blick wanderte zu Aram, der ebenfalls aus diesem Reich stammte. Er vermied es, mich anzusehen, betrachtete seine Hände, die er nervös knetete.

»Meine Eltern hatten es dank der Magie meiner Mutter lange geschafft, uns zu verbergen«, fuhr Maya fort. »Sie war unglaublich mächtig, hat mir viel beigebracht, damit ich mich selbst beschützen konnte, falls es je nötig sein würde. Um ehrlich zu sein, war ich so naiv, zu denken, es würde nie notwendig sein. Aber es kam natürlich anders.«

Tränen schimmerten in ihren Augen und sie räusperte sich.

»Die Jäger in Nyxor sind gnadenlos«, sagte Maya heiser. »Als sie meine Familie fanden, hatte ich noch keine zehn Jahreszyklen erlebt. Meinen Vater töteten sie sofort, meine Mutter und mich nahmen sie mit. Wir kamen in ein Lager, weil eine Auktion stattfinden sollte. Mutter wurde von einem Hurenhausbesitzer ersteigert, ich von einer vornehmen Dame, die mich wie ein Schoßhündchen hielt. Dank einer magischen Leine, die meine Kräfte kontrollierte, konnte ich nur Zauber wirken, wenn meine Herrin es erlaubte. Sobald sie bemerkte, dass ich etwas tat, was sie nicht wollte, konnte sie mir über diese Leine Schmerzen zufügen, um mich zu züchtigen.«

»Maya«, krächzte ich.

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Ich habe sie gehasst«, wisperte sie. »Und ich habe alles getan, um freizukommen. Es hat viele Jahreszyklen gedauert, bis ich mich gegen den Schmerz abgehärtet hatte und meine Magie trotz der Leine einzusetzen wusste. Als es mir schließlich gelang, jagte ich dieser Frau eine solche Angst ein, dass ihre Haare binnen wenigen Atemzügen schneeweiß wurden und sie schluchzend um Gnade flehte, mir anbot, mich freizulassen.« Sie lachte trocken auf. »Ich hätte sie töten sollen. Kaum waren meine Illusionen nichts weiter als eine schreckliche Erinnerung, befahl sie einem Haufen Jäger, mich wieder gefangen zu nehmen.«

Fest presste ich meine Zähne zusammen, wartete geduldig, dass Maya weitersprach.

»Sie haben mich gejagt, aber ich konnte sie immer wieder abschütteln«, sagte sie nach einigen zittrigen Atemzügen. »Denn ich wollte fort von Nyxor, doch nicht ohne meine Mutter. Es kostete mich viel Kraft und Zeit sie zu suchen, aber schließlich hatte ich das Bordell gefunden, in das man sie gebracht hatte.« Geräuschvoll räusperte sie sich. »Bis heute werfe ich mir vor, nicht schneller stark genug gewesen zu sein, mich zu befreien. Denn als ich in ihr Zimmer kam, lag sie auf dem Bett, eine andere Taryna an ihrer Seite. Mutter war … sie war schwer krank geworden. Niemand wollte für ihre Behandlung aufkommen und als ich zu ihr kam, war es zu spät.« Leise schniefend senkte Maya den Kopf. »Sie ist in meinen Armen gestorben«, flüsterte sie.

Ich schluchzte auf und griff nach Mayas Hand. Sie ließ es zu. An meine Mutter konnte ich mich nicht erinnern, aber tief in mir wusste ich, dass ich sie geliebt hatte. Und auch Maya hatte ihre Mutter geliebt. Ihr Schmerz war so überwältigend, dass ich ihn spüren konnte.

»In dem Moment bin ich zerbrochen«, fuhr Maya leise fort. »Damals war es mir egal, dass mich die Jäger bald aufspüren würden. Ich wollte nicht mehr leben. Also trat ich hinaus in den strömenden Regen, erschuf eine Illusion, um meine Mutter zu verabschieden, und machte mich bereit, mich gefangen nehmen zu lassen. Doch bevor die Jäger erschienen, tauchte ein Mann vor mir auf. Einer, der mir schwor, mir nichts Böses zu wollen, sondern mich fragte, ob ich Hilfe brauchte. Ich schnauzte ihn an, er solle mich zufrieden lassen, rannte den Jägern entgegen und wurde gefangen. Sie warfen mich in ein Verlies und sprachen darüber, wie sie mich foltern würden. Ich hatte fürchterliche Angst, obwohl ich mich nach dem Tod sehnte. Doch diese Mistkerle ließen mich einen Tag und eine Nacht ohne Nahrung in der Zelle hocken.«

Sie machte eine Pause und ich drückte ihre Hand. Mayas Blick war auf unsere Finger gerichtet.

»Als die Tür schließlich aufging«, flüsterte sie, »stand kein Jäger vor mir, sondern der Mann, der mich zuvor angesprochen hatte. Er reichte mir etwas zu essen, wickelte mich in eine Decke und trug mich aus der Zelle. Die Wächter schnarchten lautstark, als wir das Gefängnis verließen. Dieser Mann hatte sie verzaubert, nachdem er erfahren hatte, was mir zugestoßen war. Er bot mir an, ihn zu begleiten und sicher zu sein. In dem Moment war mir alles egal, also stimmte ich zu. Er brachte mich auf dieses Schiff, gab mir zu essen, Kleidung und ein weiches Bett, auf das er mich legte. Seine ersten Worte zu mir waren: ›Wann immer du reden willst, ich werde zuhören.‹ Dann ließ er mich in Ruhe, gab mir alle Zeit der Welt.« Sie sah mir wieder in die Augen. »Dieser Mann war Caspian. Er hat mich nie gedrängt, ihm irgendetwas zu erzählen, wollte nie meine Macht für sich beanspruchen. Und als ich bereit war, mir den Schmerz von der Seele zu reden, war er einfach da. Als ich ihn gebeten habe, ein paar Taryna aus dem Hurenhaus zu befreien, hat er nicht gezögert und mir geholfen. Danach hat er mir erzählt, wer er war und welcher Fluch ihn an seinen Vater bindet, mir freigestellt, ob ich das Schiff wieder verlassen oder bleiben möchte. Natürlich bin ich geblieben, denn Caspian war zu dem Zeitpunkt ein wahrer Freund geworden.«

Meine Kehle fühlte sich mit einem Mal zu eng zum Atmen an. Heftig schluckte ich gegen das beklemmende Gefühl an, doch es blieb.

Als sich Aram zu uns stellte und ein tiefes Brummen von sich gab, riss Maya die Augen auf. Der Hüne öffnete den Mund und lallte Worte, die ich nicht verstand. Seine Stimme aber klang tief, belegt und so, als würde er sie nie einsetzen.

»Du willst, dass ich ihr auch deine Geschichte erzähle?«, fragte Maya.

Aram nickte. »Aye«, rang er sich ab.

Tief atmete Maya durch und sah wieder mich an.

»Aram war ein Jäger«, sagte sie. »Einer, der nicht länger gegen sein Gewissen handeln wollte. Er hatte einen Auftrag, in einem Dorf im Landesinneren eine Taryna-Familie aufzuspüren, die angeblich ihrem Herren davongelaufen war. Als Aram sie mit seiner Gruppe fand, waren in dem Haus nur alte Leute, junge Frauen und kleine Kinder. Seine beiden Begleiter wollten alle gefangen nehmen, Aram ließ es nicht zu und verhalf dem Großteil der Taryna zur Flucht, ehe er überwältigt wurde.« Mayas Blick verfinsterte sich. »Jäger sind auch ihren eigenen Leuten gegenüber gnadenlos. Sie folterten Aram und rissen ihm die Zunge heraus, weil er so nicht mehr in der Lage war, Zauberformeln zu nutzen.«

Ich blinzelte. »Zauberformeln?«

Grimmig nickte Aram und deutete auf seine Tätowierungen.

»Damit können Jäger Taryna leichter fangen«, meinte Maya. »Aber ohne sprechen zu können, gelingt es ihnen nicht, die Magie der Symbole einzusetzen. Caspian und ich waren in der Nähe, als Aram die Taryna beschützt hatte. Wir durften ihn nicht sterben lassen. Caspian hat mit aller Kraft gekämpft, um Aram zu befreien. Auch ihm hat er die Wahl gelassen, ob er sich uns anschließt oder an einem anderen Ort ein neues Leben beginnt.« Sie schenkte ihm ein Lächeln. »Er ist geblieben und ich bin jeden Tag froh darüber.«

Mit schiefem Grinsen zog Aram Maya an sich.

»Caspian hat jeden von uns gerettet«, meldete sich Farah zu Wort. »Und uns immer die Wahl gelassen. Genau wie dir. Ich verstehe, dass du verletzt bist, denn mir ist nicht entgangen, wie ihr einander anseht. Aber er hat sich aufrichtig verhalten, hat sich selbst gequält, weil du ihm wichtig bist. Er wollte dir vertrauen, doch er hatte Angst, dass du es falsch verstehen würdest. Dass du gehen würdest und er dich verliert. Und nun hat er dich verloren – und mit dir all seine Hoffnung.«

Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Sein Plan hat so viele Lücken«, brachte ich heraus.

Alek schnaubte. »Jeder Plan birgt Risiken. Jener, dich aus den Fängen der Stadtwache zu befreien, war so löchrig wie ein mottenzerfressenes Segel. Dennoch hat Caspian sofort gehandelt, um dich zu retten.« Er reckte das Kinn. »Und du willst jetzt flüchten. Weil du dich verraten fühlst. Dann war mein Traum wohl nur ein Symbol für deinen Charakter. Du wirst dieses Schiff nicht mit Magie zum Sinken bringen, sondern mit deiner Selbstsucht.«

»Alek!«, fauchte Maya.

Der hob die Schultern. »Ist nur meine Meinung. Ihr könnt in ihr ja weiterhin das Opfer sehen. Ich werde mir inzwischen überlegen, wie wir Caspian helfen können. Vielleicht sollten wir Kurs setzen nach Dwarka. Dort gibt es Bücher der versunkenen Insel in der Bibliothek von Drakenford. Wenn es irgendwelche Informationen gibt, wie wir Caspians Fluch lösen können, dann dort. Die Erinnerungen des Königs können wir uns ja jetzt aus dem Kopf schlagen.«

Damit wandte er sich ab und verschwand unter Deck. Geräuschvoll ließ Maya den Atem entweichen.

»Er ist nur besorgt wegen Caspian«, sagte sie versöhnlich. »Das sind wir alle. Aber wir verstehen es, wenn du dein Leben nicht riskieren willst.«

Das behauptete sie zwar, allerdings erkannte ich Enttäuschung in ihren Augen. Wieder bohrten sich die Splitter meines Herzens schmerzhaft in meine Brust, hinderten mich daran, zu atmen.

»Ihr wärt bereit, in das Schloss einzudringen?«, fragte ich heiser. »Am Tag des Balls?«

»Es ist kein Eindringen, wenn man eine Einladung hat«, antwortete Farah. »Aber ja, wir wären dazu bereit. Allerdings werden wir nichts ausrichten können. Caspian hat das Schloss mehrmals auf den Kopf gestellt, ohne etwas zu finden, das ihm hilft. Seine größte Hoffnung wäre die Erinnerung des Königs an jenen Tag gewesen. Aber an die kommen wir ohne eine Taryna mit deinen Fähigkeiten nicht heran. Trotz unserer intensiven Suche bist du die einzige mit der Fähigkeit, die wir in vielen Monaten finden konnten.«

Ich biss mir auf die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte, sah von Maya zu Aram und anschließend zu Farah. Vielleicht gab es in der Bibliothek in Drakenford Schriftstücke, die Caspian helfen würden. Doch die Erinnerung daran, wie sein eigener Vater ihn gequält und ihm ein Stück seiner Seele entrissen hatte, löste ein Zittern in mir aus. Und wie Caspian ausgesehen hatte, als er vor mir stand …

Die Vorstellung, dass er von seinem Vater weiterhin gequält wurde, löste ein Beben in mir aus. Das durfte ich nicht zulassen.

»Maya«, rang ich mir ab und tätschelte dabei Pearls Kopf. »Können wir Caspian irgendwie eine Nachricht zukommen lassen?«

»Ja, das können wir. Wieso?« Die Piratin sah mich nachdenklich an. »Willst du ihm noch etwas sagen?«

Einen Moment zögerte ich, ließ mir die Antwort durch den Kopf gehen. Dann nickte ich. »Ja, ich möchte ihm etwas sagen.« Meine Finger zitterten so sehr wie meine Stimme, als ich weitersprach. Ich tat das einzig Richtige, ich musste es nur mit genug Überzeugung sagen. »Ich möchte, dass er auf dem Ball mindestens einen Tanz für mich reserviert. Denn ich werde dort sein und ihm helfen, die Erinnerungen des Königs zu stehlen.«

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