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Readers Treasury

Kapitel 31: Kapitel Einunddreißig - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin

By B.E. Pfeiffer

Flirrend schob der Geist den Kopf weiter aus der Wand. Etwas daran sah merkwürdig aus. Was genau es war, wurde mir erst bewusst, als ich die Hand bemerkte, die den Kopf hielt. Nach und nach glitt der enthauptete Körper aus der Mauer und der Geist blieb stehen.

In einer ungelenken Bewegung setzte er sich den Kopf auf den Hals und musterte mich eindringlich.

»Du siehst aus wie Elara«, sagte er mit tränenfeuchten Augen.

»Wer … wer bist du?«, stammelte ich.

Der Geist seufzte schwer. »Richtig, Elara hat dir all deine Erinnerungen genommen, deswegen erkennst du mich nicht.«

»Nektaria«, flüsterte Caspian. »Mit wem sprichst du?«

»Das versuche ich noch herauszufinden«, erwiderte ich. »Es ist ein kopfloser Geist in …« Ich musterte die Gestalt. »In zerrissener Kleidung, die vermutlich einmal edel ausgesehen hat. Wie deine verzierten Gehröcke.« Räuspernd wandte ich mich dem Geist zu. »Sagst du mir jetzt, wer du bist?«

Geräuschvoll seufzte er. »Ich bin Leander, vor dem Despoten da«, dabei deutete er mit grimmigem Blick auf Byron, »war ich der König von Lovril.« Er machte eine Pause und ich fragte mich, ob er auf eine Reaktion von mir wartete. Da fuhr er mit gesenkter Stimme fort: »Außerdem bin ich dein Vater.«

Mein Mund klappte auf und wieder zu. »Was?«, entfuhr es mir. »Du bist wer?«

In meinem Kopf ratterte es. Der Name Leander sagte mir etwas, denn die Menschen Varuns erwähnten ihn von Zeit zu Zeit, wenn sie über die Könige vor Byron sprachen. Flüsternd erzählten sie von den angeblichen Gräueltaten Leanders und seines Vaters Adrian und dass Byron genauso schlimm war, wenn nicht sogar schlimmer.

Wenn der Geist vor mir wirklich mein Vater war – und der gestürzte König vor Byron, dann hieß das … es hieß …

»Das ist unmöglich«, stieß ich aus. »Wenn das, was du sagst, wahr ist, dann wäre ich …«

»Eine Prinzessin«, vollendete Leander meinen Satz mit schwachem Schmunzeln. »Jedenfalls wärst du eine gewesen, wenn ich genug Mut gehabt hätte, dich zu einer zu machen.«

Ich stutzte. Jahrelang hatte ich durch Erzählungen und eigene Erinnerungen geglaubt, Byron hätte eine gesamte Königsfamilie ausgelöscht. Aber … war dem wirklich so? Noch einmal kramte ich in meinem Gedächtnis nach Antworten – und fand sie.

Nein. Leander war ledig gewesen, als er gestürzt worden war. Es gab keine Königin, keine Prinzessin. Zumindest erinnerte ich mich nicht genau daran, ob man über sie geredet hatte.

»Welches Spiel auch immer du spielst«, knurrte ich, »ich glaube dir kein Wort. Taryna wurden in Lovril schon vor Byron gejagt und getötet. Wenn ich deine Tochter sein soll, wäre meine Mutter eine Taryna. Es sei denn, du selbst warst ein Taryn, was ich jedoch bezweifle. Das ergibt alles keinen Sinn.«

»Nektaria«, raunte Caspian. »Was sagt der Geist?«

Knapp wiederholte ich das, was Leander behauptet hatte. Caspian presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, erwiderte jedoch nichts. Was hätte er auch dazu sagen sollen? Das konnte unmöglich wahr sein.

»Ich verstehe deine Verwirrung.« Leander fuhr sich durch die Haare. »Dir fehlen die Erinnerungen und ich weiß sehr genau, was über mich immer noch behauptet wird. Deine Mutter und ich, wir waren nie verheiratet, weil ich ein Feigling war. Als wir uns trafen, wusste ich, dass sie meine einzig wahre Liebe war – und doch hatte ich nie den Mut, sie zu meiner Königin zu machen. Aber sie … sie …« Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. »Sie hat mich damals ausgeraubt und mir ein paar Momente später das Leben gerettet. Deine Mutter hat nämlich als Piratin ihren Lebensunterhalt verdient.«

»Sie war eine Taryna und Piratin?«, hakte ich nach.

Leander nickte. »Elara war die letzte Nachfahrin einer alten Blutlinie des Meervolkes. Ihre Mutter wurde noch im Meer geboren, hat aber aus Liebe zu einem Menschen ihre Meerwesengestalt abgelegt. Elara war ihr einziges Kind und nun bist du die Letzte aus der Linie der Oblivion.«

Ich blinzelte. Oblivion. Das war der Name einer der vier Totengötter. Ich versuchte gar nicht erst, mir einen Reim darauf zu machen, weil ich es immer noch nicht für wahr halten wollte.

»Wenn all das stimmen sollte«, murmelte ich, »wieso hat mir meine Mutter dann die Erinnerung genommen?«

Byron stöhnte leise. Caspian fluchte, zog eine Phiole aus seiner Jackentasche und kippte den gesamten Inhalt in den Rachen des Königs. Daraufhin ächzte er und blieb wieder still.

»Das sollte genügen, um ihn bis zum Sonnenaufgang im Schlaf gefangen zu halten«, meinte Caspian.

Räuspernd lenkte Leander meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Niemand, außer einigen wenigen Bediensteten, wusste, dass es dich und deine Mutter gibt«, erklärte er mit reuevoller Miene. »Vielleicht drangen einige Information über euch nach außen, aber das kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Auch nach dem Tod meines Vaters hatte ich nicht den Mut, Elara zu meiner Königin zu krönen. Zumindest nicht so lange sie nicht einwilligte, sich selbst und dich als gewöhnliche Menschen zu tarnen. Das wollte sie jedoch nicht. Taryna wurden von den Menschen gefürchtet und ich hatte Sorge, dass ihre wahre Identität zu großen Schwierigkeiten führen könnte. Elara wäre dazu in der Lage gewesen. Sie konnte Illusionen erschaffen und Erinnerungen stehlen sowie verfälschen. Diese Gabe hast du ebenfalls erhalten.«

Und ausgerechnet jetzt kann ich sie nicht einsetzen, dachte ich verbittert, während ich Byron musterte. Wieso war es mir nur nicht gelungen, ihm die Erinnerungen zu stehlen?

»Als Byron mit seiner Armee das Schloss angriff«, fuhr Leander fort, »fürchtete deine Mutter, er könnte dich in die Finger bekommen. Sie wusste nämlich, dass er einen Pakt mit einem Meerwesen geschlossen hatte. Dadurch musste er unter Schmerzen die Schulden zurückzahlen – es sei denn, er würde diesem Wesen eine Nachfahrin der Oblivion-Linie bringen. Du musst wissen, dass die anderen drei mächtigen Blutlinien jene deiner Mutter um ihre Kräfte beneideten und versuchten, sie zu bekommen.

Als du geboren wurdest, erschien das Oberhaupt einer anderen Linie am Schloss und forderte dich im Austausch für den Schutz Varuns und meiner Dynastie. Es war eine Frau, deren Haut grün wie Seetang war. Ihr Unterkörper sah aus wie ein Fischschwanz und ihr Gesicht war von schiefen Reißzähnen entstellt. Elara kannte sie nicht, wusste auch nicht, aus welcher Linie sie stammte. Aber wir beide weigerten uns, dich zu opfern. Also schwor sie Rache. Vermutlich ist sie diejenige, die Byron unterstützt hat.«

Ich schluckte gegen die Enge in meiner Kehle und sah Caspian an, um ihm all das zu erzählen. »Byron meinte, dass ich diejenige wäre, die ihn befreien würde«, schloss ich meine Erzählung ab und wagte nicht zu atmen, während ich auf Caspians Reaktion wartete.

Seine Miene war nicht zu deuten. Immer noch hielt er Pearl behutsam in den Armen, strich über ihren Körper und ließ mich nicht aus den Augen.

»Wie sollst du ihn befreien?«, fragte er.

»Das kann ich beantworten«, antwortete Leander statt mir. »Dein Blut würde genügen, um den Pakt zu beenden. Oder er greift auf deine Kräfte zurück, fordert das Meerwesen heraus und erringt dessen Magie vollständig.«

Ich erzählte Caspian mit brüchiger Stimme, was der Geist mir mitgeteilt hatte. Caspian sog den Atem ein.

»Wie soll er dich erkannt haben?«, wollte er wissen.

»Das Meerwesen wird ihm gesagt haben, nach welcher Haarfarbe er suchen muss«, wiederholte ich die Worte, die der Geist kurz zuvor gesagt hatte. Meine Brust wurde eng. »Caspian, wenn du mich opferst …«

»Wag es nicht, diesen Satz zu beenden«, unterbrach Caspian mich scharf. »Ich werde dich nicht opfern. Niemals.« Er sank neben mir in die Hocke, reichte mir Pearl und legte eine Hand an meine Wange. »Und ich werde dich nicht bitten, für mich zu kämpfen, denn dieses Meerwesen klingt gefährlich. Es muss einen anderen Weg geben.«

Ich versank in dem hellen Blau seiner Augen und fühlte, wie meine Brust wieder weiter wurde. Caspian durfte ich vertrauen. Er war nicht wie sein Vater.

»Wenn es dir hilft, ich weiß, wo Elara die Erinnerungen, die sie dir abgenommen hat, versteckt hat«, murmelte Leander.

Blinzelnd sah ich von Caspian zu dem Geist. Für einen Moment hatte ich ihn völlig vergessen.

»Meine Erinnerungen?«, wiederholte ich die Worte. »Wo sind sie?«

»Gleich hier.« Der Geist schritt durch den Empfangsraum auf eine Tür zu und verschwand dahinter.

Ich sah wieder zu Caspian und suchte nach Worten. Da hielt er mir die Hand hin, zog mich auf die Beine und brachte etwas Abstand zwischen uns. Fast so, als wollte er mir ermöglichen, dem Geist allein zu folgen.

Aber ich wollte Caspian bei mir haben. Also verwob ich unsere Finger miteinander und führte ihn in den Raum, den der Geist betreten hatte.

Die Luft roch nach Politur und frisch gewaschener Wäsche. Als Caspian eine Kerze entzündete, erkannte ich, dass es sich um ein Ankleidezimmer handelte, dessen Wände über und über mit Ständern erlesener Kleidung bedeckt waren. Unzählige Schuhpaare standen in Reih und Glied auf Regalböden, Schmuck, Gürtel und andere Accessoires lagen auf Samtkissen.

»Früher war das dein Zimmer«, erklärte Leander mit abfälliger Stimme. »Byron hat sämtliche Möbel zerstört, aber nicht unter den Dielen nachgesehen.« Er deutete auf den Boden. »Darunter liegt die Phiole mit deinen Erinnerungen.«

Ich erzählte Caspian, was der Geist gesagt hatte. Der zögerte nicht, ging zu der Stelle und kniete sich hin. Mit einem Messer löste er den Leim zwischen den Fugen und riss das Brett heraus.

Das rosa Schimmern einer Erinnerung verdrängte die Dunkelheit. Ich sank neben Caspian auf den Boden und holte die Phiole heraus. Zögerlich drehte ich sie in meiner Hand. Das Glas war warm und das Licht heller als bei jeder Erinnerung, die ich je gestohlen hatte; vermutlich, weil darin wohl die ersten acht Jahreszyklen meines Lebens enthalten waren.

Mit einem Seufzen sah ich zu Caspian, der mir ein aufmunterndes Lächeln schenkte und mein Gesicht berührte.

»Wenn du sie allein ansehen willst, musst du es nur sagen«, raunte er.

»Bleib«, antwortete ich sofort.

Sein Lächeln wurde sanfter und so liebevoll, dass mein ganzer Körper vor Sehnsucht prickelte. Ich atmete tief ein, dann zog ich den Korken aus der Phiole und gab die Erinnerung beim Ausatmen frei.

Rasend schnell stürmten die Eindrücke auf mich ein. Von einer Frau mit so hellblauen Haaren, wie Maya sie besaß, mit dicken, rosaroten Strähnen darin. Sie lächelte mich zärtlich an, während sie mich kitzelte, hielt mich in den Armen, als ich weinte, und gab mir das Gefühl, unendlich sicher zu sein. Ich sah einen Mann, den ich für Leander hielt. Seine Haare waren blond, die Augen so türkis wie meine. Er warf mich lachend hoch und fing mich wieder auf, sah meine Mutter verliebt an und seufzte, als ich mich an ihn kuschelte. Selbst jetzt fühlte ich unendliche Liebe, aber auch eine bittere Nuance in dem Glück. Denn ich wusste, dass ich ihn vor anderen nie Papa nennen durfte, mich immer verstecken musste, wenn sein Vater in der Nähe war. Tief in mir erwachte eine unbändige Sehnsucht nach dem Meer, doch ich hörte die Stimme meiner Mutter, die mir sagte, ich dürfe ihm nicht zu nahe kommen, weil es gefährlich war. Als ich fragte, wieso, erzählte sie mir von dem Meerwesen, das mich in seine Fänge bekommen wollte. Angst verdrängte die Sehnsucht.

Dann veränderte sich alles um mich. Feuer fraß sich in die Schlossmauern, wütende Schreie wurden laut. Schüsse fielen. Leander, meine Mutter und ich standen genau hier, in diesem Zimmer, das vollkommen anders aussah als jetzt. Kindermöbel befanden sich in dem Raum, Spielzeuge, hübsche Kleidchen und Schwerter aus Holz.

Mama presste mich an sich und ich hielt mich schluchzend an ihr fest.

»Bringt euch in Sicherheit«, sagte Leander heiser.

»Was ist mit dir?« Mama schluchzte. »Er wird dich töten.«

»Aber ihr werdet ihm entkommen.« Leander lächelte traurig. »Das ist für mich wichtiger als alles andere.«

Heftig schüttelte Mama den Kopf. »Ich werde dir helfen. Meine Magie ist nicht offensiv, aber gemeinsam haben wir vielleicht eine Chance.«

»Elara.« Leanders Stimme klang so zärtlich, dass mir Tränen in die Augen traten. Er hatte meine Mutter so geliebt. »Ich will nicht, dass du mein Schicksal teilst«, flüsterte er. »Bring Nektaria fort. Beschütze sie. Lebe, mein Liebling. Für uns beide.«

»Nein.« Entschlossen hob Mama das Kinn. »Ich bringe Nektaria in Sicherheit, nehme ihr alle Erinnerungen an uns und gebe sie meiner Mutter. Sie wird auf sie aufpassen. Dann komme ich zu dir und kämpfe an deiner Seite. Denn ohne dich will ich mir ein Leben nicht vorstellen. Und wenn Byron König wird, werden die Taryna niemals frei sein.«

Leander schluckte heftig. »Wenn wir das überleben, werde ich dich zu meiner Frau und Königin machen. Und ich werde für die Taryna kämpfen. Das schwöre ich dir.« Er sah das Kind auf Elaras Arm, mich, an. »Damit du niemals wieder Angst haben musst, mein Schatz.«

Zärtlich fuhr er durch die türkisen, rosaroten und lilafarbenen Haare. Eine Träne lief ihm über die Wange, ehe er die Stirn des Kindes küsste.

»Ich liebe dich, Nektaria. Und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder«, krächzte er.

Elara setzte mich ab, hob ihre rosa leuchtenden Finger an meine Schläfen.

»Mama, ich will euch nicht vergessen«, flehte ich. »Bitte, ich kann kämpfen.«

Traurig lächelnd strich Elara mir über die Wange. »Du bist tapfer, mein Mädchen. Aber du darfst nicht wissen, wer wir sind, bis du alt genug bist, dich zu wehren, falls jemand dir schaden will. Wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen sollten, musst du sicher sein. Und das wirst du. Egal, wie diese Schlacht ausgeht … wir werden uns wiedersehen.«

Noch einmal strich sie mir über die Wange, dann berührte sie meine Schläfen.

Das Bild verblasste und die Erinnerung zerbrach, kehrte wie scharfkantige Splitter in mein Gedächtnis zurück, zerriss mein Herz und meine Seele.

Tränen flossen mir in Strömen über die Wangen. Dunkelheit umgab mich, nur das schwache Licht der Kerze, die Caspian entzündet hatte, brannte noch. Doch es genügte nicht, um die Kälte in meiner Brust zu mindern.

Zitternd drückte ich Pearl an mich, die sich an mich schmiegte und tröstliche Worte murmelte. Caspian neben mir rührte sich nicht.

»Es … tut mir unendlich leid«, flüsterte er. »Du bist … du warst … Es tut mir leid, was mein Vater dir und deiner Familie angetan hat. Ich hatte keine Ahnung … ich …«

Ohne darüber nachzudenken, drehte ich mich zu ihm, schlang meinen freien Arm um ihn und vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Erst verkrampfte sich Caspian, dann legte er die Arme behutsam um meinen Körper und strich über meinen Rücken.

»Nektaria, ich werde nie wiedergutmachen können, was mein Vater …«

»Das musst du auch nicht«, krächzte ich. »Nichts davon ist deine Schuld. Du bist ein völlig anderer Mensch, Caspian, und ich bin froh, dass ich das weiß. Was dein Vater getan hat, wird nie zwischen uns stehen.«

»Nektaria«, hauchte er sanft, zog mich enger an sich und gab mir den Halt, den ich brauchte.

Als das blaue Geisterlicht näher kam, hob ich den Kopf und sah zu Leander. In seinen blassen Augen schimmerten Tränen. Trotz der Erinnerungen, die ich zurückbekommen hatte, fiel es mir schwer, in ihm meinen Vater zu sehen.

»Vergib mir«, sagte er niedergeschlagen. »Alles hätte anders kommen können, wenn ich tapferer gewesen wäre.«

Ich räusperte mich. »Was ist aus meiner Mutter geworden?«, fragte ich. »Dein Geist ist hier, aber wo ist meine Mutter?«

»Byron hat sie am Meer geopfert«, flüsterte der Geist. »Zumindest hat er das gesagt, als er uns gefangen nahm. Elara wurde in Ketten gelegt, während Byron mir den Kopf abschlug. Ich … ich … ich konnte sie nicht beschützen.« Seine Stimme brach. »Es ist alles meine Schuld. Ich konnte weder das Land führen noch meine Familie beschützen.«

Ich schloss die Augen, versuchte, die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Es gelang mir nicht. Ungebremst flossen sie über meine Wangen und meine Nase entlang, endeten an meinen Lippen, auf denen sich ein salziger Geschmack einnistete.

Caspian zog mich wieder an sich, hielt mich, während ich heiser schluchzte. Eine Weile saßen wir so da, von blauem Geisterlicht eingehüllt.

Irgendwann schob Caspian mich ein Stück zurück. Seine Miene war finster und entschlossen.

»Ich werde meinen Vater töten«, sagte Caspian so kalt, dass ich zitterte. »Für alles, was er getan hat, verdient er den Tod. Und wenn die Totengötter meine Seele eines Tages dafür zu ewiger Dunkelheit verdammen, soll es so sein. Ich bin bereit, ihre Strafe zu erdulden.«

»Caspian …«, wisperte ich und suchte nach Argumenten, um ihn aufzuhalten.

Allerdings kam ich nicht dazu, sie auszusprechen, denn jemand anderes meldete sich zu Wort: »Die Totengötter dürfen sich hintenanstellen, um dich zu bestrafen. Erst bin ich an der Reihe.«

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