Leseprobe: Secrets of the Sea – Band 2 - Secrets of the Sea - Erinnerungsdiebin
By B.E. Pfeiffer
Kapitel 1
* * *
Eines der ersten Dinge, die ich in meiner Zeit als Flüsterin hatte lernen müssen, war, auch in gefährlichen Situationen ruhig zu bleiben. Obwohl mein Herz im Moment panisch in meinem Brustkorb hämmerte, überlegte ich deswegen, wie ich mich selbst befreien konnte. Auch wenn Pearl Caspian sofort aufspürte, fürchtete ich, er könnte sich meinetwegen in Gefahr bringen. Das wollte ich verhindern, indem ich selbst einen Ausweg fand. Allerdings blieben mir nicht viele Möglichkeiten.
Von einem letzten Dolch, den ich in mein Kleid hatte einnähen lassen, abgesehen, besaß ich keine Waffe mehr. Und selbst an diese eine Klinge kam ich nicht heran, weil der Krake meine Arme gegen meinen Körper presste und ich mich kaum rühren konnte. Auf meine Magie wollte ich mich nicht verlassen. Die einzige offensive Gabe, die ich besaß, konnte ich nicht bändigen, geschweige denn bewusst aktivieren. Die Magie kam einfach, übernahm dann meinen Körper – und ich musste mit den Konsequenzen leben. Einmal hatte sie Caspian und mich zwar vor einem Absturz bewahrt, dafür war danach die Wache des Königs hinter uns her gewesen. Auf Aufmerksamkeit vom Schloss, vor dem wir im dunklen Wasser trieben, konnte ich verzichten. Die Soldaten des Königs würden vermutlich auf das Meereswesen schießen und mich ebenfalls treffen. Falls ich wie durch ein Wunder überlebte, würden sie mich bestimmt gefangen nehmen und dann zu Byron bringen. Nein, diese Magie würde mir eher schaden, als dass sie mir half.
Blieb also nur eine Wahl.
Ich brachte meine Fingerspitzen an die Haut des Tentakels und rief jene Mächte, mit denen ich Erinnerungen stehlen konnte. Rosarotes Licht schimmerte kurz auf und der Krake erstarrte. Im nächsten Moment sah ich Bruchstücke seiner Erinnerungen von seinem Leben im Ozean, von der Frau, die auf seinem Kopf saß. Ich wollte nichts davon stehlen, wartete nur, bis der Griff des Fangarms lockerer wurde, und glitt durch den Tentakel hindurch.
»Nein!«, rief die Frau in dem Moment, als meine Füße das Wasser berührten.
Innerlich wollte ich jubeln, doch da wurde mir klar, dass ich einen folgenschweren Fehler begangen hatte. Noch immer trug ich das ausladende Ballkleid, das sich binnen weniger Herzschläge mit Wasser vollsog und tonnenschwer wurde. Außerdem hatte ich noch nicht gelernt zu schwimmen. Mich aus dem Griff des Kraken zu befreien, hatte mich also in neue Schwierigkeiten gebracht.
Hastig paddelte ich mit den Armen, hoffte, ich würde es zu den zerklüfteten Felsen schaffen, bevor der Krake wieder zu Besinnung kam. Seine Reiterin redete auf ihn ein, während sie mit den Fingerspitzen über seinen Kopf strich. Auch bei ihr leuchtete rosarotes Licht auf, ließ ihre gleichfarbigen Strähnen in ihren langen Haaren erstrahlen.
Blinzelnd bewegte sich der Krake, als wollte er den Kopf schütteln. Sein Blick glitt erst über mich hinweg, fand mich dann jedoch. Ich paddelte schneller, doch das Kleid war einfach zu schwer und der Krake streckte bereits seinen Fangarm aus, um mich zu packen. Ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, zog mich das Biest unter Wasser.
Mit fest zusammengepressten Lippen wand ich mich in dem Griff, trat um mich und hoffte, meine Luft würde ausreichen, bis mir etwas einfiel, damit ich wieder freikam.
Die silbernen Mondstrahlen drangen kaum noch zu mir durch, Dunkelheit nahm mich immer mehr gefangen. Nur der Krake und seine Reiterin schimmerten in unnatürlichem Licht, das nur von Magie stammen konnte.
»Du musst Luft holen, Kind«, sagte die Reiterin amüsiert.
Wollte sie sich über mich lustig machen? Ich konnte unter Wasser nicht atmen. Taryna mochten von Meereswesen abstammen, aber unsere Körper waren die von Menschen.
»Nektaria, atme«, wies mich die Frau an.
Ich hielt in meinen Bewegungen inne. »Woher kennst du meinen Namen?«, fragte ich, bevor ich mich davon abhalten konnte.
Keuchend presste ich eine Hand auf Mund und Nase, machte mich bereit, Wasser zu schlucken. Doch nichts geschah.
Die Reiterin musterte mich mit schiefem Lächeln, schwieg jedoch.
Mein Verstand begriff nicht, was vor sich ging. Eigentlich müsste ich ertrinken. Doch meine Lunge füllte sich nicht mit Wasser. Langsam atmete ich ein und erschrak, denn auch in meine Nase drang keine Flüssigkeit.
Wie war das möglich?
»So ist es doch gleich besser, oder?« Die Frau lächelte breiter. »Ich weiß, es ist ungewohnt für dich, aber dank deiner Herkunft kannst du im Meer atmen.«
Erst jetzt wurde mir klar, dass nicht nur der Krake und seine Reiterin schimmerten, sondern auch ich. Ganz schwach umgab mich ein türkiser Schein, der von meinen Haaren ausging und sich wie eine zweite Haut über meinen gesamten Körper gelegt hatte.
Mit offenem Mund betrachtete ich das Schimmern der Magie. War das eine passive Fähigkeit, die sich entwickelt hatte? Bei dem Sturm vor einigen Tagen wären Caspian und ich beinah ertrunken. Damals war sicher Wasser in meinen Mund eingedrungen, als mir die Luft ausgegangen war. Wieso jetzt nicht?
»Hat es dir die Sprache verschlagen?« Die Frau gluckste. »So schweigsam bist du früher nie gewesen. Ich dachte, wenn deine Erinnerung zu dir zurückgekehrt ist, wirst du mich mit Fragen löchern.«
Blinzelnd musterte ich die Frau. »Woher weißt du, dass ich Erinnerungen verloren und sie jetzt zurückbekommen habe?«
»Durch die Tränen, die du vergossen hast, denn durch sie habe ich dich gefunden.« Ihr Lächeln verblasste. »Wir sollten nicht ewig hier verweilen, sondern dich in Sicherheit bringen. Wenn ich dich durch deine Tränen aufspüren konnte, werden andere Meereswesen dazu ebenfalls in der Lage sein.«
Ich sog den Atem ein. »Sollte ich dich kennen?«
»In dieser Gestalt vermutlich nicht. Du hast mich nur mit dem Illusionszauber gekannt.«
Ich verengte die Augen, versuchte, etwas Vertrautes im Gesicht der Fremden zu entdecken. Nichts. Außerdem sprach diese Frau in Rätseln und hielt mich unter Wasser gefangen. Wieso sollte ich ihr trauen?
»Selbst wenn wir uns kennen«, fauchte ich, »hast du kein Recht, mich gegen meinen Willen zu verschleppen.«
»Ich will dich nicht verschleppen, ich will dich – wie bereits gesagt – in Sicherheit bringen. So, wie ich das sehe, ist deine dritte Gabe noch nicht vollständig erwacht und du bist somit leichte Beute für Meereswesen.«
»Wie du eindrucksvoll bewiesen hast«, brummte ich. »Also, wer bist du und wieso sollte ich dir vertrauen? Meine Mutter hat mir gesagt, ich solle mich vom Meer fernhalten …«
»Und bis vor Kurzem hast du sogar auf sie gehört. Aber dann hast du das Meer doch betreten und damit eine Menge Meereswesen daran erinnert, dass sie ihre Suche nach dir nie hätten aufgeben dürfen.«
Verstohlen betrachtete ich den Kraken, der mich noch immer festhielt. Er besaß beide Augen und konnte nicht derselbe Kraken sein, der Caspian und mich vor einigen Tagen angegriffen hatte. Denn der hatte ein Auge verloren.
»Nektaria, ich will dir nichts Böses«, meinte die Frau versöhnlich. »Ich wollte dich immer nur beschützen.«
»Dann sag mir endlich, wer du bist!«, verlangte ich.
Seufzend stieß sie den Atem aus. »Ich bin …«
Ein Blitz schlug direkt neben dem Kraken ein. Der riss die Augen auf und wirbelte herum. Die Frau fluchte und rief einen Befehl, woraufhin sich das Meeresungetüm flach machte und mit mir wie ein Pfeil durch die Dunkelheit des Meeres schoss. Dabei gab er einen Strahl Tinte von sich, hüllte uns darin ein.
Hustend schloss ich die Augen und riss sie wieder auf, als ein weiterer Blitz hinter meinen Lidern aufflackerte.
»Halt, im Namen meiner Herrin!«, krächzte ein Wesen, das direkt vor uns erschien.
Der Oberkörper war der eines Mannes, allerdings besaß er Kiemen am Hals und etwas wie Flossen anstelle von Ohren. Sein Unterkörper erinnerte mich an einen Fischschwanz, die Hände waren mit Schwimmhäuten überzogen. So ein Wesen hatte ich noch nie gesehen, noch nicht einmal in Büchern.
»Und wer ist deine Herrin?«, blaffte die Frau ihn an.
Er öffnete den Mund zu einem gespenstischen Lächeln und entblößte dabei unzählige schiefe Reißzähne.
»Das verrate ich nicht. Ich bin hier, um die Prinzessin einzufordern«, antwortete er finster.
Prinzessin? Meinte er mich?
»Ich händige sie dir nicht aus, denn ich ahne, dass deine Herrin ihr Schaden zufügen wird«, fuhr die Frau ihn an.
»In dem Fall ist dein Leben verwirkt.« Der Fischmann breitete die Arme aus. Blitze sammelten sich dazwischen, luden das Wasser auf und ließen es gespenstisch leuchten.
Der Krake schwamm rasend schnell los. Ich nahm ein intensives Kribbeln wahr lange, bevor ich seine Helligkeit sah. So geschwind der Krake auch war, dem knisternden Geschoss würde er nicht entgehen können. Und wenn uns der Blitz traf …
Mit einem Mal erstrahlten meine Haare gleißend hell und Magie hüllte mich, den Kraken und seine Reiterin in einer Art Blase ein. Ein Schrei entschlüpfte mir, als der Blitz auf die Barriere traf, Risse bildeten sich darauf, doch sie hielt stand. Allerdings fühlte ich mich, als hätte mir jemand mit voller Wucht in den Bauch getreten.
»Du machst das hervorragend. Halte noch einen Moment durch«, flehte die Frau und hob eine Hand.
Aus dem Nichts erschien Licht zwischen ihren Fingern, das sich zu einem Krummschwert formte.
»Ich hätte gerne darauf verzichtet, das hier einzusetzen«, erklärte die Frau. »Aber mir bleibt wohl keine Wahl.«
Sie umfasste das Schwert fester und richtete es auf das Fischwesen. Die Waffe leuchtete türkis auf, genau wie die Haare der Reiterin. Einen Moment schien sich die Zeit zu verlangsamen, während das Wasser um uns in einem Strudel in die Klinge gesogen wurde. Heller und heller schimmerte das Metall, lud sich mit der Macht des Meeres auf.
Mit einem Kampfschrei gab die Frau die Magie frei, die sich wie ein gewaltiger Wirbelsturm auf den Fischmann zubewegte. Entweder war die Zeit wirklich verlangsamt worden, oder das Meereswesen war in eine Schockstarre verfallen. Jedenfalls rührte es sich nicht, wurde von dem Strudel erfasst und verschlungen.
Als sich die Magie legte, war der Fischmann verschwunden, als wäre er nie hier gewesen, und auch das Schwert zerbarst in unzählige Splitter, die tiefer im Wasser versanken.
Meine Brust schnürte sich zu, während ich zu begreifen versuchte, was geschehen war. Aber mein Verstand überschlug sich nur, ohne einen klaren Gedanken zu erschaffen.
»Ich muss dich an einen sicheren Ort bringen«, meinte die Frau. »Jetzt, da ich meine Magie offenbart habe, werden noch mehr Schergen der anderen Blutlinien hier erscheinen. Wir müssen das Meer verlassen.«
»Vielleicht hättest du mich dann nie herbringen sollen«, erwiderte ich.
Die Frau verdrehte die Augen. »Manchmal handle selbst ich zu impulsiv. Das hast du dann wohl von mir geerbt.«
Ich runzelte die Stirn. »Wovon redest du?«
Statt mir zu antworten, flüsterte die Frau dem Kraken etwas zu, der sich daraufhin aufrichtete und uns an die Oberfläche brachte. Kaum hatte mein Kopf das Wasser durchbrochen, zerriss ein Schuss die Nacht.
»Nektaria!«, rief Caspian.
Ich suchte das Meer nach ihm ab, bis ich das kleine Boot entdeckte. Neben Caspian waren Alek, Ceto, Maya und Pearl an Bord. Während die Piraten ruderten, hob Caspian eine weitere Pistole und zielte.
»Nicht schießen!«, schrie ich, weil ich vermeiden wollte, dass der Kraken oder die Reiterin getroffen wurden. Ich wollte Antworten und die würde ich nur bekommen, wenn die beiden überlebten.
»Gebt Nektaria frei!«, forderte Caspian gebieterisch.
Die Frau gluckste. »Er macht sich wohl Sorgen um dich.«
Ich ignorierte sie und hielt den Blick auf Caspian gerichtet, der immer näher kam.
»Lass mich zu ihm«, bat ich die Frau.
Die tätschelte dem Kraken den Kopf und dieser gab mich frei. Sofort spürte ich wieder das Gewicht des Kleides. Ungeschickt paddelte ich mit den Armen und schaffte es nur mit Müh und Not, mich über Wasser zu halten.
Caspian warf Maya die Pistole zu und sprang ins Meer. Innerhalb weniger Atemzüge war er bei mir, zog mich in die Arme und schwamm mit mir dem Boot entgegen. Maya half mir an Bord, Pearl zerrte eine Decke zu mir, die Caspian mir um die Schultern legte, ehe er nach der Waffe griff und auf den Kraken zielte.
»Zurück, oder ich schieße«, sagte er entschlossen.
»Es gibt keinen Grund, mit mir zu kämpfen, wir stehen auf derselben Seite«, meinte die Frau.
»Bezweifle ich«, knurrte Caspian.
»Ich spreche die Wahrheit. Wenn ihr mir erlaubt, mit euch zu kommen …«
Weiter kam sie nicht. Direkt neben ihr schoss etwas aus dem Meer, peitschte das Wasser zu hohen Wellen auf. Der Sog schleuderte das Boot wild umher und ich klammerte mich an Caspian fest, aus Angst, ihn wieder zu verlieren.
Zwei Augen leuchteten grün in der Dunkelheit auf, als ein weiterer Krake aus den Tiefen des Meeres emporstieg. Anders als bei dem ersten spürte ich frostige Kälte von ihm ausgehen. Es kam mir vor, als würde dieser Krake das Licht um sich einsaugen und die Dunkelheit um etliche Nuancen weiter verdunkeln. Anstatt eines Reiters auf seinem Kopf, schimmerte ein Stein auf seiner Stirn.
Noch ehe ich begriff, was vor sich ging, schnellten die Krakenarme aus dem Wasser auf uns zu. Caspian hob seine Waffe, schoss darauf und traf einen, der zurückzuckte; zwei andere packten jedoch das Boot.
Das Holz knackte bedrohlich unter den Tentakeln, die immer fester zudrückten. Der andere Krake holte mit den Fangarmen aus und schlug nach dem, der das Boot umklammert hielt. Zitternd lösten sich die Arme und die Kraken kämpften miteinander.
In einer eleganten Bewegung sprang die Frau von ihrem Meereswesen ins Wasser. Kurz verschwand sie unter den Wellen, tauchte keinen Atemzug später neben dem Boot auf, hievte sich hinein und griff nach den Rudern.
»Sagt mir, wo euer Schiff ist«, befahl sie.
Caspian zögerte, sah zu den Kraken, die miteinander rangen, ehe er die Frau musterte.
Jetzt wurde mir bewusst, dass ich vorhin die Farbe ihrer Haare und Haut nicht richtig erkannt hatte. Sie waren nicht grün, sondern türkis mit einer rosa Strähne. Wie meine. Eine vertraute Magie ging von ihr aus. Eine, von der ich dachte, sie längst vergessen zu haben.
»Groß… Großmutter?«, stammelte ich und musterte ihr faltenloses Gesicht.
Als sie lächelte, blitzte etwas in ihren Augen auf.
»Du kannst dich doch erinnern. Dabei hast du mich in dieser Gestalt nur ein einziges Mal gesehen. Damals konntest du noch nicht laufen.«
Caspian neben mir keuchte. Heute Nacht hatte ich so viele Dinge über mich erfahren, dass mir der Kopf schwirrte. Caspian war immer dabei gewesen. Ob es für ihn ein Schock war, dass meine Großmutter türkise Haut besaß und deutlich sichtbare Schwimmhäute zwischen den Fingern?
»Also, verratet ihr mir jetzt, wo euer Schiff liegt?« Großmutter musterte Caspian. »Ihr habt doch ein Schiff, oder?«
Einen Herzschlag lang schwieg Caspian und ich erwartete, dass er sich weigern würde, ihr zu antworten. Doch dann hob er den Arm.
»Eine Seemeile in die Richtung, ab dort übernehme ich das Kommando«, sagte er grimmig.
»Einverstanden. Dann haltet euch fest«, meinte Großmutter.
Noch ehe ich begriff, wieso, ruderte sie los – und das Meer zog so schnell an uns vorbei, dass ich keine Luft mehr bekam.