Epilog - New Memories
By Lilly Lucas
Ich trat ans Verandageländer und ließ den Blick über die Rocky Mountains schweifen. Eine feine Brise strich über meine nackten Schultern und trug den Duft von Wildblumen und Kiefernnadeln an meine Nase.
»Lena?« Mein Vater war hinter mir aufgetaucht, ein Lächeln im Gesicht. »Bist du bereit?«
Mein Herz setzte einen Schlag aus. »Ja«, hauchte ich.
Er hielt mir seinen Arm hin, und ich lächelte und hakte mich bei ihm ein. Gemeinsam verließen wir die Veranda. Von der Blockhütte zur Lichtung war es nicht weit. Gedämpft drangen Gemurmel und Gelächter an mein Ohr. Die Nachmittagssonne fiel schräg durch die Baumwipfel und zauberte Lichtflecken auf mein Brautkleid. Ich hob den Rock ein wenig an und spürte das warme Gras an den Knöcheln. Der Pfad war uneben, und ich war dankbar für meine flachen Schuhe. Als ich die ersten Stuhlreihen in der Ferne erblickte, beschleunigte mein Puls. Mein Vater schien es zu spüren und tätschelte ganz leicht meine Hand.
Als wir zwischen den Bäumen hervortraten und sich die Lichtung vor uns auftat, hielt ich kurz inne. Ein verzücktes Lächeln trat auf mein Gesicht. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die weißen Stuhlreihen auf der rechten und linken Seite, der mit Wildblumen geschmückte Traubogen und im Hintergrund die Rocky Mountains. Meine Rocky Mountains.
Die ersten Gäste wurden auf uns aufmerksam und stupsten sich gegenseitig an. Nach und nach verstummten die Gespräche, und alle Augen richteten sich auf mich. Ein Lächeln hier, ein Nicken dort. Meine Mutter, die sich schon jetzt ein Taschentuch an die Lippen presste. Izzy, die versonnen ihren Babybauch streichelte. Lara, die sich an Kolja schmiegte. Mein Herz begann zu rasen. Auf einmal fühlte sich alles so real an. Der Moment, auf den ich seit Monaten hinfieberte, war endlich gekommen. Die Musik setzte ein. Ryan und ich hatten uns gegen klassische Einlaufmusik entschieden und Scott Street von Phoebe Bridgers gewählt. Mein Vater drückte sanft meinen Arm, und wir setzten uns in Bewegung und steuerten auf den Mittelgang zu, der zwischen den Stühlen hindurch zum Traubogen führte. Zu Ryan. In einem perfekt sitzenden schwarzen Anzug wartete er dort auf mich. Mit diesem unverwechselbaren Funkeln in den Augen, das mir bereits bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war. Also Lena Lena. Willkommen in Colorado. Ich schmunzelte und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Ryans Schultern spannten sich kurz an, dann ließ er sie sinken, als müsste er sich bewusst daran erinnern, ruhig zu bleiben. Er war nervös. Ryan Cooper war nervös. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ohne unseren Blickkontakt zu unterbrechen, lief ich weiter. Der Song nahm Fahrt auf, die Streichmusik wurde lauter. Hörbar atmete mein Vater neben mir aus, und mir wurde klar, dass heute auch für ihn etwas endete und etwas Neues begann. Als wir den Traubogen erreicht hatten, hauchte er mir einen letzten Kuss auf die Wange und übergab mich an Ryan.
»Pass gut auf sie auf.«
Er sagte es auf Deutsch, aber Ryan nickte. Mein Vater trat einen Schritt zurück, und Ryan und ich standen uns endlich gegenüber. Als wir uns in die Augen sahen, setzte das Outro des Songs ein. Mein Lieblingspart. Was klein und leise begonnen hatte, wurde plötzlich laut und eindrucksvoll. Vielleicht mochte ich den Song deswegen so sehr. Ich dachte an unsere erste Begegnung. Unseren ersten Kuss. Den ersten Streit. An all die Umwege und verpassten Chancen. Dass uns all das hierhergeführt hatte. Zu diesem Moment.
»Hi«, sagte Ryan.
Er lächelte, und alles in mir wurde ruhig.
»Hi.«