Kapitel 12 - New Memories
By Lilly Lucas
Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass es in deinem Leben zugeht wie in einem Hollywoodfilm?«, gluckste Lara. Ich hatte sie angerufen, als ich aus dem Olly’s zurückgekommen war, und fast eine halbe Stunde gebraucht, um die Ereignisse des Tages zusammenzufassen. »Ich meine, erst landest du in der süßesten Kleinstadt der Welt und musst dir das Bad mit einem heißen Skiprofi teilen. Ihr hasst euch, ihr verliebt euch, aber dann taucht plötzlich seine Ex auf und …«
»Hör auf«, stöhnte ich, aber Lara lief erst warm.
»Er verlässt dich, er kommt wieder zurück … Happy End, aber nur auf Zeit, weil du kein Visum bekommst. Er macht dir einen Antrag, aber du …«
»Lara!«, schimpfte ich nur halb ernst.
»Zeitsprung.« Sie machte eine dramatische Geste mit den Händen. »Du fliegst zur Hochzeit eurer Freunde und weißt nicht, dass er auch da sein wird, aber er ist da, und er sieht besser aus denn je …«
»Das hab ich nie gesagt!«
»Ihr seid im selben B&B untergebracht und wohnt Zimmer an Zimmer …«
»Was? Nein!« Ich stutzte. »Oh Gott«, hauchte ich und stierte an die Wand. »Was, wenn er wirklich nebenan wohnt?« Der Gedanke war mir noch gar nicht gekommen. Das Golden Leaf hatte nur vier Zimmer, zwei auf jeder Seite des Flurs.
»Das erfährst du spätestens morgen früh, wenn ihr exakt zur selben Zeit eure Zimmer verlasst. Und wenn ihr dann im Frühstücksraum zeitgleich nach dem letzten Muffin greift …«
»Schluss damit! Du genießt das alles viel zu sehr.«
»Ich sitze ja auch mit Popcorn in der ersten Reihe.«
»Sieht eher aus wie Porridge«, bemerkte ich trocken.
Lara schob sich demonstrativ einen Löffel ihres Frühstücksbreis in den Mund. In Berlin war es früh am Morgen, nicht kurz vor Mitternacht wie bei mir.
»Ryan wird sich schon wieder einkriegen. Und wer weiß, vielleicht könnt ihr dann noch mal in Ruhe über alles reden.«
»Ich hab nicht den Eindruck, dass Ryan mit mir über irgendwas reden will.«
Ich. Will. Sie. Aber. Nicht. Hier. Haben.
»Vielleicht muss er es erst mal sacken lassen. Eine Nacht drüber schlafen. Ich meine, es ist schon ein Brett. Da kommst du nichts ahnend nach Hause und stehst plötzlich deiner Ex gegenüber, die du seit Jahren nicht mehr gesehen hast.«
»Apropos schlafen. Ich sollte«, ein Gähnen kam mir in die Quere, »mal langsam ins Bett. Mein Wecker klingelt in sechs Stunden.«
»Stell ihn aus. Du bist im Urlaub.«
»Ich fahr morgen früh mit Izzy zur Hochzeitslocation und helf ihr beim Entrümpeln.«
»Wieso entrümpeln?«
»Die Scheune, in der sie eigentlich feiern wollten, wurde bei einem Sturm beschädigt, und jetzt müssen sie kurzfristig auf eine andere ausweichen. Die steht aber noch voll.«
»Oh.«
»Will und sie sind ziemlich gestresst deswegen.«
»Kein Wunder, so was braucht niemand zwei Wochen vor seiner Hochzeit.«
Nach dem Eklat auf dem Parkplatz waren wir an unseren Tisch zurückgekehrt, hatten unsere kalten Burger gegessen und versucht, das Beste aus dem angebrochenen Abend zu machen. Die meiste Zeit hatten wir natürlich über die Hochzeit gesprochen. Ich hatte erfahren, dass sich Will in der Diskussion um den DJ durchgesetzt hatte und im Gegenzug auf eine Hochzeitstorte verzichtete. Dass die beiden sich auf eine freie statt einer kirchlichen Trauung geeinigt hatten, die unsere Freundin Rebecca Fitzgerald halten würde. Rebecca arbeitete zwar als Pastorin, sah darin aber keinen Widerspruch. Genauso wie ihr Vater, der Reverend von Green Valley, hatte sie ein offenes Weltbild und machte sich für Vielfalt und Toleranz stark.
Ich unterdrückte ein Gähnen.
»Geh du jetzt mal lieber ins Bett. Ich muss sowieso gleich los.« Lara erhob sich und trug ihre Müslischale zur Spülmaschine. Ich erhaschte einen Blick auf unsere Küche, die aufgeräumter wirkte als sonst. Es verwunderte mich nicht, Lara war eine ganze Schippe ordentlicher als ich. »Eine Sache würde mich allerdings noch interessieren.«
Ich ahnte Schlimmes, als sie sich mit einem schelmischen Grinsen umdrehte. »Sieht er besser aus denn je?«
Ich stöhnte und verdrehte die Augen.
»Also ja«, sagte sie triumphierend.
»Ich hab noch gar nichts gesagt!«
»Eben.«
Ungläubig schüttelte ich den Kopf. »Er trägt jetzt einen Bart.«
»Uuuuh. Einen richtigen?«
»So ein Dreitageding.« Wie auf Knopfdruck hatte ich sein Gesicht vor Augen. Die neue Version mit dem anderen Haarschnitt und den Bartstoppeln.
»Und? Steht es ihm?«
»Bin mir noch nicht sicher.«
»Lügnerin.«
»Ernsthaft«, protestierte ich.
»Dein Mund sagt was anderes als der Rest deines Gesichts. Just saying.«
Ich rollte mit den Augen. »Viel Spaß bei der Arbeit.«
»Gute Nacht«, trällerte sie.
Wir beendeten den Videocall, und ich legte mein Smartphone zur Seite und löschte das Licht. Das Zimmer versank in Dunkelheit. Nur ein dünner Streifen Mondlicht stahl sich durch die Jalousie. Ich schloss die Augen und ließ mich tiefer ins Kissen sinken. Wartete darauf, dass der Schlaf mich übermannte. Aber er kam nicht. Stattdessen kehrten die Gedanken an Ryan zurück. An die vertrackte Situation, in der wir uns befanden. Zu allem Überfluss drangen plötzlich auch noch Geräusche aus dem Nebenzimmer durch die Wand. Das Quietschen eines Lattenrosts. Das Ächzen eines Bettgestells. Es klang, als würde sich jemand im Bett hin und her wälzen, und ich kam nicht umhin, mich zu fragen, ob es Ryan war. Der Gedanke schlich sich wie ein ungebetener Gast in meinen Kopf und sorgte dafür, dass ich erst recht nicht mehr zur Ruhe kam. Ich stellte mir vor, wie er in diesem Moment in seinem Bett lag und an die Zimmerdecke stierte. Wie er sich von rechts nach links drehte und versuchte, die Gedanken abzuschütteln, die ihn genauso wach hielten wie mich.