Kapitel 13 - New Memories
By Lilly Lucas
Keine Ahnung, was Olly zu diesem Vergleich bewogen hatte, aber Fynn Eden hatte rein gar nichts mit Luke Danes aus Gilmore Girls gemeinsam. Er trug weder Basecap noch Holzfällerhemd und begrüßte die Kunden im Cozy Cup mit nichts als guter Laune und Freundlichkeit. Mit seinen dunklen, verwuschelten Haaren, der Brille und dem Dreitagebart wirkte er außerdem eher cute als grumpy.
»Hey, was darf’s für dich sein?«, fragte er lächelnd, als ich endlich an der Reihe war.
Die Schlange vor der Theke hatte bis zur Tür gereicht, als ich den Laden betreten hatte. Kurz war ich versucht gewesen, wieder kehrtzumachen, aber ich hatte Izzy bereits geschrieben, dass sie mich am Cozy Cup abholen sollte.
»Hi. Ich hätte gerne einen Caramel Macchiato zum Mitnehmen.«
»Alles klar, kommt sofort. Sorry übrigens, dass du so lange warten musstest.«
»Kein Problem.« Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Gähnen und lächelte entschuldigend.
»Willst du lieber einen doppelten?« Er wedelte mit dem Siebträger.
Dankend nahm ich das Angebot an, auch wenn ich bezweifelte, dass es etwas gegen die fiese Mischung aus Jetlag und Übernächtigung ausrichten würde.
»Du bist nicht von hier, oder?« Er klopfte den Siebträger aus und befüllte ihn mit frisch gemahlenem Pulver.
»Hört man das?«
»Bisschen.« Er führte Daumen und Zeigefinger so zusammen, dass eine winzige Lücke blieb. »Aber ich bin gut mit Gesichtern, und deins hab ich hier noch nie gesehen.«
»Ich bin zu Besuch. Lena.«
»Fynn.«
»Ich weiß. Das da gilt außerhalb dieser vier Wände nicht.« Ich deutete auf die Kreidetafel mit der Aufschrift No Gossip, die an der Wand angebracht war.
Er lachte und ließ den Siebträger einrasten. »Was haben sie dir denn Spannendes über mich erzählt?«
Unter dem Röhren der Kaffeemaschine zog ich scharf die Luft zwischen die Zähne. »Wenn ich dir das sage, verstoße ich gegen deine Regel.«
»Schon gut. Ich will’s gar nicht wissen.« Er griff nach dem Kännchen und begann, Milch aufzuschäumen. »Ist jedenfalls schön, mal jemandem zu begegnen, der nicht aus dem inner circle ist«, sagte er über das Zischen der Düse hinweg.
»Der inner circle?«
»Na ja, ich hab den Eindruck, hier kennen sich alle schon ihr ganzes Leben lang. Jeder saß mit jedem im Sandkasten, jeder war mit jedem in der Schule. Alle sind irgendwie miteinander verwandt.«
Ich lachte. »Ja, ich weiß, was du meinst.«
Er zog einen Pappbecher vom Stapel und wandte mir den Rücken zu, um Karamell hineinzugeben. Beim Anblick seiner Kehrseite musste ich an Izzy und gestern Abend denken – den Teil, bevor es ungemütlich geworden war – und schmunzelte in mich hinein.
»Also bist du nicht zum ersten Mal hier.«
Es war mehr Feststellung als Frage, aber ich antwortete trotzdem: »Nein, ich hab hier mal gewohnt.«
Er spitzte über seine Schulter. »Wie lange ist das her?«
Unter normalen Umständen hätte ich gezögert, aber ich störte mich nicht im Geringsten an seinen Fragen. Vielleicht, weil er eher interessiert als neugierig wirkte.
»Ich bin vor drei Jahren wieder zurück nach Deutschland gezogen.«
»Deutschland, hm? Hätte dich eher nach Schweden oder so gesteckt.« Er goss erst den Milchschaum, dann den doppelten Espresso in den Becher.
»Das hör ich nicht zum ersten Mal.«
Als ich meine Kreditkarte zückte, wehrte er ab.
»Der Erste geht immer aufs Haus.«
Überrascht sah ich ihn an. »Du musst wirklich gut mit Gesichtern sein.«
»Siehst du, wenn du wiederkommst.« Er zwinkerte und schob den Becher in meine Richtung.
»Danke.« Mit einem Lächeln im Gesicht wandte ich mich ab. Aber es erstarb auf meinen Lippen, als die Tür zum Cozy Cup aufschwang und Ryan hindurchtrat. Einen Moment war ich wie erstarrt, und auch er rührte sich nicht.
»Guten Morgen«, krächzte ich und stellte mich darauf ein, dass er sich wieder umdrehen und gehen würde.
»Morgen«, sagte er stattdessen. Es klang wie ein Seufzen. Resigniert und müde. Die Schatten unter seinen Augen verrieten, dass er Zweiteres auch war. Natürlich konnte es auch bei ihm am Jetlag liegen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er ähnlich schlecht geschlafen hatte wie ich. Ich wollte das Gespräch am Laufen halten, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Kramte hektisch in meinem Kopf nach etwas Unverfänglichem. Small Talk, um Normalität zu schaffen. Aber ich konnte Ryan schlecht mit dem Wetter kommen.
»Flat White?«, rief Fynn hinterm Tresen hervor.
Ryans Blick flackerte zu ihm, und er nickte knapp.
Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Die Tür ging auf, und Ryan musste einer Frau mit Babytrage Platz machen. In meiner Jackentasche vibrierte mein Smartphone, und ich sah Izzys Wagen vorfahren. Überfordert huschten meine Augen zu Ryan, aber er hatte sich bereits an mir vorbeigeschoben und stand mit dem Rücken zu mir am Tresen. Ich gab mir noch einen Moment, um mich zu sammeln, dann verließ ich das Café.
Izzy sah kurz von ihrem Handy auf, als ich die Beifahrertür aufzog, und wünschte mir einen guten Morgen.
»Morgen.« Ich stellte den Kaffeebecher in die Mittelkonsole, um mich anschnallen zu können.
»Oh, oh«, machte sie. »Was ist passiert?«
»Ryan«, seufzte ich und deutete mit dem Daumen auf das Cozy Cup. »Ich hab das Frühstück im Leaf extra ausgelassen, weil Lara …« Ich schüttelte den Kopf. »Na ja, jedenfalls dachte ich, dass ich ihm besser aus dem Weg gehe und mir hier einen Kaffee hole. Aber …«
»Ryan kam auf dieselbe Idee.«
»Ja.«
»Hat er was gesagt?«, fragte sie vorsichtig.
»Nicht wirklich.« Ich nahm einen Schluck. »Guten Morgen. Obwohl … Nein. Nur Morgen.«
Sie setzte den Blinker und bog aus der Parklücke.
»Aber immerhin hab ich jetzt Fynn Eden kennengelernt.« Der Stimmung zuliebe bemühte ich mich um einen ausgelasseneren Ton. »Wir haben uns kurz unterhalten. Er ist wirklich nett.«
»Ja, find ich auch.«
»Ist er mit jemandem zusammen?«
Vielsagend hob sie die Brauen, und ich lachte.
»Ich bin nur neugierig.«
»Und Single.«
»Glaub mir, das Allerletzte, worauf ich aus bin, ist ein Urlaubsflirt mit dem cuten Barista.«
»Du findest ihn also cute«, zog sie mich auf.
Ich verdrehte die Augen.
»Soweit ich weiß, sind bisher alle bei ihm abgeblitzt«, sagte Izzy. »Der Gute scheint ziemlich hohe Ansprüche zu haben.«
»Oder er will einfach seine Ruhe.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Auch möglich.«
Wir verließen die Hauptstraße und fuhren durch einen Torbogen, in den der Name Wildfire Ranch eingebrannt war. Der Asphalt ging in Schotter über, und Izzy drosselte das Tempo. Ich war erst ein Mal hier gewesen und hatte vergessen, wie weitläufig das Anwesen war. Vom Haupthaus, in dem Wills Eltern wohnten, war von hier aus noch nichts zu sehen. Rechts und links von uns erstreckte sich sattes Grasland, das in der Ferne in Wälder überging. Pferde grasten auf Koppeln, die mit weißen Zäunen eingesäumt waren. Wir passierten einen Stallkomplex und hielten schließlich vor einer großen Scheune. Sie wirkte gut in Schuss, abgesehen von einigen Stellen, an denen die Farbe abgeblättert war und das Holz grau hindurchschimmerte. Auf der Wiese davor stapelte sich bereits allerhand Schrott und Sperrmüll. Futtertröge, Traktorreifen, Paletten, Maschinenteile, Rohre, eine Blechwanne …
»Ihr wart ja schon richtig fleißig«, sagte ich, als wir aus dem Wagen stiegen. Es roch angenehm nach Heu und Pferden, aber der Geruch wurde abgelöst von etwas Metallischem, als wir uns der Scheune näherten.
»Wir haben das ganze Wochenende durchgeackert. Wills Dad, Grayson und mein Bruder haben uns geholfen.« Sie stöhnte. »Aber es ist ein Fass ohne Boden.«
Was sie damit meinte, begriff ich, als sie das Scheunentor aufdrückte.
»Oh«, stieß ich aus.
Vor uns türmte sich das Gerümpel von Jahrzehnten. Stapelweise Bretter und Autoreifen, ausgediente Möbel und Gartengerätschaften, Zementsäcke und Zaunpfähle. In einer Ecke lagen verstaubte Sättel, und in einer Schubkarre türmten sich Farbeimer und Blumentöpfe. An den Wänden hingen verrostete Schaufeln und Mistgabeln, und Spinnweben zogen sich von Balken zu Balken. Eine schmale Holzleiter führte hinauf zu einer Art Heuboden, der vermutlich genauso vollstand.
Izzy fing meinen schockierten Blick auf. »Ich weiß, es sieht schlimm aus.«
»Es sieht … nach Arbeit aus.« Ich versuchte mich an einem diplomatischen Lächeln.
»Du musst es nicht beschönigen. Es ist eine Katastrophe.« Dreck knirschte unter ihren Schuhen, als sie einen Schritt vortrat. Der Boden war aus Beton und dem Anschein nach lange nicht mehr gefegt worden. »Ich hab keine Ahnung, wie wir das rechtzeitig schaffen sollen.« Zweifelnd ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. »Ich meine, wir müssen das ganze Zeug ja nicht nur nach draußen räumen, sondern auch entsorgen.« In ihrem Gesicht stand ein Ausdruck von Panik. »Und dann muss hier geputzt werden. Und dekoriert. Und …«
»Hey«, unterbrach ich sie und schenkte ihr mein zuversichtlichstes Lächeln. »Das wird schon. Es sind noch fast zwei Wochen bis zu eurer Hochzeit. Und ihr habt Freunde und Familie, die mit anpacken können.«
»Ja, aber die müssen unter der Woche alle arbeiten. Außer meiner Mutter, und die darf seit ihrem Bandscheibenvorfall nicht mehr schwer heben.«
»Und mir.«
Sie blinzelte.
»Ich muss auch nicht arbeiten«, bemerkte ich mit einem Zwinkern.
»Du bist hier, um Urlaub zu machen, Lena. Nicht, um unsere dreckige Hochzeitsscheune zu entrümpeln.«
»Ich bin hier«, begann ich und senkte die Lider, »um den schönsten Tag deines Lebens mit dir zu verbringen. Und damit er das wird, entrümple ich gerne auch dreckige Scheunen. Also legen wir los!«