Kapitel 14 - New Memories
By Lilly Lucas
Okay. Womit fangen wir an?«, fragte ich, nachdem ich in die Arbeitshandschuhe geschlüpft war, die Izzy mir zugeworfen hatte. Sie waren ein bisschen steif und mindestens zwei Größen zu groß, aber für ein paar Stunden würde es schon gehen.
Die Arme in die Hüften gestemmt stand Izzy inmitten des Gerümpels. »Damit.« Sie deutete auf eine Reihe von Futtersäcken. »Die kann man nur zu zweit tragen.«
Als wir den ersten Sack anhoben, rieselte es an mehreren Stellen heraus.
»Schätze, da waren Mäuse dran«, bemerkte Izzy.
»Iiiih.« Ich verzog das Gesicht, und sie murmelte etwas, das verdächtig nach »Stadtkind« klang.
»Nach welchem System geht ihr vor?«, fragte ich, als wir ihn gemeinsam nach draußen schleppten.
»Was meinst du?«
»Na ja, sortiert ihr die Sachen nach kaputt und nicht kaputt. Behalten und wegwerfen? Holz, Metall und Sondermüll?«
Izzy lachte. »Ich hab vergessen, wie deutsch du bist.«
»Tsss. Das nennt man effizient. Spart außerdem eine Menge Arbeit, wenn wir das Zeug entsorgen.«
»Wir sortieren erst mal nur die kaputten Sachen aus. Der Rest kommt auf einen Haufen. Wills Dad soll dann entscheiden, was er davon behalten will.«
Wir trugen noch sechs weitere Säcke aus der Scheune, danach nahmen wir uns einen Stapel Holzlatten vor, von denen Izzy vermutete, dass sie einmal Teil eines Koppelzauns gewesen waren. Fast alle waren morsch und brachen beim Anheben entzwei, was die Arbeit erschwerte. Während wir dabei waren, Autoreifen ins Freie zu rollen, klingelte Izzys Handy. Sie klemmte sich den Reifen zwischen die Beine und warf die Handschuhe ins Gras.
»Das ist die Arbeit, da muss ich ran«, sagte sie mit Blick aufs Display. »Hey Grayson. Was gibt’s?«
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. »Kann Billy das nicht übernehmen? Ich bin gerade …« Sie brach ab und nickte, als würde sie etwas widerwillig akzeptieren. »Verstehe. Nein, nein, ist schon okay. Ich mach mich auf den Weg.« Sie legte auf und stöhnte. »Ich muss für eine Kollegin einspringen, die nicht rechtzeitig von ihrer Tour zurückkommt. Wir müssen leider sofort los, damit ich dich noch zurück ins Leaf fahren kann.«
»Oh.«
»Ja, super nervig. Aber ich kann Grayson nicht hängen lassen.«
»Natürlich nicht.« Mir kam eine spontane Idee. »Hey, wie wär’s, wenn ich solange hierbleibe und weitermache?«
Skeptisch sah sie mich an. »Allein?«
Ich zuckte die Achseln. »Macht mir nichts aus.«
Izzy wirkte nicht überzeugt. »Ich bin frühestens am späten Nachmittag zurück.«
Ich überlegte. Das war lange. Aber ich hatte nichts anderes vor, und die körperliche Arbeit tat mir überraschend gut. Ich hatte auch keine Kopfschmerzen mehr, seit ich an der frischen Luft war.
»Ich könnte Wills Dad fragen, ob er dich nach Hause fahren kann«, dachte Izzy laut vor sich hin.
»Ich will ihm aber keine Umstände machen.«
»Hallo? Du räumst die Scheune aus, in der sein Sohn in zwei Wochen heiraten will.« Augenblicklich zückte sie ihr Smartphone. Eine Minute später war die Sache geklärt. Mr. Albright würde mich auf Abruf zurück ins Golden Leaf fahren. Izzy schickte mir seinen Kontakt, und ich speicherte ihn ab.
»Und du bist dir wirklich sicher?«, fragte sie, als sie bereits am Gehen war.
»Ganz sicher.«
»Aber melde dich, wenn irgendwas ist, ja?« Sie rümpfte die Nase. »Wobei ich nicht immer Netz haben werde.«
»Was soll denn sein?«
»Keine Ahnung, vielleicht fällst du in Ohnmacht, weil du eine Maus siehst.«
»Haha …«
»Na gut, dann geh ich jetzt. Ich melde mich, sobald ich von der Tour zurück bin, okay?«
Ich nickte entspannt, und Izzy lief zu ihrem Wagen. Nach ein paar Metern drehte sie sich noch einmal zu mir um und rief: »Danke, Lena!«
Ich lächelte und winkte ihr zum Abschied. Als der Wagen über den Schotterweg rollte, wandte ich mich ab und ging zurück in die Scheune. Weil es mir dort auf einmal zu still war, schnappte ich mir mein Smartphone, um eine Playlist abzuspielen. Aber zuerst hörte ich die Sprachnachricht ab, die Lara mir geschickt hatte.
Hey, ich wollte dir nur sagen, dass Justus gerade hier war und einen Pulli von dir vorbeigebracht hat. Er meinte, du wüsstest Bescheid …? Ich hatte irgendwie den Eindruck, er war ein bisschen enttäuscht, dass du nicht da warst. Ich hab ihm gesagt, dass du in Green Valley bist. Ich hoffe, das war okay … Nur … falls er sich bei dir meldet.
Rasch tippte ich eine Nachricht an Lara und versicherte ihr, dass ich kein Problem damit hatte, dass sie Justus von Green Valley erzählt hatte. Die Einladung hatte er damals ja ohnehin gesehen, sich vielleicht sogar das Datum gemerkt. Von dem Pullover hatte ich ebenfalls gewusst. Justus hatte mir deswegen geschrieben, aber im Vorurlaubsstress war die Nachricht untergegangen. Mein schlechtes Gewissen nagte an mir, weshalb ich unseren Chatverlauf öffnete und zu einer Antwort ansetzte.
Hey, sorry, dass ich mich nicht mehr wegen des Pullis gemeldet habe. War alles ein bisschen stressig letzte Woche. Danke fürs Vorbeibringen. Ich hoffe, es geht dir gut.
Bevor ich die Nachricht abschickte, überlegte ich noch, den Punkt am Satzende gegen ein Fragezeichen auszutauschen. Stattdessen fügte ich ein lächelndes Emoji hinzu. Ich schloss den Chatverlauf und öffnete die Spotify-App, um die Putz-und-Aufräum-Playlist abzuspielen, die ich mir irgendwann zusammengestellt hatte. Zu den Klängen von Dance Monkey rollte ich die restlichen Autoreifen nach draußen. Zwischen einem verrosteten Mähtraktor und einer holzwurmzerfressenen Kommode entdeckte ich eine Schubkarre, von der ich mir erhoffte, sie würde mir einiges an Arbeit erleichtern. Ein großer, prall gefüllter Papiersack lag darin. Die Aufschrift war weitgehend verblasst, nur noch ein paar rote Buchstaben waren zu erkennen.
»Uff«, stöhnte ich, als ich ihn anhob.
Im selben Moment gab das Papier nach und riss. Eine Wolke aus feinem, weißem Staub schoss mir ins Gesicht. Erschrocken schnappte ich nach Luft – ein Reflex, der alles noch schlimmer machte. Plötzlich war das Zeug nicht nur in meinen Augen, sondern auch in meiner Nase und auf meiner Zunge. Ich begann zu husten und taumelte zurück, wobei ich einen Terrakottatopf umstieß, der entzweibrach.
»Fuck«, schimpfte ich und spuckte auf den Boden, um den kreidigen Geschmack loszuwerden. Mit dem Ärmel wischte ich mir übers Gesicht. Weiße Schlieren blieben auf dem Stoff zurück. Ich musste aussehen wie gepudert. Laut seufzend blickte ich auf das Chaos vor meinen Augen. Der halbe Inhalt des Sacks hatte sich über den Boden und die Schubkarre verteilt. Alles war von einer weißen Schicht bedeckt, als hätte es frisch geschneit. »Na toll.«
Nachdem ich mir den Mund mit Wasser ausgespült und mein Gesicht gewaschen hatte, entsorgte ich den Sack und kehrte das weiße Zeug notdürftig zusammen. Anschließend nahm ich die Arbeit wieder auf.
Um die Mittagszeit herum stand ich draußen in der Sonne und sortierte eine Schubkarrenladung voll Eimer, Lackdosen und Farbkanister. Fast alle waren beschädigt oder eingetrocknet und landeten hinter mir auf dem Müllhaufen, der in den vergangenen Stunden beachtlich gewachsen war. In der Scheune hingegen war wenig Fortschritt zu erkennen.
Ich zog einen weiteren Eimer aus der Schubkarre, sah, dass der Henkel gerissen war, und schleuderte ihn in hohem Bogen hinter mich.
»Autsch!«
Erschrocken fuhr ich herum. Keine drei Meter hinter mir stand Ryan und hielt sich den Kopf.
»Oh Gott, das tut mir leid! Ich hab dich nicht gehört.« Verwirrt sah ich mich nach seinem Auto um, konnte es aber nirgendwo entdecken. »Bist du okay?« Ich machte einen Schritt auf ihn zu und unterdrückte den Impuls, die Hand nach ihm auszustrecken.
»Geht schon«, brummte er und rieb über seine Schläfe.
»Du blutest«, stellte ich bestürzt fest.
Er fuhr sich über die Stelle und betrachtete seine Fingerkuppen. »Nur Farbsplitter.«
Erleichtert atmete ich auf. Er rieb sich die Farbe von den Händen, und ich kam nicht umhin zu bemerken, dass er anders angezogen war als heute Morgen im Cozy Cup. Statt der Teddy-Fleecejacke trug er einen Hoodie. Seine Jeans wirkten um einiges abgewetzter, und die Sneakers hatte er gegen Boots getauscht, die aussahen, als hätten sie schon ein paar Meilen hinter sich.
»Was machst du hier?«
Ertappt sah ich von seinen Schuhen auf. Kurz war es mir peinlich, dass ich ihn so unverhohlen gemustert hatte. »Ich helfe Izzy beim Entrümpeln.«
Er spähte an mir vorbei.
»Sie musste zur Arbeit.«
Er sagte nichts, nickte nur knapp.
»Und du?«, fragte ich in die Stille hinein.
Sein Zögern entging mir nicht. »Will hat erwähnt, dass es Probleme mit der Scheune gibt, also dachte ich …« Er brach ab und räusperte sich. »Ich wollte es mir mal ansehen.«
»Bist du zu Fuß hier?«
Ein spöttischer Laut kam über seine Lippen. »Nein.« Ein wenig zugänglicher schob er nach: »Ich hab an der anderen Scheune geparkt. Der … ohne Dach.«
»Ah«, raunte ich und verkniff mir den Hinweis, dass er dann durchaus zu Fuß hier war.
»Wie ist die Lage?« Sein Kinn wies in Richtung Scheune. »Will meinte, es gäbe noch ziemlich viel zu tun.«
»Ja, das kann man wohl sagen.« Eine Mischung aus Seufzen und Schnauben kam über meine Lippen. »Es wird irgendwie nicht weniger.«
Sein Blick schweifte zu den Sperrmüllbergen. »Und das muss alles entsorgt werden?«
Ich nickte. »Aber erst, nachdem Mr. Albright einen Blick darauf geworfen hat.«
»Hm.«
Einen Moment lang standen wir uns schweigend gegenüber.
»Was ist mit deinen Haaren passiert?«
Der abrupte Themenwechsel überraschte mich, aber ein winziger Teil von mir freute sich, dass er meine neue Frisur bemerkt hatte. »Hatte Lust auf eine Veränderung«, sagte ich und fuhr mir durch die Ponyfransen.
Seine Augen verengten sich. »Ich meinte eigentlich das weiße Zeug.«
»Oh«, stieß ich aus und spürte, wie ich knallrot anlief. »Das … ähm, ist Gips. Oder …«, ich hatte keine Ahnung, was »Zement« auf Englisch hieß, »so was Ähnliches. Mir ist vorhin ein Sack geplatzt.« Mit den Fingern kämmte ich durch mein Haar. Staub rieselte auf meinen Pulli, von dem ich jetzt erst sah, dass er übersät mit Dreck und Schmiere war. Wow. Genauso wollte man seinem Ex-Freund gegenübertreten.
Als ich wieder aufsah, trafen sich unsere Blicke. Nur für einen Moment, aber er reichte aus, um mich daran zu erinnern, wie unfassbar grün seine Augen wirken konnten, wenn die Sonne schien. Gleichzeitig war es kaum zu ertragen, wie ausdruckslos und kalt sie mich ansahen.
»Ich mach dann mal weiter«, sagte ich leise.
Er nickte, und ich wandte mich wieder der Schubkarre zu und griff wahllos nach irgendeinem Eimer. Zu meiner Irritation machte er keine Anstalten zu gehen. Die Sekunden verstrichen. Sekunden, in denen ich mich fragte, was er noch hier wollte. Dann passierte etwas Unerwartetes. Er setzte sich in Bewegung und lief hinter mir vorbei in Richtung Scheune. Nach wenigen Metern blieb er stehen und hob Izzys Arbeitshandschuhe auf, die noch immer im Gras lagen. Stirnrunzelnd verfolgte ich, wie er hineinschlüpfte und seinen Weg fortsetzte. Als er in der Scheune verschwunden war, ließ ich den Eimer zurück in die Schubkarre fallen und ging ihm nach.