Kapitel 19 - New Memories
By Lilly Lucas
Ryan war in ein Gespräch mit Isabella verwickelt, als ich am nächsten Morgen in die Lobby kam. Als er auf mich aufmerksam wurde, verabschiedete er sich von ihr und kam mit einem knappen, aber nicht unfreundlichen »Morgen« auf mich zu. Mir fiel auf, dass sein Bart länger war. Jetzt eher nach fünf als nach drei Tagen aussah. Seltsamerweise fand ich es gut. Aber vielleicht hatte ich mich auch nur daran gewöhnt.
»Wartest du schon lange?«, fragte ich ein wenig abgehetzt. Ich war zu spät, weil ich meine Powerbank nicht gefunden hatte – und zuvor ein bisschen zu ausgiebig darüber nachgedacht hatte, was ich anziehen sollte. Am Ende hatte ich mich für ein ähnliches Outfit entschieden wie Ryan. Praktisch und bequem.
Er schüttelte den Kopf. »Ich wollte sowieso noch kurz mit Bella sprechen.«
Wir setzten uns in Bewegung.
»Gibt es Neuigkeiten von Willa?«
»Es ging um was anderes.«
Kühle Morgenluft strich mir übers Gesicht, als ich hinter Ryan ins Freie trat. Die Sonne stand noch tief. Über dem Wald hing ein feiner Dunstschleier, und die Veranda war von Raureif überzogen. Ich vergrub Kinn und Mund im Kragen meiner Jacke, als ich Ryan zu seinem Wagen folgte.
»Izzy hat erwähnt, dass du ihr den Job hier verschafft hast.«
Er nickte knapp, und ich ließ das Thema fallen, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass er darüber sprechen wollte. Oder er hatte keine Lust, mit mir zu sprechen.
Er ließ die Zentralverriegelung klacken, und ich zog die Beifahrertür auf. Es roch nach ihm im Wagen. Herb und maskulin. Seltsam vertraut. Gestern Abend war es mir nicht aufgefallen, aber jetzt war der Geruch omnipräsent.
»Moe oder Fynn?«, fragte er, als wir durch das Waldstück fuhren.
»Hm?«
»Du hast noch nichts gefrühstückt, oder? Außerdem wolltest du doch Snacks besorgen?«
»Stimmt.« Kurz überlegte ich. So gern ich Moe einen Besuch abgestattet hätte, so wenig war mir danach, mich freiwillig ins Epizentrum von Klatsch und Tratsch zu begeben. »Vielleicht halten wir besser am Cozy Cup. Nur weil …«
»Ja«, stimmte er mir zu, als hätte er denselben Gedanken gehabt. Wahrscheinlich entschied er sich deswegen auch, im Wagen zu warten, als wir das Café erreicht hatten.
Ich löste den Gurt und griff nach dem Türöffner. »Soll ich dir einen Flat White mitbringen?«
»Äh … ja, das wär cool. Mit einem …«
»Halben Löffel Zucker, ich weiß.« Die Worte waren draußen, ehe ich sie zurückhalten konnte. Unsere Blicke verhakten sich, und mein Brustkorb wurde eng.
»Ja«, raunte er in die Stille hinein.
Überfordert stieß ich die Tür auf und stieg aus dem Wagen. Als sie hinter mir zufiel, atmete ich scharf aus. In schnellen Schritten steuerte ich das Cozy Cup an. Die Schlange war nicht so lang wie gestern, trotzdem musste ich ein paar Minuten anstehen.
»Wunderschönen guten Morgen, Lena aus Berlin«, sagte Fynn mit einem spitzbübischen Grinsen.
Ich verengte die Augen. »Dass ich aus Berlin komme, habe ich gestern nicht erwähnt.«
Er feixte mit schief gelegtem Kopf. »Ich hab eins und eins zusammengezählt.«
Verständnislos sah ich ihn an, aber er zog bereits zwei Becher vom Stapel. »Caramel Macchiato und Flat White?«
»Äh … ja«, antwortete ich verdutzt und runzelte die Stirn. »Woher …?«
»Baristas sind die besseren Barkeeper.« Er zwinkerte. »Wir wissen alles.«
»Ist das so?« Amüsiert zog ich eine Braue hoch.
»Yep.« Er griff nach der Gebäckzange und zog ein Pastrami-Sandwich aus der Theke.
»Oh, ich bin Vegetarierin.«
»Aber er nicht.« Mit dem Kinn wies er zur Tür, und ich nickte mit einer Mischung aus Einsicht und Belustigung, als mir klar wurde, wen er meinte.
»Für dich Mozzarella?«
Ich nickte und schmunzelte, weil das tatsächlich meine Wahl gewesen wäre.
»Ich pack euch noch zwei Muffins ein. Gehen aufs Haus.«
»Ich dachte, das ist nur beim ersten Besuch so?«
»Tja, was soll ich machen?«, seufzte er theatralisch. »Hab ’ne Schwäche für so was.«
»Wofür?«
»Epische Liebesgeschichten.«
Ein verdutzter Laut kam über meine Lippen. Eher Schnauben als Lachen. »Ryan und ich sind nicht mehr …«
»Ich weiß.« Fynn lächelte und deutete hinter sich. »Wie du sagst … außerhalb dieses Ladens gilt dieses Schild nicht.«
Als ich das Cozy Cup ein paar Minuten später verließ, telefonierte Ryan. Er wurde erst auf mich aufmerksam, als ich die Beifahrertür aufzog, und beendete das Telefonat mit einem »Halt mich auf dem Laufenden«. Ich vermutete, dass es um Willa ging, wollte aber nicht wieder neugierig wirken.
»Danke«, sagte er, als ich ihm den Becher reichte. »Was bin ich dir schuldig?«
»Für den Kaffee?«, fragte ich leicht irritiert.
»Und für die Snacks.« Er deutete auf die gut gefüllte Papiertüte. »Sieht aus, als hättest du den halben Laden leer gekauft.«
Ich schüttelte minimal den Kopf. »Sieh es als Dankeschön für die Pommes gestern Abend.«
Er zuckte mit den Schultern und startete den Wagen. Als wir die Main Street entlangfuhren, fiel mir auf, dass er sein Smartphone mit dem Soundsystem des Autos gekoppelt hatte. Statt Radiomusik lief eine Playlist mit Songs von Arcade Fire. Sein Musikgeschmack hatte sich offenbar nicht verändert.
»Wie hat Izzy eigentlich reagiert? Auf deinen Vorschlag?«
Ich rief mir unser gestriges Telefonat in Erinnerung. »Anfangs war sie dagegen. Am Ende war sie auch noch dagegen, hat aber klein beigegeben.«
»Warum war sie dagegen?«
»Weil es ihr unangenehm ist, dass mein Urlaub dafür draufgeht, diese Scheune auszuräumen.«
»Und was ist mit meinem Urlaub?«
Ich gluckste und imitierte Izzy: »Ryan hat sowieso nichts Besseres zu tun, aber du könntest shoppen gehen.«
»Halte ich für ein Gerücht«, brummte er.
»Dass du nichts Besseres zu tun hast?«
»Das mit dem Shoppen.« Mit der rechten Hand zog er seinen Kaffeebecher aus der Mittelkonsole und nahm einen Schluck. »Du hasst shoppen.«
»Ich hasse es nicht. Es ist mir nur zu stressig. Die ganzen Menschen, die vielen Optionen. Dieses …«
»… schreckliche Licht in den Umkleiden.«
Eine bedeutungsschwere Sekunde lang sagte niemand etwas. Dann lächelte ich vorsichtig. Aber es verblasste, als ich seinen Gesichtsausdruck sah. Angestrengt stierte er auf die Fahrbahn. Als müsste er sich dringend von der Tatsache ablenken, dass wir uns immer noch verdammt gut kannten.
* * *
Der Vormittag verging wie im Flug. Emsig trugen wir Schrott und Gerümpel aus der Scheune. Anders als gestern war ein Fortschritt sichtbar. Die Müllberge wuchsen, und wo vorher Kisten, Reifen, Schubkarren, Möbel, Töpfe und Sättel gelegen hatten, blitzte immer mehr Boden auf.
»Was ist?«, fragte Ryan, als ich verzückt lächelte.
»Nichts. Ich kann es mir nur endlich vorstellen. Wo wir tanzen werden.«
Er blinzelte zweimal.
»Also die Gäste«, schob ich hastig nach.
»Ja«, raunte er und bückte sich, um eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack zu ziehen.
Ich nahm es zum Anlass, um eine längst fällige Pause einzuläuten.
»Pastrami-Sandwich oder Muffin?«, rief ich ihm zu und hielt die Tüte aus dem Cozy Cup hoch.
»Beides. In dieser Reihenfolge.«
Schmunzelnd reichte ich ihm die Tüte. Während er sich bediente, warf ich einen Blick auf mein Smartphone. Izzy hatte mir vor einer halben Stunde geschrieben.
Wie ist die Lage? Wie läuft’s mit Ryan?
Okay
Es war die Wahrheit. Wir redeten zwar nicht viel miteinander, aber die Stimmung war nicht so frostig wie am Vortag.
»Das ist vermutlich deins.« Er reichte mir das Mozzarella-Sandwich.
Ohne zu zögern, biss ich hinein und stöhnte genüsslich auf. »Wow, Leonie hat nicht übertrieben. Das ist verdammt lecker!«
»Und es trieft nicht vor Fett wie das Zeug aus dem Diner.«
»Wobei ich Moes Burger echt vermisse. In Berlin hab ich noch keinen gefunden, der auch nur ansatzweise mithalten kann.«
Ein Schatten legte sich über seine Züge, aber er war so schnell wieder verschwunden, dass ich mich fragte, ob es nur Einbildung gewesen war. Er schob sich das letzte Stück Sandwich in den Mund und ging nahtlos zum Muffin über. Ryan war schon immer eine Fressmaschine gewesen. Dank eines beneidenswerten Stoffwechsels war er jedoch auch nach seiner Zeit im Spitzensport in Form geblieben. Ich bildete mir sogar ein, dass in den letzten Jahren ein paar Muskeln hinzugekommen waren. Seine Schultern wirkten breiter, und sein Shirt spannte ein wenig im Brustbereich. Vielleicht trainierte er häufiger mit Willa?
»Eventuell werden wir heute sogar fertig«, sagte er mit Blick auf den Rest Unrat in der Scheune. »Dann müssen wir das Zeug morgen nur noch entsorgen.«
»Will meinte, sein Dad möchte einen Blick drauf werfen. Damit nichts wegkommt, was noch gebraucht wird.« Ich aß mein Sandwich auf und wischte mir die Hände an der Hose ab. »Dann mal weiter.«
»Du … ähm …«, er deutete auf meinen Mund, »hast da noch Pesto.«
Hastig fuhr ich mir mit der Hand über die Lippen. »Weg?«
Er schüttelte ganz leicht den Kopf, und für den Bruchteil einer Sekunde sah er aus, als wollte er mir zu Hilfe kommen. Die Hand heben und mit dem Finger über die Stelle fahren. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen berührte er seinen eigenen Mundwinkel. »Hier.« Auf verwirrende Weise piekste mich Enttäuschung ins Herz, aber ich ließ mir nichts anmerken und imitierte seine Bewegung.
»Jetzt?«
Er nickte und schob sich den restlichen Muffin in den Mund. »Weiter geht’s«, sagte er mehr zu sich selbst.