Kapitel 2 - New Memories
By Lilly Lucas
Izzy und ich hatten gerade aufgelegt, als ich den Schlüssel in der Tür hörte. Nachdem sie ins Schloss gefallen war, rief Lara aus dem Flur: »Hab dein Sushi gerettet.«
»Wieso gerettet?«
In fliederfarbenen Lululemons und einem Hoodie erschien sie im Türrahmen und hielt mir eine Papiertragetüte hin. »Der Lieferando-Typ wollte es bei den Nachbarn abgeben.«
»Schon wieder?« Ich verdrehte die Augen. »Es kann doch nicht so schwer sein, Lenz und Lorenz zu unterscheiden.«
Lara zuckte mit den Achseln und reichte mir die Tüte. Der Duft von frittiertem Tempurateig wehte an meine Nase und entlockte mir einen genüsslichen Laut. Ich zog die rechteckige Box heraus und löste den Plastikdeckel. Während ich das Papier von meinen Essstäbchen entfernte, mopste Lara sich mit den Fingern ein Maki-Röllchen und schob es sich in den Mund. Verzückt schloss sie die Augen.
»Ich bin davon ausgegangen, dass du bei Kolja übernachtest, sonst hätte ich dir was mitbestellt.«
»Ich war im Gym. Kolja hatte ich schon den ganzen Tag um mich.« Sie ließ sich auf den Stuhl neben mir sinken. »Warum hab ich mich noch mal dazu entschieden, einen Kollegen zu daten?«, fragte sie mit einem theatralischen Seufzen.
»Weil du dich sonst bei Tinder anmelden müsstest?«, erwiderte ich, den Mund voll klebrigem Reis. »Oder noch schlimmer: ausgehen müsstest.«
Lara verzog das Gesicht, und ich musste schmunzeln. Zu Abi- und Studienzeiten war kein Berliner Club vor meiner Freundin sicher gewesen. Jetzt, mit Ende zwanzig, verbrachte sie ihre Abende lieber mit Pilates als mit Party.
»Das hat übrigens was mit irgendeinem Effekt zu tun.« Ich schob die Sushibox in ihre Richtung und gab ihr zu verstehen, dass sie sich bedienen konnte. »Dass man sich in Kollegen verliebt. Hab ich in einem Podcast gehört. Weil uns Menschen umso sympathischer werden, je häufiger wir sie sehen.« Ich rümpfte die Nase. »Oder so ähnlich.«
Lara bedachte mich mit einem skeptischen Blick. »Ist das nicht irgendwie logisch? Dass wir Menschen, mit denen wir gerne Zeit verbringen, sympathisch finden?«
Ich klemmte ein weiteres Sushi-Röllchen zwischen meine Essstäbchen. »Nein, es geht darum, dass uns Menschen, die wir vielleicht gar nicht sympathisch fänden, sympathisch werden, weil wir sie täglich sehen. Bei der Arbeit zum Beispiel.«
Zweifelnd zog sie die Brauen hoch. »Also wären Kolja und ich uns eventuell unsympathisch, wenn wir keine Kollegen wären?«
»Vielleicht.« Ich zuckte mit den Schultern.
»Hm«, raunte sie.
Ich legte mein Smartphone zur Seite, das noch immer am Wasserglas lehnte, und trank einen Schluck. »Ich hab übrigens gerade mit Izzy telefoniert.«
»Und? Geht’s ihr gut?«
Lara hatte Izzy kennengelernt, als sie mich in Amerika besucht hatte. Zu meiner Überraschung waren sie sich sofort sympathisch gewesen, obwohl sie auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher hätten sein können. Izzy, die im Winter als Snowboardlehrerin und im Sommer als Outdoor Guide arbeitete und sich am wohlsten fühlte, wenn sie von nichts als Natur umgeben war. Und Lara, das City Girl, das eine Schwäche für teure Kosmetik hatte und ohne das Rattern der Tram nicht einschlafen konnte. Ich rechnete es ihr bis heute hoch an, dass sie sich nie irgendwelchen Konkurrenzgedanken oder Eifersüchteleien hingegeben hatte, weil ich in Green Valley eine zweite beste Freundin gefunden hatte.
»Sehr gut sogar.« Ich lächelte. »Will hat ihr einen Antrag gemacht, und sie hat Ja gesagt.«
»Oh, wow. Wie schön.«
»Ja, ich freu mich riesig für die beiden. Aber die Hochzeit findet bereits in sechs Wochen statt. Und … Izzy hat mich gefragt, ob ich ihre Trauzeugin sein möchte.«
Lara hielt in ihrer Kaubewegung inne und starrte mich an.
»So in etwa hab ich auch reagiert«, bemerkte ich schmunzelnd. »Auf beides übrigens.«
Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie nicht wusste, welche Frage sie zuerst stellen wollte. Am Ende entschied sie sich für: »Und was hast du gesagt?«
»Dass ich mich geehrt fühle, aber darüber nachdenken muss.«
»Wegen Ryan?«, fragte sie vorsichtig.
»Ryan kommt nicht zur Hochzeit.« Ich hörte meiner Stimme an, wie überrascht ich immer noch war.
»Was?!« Und ich hörte ihr an, wie überrascht sie war.
»Er hat abgesagt. An dem Wochenende findet irgendein wichtiges Weltcuprennen statt.«
Sie dippte ein Tempura-Röllchen in Wasabi und schob es sich in den Mund. »Trainiert er immer noch dieses Mädchen aus Green Valley?« Ihre Augen wurden groß, und sie röchelte: »Das war zu viel.«
Ich hielt ihr mein Glas hin, als wüsste ich nicht, dass Wasser rein gar nichts gegen Schärfe ausrichtete. Und als wüsste sie es auch nicht, leerte Lara es in einem Zug.
»Das Mädchen aus Green Valley hat Bronze bei Olympia geholt«, bemerkte ich schmunzelnd.
Lara machte ein beeindrucktes Gesicht, aber ich wusste, wie wenig sie mit dieser Info anfangen konnte. Sie interessierte sich nicht die Bohne fürs Skifahren. Hatte ich auch nicht, bevor ich mit zwanzig Jahren als Au-pair in Green Valley gelandet war und mich in einen ehemaligen Skiprofi verliebt hatte. Schnee hatte ich damals mit Matsch und Verkehrschaos verbunden und Berge wie die Rocky Mountains nur von Bildschirmschonern gekannt. Ich war noch dazu alles andere als sportlich gewesen, weshalb ich meine ersten Skifahrversuche mit blauen Flecken und grässlichem Muskelkater bezahlt hatte. Aber Ryan, Izzy und Will hatten sich als geduldige Lehrer erwiesen und mir beigebracht, wie man bremste, Kurven nahm oder in einen Lift einstieg, ohne den ganzen Betrieb dabei lahmzulegen (been there, done that). Nach ein paar Monaten hatte ich den Dreh rausgehabt – und eine neue Leidenschaft für mich entdeckt. Es war einfach ein unvergleichliches Gefühl, schneebedeckte Pisten hinabzusausen, die frische Luft einzuatmen und dieses ganz besondere Kribbeln im Bauch zu spüren. Eine Mischung aus Glück, Leichtigkeit und Adrenalin. Wehmut überkam mich, als ich daran dachte, dass mehr als drei Jahre vergangen waren, seit ich zuletzt auf Skiern gestanden hatte.
»Aber wenn Ryan sowieso nicht kommt, spricht doch eigentlich nichts dagegen, oder? Du sagst doch immer, dass du Green Valley und deine Freunde so vermisst. Oder«, sie zögerte, »liegt es an der Sache mit der Hochzeit? Dass es dich …«
»Nein. Das ist es nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Green Valley ist einfach an so viele Erinnerungen geknüpft. Und ich weiß nicht, ob es gut ist, die wieder aufleben zu lassen. Ich meine, es hat echt lange gedauert, bis ich mich in Berlin wieder ansatzweise zu Hause gefühlt habe.« Ein Frösteln überzog meine Arme, als ich an die Zeit nach meiner Rückkehr dachte. Die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen war, hatte mich nicht wie eine alte Freundin empfangen, sondern wie eine Fremde. Ich hatte mich so heimatlos wie nie zuvor gefühlt. Als hätte man mich ausgesetzt – in ein Leben, das einmal meins gewesen war, aber nicht mehr zu mir passte. Das nach Asphalt, Abgasen und nassen U-Bahn-Treppen roch, nicht nach Wald und Kaminrauch. In dem sich Unmengen von Menschen an einem vorbeischoben, ohne Blickkontakt zu suchen. Ohne dieses kurze Nicken, das in Green Valley so selbstverständlich gewesen war. Ich hatte die Berge vermisst. Ihre Präsenz. Die Ruhe, die sie ausstrahlten. Und ich hatte die Weite vermisst. Wann immer mein Blick den Horizont gesucht hatte, war er an Hausfassaden abgeprallt. Aber am allermeisten hatte ich meinen Alltag vermisst. Neben Ryan aufzuwachen und den ersten Kaffee mit ihm im Bett zu trinken. Mir auf dem Weg zur Arbeit einen Blaubeermuffin im Diner zu holen und den neusten Klatsch und Tratsch aufzuschnappen. Mich nach Feierabend mit meinen Freunden im Olly’s zu treffen. In Ryans Armen einzuschlafen.
»Das verstehe ich«, holte mich Lara zurück ins Jetzt. »Aber es ist viel Zeit vergangen. Du bist nicht mehr dieselbe wie damals.« Sie lächelte aufmunternd. »Du hast dir ein neues Leben aufgebaut. Und du hast Justus.«
Justus. Er war vor etwa einem halben Jahr in mein Leben getreten. Besser gesagt war ich in seins gestolpert. Die U-Bahn hatte abrupt gebremst, und ich war gegen ihn gerempelt und hatte ihm sein Handy aus der Hand geschlagen.
»Oh Gott, das tut mir leid«, hatte ich gleichzeitig mit seinem »Alles okay?« gesagt. Ich war überrascht von der Sanftheit in seiner Stimme gewesen und hatte genickt und dabei festgestellt, dass er mit seinen blonden Locken und den blauen Augen eine leichte Ähnlichkeit mit dem jungen Matthias Schweighöfer hatte. Er hatte sein Handy aufgehoben und kurz gezuckt, als er das Display betrachtet hatte, das übersät von Rissen gewesen war.
»Shit! Das ersetz ich dir natürlich.«
Er hatte abgewunken und das Handy in der Seitentasche seines Parkas verschwinden lassen, der so gar nicht zu der schicken Stoffhose und den Anzugschuhen gepasst hatte.
»Nein, wirklich, ich bestehe darauf. Für so was hat man ja eine Haftpflichtversicherung.«
Er hatte noch einen Moment gezögert, dann hatten wir unsere Kontaktdaten ausgetauscht. Erst viel später hatte er mir gestanden, dass es nur ein Diensthandy gewesen war und es ihm vor allem um meine Telefonnummer gegangen war.
»Hey, warum nimmst du ihn nicht einfach mit?«, beendete Lara meinen Ausflug in die Vergangenheit.
»Hm?«
Sie sah mich an, als wäre ihr soeben die großartigste Idee überhaupt gekommen. »Justus. Die Einladung ist doch bestimmt mit Plus One. Und so langsam wird es auch Zeit für euren ersten gemeinsamen Urlaub.« Sie zwinkerte, aber ich wich ihrem Blick aus.
»Ich glaube, da gibt es geeignetere Orte als Green Valley.«
»Warum? Du hast doch gesagt, Ryan wird nicht da sein.«
»Aber … alle anderen.«
»Denkst du, sie hätten ein Problem mit ihm?«
»Mit Justus? Nein! Aber … es wäre seltsam. Jeder dort kennt mich nur an der Seite von Ryan.«
»Es sind über drei Jahre vergangen, seit ihr euch getrennt habt.«
»Zwei«, murmelte ich.
»Sorry. Ich vergess immer diese Sache mit eurer … Fernbeziehung.«
Ein bitteres Lächeln hob meine Mundwinkel. »Da gibt es ja auch nicht viel, woran man sich erinnern könnte.«
Nachdem mein Arbeitsvisum abgelaufen war und ich zurück nach Deutschland musste, hatten Ryan und ich es ein Jahr lang mit einer Fernbeziehung probiert. Wegen der Coronapandemie und seines Jobs als Skitrainer hatten wir uns in dieser Zeit aber nur einmal gesehen. Im Februar war er zwischen den Weltcuprennen in Garmisch und Kranjska Gora nach Berlin gekommen. Ich hatte ein romantisches Wochenende für uns geplant gehabt, sogar Lara ausquartiert. Dann hatten heftige Schneefälle den Verkehr in Deutschland lahmgelegt. Ryan hatte es erst einen Tag später zu mir geschafft – und neben halb erfrorenen Blumen einen Norovirus mitgebracht. Das restliche Wochenende hatten wir gekotzt statt gekuschelt. Magenkrämpfe statt Herzklopfen gehabt.
»Ich bringe Justus und Green Valley einfach nicht zusammen.«
Sie biss sich auf die Unterlippe und sah mich forschend an. »Aber … du bringst Justus und dich zusammen, oder?«
»Hm?«
»Es ist nur … Na ja, manchmal kommt mir das zwischen euch einfach immer noch eher wie eine … Situationship vor.«
»Eine Situationship?« Ich lachte auf. »Glaub mir, Justus weiß nicht mal, was das ist.«
Laras Miene blieb unverändert. »Ich meinte damit auch eher dich.«
Ich runzelte die Stirn. »Nur weil ich meinen … Freund nicht mit nach Green …«
»Da! Du bringst nicht mal das Wort Freund über die Lippen.«
»Hab ich doch gerade.«
»Ja, aber du hast gezögert. Und so komisch den Mund verzogen.« Sie imitierte es, sah dabei aber eher aus, als hätte sie einen Schlaganfall.
»Ich hab nicht …« Ein genervter Laut entfuhr mir. »Es hört sich einfach noch ein bisschen ungewohnt an.«
»Nach fünf Monaten?«
Ich fühlte mich in die Enge getrieben und wurde schnippisch. »Es legt eben nicht jeder so ein Tempo an den Tag wie du und Kolja.«
Lara und ihr Freund waren nicht wesentlich länger zusammen als Justus und ich. Im Gegensatz zu mir hatte sie allerdings bereits an einigen Familienessen teilgenommen, ihn vor Kurzem sogar zur goldenen Hochzeit seiner Großeltern begleitet. Auch mit seiner Clique verstand sie sich bestens.
»Hey«, sagte sie sanft und legte ihre Hand auf meine. »Ich verstehe total, dass du es nach der Sache mit Ryan nicht überstürzen willst. Und dass du … Angst hast, dich wieder voll und ganz auf jemanden einzulassen. Aber Justus ist ein netter Kerl, und ich glaube, dass es an der Zeit wäre, ihn ein bisschen mehr in dein Leben zu lassen.« Sie kam meinem Protest zuvor: »Damit meine ich nicht unbedingt diese Hochzeit. Das wäre vielleicht wirklich ein bisschen krass, wenn man bedenkt, dass er noch nicht mal deine Eltern kennengelernt hat.«
»Er hat sie kennengelernt«, hielt ich dagegen.
»Ach? Echt? Wann?«
»Wir … ähm …«, ich räusperte mich, »haben sie letzte Woche beim Einkaufen getroffen.«
Lara sagte nichts, stattdessen bedachte sie mich mit einem Merkste selber, oder?-Blick.
»Justus weiß, dass ich es langsam angehen lassen will. Und es ist okay für ihn. Wir haben darüber geredet.«
Ich dachte zurück an die vielen Gespräche, die wir geführt hatten. In Cafés und Bars, bei Spaziergängen und auf der Wohnzimmercouch. Ich hatte ihm von meiner Zeit in Green Valley erzählt, von Ryan und den Umständen, die zu unserer Trennung geführt hatten, und er hatte zugehört und Verständnis gezeigt. Allerdings musste ich zugeben, dass diese Unterhaltungen Monate zurücklagen und vor allem zu Beginn unserer Beziehung stattgefunden hatten. Als alles noch neu und frisch gewesen war. Unbekannt und unsicher.
»Warum eigentlich die Eile? Mit der Hochzeit, meine ich.«
Ich war dankbar, dass Lara zum eigentlichen Thema zurückkehrte.
»Ist Izzy … schwanger?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie wollte schon immer im Herbst heiraten. Und sie und Will haben keine Lust, ein ganzes Jahr zu warten.«
»Bekommt man dort so kurzfristig eine Location?«
»Sie feiern auf der Ranch von Wills Eltern.«
Beim Wort Ranch wurden ihre Augen groß. »Eine Cowboy-Hochzeit?«
»Na ja, ohne Cowboys …«
»Das ist ja wie bei Yellowstone«, überging sie meinen Einwand.
»Und ohne Schießereien«, murmelte ich, aber Lara driftete vollends in die Welt ihrer Lieblingsserie ab.
»Ich kann es vor mir sehen.« Sie gestikulierte mit den Händen. »Das Ranchhaus … im Hintergrund die Berge … überall Pferde … so ein Traubogen mit Herbstblumen und …«
»Soll ich Izzy fragen, ob du mein Plus One sein kannst?«, zog ich sie auf.
»Ohne Witz. Wenn ich noch Urlaubstage hätte, würde ich sofort mitkommen.« Sie ertränkte ein Sushi-Röllchen in Sojasoße und schob es sich in den Mund.
Unschlüssig stierte ich auf die beiden Holzstäbchen in meiner Hand. »Ich hab einfach Angst, dass zu viele Erinnerungen hochkommen.«
»Vielleicht ist das gar nicht so schlecht.«
Überrascht sah ich auf.
Sie zuckte mit den Schultern und lächelte: »Dann ist mehr Platz für neue.«
* * *
Es war bereits nach eins, als ich mich ins Bett verabschiedete. Auf dem Weg ins Bad warf ich einen Blick auf mein Smartphone und stellte fest, dass zwei ungelesene Nachrichten auf mich warteten. Eine stammte von meiner Mutter, die mich zum Sonntagsessen einlud und fragte, ob ich meinen neuen Freund mitbringen wollte. Die andere war von besagtem neuen Freund.
Hey, wie war’s bei der Arbeit? Hast du Lust, noch zu telefonieren? 😘
Er hatte mir die Nachricht bereits um elf geschrieben und war zuletzt vor einer Stunde online gewesen. In mir regte sich das schlechte Gewissen. Gleichzeitig war ich erleichtert, etwas mehr Zeit zu haben, meine Gedanken sortieren zu können. Und es gab viel zu sortieren. Als ich heute nach Hause gekommen war, hatte ich geglaubt, dass die einzige Frage, die an diesem Abend relevant sein würde, die war, ob es sich noch lohnte, eine Flasche Wein aufzumachen. Und jetzt war da plötzlich die Hochzeit. Die Frage, ob ich nach Green Valley fliegen sollte – als Izzys Trauzeugin. Nicht zu vergessen Laras Appell an mich, Justus nicht so auf Abstand zu halten. Ihn – wie hatte sie es genannt – mehr in mein Leben zu lassen. Aber Lara tat sich auch leicht. Kolja war ihre erste längere Beziehung. Ihr Herz war nicht mit Narben übersät, weil sie binnen kürzester Zeit die Liebe ihres Lebens und ihr Zuhause verloren hatte.
Ich schrieb Justus, dass ich die Nachricht zu spät gelesen hatte, weil Lara und ich uns verquatscht hatten. Und dass ich mich auf unser Date morgen freute. Es war mein erster freier Abend nach einer Woche Spätschicht, und wir hatten einen Tisch bei Justus’ Lieblingsvietnamesen reserviert.
Als ich mir die Zähne putzte, vibrierte mein Smartphone auf dem Waschbeckenrand. Zuerst dachte ich, Justus wäre doch noch wach, aber als ich aufs Display schielte, stellte ich überrascht fest, dass Will mir geschrieben hatte. Rasch spuckte ich den Schaum aus, spülte mit Wasser nach und las seine Nachricht.
Hab gehört, der Adler ist gelandet. 💍😎
Ich schmunzelte und suchte bereits nach einem passenden GIF (Chandlers Happy Dance? Der jubelnde Jonah Hill? Gatsby mit Champagnerflöte?), als eine weitere Nachricht einging.
Ich weiß, ich sollte dir das nicht schreiben, und wenn Izzy davon erfährt, macht sie mich einen Kopf kürzer. Aber es würde ihr wirklich ALLES bedeuten, dich an ihrer Seite zu haben. Du bist ihre beste Freundin, und auch wenn es ein bisschen an meinem Ego kratzt, glaube ich, dass ihr dein Ja genauso wichtig ist wie meins.
Meine Sicht verschwamm, und ich musste mir ein paar gerührte Tränen aus den Augen streichen, bevor ich seine Nachricht zu Ende lesen konnte.
Ich will dich nicht überreden oder Druck machen – wirklich nicht. Ich bin nur ein Junge, der vor einem Mädchen steht und es bittet, seine Verlobte glücklich zu machen.
Er schickte ein GIF von Hugh Grant hinterher, und ich stieß ein Lachen aus und stellte mir vor, wie Will in diesem Moment an seinem Schreibtisch im Sheriff’s Office saß und auf diese spitzbübisch-charmante Weise grinste, die schon so manches Herz aus dem Takt gebracht hatte. Auch ich war nicht immun dagegen gewesen, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Damals im Olly’s, an meinem zweiten Abend in Green Valley. Izzy hatte mich in die Sportsbar ihres Bruders eingeladen, um mich ein paar Freunden vorzustellen. Sie und ich hatten uns am Vortag kennengelernt, als ich mich verlaufen hatte und planlos durch die Gegend geirrt war. Nie und nimmer hätte ich damals gedacht, dass aus dieser zufälligen Begegnung eine so enge Freundschaft werden würde. Dass ich noch Jahre später dankbar sein würde, einen derart schlechten Orientierungssinn zu besitzen.
Ich antwortete Will mit einem Herz-Emoji, stellte den Flugmodus ein und kroch unter die Bettdecke.