Kapitel 21 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich fahr den Schlitten noch bei Joe vorbei«, sagte Ryan, als wir das Ortsschild von Green Valley passierten. Mit Einbruch der Dunkelheit hatten wir die letzten Teile aus der Scheune geräumt und Feierabend gemacht. Jetzt mussten wir den ganzen Krempel nur noch entsorgen.
»Joe, der Feuerwehrmann, der in seiner Freizeit Türen aufbricht?«, witzelte ich.
»Genau der.« Es kam humorloser als erwartet aus Ryans Mund. Dabei war ich es gewesen, die sich damals versehentlich im Badezimmer eingeschlossen hatte und fast durchgedreht war, weil Ryan Joe nicht erreichen konnte. Für einen Moment sah ich uns wieder dort sitzen. Rücken an Rücken, getrennt durch eine Tür.
»Hauptberuflich ist er Schreiner«, schob er hinterher.
»Ich weiß. Er hat den Fußboden im Leaf erneuert.«
Er setzte den Blinker und bog in eine Einfahrt, die zu einem Holzhaus im Blockhüttenstil führte. Durch ein Fenster war das Flackern eines Fernsehers zu sehen, und in der Küche stand eine Frau am Herd.
»Bin gleich wieder da.«
Kalte Luft fegte zur Fahrertür herein, als er ausstieg, und ich kauerte mich tiefer in den Sitz. Ryan umrundete den Wagen und holte den Schlitten aus dem Kofferraum. Durch die Frontscheibe beobachtete ich, wie er zum Haus lief, klingelte und ein dunkelhaariger Junge die Tür öffnete. Ryan wuschelte ihm über den Kopf und ging in die Hocke, während er mit ihm sprach. Die Szene traf mich unvorbereitet, und mein Herz zog sich zusammen. Eine unsichtbare Hand begann das Bild vor meinen Augen zu verwischen, und ein zweites schob sich darüber. Der Junge hatte jetzt helleres Haar, und seine Augen strahlten in einem vertrauten Grünton. Mit einem Jauchzen sprang er an Ryan hoch, der seine Arme fest um ihn schlang und ihn herumwirbelte. Mein Brustkorb begann zu schmerzen. Als wäre er zu eng für all die Gefühle, die in mir aufstiegen. Rührung. Sehnsucht. Verlust. Das hätte mein Leben sein können. Unser Leben. Mein Smartphone vibrierte und ließ die Szene platzen wie eine Seifenblase. Das Kind war wieder dunkelhaarig und stand nun neben seiner Mutter, die sich von Ryan den Schlitten zeigen ließ. Erneut kämpfte ich mit widersprüchlichen Emotionen. Als könnte ich mich nicht entscheiden, ob ich erleichtert oder betrübt war. Ich wandte den Blick ab und nahm mein Smartphone in die Hand. Überrascht stellte ich fest, dass Justus mir eine Sprachnachricht geschickt hatte. Auf meine Nachricht gestern Vormittag hatte er nicht reagiert, was mich nicht weiter verwundert hatte. Ich drückte auf das Play-Zeichen und vernahm erst ein Räuspern, dann seine Stimme. Sein »Hey« klang unsicher, fast verlegen, als hätte er lange damit gehadert, sich zu melden.
Danke für deine Nachricht. Und mach dir keinen Kopf. Dachte mir schon, dass das mit dem Pulli untergegangen ist ... Ich hatte gehofft, dass wir kurz reden können, aber Lara meinte, dass du gerade in Green Valley bist … Vielleicht können wir uns ja mal auf einen Kaffee treffen, wenn du wieder zurück bist? Es gibt da noch ein paar Dinge, die … ich dir gerne sagen würde. Ich verstehe natürlich, wenn du das nicht willst. Es ist nur … Ich find’s schade, wie die Dinge zu Ende gegangen sind und ich … ich …
Die Fahrertür schwang auf, und ich zuckte zusammen.
… ich vermisse dich, Lena.
Hastig drückte ich die Nachricht weg und spürte, wie ich knallrot anlief – obwohl Ryan garantiert kein Wort verstanden hatte. Was in gewisser Weise auch auf mich zutraf. Justus vermisste mich? Er wollte reden?
»Joe ist noch nicht zu Hause, aber ich hab seiner Frau erklärt, worum es geht.«
In Gedanken immer noch bei Justus’ Worten nickte ich. Ryan schnallte sich an und startete den Wagen. Kaum waren wir aus der Einfahrt gebogen, ging ein Anruf auf seinem Smartphone ein. Amys Name blinkte auf dem Display des Bordcomputers. Ein Anflug schlechten Gewissens überkam mich. Ich hatte mich schon längst bei ihr melden und mich bedanken wollen. Nach einem kurzen Moment des Zögerns nahm Ryan den Anruf entgegen.
»Hey, was gibt’s? Ich sitz im Auto.«
»Stimmt es, dass Lena und du eine Scheune zusammen ausräumt?«
Ich hielt die Luft an und schielte zu Ryan, dessen Gesicht sich schlagartig verfinsterte. »Ja. Und bevor du weitersprichst: Sie sitzt neben mir und hört jedes Wort.«
»Oh.« Ein, zwei Sekunden war es still. »Äh … hi Lena!«, drang es eine Spur zu überschwänglich aus der Freisprechanlage.
»Hey Amy«, sagte ich und musste schmunzeln.
»Ich … ähm … will euch auch gar nicht stören …«
»Du störst nicht«, brummte Ryan.
»Ich wollte dich nur fragen, ob du heute Abend zu uns zum Essen kommen willst. Die Jungs würden sich freuen, dich mal wieder zu sehen. Jack und ich natürlich auch. Es gibt Spaghetti Meatballs.«
Seine Züge wurden weicher. »Würd ich gern, aber ich kann leider nicht. Treff mich in einer Stunde mit Grayson wegen Wills Bachelor-Party.«
Ich horchte auf. Wills Bachelor-Party?
»Was habt ihr denn geplant?«, fragte Amy.
»Wir fahren übers Wochenende in die Hütte. Grayson hat eine Wanderung organisiert, und abends ist irgendein Barbecue geplant.«
»Ach, richtig, er ist ja Wills Trauzeuge«, raunte sie, woraufhin in meinem Kopf die Frage aufpoppte, ob von mir etwas Ähnliches erwartet wurde. »Wer ist sonst noch dabei?«
»Leo, Olly und eventuell Sam, wenn er das Restaurant allein lassen kann. Fitz und Cole schaffen es leider nicht. Die reisen erst zur Hochzeit an.«
»Wie schade.«
»Och … mehr Platz im Jacuzzi.«
Meine Wangen wurden warm, als ich daran dachte, wie ich mit ihm im sprudelnden Wasser gesessen hatte. Vor uns die verschneiten Berge, über uns der Sternenhimmel. Etwas Magischeres hatte ich nie wieder erlebt.
»Da fällt mir ein: Ich hab heute Willas Mom beim Einkaufen getroffen. Sie hat gesagt, es hätte Komplikationen gegeben? Dass sie eine zweite OP braucht?«
Schlagartig war ich zurück im Jetzt. Mein Blick schnellte zu Ryan. Es hatte Komplikationen gegeben? Willa musste ein zweites Mal operiert werden?
»Ja«, antwortete er knapp.
Ein lautes Seufzen drang durch die Freisprechanlage. »Die Ärmste. Weißt du schon …?«
»Ich muss jetzt Schluss machen, Amy. Vielleicht schaff ich’s morgen mal vorbeizukommen.«
»Gerne«, sagte sie ein wenig überrumpelt. »Die Jungs freuen sich.« Sie hatte gerade zu Ende gesprochen, da hatte er auch schon aufgelegt. Stille machte sich im Wagen breit.
»Du hast gar nicht erwähnt, dass Willa eine zweite OP braucht.«
»Hat sich nicht ergeben«, raunte er, den Blick stur auf die Straße gerichtet.
Ich runzelte die Stirn. Wir hatten den ganzen Tag zusammen verbracht. Es hatte Unmengen von Gelegenheiten gegeben.
Ich suchte seinen Blick. »Wie geht es dir damit?«
»Besser als Willa, nehme ich an.«
Wir bogen auf die Main Street und passierten den Outdoor Store von Graysons Onkel, der mit einem Rabatt auf Angelruten warb.
»Ist es eigentlich okay für dich, dass Grayson Wills Trauzeuge ist?«
»Wieso sollte es nicht okay sein?«
»Na ja, Will ist dein bester Freund. Es muss sich seltsam für dich anfühlen, dass …«
»Stopp«, unterbrach er mich scharf. Ein Hupen ertönte, als er das Lenkrad nach rechts zog und auf den Seitenstreifen fuhr. Verdutzt sah ich ihn an. Er ließ die Hände locker auf dem Lenkrad liegen und senkte den Kopf. Als er ihn wieder hob und mich ansah, lag Zermürbung in seinem Gesicht. »Das war nicht der Deal.«
Ich blinzelte. Mein Mund öffnete sich, aber er kam mir zuvor.
»Wir haben vereinbart, dass wir uns zusammenreißen. Dass wir diese Scheune gemeinsam ausräumen. Aber das bedeutet nicht, dass wir Freunde sind. Oder irgendetwas Vergleichbares.«
Perplex starrte ich ihn an. »Ich wollte nur …«
»Ich weiß, was du wolltest. Aber es geht dich nichts an. Wie ich mich wegen Willa fühle. Ob ich damit klarkomme, dass Grayson Wills Trauzeuge ist. Es geht dich nichts an.« Sein Blick war so kalt wie sein Tonfall. »Nicht mehr.«
Es war nicht nur die Härte in seinen Zügen, die mich bis ins Mark erschütterte. Die Schwere seiner Worte. Es war die Klarheit, mit der er gesprochen hatte. Nicht mehr.
»Okay«, hörte ich mich sagen und wandte den Blick ab. Fixierte das Handschuhfach. Einen feinen Kratzer im Kunstleder, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er die Hand zum Hinterkopf führte und angestrengt die Luft ausstieß, aber ich konnte nicht sagen, ob es Reue war oder das Gegenteil. Ob ihm die Schärfe seiner Worte zu spät bewusst geworden war oder ob ihm die Grenze, die er gerade gezogen hatte, Erleichterung verschaffte.
* * *
Ich biss die Zähne zusammen, als ich unter der Dusche stand und das heiße Wasser auf meinen verletzten Knöchel traf. Ein, zwei Sekunden brannte es wie Feuer, dann ebbte der Schmerz ab. Ryans Worte hingegen verloren nicht an Schärfe. Hallten immer noch nach. Es geht dich nichts an. Nicht mehr. Warum hatte er so heftig auf meine Fragen reagiert? Und wie sollte ich damit umgehen? Die restliche Autofahrt hatten wir kein Wort mehr geredet. Uns anschließend direkt in unsere Zimmer begeben. Ratlos stellte ich das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Ich rubbelte mein Haar trocken und wickelte mich in ein Handtuch. Mit meinem Smartphone in der Hand ließ ich mich aufs Bett sinken, als Amy bei mir anrief. Ein wenig überrascht nahm ich den Anruf entgegen.
»Hey, ich weiß, es ist super spontan, aber ich hab mich gefragt, ob … du vielleicht Lust hast, heute zu uns zum Essen zu kommen.«
»Ich?«
»Ich hätte es dir vorhin schon angeboten, aber ich wollte dich nicht überrumpeln.« Sie klang ein wenig verlegen. »Außerdem hätte es so gewirkt, als wärst du nur zweite Wahl.« Sie stockte. »Was du dir jetzt vielleicht auch denkst.«
»Ach, Quatsch«, beruhigte ich sie. »Ich freu mich total über die Einladung. Wollte euch sowieso besuchen. Wann soll ich denn da sein?«
»So in einer halben Stunde? Schaffst du das? Ich fürchte, die Jungs halten es nicht wesentlich länger aus.«
»Das wird ein bisschen eng. Ich muss noch meine Haare föhnen. Und ich hab kein Auto, also …«
»Jack kann dich abholen. Er muss sowieso noch mal los und Milch kaufen.«
»Wenn es keine Umstände macht …«
»Überhaupt nicht«, versicherte sie mir.
»Okay, ich warte dann vor dem Leaf auf ihn.«
»Super.«
Wir legten auf, und ich sprang vom Bett und eilte ins Bad. Dass ich nur meine Haare föhnen musste, war untertrieben. Ich hatte noch ein Handtuch um, und beim Duschen war meine Mascara so verlaufen, dass ich aussah wie ein trauriger Pandabär. Rasch entfernte ich die schwarzen Spuren um meine Augen und tuschte meine Wimpern. Im Eilverfahren trug ich Deo und Parfum auf und föhnte meine Haare. Anschließend schlüpfte ich in frische Jeans und einen kuscheligen Rollkragenpullover.
Auf dem Weg nach unten wollte ich Lara eine Nachricht schreiben und sie bitten, in meinem Impfpass nach der letzten Tetanusimpfung zu suchen, aber ich blieb an Justus’ Kontakt hängen. Seiner Sprachnachricht, die ich im Eifer des Gefechts völlig vergessen hatte. Ich vermisse dich, Lena. Ob die Nachricht noch weiterging? Kurz spielte ich mit dem Gedanken, sie abzuspielen, aber mein Bedarf an Drama war für heute gedeckt. Ich schrieb Lara wegen des Impfpasses und trat hinaus ins Freie, um auf Jack zu warten.