Kapitel 24 - New Memories
By Lilly Lucas
Mr. Albright erwartete uns bereits, als wir am nächsten Morgen auf der Ranch eintrafen. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen, betrachtete er die Berge von Gerümpel vor seinem Scheunentor.
»Hat sich ja ganz schön was angesammelt.« Er hob ein Metallteil auf, das vielleicht einmal zu einer Maschine gehört hatte. Nachdem er es ein paarmal in der Hand gedreht hatte, ließ er es wieder fallen.
»Links sind die Sachen, die noch intakt sind«, erklärte ich.
Er nickte kaum merklich und lief an den Geröllhaufen entlang. Hier und da blieb er stehen und bückte sich oder schob etwas mit dem Fuß beiseite.
»Den behalte ich«, sagte er, nachdem er einen Sattel hochgehoben und gemustert hatte. Auch einige Werkzeuge und Geräte waren in seinen Augen noch brauchbar. Von den Möbelstücken wollte er sich ebenfalls nicht trennen, denn die meisten davon hatte sein Vater selbst gebaut, wie er erzählte.
»Den Rest könnt ihr nach Wolcott fahren.«
»Wolcott?«, fragte ich.
»Da befindet sich die zentrale Mülldeponie des Eagle County«, erklärte Ryan. »Die nehmen so ziemlich alles.«
»Außer Autoreifen«, merkte Mr. Albright an, bevor ich fragen konnte, wie weit Wolcott von der Ranch entfernt war. Von dem Ort hatte ich noch nie etwas gehört. »Aber die nimmt Annie euch bestimmt ab.«
»Ich ruf sie gleich mal an.« Ryan griff nach seinem Handy und entfernte sich ein paar Schritte von uns.
»Ich war überrascht, wie schwer der ist«, sagte ich mit Blick auf den Sattel.
»Das ist ein alter Westernsattel. Der kam bei der Rancharbeit zum Einsatz. Deswegen musste er viel aushalten.« Er deutete auf den mit Leder überzogenen Knauf. »Die Rinder wurden hier mithilfe des Lassos befestigt.«
»Aber Sie haben keine Rinder hier auf der Ranch, oder?«
Er schüttelte den Kopf. »Nicht mehr. Der Sattel muss noch aus der Zeit meines Großvaters stammen.«
»Oh, dann ist er ja vielleicht was wert.«
Mr. Albright neigte den Kopf. »Vermutlich hat er eher sentimentalen Wert.«
»Also … wir können die Reifen bei Annie in der Werkstatt vorbeifahren«, sagte Ryan. »Sie verlangt auch nichts dafür. Verfrühtes Hochzeitsgeschenk, soll ich ausrichten.«
»Nehmt ruhig meinen Pick-up. Und den Anhänger. Dann könnt ihr gleich weiter nach Wolcott fahren.«
Ryan nickte zustimmend.
»Wo liegt denn Wolcott?«, fragte ich.
»45 Minuten von hier?« Ryan blickte zu Mr. Albright, der daraufhin nickte und »Kommt hin« sagte.
Beim Gedanken daran, 90 Minuten allein mit Ryan im Auto zu sitzen, machte mein Herz einen nervösen Satz.
»Ich kann euch beim Beladen helfen, aber in spätestens einer Stunde muss ich los. Hab noch einen Termin mit einem Züchter.«
»Das ist kein Problem. Wir kriegen das schon hin.« Abwartend sah Ryan mich an. »Oder?«
»Äh … ja, klar. Natürlich«, faselte ich, weil ich immer noch über die Autofahrt nachdachte. Die Vorstellung, auf engstem Raum mit ihm zu sein, umgeben von nichts als unausgesprochenen Worten.
* * *
In den darauffolgenden Stunden beluden wir den Anhänger. Abgesehen von einem gelegentlichen »Achtung« oder »Sorry« redeten Ryan und ich kaum miteinander, aber es war ein produktives Schweigen. Verschwitzt und mit schweren Armen stieg ich schließlich in den Pick-up von Mr. Albright. Ryan hatte sich als Fahrer angeboten, und ich hatte es dankend angenommen. In Berlin besaß ich kein Auto und war in den letzten drei Jahren so gut wie nie gefahren. Noch dazu traute ich es mir nicht zu, einen Hänger zu manövrieren. Ryan schien damit keinerlei Probleme zu haben. Im Nu hatte er sich auf den Wagen und die zusätzliche Last eingestellt.
Zu den Klängen von The Boy I Was in This Town von Trace Bradley verließen wir die Ranch der Albrights und bogen auf die Hauptstraße nach Green Valley. Beim Gedanken daran, Annie gleich wiederzusehen, überkam mich eine Mischung aus Nervosität und Freude. Wir waren eng befreundet gewesen, als ich in Green Valley gewohnt hatte, aber nach meinem Weggang war der Kontakt eingeschlafen. Über ihr aktuelles Leben wusste ich kaum etwas, abgesehen von der Tatsache, dass sie immer noch mit Cole Jacobs zusammen war und die Werkstatt ihres Vaters Hank übernommen hatte.
»Oh«, stieß ich überrascht aus, als wir Hank’s Garage erreichten. »Hier hat sich aber einiges verändert.« Das rote Backsteinhaus stand noch genauso da wie in meiner Erinnerung, aber die Fassade war gründlich gereinigt worden, und die Fenster blitzten. Über dem Eingang der Werkstatt hing der alte Name, aber darunter prangte ein Schild mit dem Hinweis: »Inhaberin: A. Hudgens«. Auch die angrenzende Tankstelle erstrahlte in neuem Glanz. Die Zapfsäulen waren erneuert worden, und es gab Ladestationen für Elektroautos.
»Annie hat den Laden ordentlich umgekrempelt.« Ryan parkte den Wagen links neben dem Eingang und stellte den Motor ab.
»Und für ihren Dad war das okay?«
Ryan zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, es gefällt ihm sogar richtig gut.«
»Izzy hat erwähnt, er wäre mit Bürgermeisterin Hartley zusammen.«
»Ob sie zusammen sind, weiß ich nicht, aber man sieht ihn wohl häufiger morgens aus ihrem Haus kommen.« Er lächelte vielsagend.
»Und was sagen Annie und Sam dazu, dass ihre Eltern sich daten?«
»Keine Ahnung. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie sich für die beiden freuen. Hank war so lange allein, und dass die Ehe von Sams Mom nur noch auf dem Papier existiert hat, war ein offenes Geheimnis.«
Im Inneren der Werkstatt setzte sich mein Eindruck fort. Der Geruch war derselbe wie früher, eine Mischung aus Schmieröl und Benzin, aber der Boden war blitzblank und das Werkzeug ordentlich sortiert. Ich ließ den Blick umherschweifen und entdeckte Annie, die in ihrem Büro saß, einem Glaskasten innerhalb der Werkstatt. Früher hatte dort ein heilloses Chaos geherrscht. Ich erinnerte mich an Unmengen von Ordnern, Papierstapel und gebrauchte Kaffeetassen. Annies Schreibtisch hingegen wäre fast als instagramable durchgegangen mit dem MacBook, dem Kaffeebecher und der Grünpflanze.
Als sie aufsah und uns entdeckte, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das auch das letzte bisschen Anspannung in mir vertrieb. Sie sprang von ihrem Schreibtisch auf und eilte auf uns zu. Ihr dunkles Haar war länger und zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sie trug Longsleeve und Arbeitshose.
»Hey!«, begrüßte sie mich freudestrahlend und umarmte mich. »Gott, ist das schön, dich zu sehen.« Sie entließ mich aus der Umarmung und betrachtete mich. »Cooler Pony!«
Lächelnd bedankte ich mich. »Du siehst auch toll aus, Annie. Und das hier«, ich machte eine vage Handbewegung, »ist unglaublich. Was du aus dieser Werkstatt gemacht hast … Wow!«
»Es war an der Zeit.« Sie schnitt eine Grimasse. »Und du? Erzähl mal! Wie geht’s dir? Wie ist Berlin? Die Arbeit? Was gibt es Neues bei dir?«
»Äh …« Ein wenig überfordert hob ich die Hände. »Wo soll ich anfangen?«
»Wenn du mir sagst, wo die Reifen hinkommen, kümmere ich mich schon mal darum«, grätsche Ryan in unser Gespräch hinein. Er hatte eine unbeteiligte Miene aufgesetzt, aber da war etwas in seinen Augen, das mich stutzig machte. Ehe ich es ergründet hatte, beschrieb Annie ihm den Weg.
»Ich helf dir«, bot ich an, aber er wiegelte ab.
»Ihr habt euch lange nicht gesehen.«
»Aber …«
»Bis gleich.«
Er drehte sich um und ging, und ich sah ihm ein wenig ratlos nach.
»Also das musst du mir erklären«, hörte ich Annie sagen.
»Ich glaube, er will es nicht hören«, murmelte ich nachdenklich.
»Wie kommt es, dass ausgerechnet ihr beide zusammen diese Scheune ausräumt?«
Erst jetzt wurde mir bewusst, worauf ihre Frage eigentlich abgezielt hatte.
»Ich meine, läuft da wieder was zwischen euch …?«
»Was? Nein!«, unterbrach ich sie fast erschrocken. Ein Gedanke blitzte in meinem Kopf auf. »Erzählt man sich das?«
»Nein«, beruhigte sie mich. »Also … nicht dass ich wüsste.«
Ich seufzte vor Erleichterung.
»Obwohl es mich durchaus freuen würde.« Ein wehmütiges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. »Ihr wart so ein schönes Paar.«
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, also wechselte ich das Thema. »Wie geht es Cole? Ich hab gehört, er kommt zur Hochzeit?«
»Ja! Gott sei Dank! Wir haben uns seit über zwei Monaten nicht gesehen. Es ist echt die Hölle!« Ihre Miene wurde gequält. »Sorry, ich kling wie ein liebeskrankes Wifey.«
»Aaach …«
»Ich vermiss den Kerl einfach so.«
»Seht ihr euch gar nicht, wenn er dreht?«
»Normalerweise schon, aber Neuseeland ist einfach zu weit weg. Und ich kann die Werkstatt nicht so lange allein lassen. Nicht nach all den Investitionen. Aber jetzt Schluss mit dem Gejammere. Wie sieht’s denn bei dir aus? Bist du noch mit diesem … Jonas zusammen? Izzy hat ihn mal erwähnt. Er ist Anwalt, oder?«
»Justus. Und … nein, wir sind nicht mehr zusammen.«
Sie bedachte mich mit einem bedauernden Blick.
»Ist schon okay«, winkte ich ab. »Es hat nicht gepasst.«
»Das heißt, du bist im Moment Single?«
»Yep.«
Ihre Neugier war unübersehbar geweckt. »Weiß Ryan das?«
»Ähm … keine Ahnung. Das sind nicht wirklich unsere Themen«, wich ich aus.
»Was sind eure Themen?«, gluckste sie. »Ich stell mir das irgendwie strange vor. Den ganzen Tag mit dem Ex zu verbringen. Worüber redet man da?«
»Ehrlich gesagt kommen wir kaum zum Reden. Es gibt so viel zu tun.«
»Hab schon gehört.« Sie rümpfte die Nase. »Ich würde Izzy und Will so gerne helfen, aber mit der Werkstatt und allem …«
»Das ist doch total verständlich. Und Izzy und Will verstehen das auch. Sie kommen gerade ja selbst zu nichts vor lauter Arbeit.«
Wir quatschten noch ein wenig über die Scheune und die Hochzeit, und ich erzählte Annie von meinen Plänen, einen Junggesellinnenabschied für Izzy zu schmeißen. Sie bot sofort ihre Hilfe bei der Organisation an und machte ein paar Vorschläge. Wobei wir beide zu der Erkenntnis kamen, dass das meiste sich in der Kürze der Zeit nicht mehr umsetzen ließ.
»Zur Not gehen wir einfach ins Olly’s und machen uns da einen schönen Abend«, sagte Annie gelassen.
»Ich glaube, da würde ich das Cozy Cup bevorzugen. Im Olly’s seid ihr ja sowieso ständig. Und da Fynn früher schließt, hätten wir den Laden vielleicht sogar für uns.«
»Ach, unseren Barista hast du also schon kennengelernt«, säuselte sie und wackelte mit den Brauen.
Ich lachte. »Er ist wirklich nett.«
»Das auch. Ja.«
Wir kicherten ein bisschen albern.
»Aber das mit dem Cozy Cup ist wirklich eine gute Idee«, sagte Annie nun eine Spur ernster.
»Eigentlich war es Ryans Idee.«
»Was war meine Idee?«
Annie und ich drehten uns zu ihm um, und für einen Moment wollte ich mir Luft zufächeln. Er hatte seine Jacke ausgezogen und trug nur noch ein enges Sweatshirt, das an einigen Stellen Schmierflecken aufwies. Seine Wangen waren rot vor Anstrengung, und ein paar Strähnen fielen ihm verschwitzt in die Stirn.
»H… hey.« Ich stolperte über das Wort, obwohl es nur drei Buchstaben hatte.
»Das Cozy Cup für Izzys JGA zu mieten«, sprang Annie mir zur Seite.
»Ah.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wodurch er Schmiere in seinem Gesicht verteilte. »Was?«, fragte er stirnrunzelnd.
»Du hast da …« Mit dem Zeigefinger deutete ich auf seine Stirn.
»Ich hatte keine Handschuhe.« Er hielt mir seine verschmutzten Handflächen hin. »Liegen noch in der Scheune.«
»Und du bist natürlich nicht auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob es in dieser Autowerkstatt zufällig welche gibt«, zog Annie ihn auf.
Ryan tat es mit einem Schulterzucken ab und rieb sich mit dem Ärmel seines Shirts übers Gesicht. »Du könntest uns allerdings welche für die Mülldeponie leihen. Sonst müssen wir noch mal zurück zur Ranch.«
»Ihr fahrt nach Wolcott?«
Ryan nickte. »Der ganze Anhänger ist voller Schrott.«
»Kein Problem, ich hol euch welche.«
Annie verschwand in irgendein Lager.
»Du hättest das mit den Reifen wirklich nicht allein machen müssen«, sagte ich.
»Schon okay. Ihr hattet ja was zu bequatschen.«
»Das hätten wir aber auch …«, setzte ich an und wurde von Annie unterbrochen, die mit zwei originalverpackten Paar Arbeitshandschuhen zurückkehrte.
»Einmal M, einmal L. Sollten euch passen.«
»Gebrauchte hätten es auch getan«, merkte Ryan an, nahm die Handschuhe aber dankend entgegen.
Bevor wir uns verabschiedeten, vereinbarte ich mit Annie, dass ich mich zeitnah wegen des JGAs bei ihr melden würde.
»Oder wenn sonst irgendwas sein sollte«, fügte sie noch hinzu und schielte kurz zu Ryan, ehe ihr Blick zu mir zurückkehrte.