Kapitel 25 - New Memories
By Lilly Lucas
Soll ich die Sitzheizung ausschalten?«
Überrascht sah ich ihn an. Es war das Erste, was er zu mir sagte, seit wir an der Werkstatt losgefahren waren – vor über zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten, in denen ich aus dem Fenster geguckt und der Radiomusik gelauscht hatte, meine Nachrichten gecheckt und widerspenstige Haut an meinem Daumen weggezupft hatte. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass wir uns pausenlos unterhalten würden, aber auf eisernes Schweigen war ich auch nicht eingestellt gewesen.
»Nein. Ist okay.«
Er nickte und konzentrierte sich wieder aufs Fahren.
»Das war’s?«
Er sah kurz zu mir und wirkte irritiert.
Ich richtete mich im Sitz auf. »Du schweigst mich zwanzig Minuten lang an, dann fragst du mich nach der Sitzheizung, und jetzt schweigst du wieder?«
Er zog die Stirn in Falten. »Ich dachte, dir ist vielleicht zu warm. Du rutschst ständig auf deinem Sitz hin und her.«
Humorlos lachte ich auf. »Weil mir langweilig ist.«
Er blinzelte. »Du hast auch nichts gesagt.«
»Vielleicht weiß ich nicht mehr, was erlaubt ist und was nicht.«
»Was erlaubt ist …?«
»Was mich etwas angeht und was nicht.«
Jetzt blitzte Erkenntnis in seinen Augen auf. »Das«, murmelte er kaum hörbar.
»Ja. Das.«
Er seufzte schwer. »Ich hab dir gestern Abend schon gesagt«, er korrigierte sich, »hätte dir gesagt, dass ich überreagiert habe. Aber du hast mich unterbrochen.«
Ich erinnerte mich an den Moment. Seinen komischen Gesichtsausdruck, als ich gesagt hatte, es würde um Liam gehen.
»Du tust, als wären wir Fremde, Ryan.« Ich gab mir keine Mühe zu verbergen, wie weh mir das tat.
»Na ja, in gewisser Weise sind wir das auch. Ich hab keine Ahnung mehr von deinem Leben, und du«, seine Stimme wurde leiser, »hast keine Ahnung von meinem.«
»Daran wird sich auch nichts ändern, wenn du jedes Mal an die Decke gehst, sobald ich dir eine private Frage stelle, oder auf Durchzug stellst, wenn das Wort Berlin fällt.«
Seine Antwort war eisernes Schweigen. Schon wieder. Resigniert zuckte ich mit den Schultern und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Die herbstliche Landschaft zog an mir vorbei. So lange, bis ich die Augen schloss. Nichts spürte als das Vibrieren der Scheibe an meiner Schläfe.
»Hast du in letzter Zeit einen guten Film gesehen?«
Ich öffnete die Augen und drehte den Kopf in seine Richtung. Mein ungläubiger Blick traf auf seinen. »Einen guten Film?«
Er grinste. Erst verlegen, dann breit. »Ich dachte, ich fang mal klein an.«
Im nächsten Moment lachten wir. Ein echtes, helles Lachen, das den ganzen Wagen erfüllte. Ich lehnte den Kopf gegen die Stütze und spürte, dass sich meine Schultern gleich ein wenig leichter anfühlten.
»Also?«
Ich hob die Brauen. »Du willst wirklich eine Antwort darauf?«
»Klar. Sonst hätte ich ja nicht gefragt.«
Ich mochte den halb ernsten Tonfall, den er angeschlagen hatte.
»Ähm … ich glaube, ich hab in letzter Zeit nur gute Serien gesehen.« Ich zählte ein paar auf, die mir auf die Schnelle einfielen.
»Stick mochte ich auch. Hat mich an Ted Lasso erinnert.«
»Da startet bald die vierte Staffel«, warf ich ein.
»Ted Lasso?«
Ich nickte.
»Das muss ich Willa sagen. Ist ihre absolute Lieblingsserie.«
»Dann weiß sie es sicher schon.«
»Naaah, sie kriegt nicht viel mit von der Außenwelt. Ist sehr fokussiert auf ihren Sport.«
»Was gut ist. Vermute ich?«
Er neigte ganz leicht den Kopf. »Im Großen und Ganzen schon. Aber … sie opfert alles andere dafür. Freunde, Familie, Freizeit …«
»War das bei dir nicht ähnlich?«, fragte ich vorsichtig.
»Ja. Deswegen weiß ich, wie wichtig es ist, noch etwas anderes im Leben zu haben, für den Fall, dass der Sport wegbricht.«
Ich riss die Augen auf. »Du glaubst …?«
»Es ist zu früh für solche Gedanken«, entgegnete er, aber das leichte Stirnrunzeln und der harte Zug um seine Mundwinkel ließen eine tief liegende Sorge erkennen. »Aber der Bruch war kompliziert, und die Reha wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Mindestens zehn Monate, wie es aussieht.«
Ich hob die Brauen. »Zehn Monate?«
»Vielleicht auch mehr.«
»Oh«, hauchte ich betroffen. »Steht schon fest, wo sie die Reha machen wird?«
»Sie bleibt erst mal in Österreich. Es gibt dort eine Topklinik. In der war auch Lindsey Vonn nach ihrer Knieverletzung. Die weiterführende Reha machen wir dann hier in Vail.«
»Das heißt, du wirst wieder mehr Zeit in Green Valley verbringen?«
»Sieht ganz so aus.« Er wirkte nicht sonderlich glücklich darüber, aber vermutlich lag es einfach nur daran, dass er große Pläne mit Willa gehabt hatte.
»Du bist dran.«
Ich blinzelte. »Womit?«
»Mit Fragenstellen.«
»Muss ich nach guten Songs fragen oder …?«
Sein rechter Mundwinkel zuckte. »Frag einfach, was du fragen willst.«
Ich überlegte. »Was machst du außerhalb der Saison? Alle sagen, du bist nur noch selten in Green Valley. Wo bist du?«
»Ich reise.«
»Du reist?«
Meine Verblüffung schien ihn zu amüsieren.
»Dieses Jahr war ich fast zwei Monate in Neuseeland. Letztes Jahr«, er überlegte, »in Südostasien und Mexiko.«
»Wow«, stieß ich aus. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Während wir zusammen gewesen waren, hatte Reisen keine große Rolle in unserem Leben gespielt. Auch, weil mein ganzes Erspartes dafür draufgegangen war, einmal im Jahr Freunde und Familie in Deutschland zu besuchen.
»Wo hat es dir am besten gefallen?«
Er antwortete nicht sofort. »Neuseeland. Vermutlich. Aber schwer zu sagen. Ich hab überall wunderschöne Orte gesehen und tolle Menschen kennengelernt.«
Irgendwo in meinem Kopf blitzte die Frage auf, ob diese Menschen weiblich gewesen waren und wie gut er sie kennengelernt hatte. Was wiederum zu einer weiteren Frage führte. »Reist du allein oder …?«
»Allein, aber das bleibt man nie lange, wenn man mit dem Rucksack unterwegs ist.«
»Backpacking, hm?« Wieder konnte ich meine Überraschung nur schwer verbergen.
»Ist inzwischen meine liebste Art zu reisen. Wenig Ballast, viel Freiheit.«
»Ich glaub, ich würde mich echt schwertun, mit nur einem Rucksack auszukommen.«
»Es ist ein großer Rucksack. Aber ja, dein Glätteisen müsstest du zu Hause lassen.«
»Haha.«
Er sah mich kurz an, dann wieder auf die Straße. »Ich finde übrigens auch, dass dir der Pony steht.«
Es kam so plötzlich und beiläufig aus seinem Mund, dass ich einen Moment glaubte, ihn falsch verstanden zu haben.
»Danke«, hauchte ich und strich mir aus reiner Verlegenheit eine Strähne hinters Ohr. »Ich mag deinen Bart.«
Er lachte auf. »Nein, tust du nicht.«
Ich drehte mich zu ihm. »Doch.«
»Du hast früher immer gemeckert, wenn ich nicht rasiert war.«
»Ja, aber nur, weil es beim Küssen gekratzt hat.« Ich hielt die Luft an, weil ich nicht abschätzen konnte, wie er darauf reagieren würde. Und tatsächlich sah er so aus, als müsste er es kurz verarbeiten. Aber dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen.
»Und das Problem hast du jetzt ja nicht mehr.«
»Nein.« Ich schmunzelte, aber meine Kehle war auf einmal ganz trocken.
Der Weg zur Mülldeponie führte über eine breite, unebene Straße. Zu beiden Seiten des Pick-ups quoll Staub hervor, und im Anhänger rumpelte und schepperte es, was das Zeug hielt. Als das Eingangstor in Sichtweite war, fuhr Ryan langsamer.
»Nein«, stöhnte er ungläubig.
Fragend sah ich ihn an.
»Das darf nicht wahr sein«, murmelte er.
»Was ist denn?«
Als wir das Tor erreicht hatten, konnte ich mir die Frage selbst beantworten. Eine massive Eisenkette mit Vorhängeschloss hielt die beiden Flügel zusammen. Daneben hing ein Closed-Schild.
Ryan schlug mit der Hand aufs Lenkrad. »Verdammt! Ich hab die Öffnungszeiten nicht gecheckt!«
Ich konnte ihm keinen Vorwurf machen. Auch ich war nicht auf die Idee gekommen, vorab Google zu befragen, erst recht nicht nach unserer Unterhaltung mit Mr. Albright.
»Und jetzt?«, fragte ich.
Ohne ein Wort stieß er die Tür auf und stieg aus. Durch die staubige Windschutzscheibe verfolgte ich, wie er zum Tor lief und vor dem Schild mit den Öffnungszeiten stehen blieb. Er warf einen Blick auf seine Uhr, dann kehrte er zu mir zurück – mit einer Miene, die nicht mehr ganz so finster war.
»Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.«
Abwartend sah ich ihn an.
»Sie machen heute noch auf.«
Ehe ich etwas erwidern konnte, sagte er: »Aber erst in zwei Stunden.«
»Dann … fahren wir zurück und kommen später wieder?«
Er schüttelte den Kopf. »Das lohnt sich nicht. Wir haben vierzig Minuten hierher gebraucht.«
»Also willst du warten?« Skeptisch sah ich aus dem Fenster und ließ den Blick über das karge Areal wandern. Hier war weit und breit nichts.
»Nein.«
Ich drehte den Kopf in seine Richtung. Einen Moment sagte er nichts. Dann fragte er: »Hast du Hunger?«