Kapitel 26 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich rechnete damit, dass wir in die nächstgrößere Stadt fahren und uns irgendein Diner suchen würden. Stattdessen setzte Ryan ein paar Meilen vor Edwards den Blinker und verließ die Hauptstraße. Ich schrieb gerade eine Nachricht an Izzy und hob verwundert den Kopf. Sah noch das im Boden verankerte Schild mit dem Namen einer Farm. Ryan reduzierte die Geschwindigkeit und folgte der Schotterstraße, und ich staunte nicht schlecht, als sich rechts und links von uns Felder voller Kürbisse auftaten. In kräftigen Orangetönen spitzten sie zwischen den Ranken hervor. Kinder rannten quer durchs Feld, und Erwachsene schoben Schubkarren vor sich her.
Der Weg nahm eine sanfte Kurve und ging in eine Art Hof über. Welcome to Miller’s Pumpkin Farm stand auf einem Schild, das in einem riesigen Strohballen verankert war, der liebevoll mit Kürbissen und getrockneten Maiskolben dekoriert war. Im Hintergrund ragte eine rote Scheune mit weißen Kreuzstreben auf. An den robusten Holztischen davor saßen Besucher bei Kaffee und Kuchen und genossen die Herbstsonne. Eine Frau trug ein voll beladenes Tablett durch das offen stehende Tor und rief nach ihren Kindern, die über den Hof tollten. Rechts von der Scheune entdeckte ich einen Verkaufsstand, an dem Obst, Gemüse und Farmerzeugnisse angeboten wurden. Eine Mitarbeiterin wog Kürbisse auf einer Waage, während der Mann neben ihr kassierte und Tüten über die Theke reichte. Die Atmosphäre war geschäftig, aber einladend und familiär.
»Wir können auch nach Edwards fahren und in ein Diner gehen, wenn dir das lieber ist.« Ryan wirkte unsicher.
»Machst du Witze? Es ist super schön hier.«
Etwas wie Zufriedenheit blitzte in seinen Augen auf.
Wir folgten einem handgemalten Schild zu einer Wiese, die als Besucherparkplatz diente.
»Das wäre in der Stadt wahrscheinlich schwieriger geworden«, bemerkte Ryan, nachdem er den Wagen geparkt hatte. Erst jetzt wurde mir wieder bewusst, dass wir einen Anhänger voll Schrott mit uns herumfuhren.
Als ich die Tür öffnete, wehte ein Duft an meine Nase, der mich verzückt innehalten ließ. Eine Mischung aus sonnenwarmem Stroh, feuchtem Herbstlaub und reifen Äpfeln. Darunter mischte sich eine süße, zimtige Note. Als hätte jemand eben erst einen Kuchen aus dem Ofen gezogen. Ich blieb noch einen Moment mit der Hand am Wagen stehen und ließ die Gerüche auf mich wirken, bevor ich mich Ryan anschloss.
Auf dem Weg zur Scheune kam uns eine Familie entgegen. Der Vater trug einen gigantischen Halloween-Kürbis, sein Sohn – vielleicht elf oder zwölf Jahre alt – mit hochrotem Kopf eine kleinere Version.
»Und du bist sicher, dass er dir nicht zu schwer ist?«, hörte ich seine Mutter fragen, als sie an uns vorbeiliefen.
»Ja-ha«, kam es genervt von dem Jungen.
Ryan und ich tauschten einen amüsierten Blick.
»Vielleicht hast du recht und Teenager sind einfach so«, sagte ich.
Fragend sah er mich an.
»Ach, nur wegen Liam …«
»Du denkst immer noch darüber nach?«
»Nein. Oder … doch. Ein bisschen«, gab ich zu. »Es tut einfach weh, dass er mich so ablehnt.«
»Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es was mit dir zu tun hatte.«
»Du warst nicht dabei. Er hat den ganzen Abend spitze Bemerkungen gemacht, und als ich ihm vorgeschlagen habe, was zusammen zu unternehmen, wollte er als Erstes wissen, ob du mitkommst.«
»Ich?«
Resigniert zuckte ich mit den Schultern.
»Was wolltest du denn mit ihm unternehmen?«
»Kino, Bowling, Eishockey … Worauf er eben momentan so steht. Aber ich bin ja gar nicht so weit gekommen, ihm was vorzuschlagen.«
»Hm … Soll ich mal mit ihm reden? Ich wollte heute Abend sowieso noch bei meinem Bruder vorbeifahren.«
»Danke, aber«, ich schüttelte den Kopf, »das muss ich selbst …«
»Da lang«, unterbrach er mich, weil ich falsch abgebogen war.
Ich hielt inne und sah mich irritiert um. »Sind wir nicht aus der Richtung gekommen?«
»Nein, da geht’s zum Maislabyrinth.« Er säuselte: »Das du besser nicht betrittst.«
»Hallo?«, beschwerte ich mich nur halb ernst, weil ich wusste, dass mein Orientierungssinn quasi nicht vorhanden war.
»Wie überlebst du eigentlich in Berlin?«, seufzte er kopfschüttelnd.
»Mit Google Maps, wie alle anderen auch.« Ich reckte das Kinn. Grinsend fügte ich hinzu: »Und es hilft, so zu tun, als würde man Umwege mögen.«
Er verdrehte die Augen, schmunzelte aber dabei, und ich wertete es als Fortschritt, dass er mir zum ersten Mal eine Frage gestellt hatte, die mein Leben in Berlin betraf.
Wir kamen an einem Wegweiser vorbei, der in verschiedene Richtungen zeigte: Corn Maze, Red Barn Café, Pumpkin Patch, Pumpkin Sanctuary.
»Pumpkin Sanctuary?«, fragte ich stirnrunzelnd.
»Ist nicht ganz ernst gemeint. Da kommen die Kürbisse hin, die keiner will. Die nicht schön genug sind für den Verkauf.«
»Und was passiert mit ihnen?«
»Na ja, sie liegen da und … verrotten.«
»Wie traurig.«
»Es sind Kürbisse, Lena.«
Ich zog einen Flunsch. »Trotzdem.«
Ein amüsierter Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Meine Mom hatte auch immer Mitleid mit ihnen. Sie hat jedes Mal mindestens einen mitgenommen, wenn wir hier waren. Zum Leidwesen meines Dads.«
»Ach … du warst schon mal hier?« Aus irgendeinem Grund war ich davon ausgegangen, dass er das Schild zufällig am Straßenrand entdeckt hatte und einer spontanen Eingebung gefolgt war.
»Ja. Als ich ein Kind war, sind meine Eltern jedes Jahr mit mir hierhergekommen. Immer vor Halloween. Wir haben zusammen Kürbisse geerntet, waren im Maislabyrinth, haben eine Heuwagenfahrt gemacht …« Sein Blick wurde abwesend, als würde er einer Erinnerung nachhängen. »Und zum Abschluss gab’s Pumpkin Roll und heiße Schokolade.« Kurz sah ich Schwermut in seinem Gesicht aufflackern, und mein Herz zog sich zusammen. Ich wusste, wie sehr er seine Eltern vermisste. Wie tief der Schmerz über ihren Tod noch immer saß.
»Ryan, wir müssen nicht bleiben, wenn …«
»Nein, ist schon gut.« Seine Stimme war wieder fester. »Es ist schön, mal wieder hier zu sein.«
»Sicher?«
Er nickte, und wir setzten unseren Weg fort. Als wir den Hof überquerten und auf die Scheune zusteuerten, intensivierte sich der zimtige Duft, den ich beim Aussteigen wahrgenommen hatte. Durch das offen stehende Tor betraten wir die Scheune, die viel größer war, als sie von außen wirkte. Rechts vom Eingang standen Tische mit Stühlen und Strohballen als Sitzgelegenheiten. Links erstreckte sich eine Theke aus dunklem Holz. Auf handbeschriebenen Schiefertafeln an der Wand wurden Kürbissuppe, verschiedene Kuchen und Kaffeegetränke angeboten. Im hinteren Bereich der Scheune befand sich der Farm Store.
»Hallo ihr beiden«, begrüßte uns eine Frau mit Schürze und hochgekrempelten Ärmeln. »Was darf’s denn sein?«
Ich sah ihn an und lächelte. »Zweimal Pumpkin Roll und zweimal heiße Schokolade?«
Seine Augen verengten sich kurz, dann wurde sein Blick weich. Mit einem Lächeln auf den Lippen nickte er.
Als ich meinen Geldbeutel zückte, wehrte er ab. »Das geht auf mich.« Er reichte seine Kreditkarte über die Theke. »Ich hab das mit den Öffnungszeiten versemmelt, also …«
»Ich hab ja auch nicht dran gedacht«, entgegnete ich, nahm die Einladung aber an.
»Sitzt ihr drinnen oder draußen? Ich bring es euch an den Tisch.«
Ryan und ich tauschten einen Blick und einigten uns auf draußen. Wir verließen die Scheune und suchten uns einen freien Tisch. Ein paar Minuten saßen wir einfach nur da, genossen die Herbstsonne und beobachteten das bunte Treiben um uns herum. Den Traktor, der übers Feld tuckerte. Die beiden Teenager, die Selfies vor den Strohballen machten. Den Vater, der neben Kürbissen auch seine Kinder im Schubkarren umherfuhr. Die Großfamilie, die eng zusammenrückte, um auf ein Foto zu passen.
Dann brachte die Frau aus der Scheune unsere Bestellung. Ich war davon ausgegangen, dass es sich bei einer Pumpkin Roll um eine Zimtschnecke mit Kürbisgewürz handelte. Stattdessen lag ein Stück dunkle Biskuitrolle mit Frischkäsefüllung auf meinem Teller. Ich nahm die Kuchengabel zur Hand, trennte ein Stück ab und schob es mir in den Mund. »Oh mein Gott«, stieß ich verzückt aus. Der Biskuit war fluffig und schmeckte nach Kürbis, Nelken, Zimt und Muskat. Die Frischkäsecreme war die perfekte Ergänzung. Süß, aber nicht zu mächtig. »Danke, dass du das mit den Öffnungszeiten versemmelt hast.«
Er lächelte.
»Nein, echt.« Ich setzte eine etwas ernstere Miene auf. »Danke, dass du mich hierhergebracht hast.«
Er trank einen Schluck Kakao.
»Warum erst jetzt?«
»Was meinst du?«, fragte er über den Rand seiner Tasse hinweg.
»Warum waren wir früher nie hier?«
Er atmete langsam aus. »Du weißt doch, wie das ist mit den Orten, an die man schöne Erinnerungen hat.« Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. »Sie führen einem auch immer vor Augen, was nicht mehr ist.«
* * *
Als unsere Tassen leer und nur noch Krümel auf den Tellern zurückgeblieben waren, beschlossen wir aufzubrechen. Wir waren gerade auf dem Weg zum Parkplatz, als ich einen Geistesblitz hatte. Abrupt blieb ich stehen.
»Ich finde, wir sollten noch eine Tradition fortführen.«
Verständnislos sah Ryan mich an.
»Du hast doch gesagt, deine Mom hat immer einen ausrangierten Kürbis mitgenommen, wenn ihr hier wart.« Ich deutete auf den Wegweiser. »Lass uns ihre Tradition fortführen.«
Er runzelte die Stirn. »Du willst einen Kürbis mitnehmen?«
Ich grinste ihn an. »Den hässlichsten, den wir finden.«
Er zögerte einen Moment, dann hoben sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln. »Okay.«
Keine zwei Minuten später hatten wir das Pumpkin Sanctuary erreicht, ein kleines Stück Land, auf dem verstreut Kürbisse lagen, die man sich selbst überlassen hatte. Außer uns war niemand hier, weshalb wir kreuz und quer durchs Feld stapfen konnten.
»Der hier«, entschied ich und hob einen völlig deformierten Kürbis hoch, der aussah, als hätte er sich beim Wachsen nicht entscheiden können, welche Farbe er haben wollte. Ein fleckiges Durcheinander aus Orange, Gelb und Grün.
»Oder der hier?« Ryan präsentierte mir ein Exemplar, bei dem eine Seite stark eingedellt war und sich die andere überproportional wölbte.
»Den find ich eigentlich ganz schön.«
»Was?!«
»Sieht aus wie eine Skulptur.«
Kopfschüttelnd legte er den Kürbis zurück.
»Was hat deine Mom eigentlich damit gemacht? Mit dem Kürbis, meine ich.«
»Vor die Tür gestellt natürlich.« Er grinste. »Damit mein Dad jeden Tag dran vorbeimusste.« Er ging ein paar Schritte, bis er vor einem Kürbis stehen blieb, der aussah, als wäre er von einem Auto platt gefahren worden.
»Zu langweilig«, kam ich ihm zuvor.
»Ich hab ihn doch noch gar nicht …«
»Hättest du aber.«
Er verdrehte die Augen und lief weiter.
»Kennst du diese Reels, in denen Wale von Seepocken befreit werden?«, rief ich ihm zu.
»Nein. Warum?«
Ich hob einen Kürbis hoch, der übersät mit Knubbeln und Wucherungen war. »Daran muss ich denken, wenn ich den hier sehe.«
Ryan betrachtete ihn mitleidig. »Der ist echt hässlich.«
»Denkst du, er hätte das Herz deiner Mom erobert?«
»Er sieht aus, als hätte Dr. Frankenstein ihn höchstpersönlich zusammengesetzt. Also ja.«
Ich hielt ihn mit beiden Händen vor mich. »Hast du gehört, Kleiner? Du darfst mit uns nach Hause kommen.«
»Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es ein schlechtes Omen ist, wenn du mit Dingen sprichst, die nicht antworten können. Das letzte Mal saßen wir danach stundenlang auf einem Heuboden fest.«
Ich boxte ihn in den Arm, und er lachte auf.
Als wir die Farm kurz darauf verließen und die Scheune im Rückspiegel kleiner und kleiner wurde, verspürte ich einen Hauch Wehmut. Weil ich ahnte, nie wieder hierherzukommen, und weil die kleine Auszeit mit Ryan unerwartet schön gewesen war. Ich senkte den Blick auf den Kürbis in meinem Schoß und hielt ihn noch ein wenig fester.