Kapitel 29 - New Memories
By Lilly Lucas
Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, war es ungewohnt hell in meinem Zimmer. Die Morgensonne tauchte es in warmes, goldgelbes Licht. Offenbar hatte ich am Vorabend vergessen, die Jalousien zu schließen. Dass ich trotzdem bis halb zehn geschlafen hatte, rief mir in Erinnerung, dass ich meinem Körper in den letzten Tagen einiges abverlangt hatte. Und dass ich einen nicht unwesentlichen Teil der Nacht damit zugebracht hatte, über Ryans Verhalten gestern Abend nachzudenken. Wie er mich angestarrt hatte. Wie er mit seiner Selbstbeherrschung gekämpft hatte. Wie er zurückgewichen war und die Flucht ergriffen hatte. Ich muss jetzt wirklich gehen. Der Satz, der mich am längsten beschäftigt hatte. Die Szene, die sich am häufigsten vor meinem geistigen Auge abgespielt hatte – nicht immer mit demselben Ausgang. Es hatte da diese Version gegeben, in der er keinen Schritt zurück, sondern nach vorne gemacht hatte. In der er die Distanz zwischen uns nicht vergrößert, sondern überbrückt hatte. Mich an der Taille gepackt und ins Zimmer geschoben hatte. Seine Lippen erst auf meinen Mund und dann auf mein Dekolleté gedrückt hatte. Selbst jetzt kribbelte es zwischen meinen Beinen, wenn ich daran dachte. »Fuck«, seufzte ich und rollte mich auf die Seite. Ich zog mein Smartphone vom Nachttisch und las die Nachrichten von meiner Mutter und Lara, die über Nacht eingegangen waren. Izzy hatte mir außerdem geschrieben, dass sie ihrer Mutter vom Nipplegate berichtet hatte und ich im Laufe des Nachmittags bei Mrs. Walsh vorbeikommen sollte.
Bitte sag mir, dass du es nicht Nipplegate vor deiner Mom genannt hast. 😱
Izzy schien gerade am Handy zu sein, denn sie antwortete prompt.
Was wäre dir denn lieber gewesen? Décolleté Drama? Cleavage Catastrophe? 😛
Ich musste lachen, zumal weitere Vorschläge eintrudelten.
Dress Debacle? Neckline Nightmare?
Ich schickte ihr ein Stop-it-GIF.
Also kann sie es noch abändern?
Hoffnungsvoll blickte ich aufs Display.
Klang so …
Erleichterung machte sich in mir breit.
Gott sei Dank. Hab die halbe Nacht nicht geschlafen deswegen …
Ich zögerte einen Moment, bevor ich die Nachricht abschickte. Es war nicht ganz die Wahrheit. Die würde ich Izzy heute Abend in Ruhe erzählen. Ich schob noch eine Nachricht hinterher, in der ich sie fragte, wann ich kommen und ob ich etwas mitbringen sollte, aber sie antwortete nicht mehr.
In der darauffolgenden Stunde googelte ich die Boulderhalle in Vail, von der Ryan gesprochen hatte, und arbeitete ein bisschen an meiner Hochzeitsrede. Izzy hatte es mir zwar freigestellt, ob ich einen Toast aussprechen wollte, aber ich hatte herausgehört, dass es gängig war und von den Trauzeugen erwartet wurde. Außerdem erstellte ich eine Gruppe für Izzys JGA und las ein paar Blogbeiträge über Junggesellinnenabschiede. Izzy mochte vielleicht keinen Vegas-Trip erwarten, aber ein paar Programmpunkte musste ich mir überlegen. Die Frage nach der Deko stellte sich auch. Würde ich so kurzfristig an Luftballons, Girlanden und Ähnliches kommen? Und brauchten wir so was wie einheitliche T-Shirts?
Nachdem ich ein paar Ideen und Checklisten gespeichert hatte, legte ich mein Smartphone zur Seite, schwang die Beine aus dem Bett und lief zum Fenster. Ich ließ einen Stoß Herbstluft ins Zimmer und überlegte, was ich mit dem restlichen Tag anfangen wollte. Meinem ersten unverplanten Tag in Green Valley. Vielleicht frühstücken gehen? Ins Cozy Cup? Allerdings war es fast elf, und ich trug noch meinen Schlafanzug. Ein Besuch im Diner war vermutlich die bessere Wahl. Ich hatte sowieso ein schlechtes Gewissen, weil ich Moe immer noch nicht Hallo gesagt hatte.
Ich wollte das Fenster gerade schließen, als ich auf einen Jogger aufmerksam wurde, der sich in schnellem Tempo dem Golden Leaf näherte. Den Laufstil erkannte ich sofort. Ich beobachtete, wie Ryan das letzte Stück sprintete, bevor er abrupt abbremste. Die Hände auf die Oberschenkel gestützt, beugte er sich vor und nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor er zum Stretching überging. Erst die Waden dehnte, dann die Oberschenkel. Ich konnte nicht anders, als fasziniert dabei zuzusehen. Schluckte gegen ein trockenes Gefühl in meinem Mund an und begann, auf meiner Unterlippe herumzukauen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für trainierte Männerbeine gehabt. Wobei, nein, das stimmte nicht. Nur für Ryans Beine. Sie waren das Ergebnis von hartem Training und eisernem Willen, von jahrelanger Hingabe und Disziplin. Plötzlich hob er den Kopf und sah zu mir hoch. Blinzelte, als sich unsere Blicke trafen. Erschrocken wich ich zurück und spürte, wie meine Wangen heiß wurden. Mir blieben nur Sekunden, um zu entscheiden, wie ich mich aus der Affäre ziehen wollte. Ob es noch einen Weg gab, die Schmach abzuwenden. Aber er hatte mich eindeutig beim Starren erwischt, also hob ich die Hand und gab vor, ihn zu grüßen. Ryan kniff die Augen zusammen. Dann zückte er sein Smartphone und begann zu tippen. Auf meinem Nachttisch vibrierte es. Das konnte kein Zufall sein. In drei Schritten war ich am Bett. Zaghaft öffnete ich die Nachricht, die er mir geschrieben hatte.
Come on. Als ob du das nicht alles schon gesehen hättest … 😉
Meine Mundwinkel zuckten. Er hatte meine Nummer noch. Seine hingegen war neu. Das hatte ich aber bereits herausgefunden, als ich ein paar Monate nach unserer Trennung mitten in der Nacht verheult bei ihm angerufen hatte und von einer automatischen Ansage erfahren musste, dass die Nummer nicht länger vergeben war. Ich speicherte sie ab und begann zu tippen.
Ist aber eine Weile her …
Als er nichts mehr darauf schrieb, warf ich mein Handy aufs Bett und ging ins Bad. Eine kalte Dusche wäre jetzt durchaus angebracht gewesen, aber ich begnügte mich damit, mir eine Ladung Wasser ins Gesicht zu spritzen. Danach sah ich in den Spiegel. Die roten Wangen waren immer noch da. Genauso wie das Grinsen.