Kapitel 33 - New Memories
By Lilly Lucas
Am nächsten Morgen rief ich bei Amy an und erkundigte mich nach Liams Schulzeiten. Wie sich herausstellte, war Montag der einzige Tag, an dem er nachmittags keine schulischen Verpflichtungen oder Eishockeytraining hatte.
»Das ist ja eine schöne Idee«, sagte sie, nachdem ich ihr von meinem Vorhaben berichtet hatte, mit Liam in die Boulderhalle zu gehen. »Da wird er sich freuen.«
»Ja?«, fragte ich ein wenig unsicher.
»Klar. Er will da schon seit Ewigkeiten hin.«
Ihr zuversichtlicher Ton zerstreute einen Großteil meiner Zweifel.
»Kannst du mir vielleicht seine Handynummer geben? Dann schreib ich ihm mal.«
»Er hat nur ein Handy für den Notfall, und während der Unterrichtszeiten muss es im Spind bleiben. Da ist die Schule ziemlich streng.«
»Verstehe.«
»Aber hey, warum kommst du nicht einfach hierher und wartest auf ihn?«
»Ich weiß nicht«, zögerte ich. »Was, wenn er dann doch keine Lust hat?«
»Machst du dir immer noch Gedanken wegen letzter Woche? Jack hat es mir erzählt …«
»Ich will ihn nicht zwingen, was mit mir zu unternehmen.«
»Oh, glaub mir, er würde sich nicht zwingen lassen.« Sie lachte. »Komm einfach vorbei. Gerne auch jetzt schon, dann können wir einen Kaffee zusammen trinken.«
Ich lächelte. »Ein bisschen brauch ich noch. Vielleicht so in einer Stunde?«
»Klingt gut. Bis dahin ist auch mein Apfelkuchen fertig.«
Nachdem ich aufgelegt hatte, öffnete ich meinen Kleiderschrank und überlegte, was sich zum Bouldern eignete. Justus hatte immer T-Shirt und Sportshorts getragen, aber ich hatte weder das eine noch das andere dabei. Kurzerhand zog ich meine schwarzen Tights und ein weißes Longsleeve aus dem Schrank.
Mit meinem Handy in der Hand setzte ich mich aufs Bett und gab die Begriffe Bouldern, Anfänger und Tipps bei YouTube ein. Liam war offenbar schon häufiger bouldern gewesen, und ich wollte mich nicht vor ihm blamieren. Sofort erschienen unzählige Clips, von denen ich mir einige ansah und ein paar gedankliche Notizen machte.
Bevor ich mich auf den Weg zu den Coopers machte, suchte ich noch einen Platz für den Kürbis auf der Veranda des Golden Leaf. Ich stellte ihn zu den Zierkürbissen neben der Tür und kassierte einen schiefen Blick von dem Gast mit dem Labrador, der gerade von einem Spaziergang zurückkehrte.
* * *
»Liam müsste eigentlich bald kommen«, sagte Amy mit Blick auf die Uhr. »Noch ein Stück Apfelkuchen?«
»Bloß nicht«, wehrte ich ab. »Sonst komm ich niemals diese Wände hoch.« Ich schnitt eine Grimasse. »Aber er schmeckt echt lecker.«
»Für mich ist Bouldern ja leider gar nichts mit meiner Höhenangst.« Sie verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich würde ich schreiend in der Wand hängen und zum Meme werden.«
Wir lachten.
»Ich bin mir auch nicht sicher, ob das was für mich ist«, räumte ich ein.
»Ach, du warst noch nie bouldern?«
Ich schüttelte den Kopf und rümpfte die Nase. »Sport ist ja generell nicht so mein Ding.«
»Aber Ryan und du wart doch oft Ski fahren …«
»Ja, das hat mir auch Spaß gemacht.« Ein nostalgisches Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. »Aber vielleicht lag es daran, dass ich verliebt war.«
»Da könnte was dran sein. Ich hab mir auch eingebildet, Steine interessant zu finden, als ich Jack kennengelernt habe.«
Wieder lachten wir. Im selben Moment hörte ich einen Schlüssel in der Tür. Geräuschvoll knallte sie gegen die Wand.
»Mom?«, schrie Liam. Ein Rucksack fiel zu Boden. »Mooom!«
»In der Küche«, rief Amy.
Hastige Schritte näherten sich, und Liam tauchte im Türrahmen auf. Seine Wangen waren gerötet, und er sah aus, als würde er gleich platzen, wenn er nicht sofort loswerden durfte, was ihm auf der Zunge lag.
»Mom, ich …«
»Hallo erst mal?«
»Hallo. Kann ich …«
»Sieh mal, wer hier ist«, sagte Amy.
Sein Blick fiel auf mich. »Hi Lena«, sagte er schnell, bevor er sich wieder an seine Mutter wandte: »Darf ich mit Onkel Ryan ins Fun Center? Bitte, Mom!«
Amy blinzelte. »Äh, was?«
»Onkel Ryan hat mich von der Schule abgeholt. Er geht mit mir ins Fun Center.«
»Wenn deine Mom es erlaubt«, ertönte eine vertraute Stimme im Flur.
Mein Herz blieb kurz stehen. Um doppelt so schnell weiterzuschlagen, als Ryan im Türrahmen auftauchte. Das Lächeln in seinem Gesicht verrutschte.
»Oh … hey«, sagte er und sah nur mich dabei an.
»Hi«, krächzte ich, wurde aber von Liam übertönt, der das Wort »Bitte« so oft aneinanderreihte, dass er sich dabei fast verschluckte.
»Also … eigentlich wollte Lena dich heute mit in die Boulderhalle nehmen«, sagte Amy und bedachte mich mit einem Lächeln. »Sie hat extra hier auf dich gewartet.«
Liam runzelte die Stirn. »In die Boulderhalle?«
»Da willst du doch schon ewig hin.« Ihr Lächeln wurde etwas angestrengt.
»Ja, aber«, er verzog das Gesicht, »nicht heute.«
Amy warf mir einen entschuldigenden Blick zu.
»Hey, Kumpel«, schaltete sich Ryan ein. »Das mit dem Fun Center können wir auch ein anderes Mal machen. Läuft ja nicht weg.«
»Die Boulderhalle läuft auch nicht weg«, entgegnete Liam.
»Lena ist aber nur noch diese Woche da.« Amys Tonfall verriet, wie unangenehm ihr die Situation war, und auch mein Gesicht wurde warm.
»Ist schon gut«, sagte ich in die Runde und wandte mich an Liam: »Wir müssen nicht in die Boulderhalle. Geh du ruhig mit Onkel Ryan ins Fun Center.«
Liams Miene hellte sich sofort auf. Ryan hingegen wirkte alles andere als glücklich. »Ich finde, du solltest mit Lena in die Boulderhalle gehen.«
Überrascht sah ich zu Ryan, dessen Augen auf Liam gerichtet waren.
»Du hast mir doch letzte Woche erst erzählt, wie gern du da hinmöchtest.«
»Ja, schon. Aber im Fun Center gibt’s auch eine Kletterwand. Und Lasertag. Und X-Rider. Und 3D-Minigolf …«
Von Sekunde zu Sekunde wurde die Situation erniedrigender. Liam hatte keine Lust, bouldern zu gehen, das war offensichtlich. Vielleicht lag es tatsächlich daran, dass das Fun Center mehr zu bieten hatte. Vielleicht wollte er lieber Zeit mit seinem Onkel verbringen. Oder … keine mit mir.
»Es ist wirklich okay.« Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Liam soll selbst entscheiden, was er machen möchte.«
»Ich will ins Fun Center«, sagte der sofort.
Amy sah mich bedauernd an und formte ein stummes »Sorry« mit den Lippen. Alles gut, antwortete ich nur mit meinen Augen und schüttelte ganz leicht den Kopf. Dabei konnte ich nicht leugnen, dass es wehtat. Die Ablehnung. Die Zurückweisung.
»Vielleicht möchte Lena ja mitkommen?«
Mein Blick schnellte zu Ryan, der immer noch im Türrahmen stand. Sein Vorschlag traf mich unvorbereitet. In Gedanken hatte ich bereits darüber nachgedacht, wie ich mich einigermaßen würdevoll aus dieser Küche verabschieden konnte. Bevor ich etwas erwidern konnte, sprang Amy darauf an.
»Das ist eine tolle Idee. Zu dritt macht es bestimmt noch mehr Spaß.«
Kurz befürchtete ich, Liam würde das Gesicht verziehen und ablehnen. Aber er nickte und zuckte mit den Schultern. Kein euphorisches Ja, aber … ein Ja.
»Also? Was meinst du?« Ein Lächeln umspielte Ryans Lippen, als er mich ansah. Abwartend und ein bisschen herausfordernd. »Oder hast du Schiss, dich beim Minigolf zu blamieren?«
»Was?«, schnaubte ich. »Ich bin super im Minigolf!«
»Es ist aber 3D-Minigolf«, bemerkte Liam.
»Da bin ich auch super«, stieß ich hervor.
»Okay, dann ist das ja geklärt.« Amy klatschte zufrieden in die Hände. »Liam räumt noch seinen Rucksack auf, und dann könnt ihr los.«
Liam verdrehte die Augen, stapfte aber brav aus der Küche. Amy blickte zwischen Ryan und mir hin und her. Als würde sie noch immer versuchen zu begreifen, wie schnell sich diese Situation gedreht hatte. Mir ging es nicht anders. Ich war hierhergekommen, um mit Liam bouldern zu gehen, und jetzt war ich drauf und dran, den Nachmittag mit ihm und Ryan in irgendeinem Fun Center zu verbringen. Ein Hauch Nervosität machte sich in mir breit.
»Wo ist dieses Fun Center eigentlich?«, fragte ich.
»In der Nähe von Loveland«, antwortete Ryan. »Etwa eine Stunde von hier.«
»Eine Stunde?«
Er runzelte die Stirn. »Ist das ein Problem?«
»Nein, aber … sind wir rechtzeitig zurück? Izzy und Will haben uns doch ins Olly’s eingeladen.«
Die beiden hatten heute Morgen eine spontane Einladung verschickt. Ab 20 Uhr gab es Burger und Drinks für alle, die ihnen mit der Scheune geholfen hatten.
»Klar. Liam hat ja morgen Schule. Bis spätestens halb acht sind wir wieder hier.«
»Ja, das wäre mir auch ein Anliegen«, klinkte Amy sich ein. »Sonst bekomme ich ihn morgen früh nicht aus dem Bett.«
Ich hörte Liam die Treppe hinunterpoltern. Kurz darauf erschien er im Türrahmen der Küche. »Fertig!«
»Dann mal los«, sagte Ryan und machte eine entsprechende Geste mit dem Zeigefinger.
Liam setzte sich in Bewegung, und Amy wünschte uns viel Spaß. Im Flur hielt ich Ryan am Arm zurück.
»Danke.«
Er blinzelte. »Wofür?«
Ich neigte den Kopf in Richtung Küche. »Du hättest das nicht machen müssen.«
»Es war nicht so uneigennützig, wie du vielleicht denkst.« Sein schiefes Lächeln jagte ein Kribbeln über meine Haut. »Ich will dabei sein, wenn du beim Minigolf untergehst.«
Ich lachte auf und lief an ihm vorbei. »Träum weiter, Cooper.«