Kapitel 34 - New Memories
By Lilly Lucas
Lena, kannst du mir einen Totenkopf auf die Wange malen?«
»Einen … Totenkopf?«
Liam nickte und deutete auf die blaue UV-Farbe in der Palette, die wir am Eingang des Fun Centers erhalten hatten.
»Ähm, ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme.« Ich hatte noch nie ein Gesicht bemalt. Nicht mal eine Freundin geschminkt. Und dann auch noch ein Totenkopf? »Wie wär’s mit was anderem? Einer … Spinne oder so?«
Liam sah mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost. »Wer will mit einer Spinne im Gesicht rumlaufen?«
Neben ihm prustete Ryan los.
»Hey!«, schimpfte ich nur halb ernst. »Mach du das doch!«
Zu meiner Überraschung zuckte er mit den Schultern und griff zum Pinsel.
»Aber es soll gruselig aussehen«, befahl Liam.
Die Arme vor der Brust verschränkt, beobachtete ich, wie Ryan die Konturen eines Totenkopfs auf Liams Wange malte. Blaue Linien, die selbst hier im Eingangsbereich, wo das Licht allenfalls schummrig war, zu leuchten begannen.
»Das kitzelt.«
»Ruhig halten.« Ryan fügte die charakteristischen gekreuzten Knochen hinzu. »So. Fertig.« Er machte einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.
»Nicht schlecht«, musste ich anerkennen.
»Ich will’s auch sehen«, quengelte Liam.
Ich zeigte zum Eingang. »Da war eine Toilette.«
Liam zögerte nicht und flitzte davon.
»Also ich fand meinen Vorschlag mit der Spinne nicht so schlimm.«
Ryan lachte. »Nur ist Liam schon zwei bis fünf Jahre aus seiner Spiderman-Phase raus.«
»Wieso Spiderman?«
Er hob die Brauen. »Spinne … Spiderman …?«
»Es war das einfachste Motiv, das mir eingefallen ist«, entgegnete ich schulterzuckend.
»Einfach, hm? Na dann …« Er hielt mir erst den Pinsel hin, dann seine Wange, und mein Herz machte einen nervösen Satz.
»Wie, ich soll …?«
Mit einem Funkeln in den Augen tippte er sich zweimal an die Wange.
»Ich … ähm … bin wirklich nicht gut im Malen«, stammelte ich und spürte, wie mein Gesicht heiß wurde.
»Es ist dunkel da drinnen«, erwiderte er gelassen.
»Ja, aber die Farbe leuchtet.«
»Dann gib dir mal besser Mühe. Und überleg schon mal, was ich dir auf die Wange malen soll. Einen Waschbären vielleicht?«
»Haha«, machte ich und nahm ihm den Pinsel ab.
»Pink, bitte.« Er grinste und hielt mir erneut seine Wange hin.
Mein Magen reagierte mit einem Flattern. Es verstärkte sich, als ich mich vorbeugte und den Pinsel ansetzte. Der Geruch seines Kaugummis stieg mir in die Nase. Vermengte sich auf betörende Weise mit seinem Parfum. Meine Hand zitterte, während ich einen Kreis auf seine Wange malte. Ich konnte nur hoffen, dass er es nicht bemerkte.
»Du zitterst.«
Shit.
»Tu ich nicht.«
Sein Mundwinkel zuckte. Und plötzlich blieb mein Blick dort hängen. An seinem Mund. Seinen Lippen.
»Der Totenkopf ist mega!«, tönte Liam in diesem Moment. Ich hatte ihn nicht kommen hören und zuckte so heftig zusammen, dass ich abrutschte und Ryan einen Strich quer über die Wange malte.
»Fuck!«, fluchte ich und versuchte, das Malheur mit meinem Finger wieder gutzumachen. Aber ich machte es nur schlimmer und verschmierte die Farbe. »Mist!«
»Einfaches Motiv, hm?«, zog Ryan mich auf.
»Er hat mich erschreckt!«
»Weil mein Totenkopf so gruselig ist«, tönte Liam stolz.
Ich stöhnte auf und betrachtete das Fiasko auf Ryans Wange. »Am besten waschen wir es ab und …«
»Ach, Quatsch! Ist doch völlig egal, wie es aussieht. Hauptsache, es leuchtet.«
»Bist du sicher?«
Er nickte und nahm mir den Pinsel aus der Hand. Erst mit etwas Verzögerung begriff ich, dass ich nun an der Reihe war.
»Irgendwelche Wünsche?«
»Vielleicht ein He…«, ich brach ab und räusperte mich, »Stern. Ein Stern.«
»Ein Stern?«, versicherte er sich, und sein Schmunzeln verriet mir, dass er sehr wohl wusste, was ich eigentlich hatte sagen wollen. Nicht gesagt hatte, weil es mir plötzlich unpassend vorgekommen war.
Ich nickte und krächzte: »Orange.«
Er tauchte den Pinsel in die Farbe und trat einen Schritt näher. Ich neigte den Kopf zur Seite, und er beugte sich über meine Wange. Wieder nahm ich diese angenehme Mischung aus Kaugummi und Männerduft wahr. Als die Pinselspitze meine Haut berührte, spannte sich mein ganzer Körper an. Er hielt inne.
»Darf ich …?«
Ich nickte und begriff erst eine Sekunde später, wofür ich ihm meine Einwilligung gegeben hatte. Als seine Hand meinen Kiefer berührte. Ich erstarrte. Dabei war es nicht unangenehm. Nur zu viel. Zu nah. Zu intensiv. Zu schön.
»So ist es leichter«, raunte Ryan und setzte den Pinsel wieder an. Ich hielt die Luft an, als er ihn über meine Wange gleiten ließ.
»Das ist doch kein«, setzte Liam an, wurde von Ryan aber mit einem »Schsch« zum Verstummen gebracht. »Du hast schon das hier verbrochen«, schob er halb ernst nach und deutete auf seine Wange.
»Das war Lena!«
»Weil du sie erschreckt hast.«
»Mit dem Totenkopf, den du gemalt hast«, hielt Liam dagegen.
Meine Mundwinkel hoben sich, und Ryan maßregelte mich, ich solle stillhalten.
»So bossy«, spöttelte ich und schnitt eine Grimasse – die mir den nächsten Rüffel einbrachte.
Einen Pinselstrich später sagte er »Fertig« und nahm seine Hand von meinem Kiefer. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass er sich ruhig noch ein bisschen länger dafür hätte Zeit lassen können.
»Können wir jetzt spielen?«, fragte Liam ungeduldig.
Wir gaben Pinsel und Farbpalette zurück, zogen unsere 3D-Brillen auf und traten durch eine schwarze Vorhangtür. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Einerseits war es stockdunkel, andererseits leuchtete alles um uns herum. Der Boden, die Wände und die Minigolfbahnen waren in grellen Neonfarben bemalt und einer Unterwasserwelt nachempfunden. Ich sah fluoreszierende Quallen und Haie, Delfine, Fische und Korallen.
»Du leuchtest«, sagte Liam neben mir.
»Du auch«, murmelte ich und ließ den Blick noch ein wenig umherschweifen. Die Anlage war gut besucht. Familien, Paare und Freundescliquen tummelten sich an den Bahnen. Wie wir trugen sie 3D-Brillen und hatten sich die Gesichter mit Neonfarben bemalt.
»Ich glaube, er meint dein Longsleeve«, sagte Ryan.
»Hm?«
Ich folgte seinem Blick hin zu meinem Oberteil. Meinem weißen Oberteil. Oh Gott. Es leuchtete, als hätte jemand eine Lampe darunter versteckt. Und weil der Stoff so dünn war, zeichnete sich sogar ganz leicht mein BH darunter ab. Hitze schoss mir ins Gesicht, und Ryan versuchte eindeutig, nicht zu grinsen.
»Du hättest mich vorwarnen können«, brummte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Er zog eine Braue hoch. »Mehr vorwarnen als: Wir gehen Schwarzlicht-Minigolf spielen?«
Ich verdrehte die Augen und murrte: »Ich war auf Bouldern eingestellt.«
»Ich finde, es sieht echt cool aus«, sagte Liam.
»Und es ist praktisch.« Ryan grinste. »Ich meine, wir müssen uns keine Sorgen machen, dich hier drinnen zu verlieren.«
»Haha«, murrte ich und musste der Versuchung widerstehen, ihm eins mit dem Minigolfschläger überzuziehen.
»Hast du schon mal 3D-Minigolf gespielt?«, fragte Ryan, als er unsere Ergebnisse auf einem Block eintrug.
»Ist das eine ernst gemeinte Frage?«
Er sah auf. »Habt ihr so was in Deutschland nicht?«
»Doch, natürlich, aber du warst gerade live dabei, wie ich siebzehn Versuche gebraucht habe, um den Ball einzulochen. Was eigentlich nicht mal erlaubt ist, weil man nur sechs Schläge hat.«
Er schmunzelte. »Also hast du doch schon mal gespielt.«
»Nein, ich hab die Regeln während der Fahrt gegoogelt.«
Er lachte. »Hab mich schon gefragt, was du die ganze Zeit am Handy gemacht hast.«
Die Autofahrt war erstaunlich kurzweilig gewesen. Ryan hatte Liam die Musikwahl überlassen, weshalb wir die meiste Zeit Travis Scott und Playboi Carti gehört hatten. Wehmütig hatte ich daran zurückgedacht, wie Liam damals auf dem Wohnzimmerteppich gesessen, mit Feuerwehrautos gespielt und das Intro von Paw Patrol gesummt hatte.
»Ey! Wo bleibt ihr denn?«, rief Liam ungeduldig und winkte uns zu Bahn 2.
Ryan und ich setzten uns in Bewegung.
»Ich hab gesehen, dass du unseren Kürbis auf die Veranda gestellt hast.«
Der plötzliche Themenwechsel hätte mich irritieren können, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, das »unseren« in seinem Satz auseinanderzunehmen.
»Ja, heute Morgen.«
Ein Lächeln zupfte an seinen Lippen. »Bin gespannt, ob Hannah ihn da stehen lässt.«
»Vielleicht hab ich Glück, und ihre Wehen setzen ein, bevor sie es bemerkt.«
Jetzt lachte er.