Kapitel 35 - New Memories
By Lilly Lucas
Das war so cool!«, sagte Liam, als wir den Minigolfbereich verließen. Seine Haare standen ein wenig ab, und der Totenkopf auf seiner Wange war verwischt. Wie mein Stern wohl inzwischen aussah? Mir fiel auf, dass ich kein einziges Mal in den Spiegel gesehen hatte, seit Ryan mein Gesicht bemalt hatte. Kurzerhand zückte ich mein Smartphone und wechselte in den Selfie-Modus. Ich stutzte, als ich den Kürbis auf meiner Wange entdeckte.
»Hat irgendwie besser zu dir gepasst«, bemerkte Ryan neben mir und schmunzelte.
Jetzt verstand ich auch, wie er vorhin auf unseren Kürbis gekommen war. Unseren.
»Gehen wir zum Lasertag?«, fragte Liam hibbelig.
Ich stieß ein irrwitziges Lachen aus. »Ohne mich. Da bin ich ja Freiwild.« Mit den Händen deutete ich auf mein weißes Shirt, das zwischenzeitlich Farbflecken abbekommen hatte.
»Dann eben ins Laser Maze«, schlug er vor.
Ryan schien mir anzusehen, dass ich den Unterschied nicht kannte. »Da wirst du nicht abgeschossen.«
»Oh, wie beruhigend.«
»Da sind überall Laserstrahlen, und du darfst sie nicht berühren«, erklärte Liam.
»Aaah. Wie wär’s, wenn ihr das zu zweit macht. Ich glaube, für heute habe ich genügend Menschen meinen BH gezeigt.« Ich schnitt eine Grimasse.
»Ehrlich gesagt ist mein Schwarzlichtbedarf für heute auch gedeckt. Wie wär’s, wenn wir zur Kletterwand gehen? Dann kommst du wenigstens noch auf deine Kosten.«
»Ich? Wieso ich?«, fragte ich verwirrt, als er mich ansah.
»Du wolltest doch ursprünglich bouldern gehen.« Er neigte den Kopf in Liams Richtung, der gebannt zwei Jungs an einem Airhockey-Tisch beobachtete.
»Ja, schon, aber nur, weil du mir den Tipp gegeben hast.«
»Du boulderst gar nicht?«
Ich schnaubte. »Warum ist jeder so überrascht davon? Ich hasse Sport!«
»Das weiß ich, aber ich dachte … Na ja, du hast neulich Abend angedeutet, dass dein Freund bouldert.«
»Was? Wann?«
»Äh …« Plötzlich wirkte er verlegen. »An dem Abend mit dem Kleid.«
»Oh«, stieß ich aus. Dieser Abend. Ich konnte mich trotzdem nicht mehr daran erinnern, Justus erwähnt zu haben. Was kein Wunder war angesichts des Hormonchaos, das unsere Begegnung in mir ausgelöst hatte.
»Onkel Ryan!«, schrie Liam. »Der Tisch ist frei geworden.« Mit leuchtenden Augen deutete er auf die Airhockey-Platte.
»Komme«, rief Ryan.
Während sie sich beim Airhockey verausgabten, machte ich Fotos von ihnen und schickte sie an Amy. Fast alle zeigten die beiden im Profil, nur auf einem war Ryan frontal zu sehen. Er lachte in die Kamera. So echt und ungefiltert, dass ich einen Moment vergaß zu atmen. Und mir sicher war, dass ich dieses Foto nicht aus meiner Mediathek löschen würde.
»Ich würde vorschlagen, wir lassen jetzt mal die anderen Kids zum Zug kommen«, sagte Ryan, nachdem er auch das zweite Spiel für sich entschieden hatte. »Wie wär’s mit einer Pause?« Er sah uns beide an. »Hat jemand Hunger?«
Liam schüttelte den Kopf. »Ich will zur Boulderwand.«
Mit einem schnellen Blick in meine Richtung versicherte sich Ryan, dass ich einverstanden war. Ich nickte und folgte den beiden.
Anders als in den Boulderhallen, die ich mir auf YouTube angesehen hatte, gab es im Fun Center nur eine Wand, und sie erschien mir auch nicht so hoch. Ein Junge in Liams Alter suchte gerade nach dem nächsten Griff, während seine Mutter von der Matte aus zusah. Etwas weiter links rief ein Mädchen seiner Freundin zu: »Ich komm nicht mehr weiter.«
Nachdem wir für ihn Schuhe geliehen hatten, ließ Liam keine Zeit verstreichen. Wie ein kleiner Profi rieb er sich die Hände mit Chalk ein und kletterte los. Offenbar hatte er sich die orangefarbene Route, eine mittelschwere, ausgesucht. Konzentriert hangelte er sich von Griff zu Griff.
»Er ist gut«, sagte ich beeindruckt, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie Ryan neben mich trat.
»Willst du’s auch mal probieren?«
»Oh, ich hab gar keine …«
Er hielt mir ein Paar Kletterschuhe hin, die eindeutig zu klein für ihn waren.
»Sind die desinfiziert?«, fragte ich naserümpfend.
Er lachte. »Hat dich bei Liam gerade auch nicht gekümmert.«
»Kinder kriegen keinen Fußpilz.«
»Sie sind desinfiziert.«
»Na gut, ich kann’s ja mal probieren.« Ich ließ mich auf die Matte sinken und zog die Schuhe an. »Die sind viel zu klein.«
»Das muss so sein«, kam es ungerührt zurück. »Du sollst ja die Tritte spüren.«
Naserümpfend erhob ich mich und betrachtete die Wand vor meinen Augen – die mir jetzt doch ziemlich hoch vorkam. »Warum ist man da eigentlich nicht gesichert?«
»Das sind höchstens fünfzehn Fuß. Und du fällst ja weich.« Er deutete auf die dicken Matten unter uns.
Ich ließ den Blick über die Vielzahl von bunten Griffen wandern, manche nur münzgroß.
»Fang mit Gelb an. Das ist die leichteste Route.«
Ich legte die Hände an zwei gelbe Griffe und setzte meinen Fuß auf den untersten. »So?«
»Ja, genau. Jetzt noch den anderen Fuß, und dann nutz die Kraft aus deinen Beinen, um dich hochzuziehen.«
Er stand direkt hinter mir. So nah, dass ich mir einbildete, seine Wärme im Rücken zu spüren.
»Okay. Und jetzt genau so weitermachen, bis du oben bist«, hörte ich ihn sagen.
Ich schnaubte, weil er es so leicht klingen ließ. Dabei war es ziemlich schwer, die richtigen Griffe auszuwählen und dabei nicht abzurutschen. Als es doch passierte, spürte ich seine Hände an meinen Oberschenkeln. Nur kurz, um mich zu stabilisieren, aber ich wurde mir seiner Nähe noch mehr bewusst. Ich atmete einmal tief durch und konzentrierte mich wieder auf die Wand, streckte die Hand aus und fasste um den Griff, der mir am geeignetsten erschien. Ich zog mich ein Stück hoch und war jetzt etwa zwei Meter über dem Boden. So langsam begann es, Spaß zu machen.
»Klappt doch gut«, rief Ryan.
Ich streckte den Arm nach oben und fand einen kleinen gelben Knubbel. Für ein, zwei Sekunden hielt ich mich nur an diesem Griff fest. Und genau in diesem Moment passierte es. Ich verlor den Halt und fiel, prallte gegen etwas Hartes. Ryan. Er konnte meinen Schwung nicht mehr abfangen, und wir kippten gemeinsam nach hinten auf die Matte. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war, und Ryan schien es nicht anders zu gehen.
»Bist du okay?«, fragte er.
Ich spürte seinen Körper unter mir, seinen Brustkorb, der sich hob und senkte.
»Ja. Bist du okay?« Ich drehte den Kopf und blickte über meine Schulter zu ihm. Stieß einen verlegenen Laut aus, machte aber keine Anstalten, mich zu bewegen. Auch ihm schien es nichts auszumachen, dass ich auf ihm lag. Unsere Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren. Er lächelte sogar ein wenig.
»Ziemlich okay«, hauchte er, und mein Blick zuckte zu seinen Lippen. Zurück zu seinen Augen und wieder zu seinem Mund. Mein Herz raste, und mein Körper kribbelte überall dort, wo er seinen berührte.
»Seid ihr verletzt?«
Liams Stimme ließ den Moment wie eine Seifenblase zerplatzen. Schwer atmend war er neben uns aufgetaucht.
»Nein, alles okay«, sagte Ryan und lächelte noch immer.
Ich schob mich von ihm herunter und strich mir ein paar Strähnen hinters Ohr.
»Was ist passiert?«
Diesmal antwortete ich. »Ich bin abgerutscht, und Ryan hat versucht, mich aufzufangen.«
»Krass!«
»Ja, hat nur nicht so ganz geklappt«, bemerkte Ryan, aber das Schmunzeln in seinem Gesicht verriet, dass es ihn nicht im Geringsten störte.