Kapitel 37 - New Memories
By Lilly Lucas
Bis zum Wedding Rehearsal zwei Tage später ging ich Ryan aus dem Weg – so gut das eben möglich war, wenn man Tür an Tür wohnte, in einer Stadt, die keine tausend Einwohner hatte. Ich vermied unnötige Besuche im Diner, Cozy Cup und Olly’s und verbrachte die meiste Zeit mit Izzy in der Scheune. Wir hängten gemeinsam mit ihrer Mutter Lampions und Lichterketten auf und arrangierten die Tische und Stühle, die Will und sein Vater aus dem Sebastian abholten. Die Heizstrahler, ein Kühlwagen und mobile Toiletten wurden angeliefert, und ein Freund von Wills Eltern kam vorbei, um die Elektrik zu checken. Rebecca machte sich ein Bild vom Außenbereich, wo die freie Trauung stattfinden sollte. Der Wetterbericht kündigte siebzehn Grad und Sonnenschein für die Hochzeit an, weshalb Mr. Albright den Traubogen im Freien aufbaute.
»Wie wollt ihr das mit der Bestuhlung machen?«, fragte Izzys Mutter am Tag des Rehearsals. »Ihr braucht ja doppelt so viele Stühle, wenn die Zeremonie draußen stattfindet.«
Izzy gab sich gelassen. »Wir können die Stühle doch nach der Trauung in die Scheune tragen. Oder wir bitten die Gäste, mit anzupacken.«
Mrs. Walsh wirkte nicht überzeugt. »Das bringt aber ganz schön Unruhe rein.«
»Dann machen wir es eben wie im Flugzeug. Die hinteren Reihen zuerst, dann die mittleren …« Izzy prustete los, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah.
»Ja, ja, mach du nur wieder deine Witze.« Kopfschüttelnd lief sie zu Wills Mutter, die gerade Fotos vom Traubogen machte.
»Apropos Flugzeug. Macht ihr eigentlich eine Hochzeitsreise?«, fragte Rebecca.
Izzy schüttelte den Kopf. »Ist gerade nicht drin. Vielleicht holen wir es nächstes Jahr nach. Je nachdem, wie es mit der Familienplanung so läuft.« Sie lächelte vielsagend, und ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. Dass Izzy irgendwann Kinder wollte, wusste ich, aber mir war nicht klar gewesen, dass sie und Will dieses Thema direkt nach der Hochzeit angehen wollten. Ein Gedanke zuckte durch meinen Kopf. Mit einem Baby würde es schwieriger werden, unsere Freundschaft über Kontinente hinweg aufrechtzuerhalten. Noch schwieriger. Die Zeitverschiebung, der Schlafentzug … Izzy würde andere Prioritäten haben als Videocalls und Sprachnachrichten. Sofort regte sich Scham in mir. Wie egoistisch wollte ich sein? Meine beste Freundin sprach davon, eine Familie zu gründen, und ich machte mir Sorgen, zu stark an den Rand ihres Lebens zu rücken.
»Leo und ich haben neulich auch über Kinder geredet«, sagte Rebecca.
Mit großen Augen sahen Izzy und ich sie an.
»Nein, nein, erst mal nur, ob wir überhaupt welche wollen. Ich war mir nicht sicher, wie er dazu steht. Seine Kindheit ist ja nicht gerade bilderbuchmäßig verlaufen.«
Ich wusste nicht viel über Leos Familie. Nur, dass seine Mutter früh an Krebs gestorben war und sein Vater ihm über mehrere Jahre hinweg Medikamente verabreicht hatte, um ihn in die NHL zu bringen.
»Aber wir sind uns einig.« Sie lächelte versonnen. »Hat aber keine Eile. Wir wollen uns hier erst mal ganz in Ruhe was aufbauen.«
»Wie schön«, sagte ich und meinte es auch so. Rebecca war in einer Großfamilie aufgewachsen und ein absoluter Familienmensch. Ich war mir sicher, dass sie in ihrer Mutterrolle aufgehen würde.
»Wo bleibt Leo eigentlich?«, murmelte Rebecca und zog ihr Smartphone aus der Hosentasche. »Er wollte längst hier sein.«
»Er hat noch zwanzig Minuten«, sagte Izzy entspannt. »Fünf Uhr haben wir ausgemacht.«
Rebecca runzelte die Stirn. »Ich dachte, halb fünf.«
»Das wäre für die meisten mit der Arbeit zu knapp geworden.«
»Da kommen Leonie und Sam!« Rebecca machte uns auf das Auto aufmerksam, das sich der Scheune näherte.
»Nur Leonie«, bemerkte Izzy. »Sam schafft es leider nicht. Bei Grayson wird es auch eng.«
Rebecca sah alles andere als begeistert aus. »Also der Trauzeuge sollte schon anwesend sein, wenn wir die Zeremonie proben. Er ist immerhin für die Ringe zuständig.«
»Grayson ist nicht mehr Wills Trauzeuge«, sagte Izzy. »Er hat das Amt an Ryan übergeben.«
»Was? Warum das denn?«
»Grayson war der Meinung, dass diese Ehre Ryan gebühren sollte. Als Wills ältestem und bestem Freund.«
»Oh … wow«, hauchte sie.
»Die beiden waren gestern Abend noch bei uns und wollten wissen, wie wir dazu stehen. Vor allem Will.«
»Das hast du gar nicht erwähnt«, sagte ich verwundert.
»Ryan meinte, ihr hättet bereits darüber geredet …?«
»Ja, haben wir«, räumte ich ein und dachte an den Abend im Olly’s. »Er hat mich um meine Meinung gebeten.«
Ehe Izzy etwas erwidern konnte, stießen Leonie und Annie zu uns. Leonie musste sie von der Werkstatt abgeholt haben, denn sie trug noch ihre Arbeitshose und Sicherheitsschuhe – wofür sie sich sofort entschuldigte. Izzy winkte ab und betonte, dass es ja kein offizielles Wedding Rehearsal mit anschließendem Dinner war und sie jedem dankbar war, der es sich einrichtete.
»Rebecca war einfach der Meinung, wir sollten alles mal mit euch durchgehen, damit jeder die Abläufe kennt und am Samstag alles glattläuft.«
Rebecca nickte zustimmend. »Es dauert auch nicht lange, versprochen.«
Mit einem Hauch Anspannung nahm ich zur Kenntnis, dass ein weiteres Auto vorfuhr, aber es war nicht Ryan, der ausstieg, sondern Aubree. Keine Minute später trafen auch Olly und Leo auf der Ranch ein.
»Jetzt fehlt nur noch Ryan, oder?«, fragte Rebecca.
»Er kommt gleich.« Will hielt sein Handy hoch. »Musste Hannah noch bei irgendwas helfen.«
»Es ist echt wunderschön geworden«, schwärmte Annie und ließ den Blick umherschweifen. »Deine Eltern sollten eine Eventlocation daraus machen. Die Leute aus der Stadt würden ein Vermögen dafür hinlegen, an so einem Ort zu heiraten.«
»Hast du das gehört, Dad?«, rief Will seinem Vater zu, der immer noch am Traubogen zugange war. »Annie sagt, du sollst die Scheune an reiche Snobs vermieten.«
Wir lachten, und sie schnalzte mit der Zunge. »So hab ich es nicht gesagt.«
»Aber du hast schon recht«, warf ich ein. »Genau so was suchen die Leute. Außerdem wäre es super schade, wenn die Scheune nach eurer Hochzeit einfach leer steht.«
»Naaah, wenn ich mich hier so umsehe, glaube ich nicht, dass sie lange leer steht«, sagte Mrs. Walsh mit einem wissenden Lächeln. »Ihr seid ja alle keine zwanzig mehr.«
»Aber Single«, seufzte Aubree lautstark und erntete Gelächter.
»Da kommt Cooper.« Will deutete auf Ryans Wagen, der viel zu schnell über den Feldweg schoss und jede Menge Staub aufwirbelte. Als er zum Stehen kam, flog die Fahrertür auf, und Ryan sprang heraus. Mein Herz geriet kurz aus dem Takt, und als er auf uns zuhastete, klopfte es doppelt so schnell. Aber mein Verstand kippte rechtzeitig eine Ladung kaltes Wasser über meine Hormone, indem er mir in Erinnerung rief, was Ryan vor dem Olly’s über meine Anwesenheit in Green Valley gesagt hatte.
»Sorry, Leute.« Er klang nicht nur gehetzt, er sah auch so aus. Sein Haar war durcheinander, und seine Wangen waren gerötet. Außerdem war da ein schwarzer Fleck über seiner rechten Braue. »Es gab ein kleines Problem mit dem Kamin im Leaf, und ich wollte Hannah nicht damit allein lassen.«
»Kein Problem, du bist doch fast pünktlich«, sagte Will. »Habt ihr es in den Griff bekommen?«
Ryan nickte. »Lag am Abzug.«
»Die arme Hannah.« Bedauernd verzog Mrs. Walsh das Gesicht. »Gut, dass du da warst. In ihrem Zustand sollte sie sich nicht mit so was rumschlagen müssen.«
In gutmütigem Spott verdrehte Izzy die Augen. »Sie ist schwanger, Mom. Nicht krank.«
»Darüber reden wir noch mal, solltest du irgendwann vierzig Pfund mehr mit dir herumschleppen müssen.«
»Also gut, dann würde ich vorschlagen, dass wir loslegen …?« Rebecca klatschte die Handflächen zusammen, und alle verstummten und versammelten sich um sie herum. »Wie gesagt, es dauert nicht lange. Wir gehen nur den Ablauf der Zeremonie durch, damit jeder weiß, was er am Samstag zu tun hat.« Wie eine Gruppe Schüler folgten wir ihr zum Traubogen.
»Hey«, sagte Ryan und stupste mich sanft mit dem Ellbogen an. »Lange nicht gesehen.«
Ein nicht unwesentlicher Teil von mir freute sich darüber, dass er es bemerkt hatte, weshalb es mir schwerfiel, eine gleichgültige Miene aufzusetzen. »Ich war viel unterwegs.«
Er musterte mich mit seinen grünen Augen, und ich fragte mich, ob sie mich jemals nicht aus dem Gleichgewicht bringen würden. Außerdem war da immer noch dieser Rußfleck über seiner Braue, den ich so gerne wegstreichen wollte.
»Die Familie der Braut wird auf der linken Seite sitzen«, fuhr Rebecca indessen fort und deutete auf die Bestuhlung. »Die Familie des Bräutigams rechts. Brauteltern und Geschwister nehmen selbstverständlich in den ersten Reihen Platz. Mr. Walsh, Sie und Izzy stellen sich bitte schon mal ans Ende des Mittelgangs.« Während sich die angesprochenen Personen in Bewegung setzten, wandte Rebecca sich an Will. »Und du wartest hier bei mir auf Izzy.« Sie sah zu Ryan. »Zusammen mit deinem Trauzeugen.« Beide nickten. »Der auch die Ringe hat«, fügte sie hinzu.
»Pressure is on«, trällerte Aubree in Ryans Richtung, und wir lachten.
»Sobald die Musik startet, ziehen die Trauzeugin, die Bridesmaids und die Groomsmen ein«, fuhr Rebecca fort. »Lena, du bildest die Spitze, dahinter folgen Aubree, Annie, Leonie, Olly, Sam und Grayson in lockerer Formation.«
»Also nicht paarweise?«, fragte Leonie.
Izzy schüttelte den Kopf. »Das ist uns zu steif.«
»Die Groomsmen stellen sich rechts zum Bräutigam, die Bridesmaids links. Der Platz für die Braut muss natürlich frei bleiben.«
Mit einer Geste gab Rebecca uns zu verstehen, dass wir das Ganze einmal durchexerzieren sollten. Sie wartete, bis wir uns im Mittelgang eingefunden hatten, und zückte ihr Smartphone. Kurz darauf ertönte das Intro von A Love That Lasts Forever von Trace Bradley.
»Das ist der Einzugssong?«, seufzte Leonie hinter mir. »Okay, ich heule jetzt schon.«
Auf Rebeccas Nicken hin setzten wir uns in Bewegung. Auch wenn mir bewusst war, dass es nur eine Probe war, machte sich Nervosität in mir breit. Ich fragte mich, ob ich zu schnell lief, zu langsam, was ich mit meinen Händen anstellen und wo ich hinsehen sollte. Zu Rebecca? Zu Will? Auf keinen Fall zu Ryan, rief ich mir in Erinnerung. Auf. Gar. Keinen. Fall. Zu. Ryan. Ich nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, lockerer zu werden. Aber je näher ich dem Traubogen kam, umso verkrampfter wurde ich. Und dann machte ich den allergrößten Fehler und ließ zu, dass meine Augen für einen Moment zur Seite glitten. Zu ihm. Unsere Blicke trafen sich, und mein Atem stockte. Ein vertrautes Ziehen breitete sich in meinem Körper aus. Ich hätte wegsehen sollen. Auf der Stelle. Aber ich konnte nicht. Weil es mich mit voller Wucht traf. Dieses Lächeln. Das Lächeln, in das ich mich damals verliebt hatte. Das auch jetzt noch die Macht hatte, mich alles vergessen zu lassen. Jeden Ärger, jeden Zweifel, die verletzenden Worte, wie viel Zeit vergangen war, dass ich geglaubt hatte, über ihn hinweg zu sein. Selbst unsere Trennung erschien mir plötzlich weit, weit weg. Und während er mich immer noch ansah, reifte die Erkenntnis in mir, dass es immer so sein würde zwischen uns. Er würde immer diese Wirkung auf mich haben, immer der Mensch sein, der meine Welt mit einem einzigen Blick aus den Fugen heben konnte.
»Und immer schön lächeln«, flötete Rebecca.
Hastig riss ich den Blick von Ryan los und überbrückte die letzten Meter zum Traubogen.
»Gut. Jetzt ist der große Moment gekommen«, sagte Rebecca, als alle ihren Platz eingenommen hatten. »Die Braut schreitet an der Seite ihres Vaters zum Traubogen.« Sie gab den beiden ein Zeichen. Izzys Grinsen nach fiel es ihr noch etwas schwer, das Ganze ernst zu nehmen. Auch Mr. Walsh schien sich eher als Teil eines kleinen Hochzeitsschauspiels zu sehen. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Wedding Rehearsals kannte ich nur aus amerikanischen Filmen und Romanen, und es war ein wenig befremdlich für mich, einen derart emotionalen Moment im Leben vorab zu proben.
»Mr. Walsh, Sie übergeben Ihre Tochter jetzt an Will«, sagte Rebecca, als Izzy und ihr Vater den Traubogen erreichten. »Danach nehmen Sie bitte neben Ihrer Frau Platz.« Sie wartete, bis er sich gesetzt hatte. »Ab hier beginnt mein Job. Ich starte mit der Begrüßung, danach folgt ein kurzer Teil über das Brautpaar und die Kennenlerngeschichte. Dann sind die Eheversprechen an der Reihe und«, sie sah zu Ryan, »der Ringtausch.« An Izzy und Will gerichtet sagte sie: »Ihr dürft euch küssen und lauft anschließend durch den Mittelgang zum Sektempfang. Bridesmaids und Groomsmen schließen sich euch an.« Zustimmendes Murmeln ging durch die Gruppe. »Und dann«, sie grinste, »wird gefeiert.«
* * *
»Hat Fynn eigentlich erwähnt, wann heute Abend Schicht im Schacht ist?«, fragte Leonie, als wir nach dem Rehearsal zusammenstanden und letzte Fragen zu Izzys JGA klärten.
Ich schüttelte den Kopf. »Er ist super entspannt. Würde mich nicht wundern, wenn er uns den Schlüssel dalässt und ins Bett geht.«
»Da würde er nur nicht viel Schlaf bekommen«, bemerkte Annie. »Er wohnt ja direkt über dem Cozy Cup.«
Überrascht hob ich die Brauen. »Das wusste ich gar nicht.«
»Ist so eine kleine Junggesellenbude«, sagte sie. »Ein bisschen wie bei Olly.«
»Warst du schon mal bei ihm?«
»Nein, aber ich kenn das Haus. Beziehungsweise die Vorbesitzerin.«
Wir plauderten kurz über den Friseursalon, der sich früher dort befunden hatte. Dann stieß Izzy zu uns.
»Wir haben gerade gesagt, wie toll du aussehen wirst mit deinem Krönchen«, zog Annie sie auf.
»Das wagt ihr nicht«, brummte Izzy.
Wir lachten.
»Es ist nur ein ganz kleines Krönchen«, bemerkte ich zwinkernd.
»Stichwort Krönchen: Wir sollten langsam mal, oder?« Leonie tippte auf ihre Uhr, und alle nickten.
»Kann mich jemand von euch am Leaf absetzen?«, fragte ich in die Runde.
»Klar«, antwortete Leonie. »Du kannst bei Annie und mir mitfahren.«
Wir verabschiedeten uns alle voneinander und machten uns auf den Weg zu Leonies Auto.
»Hey, soll ich dich mitnehmen?«, rief Ryan mir zu. Er stand mit Leo und Olly zusammen.
Ich blieb stehen, und als ich in seine Augen blickte, wollte ich mit Ja antworten. Ein paar Minuten neben ihm im Auto sitzen, seine Stimme hören. Aber der vernünftige Teil von mir erinnerte mich daran, warum ich ihm die letzten Tage aus dem Weg gegangen war. Ich schüttelte den Kopf und versuchte mich an einem neutralen Ton. »Nicht nötig. Ich fahr bei Leonie mit.«
Er verengte ganz leicht die Augen, und ich fragte mich, ob er vielleicht doch nicht so neutral gewesen war.
»Ich bin ein bisschen in Eile«, sagte ich nach einem Moment der Stille. »Izzys Junggesellinnenabschied …«
»Oh, der ist heute …«
Ich nickte.
»Dann … ähm … viel Spaß!«
»Danke.« Ich drehte mich um und spürte seinen Blick in meinem Rücken. Spürte ihn noch, als ich längst im Wagen saß und mich fragte, wie es sein konnte, dass es genauso schmerzhaft war, etwas wiederzufinden, wie etwas zu verlieren.