Kapitel 39 - New Memories
By Lilly Lucas
Lauter als geplant fiel die Eingangstür hinter mir ins Schloss. Ups. Verstohlen sah ich mich um, aber die Lobby war verwaist und die Rezeption unbesetzt. Kein Wunder, es war bereits zwei Uhr morgens gewesen, als ich vom Cozy Cup losgelaufen war. Als ich auf die Treppe zusteuerte, schwankte der Boden wie ein Schiffsdeck bei Sturm, kippte mal nach rechts, mal nach links. Mir wurde schwindelig, und ich fixierte den Handlauf, während ich einen Fuß vor den anderen setzte. Als ich das Holz unter meinen Fingern spürte, hielt ich einen Moment inne und schloss die Augen. Fehler. Großer Fehler. Mein Magen rebellierte, und ich musste scharf durch die Nase einatmen, um die Übelkeit zurückzudrängen. Ich klammerte mich an den Handlauf und schleppte mich Stufe für Stufe die Treppe hinauf. Oben angekommen machte ich erneut den Fehler, die Augen zu schließen. Alles begann sich zu drehen, und mein Magen teilte mir überdeutlich mit, dass ich an diesem Abend ein paar schlechte Entscheidungen getroffen hatte. Ich stöhnte und beeilte mich, zu meinem Zimmer zu gelangen. Als ich nach meinem Schlüssel suchte, rutschte mir die Handtasche von der Schulter, und ihr gesamter Inhalt verteilte sich auf dem Boden. Wieder ups. Ich ging in die Hocke, um das Chaos zu beseitigen, aber mein Gleichgewicht verweigerte den Dienst. Im nächsten Moment plumpste ich auf meinen Hintern. Kurz war ich überrascht, dann kicherte ich los. Erst leise, dann etwas lauter. Ein unkontrolliertes Kichern, das sich nicht stoppen ließ. Plötzlich war alles wahnsinnig komisch. Ich, hier auf dem Teppichboden, umringt von meinen Sachen. Auf allen vieren krabbelte ich umher, um sie wieder einzusammeln. Immerhin fand ich so meinen Zimmerschlüssel. Ich richtete mich auf, geriet ins Taumeln und fing mich am Türrahmen ab. Lachte erneut über die absurde Situation. Ehe ich den Schlüssel zum Schloss führen konnte, ging die Tür auf. Ryan stand vor mir und blinzelte mich aus verschlafenen Augen an.
»Was machst du da für einen Krach?«, brummte er.
»Was machst du in meinem Zimmer?«
»Das ist nicht dein Zimmer«, stöhnte er.
»Natürlich ist das mein Zimmer.« Meine Zunge fühlte sich doppelt so schwer an wie sonst. »Ich hab den Sch…schlüssel!« Wie ein Beweisstück hielt ich ihn hoch.
Seine Mundwinkel zuckten. Er lehnte sich in den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du bist betrunken.«
»Und du«, ich stieß meinen Zeigefinger gegen seine Brust, »bist ein Zimmerdieb!«
Er rieb sich übers Gesicht, aber zwischen all der Müdigkeit blitzte Belustigung hindurch. »Das ist mein Zimmer. Du wohnst nebenan.« Sein Daumen wies nach rechts. »Im Oak Room.«
Mein Blick zuckte zum Türschild – auf dem nicht Oak Room stand. Oh. Ich hatte mich in der Tür geirrt. Wie war das denn passiert? Scham brannte auf meinen Wangen. Im nächsten Moment hatte er mir bereits den Schlüssel abgenommen.
»Hey! Was machsuda?«
Er schob sich an mir vorbei. »Dafür sorgen, dass du nicht das ganze Haus aufweckst.« Er lief zu meinem Zimmer. Erst jetzt fiel mir auf, dass er nur T-Shirt und Boxershorts trug. Sein Haar war auf der einen Seite zerzaust, auf der anderen platt gedrückt. Es sah niedlich aus.
»Danke.«
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich es laut ausgesprochen hatte. »Hast du schon geschlafen?«
»Natürlich hab ich schon geschlafen. Es ist fast drei Uhr morgens!«
Drei Uhr? So lange hatte ich für den Heimweg gebraucht? Ich stolperte hinter ihm her, aber die ruckartige Bewegung tat meinem Magen alles andere als gut. Wieder stieg Übelkeit in mir auf. Vor meiner Zimmertür kam Ryan zum Stehen und sperrte auf. Er trat zur Seite und machte eine auffordernde Geste mit der Hand.
»Was ist?«, fragte er, weil ich mich keinen Zentimeter von der Stelle bewegte.
In meinem Magen tobte eine Rebellion, als hätte sich alles, was ich heute Abend getrunken hatte, gegen mich verschworen.
»Ist dir …?«, hörte ich ihn noch fragen, aber da hechtete ich bereits in Richtung Badezimmer.
* * *
»Geht es wieder?«
Seine Stimme drang nur gedämpft an meine Ohren. Ich brachte nicht mehr als ein Nicken zustande. Erst als ich den Kopf hob, bemerkte ich es. Meine Haare wurden von etwas zusammengehalten. Einer Hand. Seiner Hand. Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus. Einerseits war es mir schrecklich unangenehm, andererseits rührte mich seine Fürsorge. Dass er geblieben war und mir das Haar aus dem Gesicht gehalten hatte. Ich schluckte schwer und senkte den Blick.
»Danke«, flüsterte ich.
Er sagte nichts. Ließ meine Haare erst los, als ich mich aufrichtete und auf wackeligen Beinen zum Waschbecken taumelte. Beim Blick in den Spiegel erschrak ich. Ich sah aus wie die zugedröhnte Leadsängerin einer Metalband. Mein Haar war zerzaust und klebte mir an den Schläfen. Ich war kalkweiß und hatte Schatten unter den Augen, die nur teilweise von meiner verschmierten Mascara rührten. In meinem Mundwinkel hing noch ein Rest Erbrochenes – igitt –, und auch mein Oberteil hatte einiges abbekommen. Angewidert wandte ich den Blick ab und spritzte mir eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht. Als ich mich abtrocknete, hörte ich, wie Ryan ein Glas Wasser aus der Leitung ließ.
»Hier.«
Ohne ihn anzusehen, nahm ich es entgegen und trank einen Schluck. Das Wasser schmeckte nach Schwimmbad, war aber eine Wohltat für meine raue Kehle.
»Danke«, krächzte ich.
»Du musst dich nicht ständig bedanken.«
Ich sah von meinem Glas auf. »Das macht man so, wenn man jemanden zwingt, einem beim Kotzen zuzusehen.«
Er schmunzelte schwach. »Du hast mich zu gar nichts gezwungen.«
Der beißende Geruch meines Shirts stieg mir in die Nase, und ich verzog das Gesicht. »Ich muss das ausziehen. Und duschen.«
»Ich warte draußen«, murmelte er und ließ mich allein.
Ich stülpte mir das Oberteil über den Kopf und stellte fest, dass auch meine Jeans verdächtige Flecken aufwies. Kurzerhand zog ich mich komplett aus und stieg in die Dusche. Ich lehnte die Stirn gegen die kühlen Fliesen und ließ mir eine Weile das Wasser über den Kopf, die Schultern und den Rücken laufen.
»Alles okay da drin?«, fragte Ryan, als ich das Wasser abgestellt hatte, um mich einzuseifen.
»Ja, alles gut.«
Ein Anflug schlechten Gewissens überkam mich beim Gedanken daran, dass er auf mich wartete. Mitten in der Nacht. In meinem Zimmer. Ich legte einen Zahn zu, wusch mir den Schaum vom Körper und stieg aus der Dusche. Als ich mich abtrocknete, fiel mir auf, dass mein Schlafanzug über dem Sessel neben meinem Bett hing. Mist. Ich wickelte mich in das größte Handtuch, das ich fand, und verließ das dampfende Badezimmer.
»Tut mir leid, dass du so lange …« Mitten im Satz brach ich ab. Ryan saß auf dem Bett, den Rücken gegen das Kopfteil gelehnt, die Beine von sich gestreckt. Sein Kopf war zur Seite gesunken, und aus seinem Mund kamen leise Schnarchgeräusche. Es sah nicht bequem aus. Eher so, als hätte sein Körper kapituliert. Mein erster Impuls war ein Lächeln. Mein zweiter die Frage, was ich jetzt tun sollte. Ihn wecken? Natürlich musst du ihn wecken, flüsterte die Stimme der Vernunft. Er kann schließlich nicht hierbleiben ... Aber er sieht so friedlich aus, hielt eine andere dagegen.
Unschlüssig betrachtete ich ihn. Das Bild vor meinen Augen, das so fremd und vertraut zugleich war.
Ich vertagte die Entscheidung und fischte meinen Schlafanzug vom Sessel. Nachdem ich mich im Bad angezogen hatte, entfernte ich die letzten Mascara-Spuren aus meinem Gesicht und putzte mir die Zähne. Das nasse Haar in einem Handtuchturban versteckt, kehrte ich zurück und fand Ryan noch immer schlafend vor. Sofort redeten die Stimmen in meinem Kopf wieder gegeneinander an. Weck ihn … Lass ihn schlafen … Das kannst du nicht machen … Was ist schon dabei?
Ich setzte mich auf die Bettkante und beobachtete, wie sich sein Brustkorb hob und senkte. Ein lautes Räuspern würde vielleicht ausreichen, dachte ich. Ich stellte mir vor, wie er die Augen öffnete, verwirrt blinzelte und aufsprang. Sich entschuldigte und ging. Wie ich allein zurückblieb, allein in diesem großen Bett lag. Nicht einschlafen konnte, weil mein Kopf mit mir Was wäre gewesen, wenn spielte.
Nein, dachte ich und traf eine Entscheidung.