Kapitel 42 - New Memories
By Lilly Lucas
Die Sonne war bereits am Untergehen, als Ryan den Wagen die gewundene Auffahrt hinaufmanövrierte. Ich war über drei Jahre nicht mehr hier gewesen, aber ich hatte nicht vergessen, wie idyllisch die Hütte der Albrights lag. Ein mehrstöckiges Holzhaus mit Panoramafenstern und einer ausladenden Veranda, das sich harmonisch in die Bergkulisse einfügte. Wie viele Wochenenden hatten wir hier gemeinsam mit unseren Freunden verbracht. Wie oft waren wir zum Hiken, Schlitten- oder Skifahren hergekommen. Ein wohliges und zugleich wehmütiges Gefühl breitete sich in mir aus.
Als Ryan die Tür aufschloss, rechnete ich fest mit diesem speziellen Duft, der dieser Hütte anhaftete. Ein Gemisch aus altem Leder und Holz. Aber zu meiner Irritation roch es nach Vanille. Die künstliche, aufdringliche Variante. An der Art, wie er die Nase rümpfte, sah ich, dass Ryan es ebenfalls wahrnahm.
Wir betraten den offenen Wohnbereich und blieben wie angewurzelt stehen.
»Oh nein!«, stieß ich im selben Moment aus, in dem Ryan »Fuck!« sagte.
Vor uns – über uns – schwebten Unmengen von Heliumballons in Herzform. Rosa, pink und rot. Das Ledersofa war übersät von Plüschkissen – ebenfalls in Herzform –, und am Kamin hing eine Girlande mit aufgefädelten Herzen und den Namen von Izzy und Will. Auf dem Sims standen mehrere Duftkerzen, von denen ich ausging, dass sie für den Gestank verantwortlich waren, und der Boden war übersät mit Herz-Konfetti.
»Izzy lässt die Ehe annullieren, wenn sie das sieht.«
»Du meinst Izzey.« Er zeigte auf die Girlande, und erst jetzt sah ich, dass der Name falsch geschrieben war.
»Shit«, war alles, was mir dazu einfiel. »Was hat Will sich denn dabei gedacht?«
»Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er«, Ryan machte eine ausladende Handbewegung, »so was im Sinn hatte, als er diesen Service gebucht hat.«
Ryan hatte recht. Niemals hätte Will diesen Herzchen-Albtraum abgesegnet.
»Am besten rufen wir ihn sofort an«, sagte ich und zückte mein Smartphone.
»Warte.« Er hielt mich am Arm zurück.
Irritiert sah ich ihn an. »Wir können das unmöglich so lassen.«
Er folgte meinem Blick zu den Herzballons. Den Plüschkissen. Den Duftkerzen. »Nein, können wir nicht. Aber Will ist sowieso schon ein nervliches Wrack. Wenn wir ihm jetzt noch sagen, dass seine Honeymoon Suite aussieht wie ein Puff …« Er ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen.
»Aber er kann sich bei dieser Eventagentur beschweren und verlangen, dass sie es in Ordnung bringen.«
Ryan schielte auf seine Uhr. »Ob er die jetzt noch erreicht? Und selbst wenn … Vielleicht finden die das ja schön.«
Ich verzog das Gesicht. »Es ist grauenvoll! Und Izzys Name ist falsch geschrieben. Wenigstens das müssen sie ändern.«
»Ich glaube nicht, dass die Freitagabend eine neue Girlande herzaubern können, und ehrlich gesagt will ich es auch nicht darauf ankommen lassen.«
»Und was schlägst du stattdessen vor?«
Er blies die Backen auf und überlegte. Dann setzte er sich in Bewegung und steuerte auf den Kamin zu. In einem Ruck riss er die Girlande herunter und ließ sie zu Boden segeln. Ich zuckte kurz zusammen.
»Wir nehmen das selbst in die Hand.«
Ich starrte ihn an.
»Der ganze Quatsch hier kommt raus.« Mit der Schulter schob er einen der Ballons weg.
»Und dann?«
Entschlossenheit machte sich auf seinem Gesicht breit. »Machen wir diese Hütte honeymoontauglich.«
»Wie stellst du dir das vor?« Meine Stimme schwankte zwischen Panik und Unglauben. »Es ist Freitagabend, und wir sind in einer Hütte in den Bergen.«
»Beaver Creek ist nicht weit. Da gibt es bestimmt ein paar Kerzen, die nicht nach Billigdeo riechen.«
»Es stinkt ganz schön, oder?«
Er nickte. »Am besten reißen wir erst mal alle Fenster auf. Ich unten, du oben?«
Ich willigte ein und machte mich auf den Weg in den ersten Stock. Über eine Treppe gelangte man auf eine Galerie, die einmal rundherum führte. Es gab ein Bad und vier Zimmer. Ryan und ich hatten immer im selben übernachtet, weshalb ich kurz innehielt, bevor ich die Klinke nach unten drückte. Anders als im Erdgeschoss roch es nicht nach Vanille, sondern nach Holz und frisch gewaschener Bettwäsche, weshalb ich die Tür rasch wieder zuzog. Auch die nächsten beiden Zimmer waren verschont geblieben. Das vierte hingegen …
»Ach du Scheiße!«, stieß ich lautstark hervor, als mein Blick auf die rote Satinbettwäsche fiel. Die beiden Schwäne, die jemand aus weißen Frotteetüchern gefaltet hatte und deren Hälse ein perfektes Herz formten. Die künstlichen Rosenblätter, die überall verstreut lagen. Die LED-Lichterkette, die um das Kopfteil gewickelt war. Ich konnte der Versuchung nur schwer widerstehen, herauszufinden, ob die Herzen blinkten, wenn man sie anschaltete.
»Oh, wow«, sagte Ryan, der hinter mir aufgetaucht war. »Das sieht aus wie …«
»Ja.«
»Immerhin stinkt es nicht nach Vanille.«
Ich machte einen Schritt ins Zimmer hinein und verzog das Gesicht. »Aber nach Rosen.«
»Das sind bestimmt diese Blütenblätter.«
Ich zog eins von der Bettdecke und roch daran. »Yep.«
»Okay, ich würde vorschlagen, du fährst nach Beaver Creek und …«
»Auf gar keinen Fall. Ich bin ewig nicht mehr Auto gefahren und hab nicht vor, in deiner Monsterkarre wieder damit anzufangen.«
»Aber … ich kenn mich nicht aus mit Deko.«
»Schlimmer kann’s nicht werden.«
Er war eindeutig nicht überzeugt.
»Kauf einfach ein paar Herbstblumen. Und Windlichter.« Ich überlegte. »Pumpkin-Spice-Kerzen! Aber nicht die billigen. Die stinken. Oh, und Müllsäcke!« Mit Daumen und Zeigefinger hielt ich ein künstliches Rosenblatt hoch. »Ganz wichtig.«
Mit einem Mal wirkte er unsicher. »Vielleicht solltest du besser mitkommen.«
»Quatsch, das kriegst du auch allein hin. Ich bezieh schon mal das Bett neu. Und dann fang ich an, die Luftballons zerplatzen zu lassen.«
»Du willst sie zerplatzen lassen?«
»Nicht alle. Vielleicht so … achtzig.«
Er lachte.
* * *
Es dauerte fast eineinhalb Stunden, bis Ryan aus Beaver Creek zurückkehrte, aber der Vorwurf, den ich ihm deswegen machen wollte, erstarb auf meinen Lippen. Mit roten Wangen und leicht zerzaustem Haar stand er vor der Tür. In der rechten Hand hielt er einen riesigen Herbststrauß. Dahlien, Chrysanthemen, Beerenzweige. Warmes Rot, gedämpftes Orange. Unter den linken Arm hatte er sich eine Kiste geklemmt.
»Die sind wunderschön«, sagte ich und nahm ihm die Blumen ab.
»Der Blumenladen hatte noch offen.«
Er trug die Kiste ins Wohnzimmer und blieb auf halbem Weg stehen, als würde er erst jetzt bemerken, dass der ganze Kitsch verschwunden war. »Wow.«
»Du warst eine Weile weg.«
»Sorry. Ich musste in drei verschiedene Läden für das Zeug. Und in einen vierten für das hier.« Er zog eine braune Papiertüte mit dem Logo einer Tex-Mex-Kette aus der Kiste.
»Du hast mir was zu essen mitgebracht?«
»Na ja, ich dachte, wir sind hier vermutlich noch länger beschäftigt.« Er begann, den Inhalt der Kiste auf dem Couchtisch auszubreiten. Kerzen, Streichhölzer, Windlichter, Cotton-Ball-Lichterketten, Pralinen, eine Flasche Sekt. Ich wollte ihn bereits loben, als er eine Packung Kondome aus der Kiste zog.
»Ernsthaft?«
Er grinste. »Was glaubst du, was Menschen so machen in ihren Flitterwochen?«
Ich verdrehte die Augen. »Die kommen aber bitte ins Nachtkästchen!«
»Nicht zu den Schwänen? Eigentlich wollte ich jedem eins in den Schnabel …«
Lachend duckte er sich weg, als ich ihm einen Klaps verpassen wollte.
»Es gibt übrigens keine Schwäne mehr«, rief ich ihm zu, als ich mich auf die Suche nach einer Vase begab. »Ich hab das Bett frisch bezogen und den Rest in Müllsäcke gestopft.«
»Sehr gut.«
Ich fand eine Keramikvase in einem der Schränke und versorgte die Blumen mit Wasser. Anschließend stellte ich sie auf den Couchtisch und drapierte ein paar Kerzen und die Pralinen daneben.
»Jetzt iss erst mal was«, bremste mich Ryan, als ich die Lichterkette auspacken wollte.
»Aber es ist gleich halb acht, und wir müssen …«
»Auf die zehn Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an.« Demonstrativ reichte er mir die Papiertüte. Ein himmlischer Duft wehte an meine Nase und ließ mich sofort kapitulieren. Ich wickelte den Burrito aus und setzte mich auf die Couch.
»Hm«, stöhnte ich genüsslich, nachdem ich den ersten Bissen genommen hatte.
Er schmunzelte. »Was macht dein Kater?«
»Beffer«, schmatzte ich mit vollem Mund.
»Gab es eigentlich einen Grund dafür, dass du dich so weggeschossen hast?«, fragte er vorsichtig.
Ich ließ mir Zeit mit dem Kauen. Als ich runtergeschluckt hatte, erwiderte ich: »Ist relativ normal an einem JGA. Solltest du eigentlich wissen.« Mit der Hand formte ich ein Telefon.
Er ignorierte meine kleine Spitze. »Du machst so was nur, wenn dich etwas bedrückt.« Ich spürte seinen prüfenden Blick auf mir. »Zumindest war es früher so.«
»Es ging nicht um dich oder das, was du zu Grayson gesagt hast«, log ich. »Eigentlich haben Fynn und ich die ganze Zeit über seinen Liebeskummer gesprochen.«
»Fynn hat Liebeskummer?«
»Hmmm. Wegen Olly.«
Ryan riss die Augen auf. »Olly … Walsh?«
Ich nickte.
»Also ist Fynn …?«
»Schwul. Oder bi. Das weiß ich nicht. Aber er ist definitiv in Olly verliebt.« Ich lachte, als ich Ryans grenzenlose Irritation sah.
»Und Olly?«
»Ich glaube, er ist auch in Fynn verliebt, aber zu gekränkt, um sich das einzugestehen.«
»Gekränkt? Warum gekränkt?«
»Das ist eine lange Geschichte«, seufzte ich. »Und um ehrlich zu sein, hab ich auch da ein paar Lücken.« Ich rümpfte die Nase. »Aber jetzt, wo ich erfahren habe, dass Fynn zur Hochzeit eingeladen ist, hab ich einen Plan.«
Er hob die Brauen. »Was denn für einen Plan?«
»Ich tausche die Platzkarten und sorge dafür, dass er und Olly nebeneinandersitzen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Dann müssen sie miteinander reden.«
Er nickte. »Stark. Schlag das unbedingt für den nächsten G20-Gipfel vor. Ich meine, wir müssen nur Trump neben …«
Spielerisch boxte ich ihm in den Oberarm. »Fynn will einfach nur, dass Olly sich anhört, was er zu sagen hat. Und dabei werde ich ihm helfen.« Entschlossen reckte ich das Kinn. »Das wird meine letzte Mission, bevor ich zurück nach Berlin fliege.«
Ein Schatten legte sich über seine Züge, und ich spürte, wie die Stimmung umschlug. Jedes bisschen Leichtigkeit zwischen uns verschwand.
»Viel Glück dabei«, sagte er leise.