Kapitel 43 - New Memories
By Lilly Lucas
Während Ryan die Müllsäcke zum Auto trug, brachte ich die Lichterkette im Schlafzimmer an und stellte ein paar Kerzen auf. Ich verstaute die Schachtel Kondome im Nachtkästchen, schloss das Fenster und drehte die Heizung auf. Die frische Luft hatte den Rosengestank erfolgreich vertrieben. Nur war es jetzt eiskalt im Zimmer. Nachdem ich mich versichert hatte, dass alles zu meiner Zufriedenheit war, machte ich mich auf den Weg ins Erdgeschoss. Auf der Hälfte der Treppe klingelte mein Smartphone. Es war Will.
»Hey, ist Izzy bei dir? Ich erreiche sie nicht.« Er klang ein wenig gestresst.
»Nein, ich bin noch in der Hütte. Ist alles okay?«
»In der Hütte?«
»Mit Ryan«, antwortete ich und stellte erst mit Verzögerung fest, dass er irgendwie … überrascht geklungen hatte.
»Er hat dich mitgenommen?«
Ich stutzte. »Du wolltest doch, dass ich mitkomme.«
Am anderen Ende der Leitung war es verdächtig still. »Ja. Stimmt.« Will räusperte sich. »Wie ist die Lage? Denkst du, Izzy gefällt es?«
Ich durchschaute das Ablenkungsmanöver sofort. Trotzdem antwortete ich: »Alles super. Sie wird es lieben.«
»Es ist nicht zu kitschig?«, versicherte er sich.
»Nein, es ist … äh … sehr … geschmackvoll.«
Ich vernahm Schritte im Erdgeschoss. Das Quietschen der Verandatür.
»Puh, da bin ich erleichtert. Mir ist die Idee erst vor ein paar Tagen gekommen, und das war der einzige Anbieter, der so kurzfristig noch Kapazitäten hatte.«
»Hmmm«, machte ich und kniff die Augen zusammen.
»Okay, dann versuch ich es mal bei Izzys Eltern. Vielleicht wissen die, wo sie steckt.«
»Gibt’s ein Problem?«
»Nein, nein. Sam hatte nur noch ein paar letzte Fragen zum Menü.«
»Ach so.«
Wir verabschiedeten uns. Das Smartphone in der Hand, blieb ich noch einen Moment auf der Treppe stehen. Ryan hatte mich also angelogen. Will hatte ihn nie darum gebeten, mich mit hierher zu nehmen. Aber warum hatte er das behauptet? Wegen unseres Streits heute Morgen? War es ein Vorwand gewesen, um noch einmal mit mir darüber reden zu können? Er hatte vorhin einen Versuch unternommen, erinnerte ich mich. Als ich den Burrito gegessen hatte. Aber sonderlich hartnäckig war er nicht gewesen. Ich runzelte die Stirn. Dann nahm ich die letzten Treppenstufen und machte mich auf die Suche nach ihm. Ich fand ihn auf der Veranda. Übers Geländer gelehnt, nippte er an einer Dose Dr. Pepper und stierte in den Nachthimmel.
»Hier bist du.«
Ich trat neben ihn, ließ aber einen kleinen Abstand.
»Der Himmel ist gesprächig heute Abend«, sagte er.
»Hm?«
»Sternschnuppen.«
Mit den Augen folgte ich seinem Zeigefinger hinauf zum Himmelszelt, aber ich sah nur Dunkelheit, durchzogen von Sternen.
»Hast du eine gesehen?«
»Sogar zwei.«
»Hast du dir was gewünscht?«
Er nickte nur.
»Also … ich hab gerade mit Will telefoniert.« Ich beobachtete sein Profil, nahm aber keine Regung in seinem Gesicht wahr. »Er hat nie darum gebeten, dass ich mit dir hierherkomme, oder?«
Ryan schwieg.
»Warum hast du das behauptet?«, fragte ich sanft, nicht vorwurfsvoll.
Eine Sekunde Stille. Zwei. Drei.
»Du hast mich falsch verstanden.«
Ich schnaubte. »Nein, hab ich nicht. Du hast gesagt, Will hätte …«
»Mein Gespräch mit Grayson.« Er sah mich direkt an. »Du hast mich falsch verstanden.«
Gefühlt atmete ich nicht mehr, bis er weitersprach.
»Ich hab gesagt, dass ich froh bin, wenn du wieder weg bist, ja. Aber nicht, weil ich dich nicht hier haben will.« Er schloss einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, umspielte ein verzweifeltes Lächeln seine Lippen. »Sondern weil ich dich hier haben will.«
Mit großen Augen sah ich ihn an.
»Ich will dich viel zu sehr hier haben, Lena. Und das killt mich. Es macht mich fertig. Dass ich … bei jeder Autofahrt nach deiner Hand greifen will. Mich ständig davon abhalten muss, dir … über die Wange zu streichen. Dass ich nachts wach liege und mich frage, wie sich diese«, er machte eine vage Geste, »Ponyfransen anfühlen.« Er sah mich an, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit er mir noch zumuten konnte. »Dass ich nicht neben dir sitzen kann, ohne deinen Fuß anstupsen zu wollen. Nicht neben dir stehen kann, ohne mir zu wünschen, du würdest dich an mich lehnen. Und dass ich dich nicht – nein, nie – ansehen kann, ohne dich küssen zu wollen.«
Ich holte Luft, aber mein Atemzug blieb irgendwo zwischen meinen Rippen stecken.
»Also ja, ich bin froh, wenn du wieder weg bist, Lena. Weil es verdammt noch mal so viel leichter ist, dich zu vermissen, wenn du nicht bei mir bist.«
Ich schluckte schwer und starrte ihn an.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. »Fuck!« Er griff sich mit zwei Fingern an die Nasenwurzel und schloss die Augen. Ließ den Kopf auf eine Weise hängen, die mein Herz krampfen ließ.
»Hey«, flüsterte ich und legte meine Hand auf seine Schulter. »Ist in Ordnung.«
Abrupt fuhr er hoch. »Es ist nicht in Ordnung. Du bist mit jemandem zusammen, Lena.«
»Bin ich nicht.« Es kam leise, fast gehaucht aus meinem Mund, aber er sah mich an, als hätte ich eine Bombe vor seiner Nase detonieren lassen. »Justus und ich sind nicht mehr zusammen.« Es endlich auszusprechen, fühlte sich gut und befreiend an. Trotzdem schien mein Herzschlag einen Moment auszusetzen.
Ryan blinzelte. »Seit wann?«
»Schon seit einer Weile.«
Grenzenlose Verwirrung sprach aus seinem Gesicht. »Aber er hat gesagt … In der Sprachnachricht … Er meinte, er vermisst dich.«
»Beides ist möglich, oder? Nicht mehr zusammen zu sein und«, ich lächelte traurig, »jemanden zu vermissen.«
»Warum … Du …« Ich konnte sehen, wie es in seinem Kopf ratterte. Sein Mund schloss sich, um sofort wieder aufzugehen. »Du hast es nicht richtiggestellt.« Es klang eher verwirrt als vorwurfsvoll. Trotzdem wich ich seinem Blick aus.
»Ich wollte es richtigstellen. Mehrmals. Aber dann dachte ich, es wäre einfacher so.«
»Einfacher«, wiederholte er stirnrunzelnd.
»Ich wollte mich schützen.«
»Vor mir?«, kam es gekränkt zurück.
»Nein. Vor mir.«
Aufgewühlt blinzelte er.
»Erinnerst du dich an den Abend, als du bei mir geklopft hast und ich mein Brautjungfernkleid anhatte?«
»Ob ich mich daran erinnere? Es verfolgt mich in meinen Träumen.«
Ich schmunzelte. »Du hast gesagt, du wolltest mich küssen.«
»Ja!«
»Ich wollte das auch.«
Überrascht sah er mich an.
»Dass du mich küsst. Ich wollte es auch. Und das hat mir Angst gemacht.«
»Warum?«
Ich lächelte traurig. »Vielleicht, weil mir klar geworden ist, dass es so viel leichter ist, dich zu vermissen, wenn du nicht bei mir bist.«
Auf seinem Gesicht wechselten sich eine Reihe unterschiedlicher Emotionen ab, so schnell, dass ich sie nicht alle greifen konnte. Da war Überraschung und Freude, Verwirrung und Rührung. Und – am deutlichsten von allen – Sehnsucht.
»Willst du es immer noch?«, fragte er mit erstickter Stimme.
Mein Herz hämmerte unkontrolliert in der Brust.
»Dass ich dich küsse. Willst du … das immer noch?«
»Ja«, hauchte ich zittrig.
Ich rechnete damit, dass er mich an sich ziehen und seine Lippen auf meine drücken würde. Schnell und ungestüm, voll unterdrückter Sehnsucht. Aber nichts dergleichen passierte. Als wollte er mir Zeit lassen, meine Entscheidung zu revidieren, hob er die Hand und legte sie an meine Wange. Ich schloss die Augen und lehnte mich in die Berührung. Genoss die Wärme seiner Handfläche. Spürte, wie sein Daumen langsam über meine Haut strich. Mein Herz begann zu rasen, und meine Knie wurden so weich, dass ich Angst hatte, sie würden mich nicht länger tragen. Als er meinen Mund an seinen zog, sich unsere Lippen berührten, war es, als hätten sie sich nur verloren, um sich in diesem Moment wiederzufinden. Als würde etwas erwachen, das nie geschlafen hatte. Als wäre ich … nach Hause zurückgekehrt. Ich spürte Sehnsucht, die nie verschwunden war, und Nähe, die sofort wieder da war.
»Gott, du hast mir gefehlt«, stöhnte er und ließ seine Stirn gegen meine sinken.
»Du hast mir auch gefehlt.«
Ein paar Herzschläge lang verweilten wir so. Dann löste er sich von mir, gerade genug, um mir in die Augen zu sehen. »Ich dachte, ich würde dich nie wieder küssen.«
Mein Herz zog sich zusammen. Wie oft hatte ich denselben Gedanken gehabt? »Ich auch. Und alles daran hat sich falsch angefühlt.«
Ich presste meine Lippen auf seine. Nicht mehr sanft. Nicht mehr vorsichtig. Ich küsste ihn mit all der Sehnsucht, die sich in den letzten Jahren angestaut hatte. Mit all den unterdrückten Gefühlen der vergangenen Tage. Ich packte alles, was ich fühlte, in diesen Kuss. Hielt nichts zurück. Seine Hand wanderte in meinen Nacken, und er zog mich an sich und vertiefte den Kuss. Seine Zunge drang in meinen Mund vor, und ich stöhnte, weil ich noch nie etwas Besseres geschmeckt hatte. Zufrieden lächelte er an meinen Lippen, bevor er sie zwischen seine Zähne saugte und an ihnen knabberte. Ich schob die Hände unter sein Shirt und strich über die Muskeln an seinem Rücken. Er keuchte auf, und ich drückte ihn fester an mich, bis ich seine Lust nicht nur hörte, sondern auch spürte. Mit beiden Händen packte er meinen Hintern und hob mich hoch. Ich schlang die Beine um seine Hüfte und prallte im nächsten Moment mit dem Rücken gegen die Holzfassade. Aber der Schmerz hielt keine Sekunde an. Vielmehr verwandelte er sich in Verlangen. Irgendwo in meinem Hinterstübchen blitzte die Frage auf, ob wir vielleicht erst einmal in Ruhe reden sollten, bevor wir diesen Weg einschlugen, aber dann ließ Ryan seine Zunge so tief in meinen Mund gleiten, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mein Herz raste und pumpte etwas durch meinen Körper, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Eine Mischung aus Zuneigung, Verlangen und Vertrautheit.
Wir schafften es nur mit mehreren Zwischenstopps ins Schlafzimmer. Den ersten legten wir im Wohnzimmer ein, wo wir auf dem Sofa rumknutschten und die ersten Kleidungsstücke loswurden. Als es uns zu unbequem wurde, taumelten wir zur Treppe und tauschten fiebrige Küsse, während wir die Stufen erklommen. Oben angekommen, zerrten wir uns auf dem Weg ins Schlafzimmer die verbliebenen Kleidungsstücke vom Leib. Die restlichen paar Meter zum Bett trug er mich. Sanft legte er mich auf der Matratze ab und blieb einen Moment am Fußende stehen. Betrachtete meinen Körper.
»Du bist genauso schön wie in meiner Erinnerung.«
»Und du bist kitschiger als in meiner Erinnerung«, zog ich ihn auf. Ein erbärmlicher Versuch zu überspielen, dass mein Herz dahinschmolz.
Er grinste, und dann brauchte es keine Worte mehr. Nur noch unsere Lippen, die sich berührten, unsere Hände, die sich verschränkten, und unsere Körper, die sich vereinten.
Genau hier in diesem Zimmer hatten wir zum ersten Mal miteinander geschlafen. Es war nicht geplant gewesen. Eher die Folge eines hitzigen Streits. Ich hatte Ryan provoziert, und er war mir nachgegangen, um mich zur Rede zu stellen. Wir hatten uns angezickt und angeschrien, bevor wir regelrecht übereinander hergefallen waren. Es war großartig gewesen, aber schnell und ungestüm.
Diesmal ließen wir uns Zeit und kosteten jede Sekunde aus. Es ging uns nicht darum, schnell anzukommen, sondern den Weg dorthin zu genießen. Jeden Kuss, jede Berührung, jedes Streicheln. Wir erkundeten uns und entdeckten Bekanntes und Unbekanntes. Narben, die schon da gewesen, Muttermale, die neu hinzugekommen waren.
Als ich auf seiner bebenden Brust zusammenbrach, seinen Namen noch auf den Lippen, fühlte es sich an, als ob mein Herz vor lauter Emotionen zerspringen würde. Ich merkte erst, dass sich eine Träne aus meinem Augenwinkel gelöst hatte, als er sie wegküsste.
»Alles okay?«, fragte er schwer atmend. Sorgenvoll huschten seine Pupillen über mein Gesicht.
»Ja«, krächzte ich und lächelte. »Ich hatte nur vergessen, wie es sich anfühlen sollte.«