Kapitel 45 - New Memories
By Lilly Lucas
Der schrille Ton meines Weckers riss mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Als ich nach meinem Smartphone tastete, um ihn auszuschalten, schauderte ich. Über Nacht war das Zimmer ausgekühlt. Oder es lag daran, dass ich allein im Bett war. Ich legte meine Hand auf die Kuhle, die Ryans Körper in der Matratze hinterlassen hatte, und stellte fest, dass das Laken kalt war. Er musste bereits vor einer Weile gegangen sein. Ob er im Bad war und duschte? Ich richtete mich auf und lauschte, aber da war kein Gluckern in den Rohren. Vielleicht machte er uns Kaffee. Früher hatten wir die erste Tasse immer zusammen im Bett getrunken. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht. Ich nahm sein Kopfkissen und presste es auf mein Gesicht. Es roch nach ihm. Nach seinem Shampoo, seinem Parfum, seiner Haut. Und es dämpfte ganz wunderbar das sehnsüchtige Seufzen, das ich ausstieß, als die Bilder des vergangenen Abends vor meinem inneren Auge aufpoppten.
Als Ryan zehn Minuten später immer noch nicht aufgetaucht war, schwang ich die Beine aus dem Bett, schlüpfte in meine Klamotten vom Vortag und machte mich auf die Suche nach ihm. Ich fand ihn im Erdgeschoss, wo er gedankenversunken am Küchenblock lehnte, in den Händen eine Kaffeetasse. Mit einem gemurmelten »Guten Morgen« machte ich auf mich aufmerksam. Er zuckte ganz leicht zusammen, drehte den Kopf in meine Richtung und … lächelte. Und dieses Lächeln, Gott, es sorgte dafür, dass ich ihn sofort wieder ins Schlafzimmer ziehen wollte.
»Hey Schlafmütze.« Das deutsche Wort klang ein kleines bisschen ulkig aus seinem Mund. Und ein großes bisschen hinreißend. Leonie hatte es ihm damals beigebracht, als wir Sams Geburtstag in der Hütte gefeiert hatten.
»Wie lange bist du schon wach?«, fragte ich.
»Eine Weile. Ich wollte dich nicht wecken. Schönheitsschlaf und so.«
»Hat er was gebracht?« Übertrieben kokett klimperte ich mit den Wimpern.
»Ich weiß nicht.« Er kam auf mich zu. »Müsste ich mir genauer ansehen.« Er blieb direkt vor mir stehen, nahe genug, dass ich den Kaffee in seinem Atem roch. Unverhohlen wanderten seine Augen über mein Gesicht, und mir wurde ein wenig schwindelig. »Ich würde jetzt gerne da weitermachen, wo wir heute Nacht aufgehört haben.«
»Ich auch.« Es kam sehnsüchtig aus meinem Mund.
Sein Blick wurde ernst. »Aber vorher sollten wir vermutlich mal reden.«
Ich nickte und schluckte. Spürte förmlich, wie die Realität in den Raum drängte und die Leichtigkeit vertrieb. Aber er hatte recht. Wir mussten über letzte Nacht reden. Was sie bedeutete. Was sie uns bedeutete. Und für uns.
»Aber nicht jetzt.« Er schielte auf die Uhr. »Wir müssen uns beeilen, wenn du pünktlich zu diesem … Getting Ready sein willst.«
»Ja«, stimmte ich ihm zu, und ein Teil von mir war erleichtert über den Aufschub. Ein anderer stellte die unbequeme Frage »Wann dann?«. Mein Flieger nach Berlin ging bereits am Montag. Uns blieben nur noch zwei Tage. Panik gesellte sich zu den Schmetterlingen in meinem Bauch.
»Musst du noch ins Bad?«, fragte er, als könnte es ihm plötzlich nicht schnell genug gehen.
»Ich würd mir gern kurz den Mund ausspülen.«
»Im Schrank sind Gästezahnbürsten.«
»Ah, das ist gut.«
»Soll ich dir noch einen Kaffee für die Fahrt machen?«, fragte er, als ich schon auf dem Weg nach oben war.
»Das wär toll.«
Im Eilverfahren putzte ich mir die Zähne und klatschte mir eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht. Mein Haar bändigte ich mit einem Scrunchy, das ich noch in der Hosentasche hatte. Das musste reichen. Als ich das Bad verließ, stand die Tür zum Schlafzimmer offen. Ryan hatte das Bettzeug bereits zur Hälfte abgezogen. Das Laken lag zerknüllt auf dem Boden. Etwas in mir zog sich zusammen bei diesem Anblick. Dabei war es anständig von ihm, den Raum in seinen ursprünglichen Zustand zu bringen. Aber es führte mir auch vor Augen, dass unsere gemeinsame Nacht schon jetzt der Vergangenheit angehörte.