Kapitel 46 - New Memories
By Lilly Lucas
Das muss Lena sein«, hörte ich jemanden rufen, nachdem ich auf die Klingel gedrückt hatte. Schnelle Schritte näherten sich. Leonie öffnete mir die Tür und trällerte mit einem Sektglas in der Hand: »Guten Morgen!« Ihr blondes Haar steckte in Lockenwicklern, und sie hatte einen Jogginganzug an anstelle ihres Brautjungfernkleids.
»Hey«, begrüßte ich sie ein wenig abgehetzt und trat über die Schwelle. Ich war spät dran, weil Ryan mich erst um neun Uhr am Golden Leaf abgesetzt hatte. Dann war auch noch mein Föhn kaputtgegangen, und ich hatte meine nassen Haare an der Luft trocknen lassen müssen.
Im Flur roch es nach Kaffee, Parfum und Haarspray. Der Geruch verdichtete sich, als ich Leonie ins Wohnzimmer folgte, wo ein heilloses Durcheinander herrschte. Rebecca saß auf dem Sofa und kümmerte sich um Annies Frisur. Am Esstisch, der übersät mit Kosmetiktäschchen, Haarnadeln, Pinseln und Lippenstiften war, bekam Izzy gerade ihr Braut-Styling von Aubree, und aus den Boxen drang ein Song von Lady Gaga.
»Lena!« Izzys Augen schnellten zu mir, wofür sie sich sofort einen Rüffel von Aubree einfing, die gerade Lidschatten auftrug.
»Sorry, dass ich zu spät bin. Mein Föhn hat den Geist aufgegeben.« Ich rümpfte die Nase und deutete auf meine ungleichmäßigen Wellen. »Kriegst du das in den Griff?«, fragte ich Aubree, die angeboten hatte, mich zu frisieren.
»Hallo? Ich hab es mit denen hier aufgenommen.« Sie zeigte auf Izzys Dreadlocks, die sie am Oberkopf locker nach hinten gebunden hatte. An den Schläfen waren zartrosa Blüten und etwas Grün ins Haar eingearbeitet.
»Ich hab mich doch dagegen entschieden, sie hochzustecken«, sagte Izzy. »Sie gehören einfach zu mir, und ich würde mich irgendwie nackt fühlen.«
»Es sieht wunderschön aus.« Ich schickte einen lobenden Blick in Aubrees Richtung.
»Hier.« Leonie drückte mir ein Sektglas in die Hand, das ich zögerlich entgegennahm.
»Ich hab noch gar nichts gefrühstückt.«
»Klingt, als hättest du einen stressigen Morgen gehabt«, bemerkte Izzy mit einem fragenden Unterton.
Ehe ich antworten konnte, rief Annie mir vom Sofa aus zu, dass ich mich an den Bagels bedienen konnte, die in einer Tüte auf dem Tisch lagen.
»Wie war die Nacht?«, fragte ich Izzy. »Konntest du halbwegs schlafen?«
»Eigentlich schon. Ich hab nur Will vermisst.«
Kaum hatte sie es ausgesprochen, schallte ein Chor aus foppenden »Oooohs« durchs Wohnzimmer.
»Haha … Ich bin es eben nicht mehr gewohnt, allein zu schlafen.«
»Hat Will auf der Ranch übernachtet?«, fragte ich und biss in einen Blueberry Bagel.
Izzy nickte. »In seinem alten Kinderzimmer.«
»Wie süß«, bemerkte Aubree, die inzwischen Izzys Wimpern tuschte.
»Woher kannst du das eigentlich?«, fragte ich sie.
»Meine Mom hat einen Friseursalon in Avon. Wir hatten oft Bräute zum Frisieren und Schminken da, als ich klein war.«
»Aber du wolltest nicht in ihre Fußstapfen treten?«
»Gott, nein.« Sie lachte. »Das wäre nichts für mich gewesen. Aber ab und zu macht es mir einfach Spaß.«
»Es sieht jedenfalls aus wie vom Profi.«
Alle stimmten mir zu.
»Sollte ich mal heiraten, bist du auf jeden Fall gebucht«, sagte Leonie.
»Dito«, riefen Rebecca und Annie.
»Hauptsache, wir treffen uns wieder vorher.« Izzy blickte glücklich in die Runde. »Dich lassen wir dann natürlich einfliegen, Lena.«
Ich zwang mir ein Lächeln ins Gesicht, obwohl sich alles in mir zusammenzog. Blöderweise kannte mich Izzy viel zu gut.
»Ist alles okay?«, fragte sie und runzelte die Stirn. »Du wirkst ein bisschen … durch den Wind.«
Ertappt sah ich auf. Gegen meinen Willen kroch Hitze meinen Hals empor. »Ich hab letzte Nacht mit Ryan geschlafen«, platzte es aus mir heraus.
Eine Sekunde war es still. Dann brach die Hölle los. Alle redeten durcheinander und auf mich ein. Viel zu schrill und viel zu laut. »Du hast was?!« »Mit Ryan?« »Ich wusste es!« »Oh mein Gott, was?« »War das geplant?« »Und jetzt?« Während sie wild spekulierten und sich gegenseitig unterbrachen, überkam mich ein schlechtes Gewissen, weil ich so in den Fokus gerückt war, und das an Izzys großem Tag.
»Tut mir leid, ich hätte das für mich behalten sollen«, stöhnte ich und kniff die Augen zusammen. »Du heiratest heute, und es sollte um dich …«
»Machst du Witze? Das ist das beste Hochzeitsgeschenk, das du mir machen konntest. Ich meine … du und Ryan … wieder vereint.« Gerührt führte sie sich zwei Finger an die Lippen. »Ich hatte so gehofft, dass ihr …«
»Stoppstoppstopp«, unterbrach ich sie schweren Herzens. »Wir sind nicht wieder zusammen.«
Ihre Euphorie bekam einen sichtbaren Dämpfer.
»Letzte Nacht, das war … nicht geplant. Und wir haben noch nicht darüber geredet, was es bedeutet. Dafür war heute Morgen keine Zeit.«
Alle Augen im Raum waren auf mich gerichtet.
»Aber würdest du es denn wollen?«, fragte Leonie vorsichtig. »Würdest du es gerne noch mal mit ihm versuchen?«
Ich hasste diese Frage, weil sie so simpel war und doch alles in mir durcheinanderbrachte.
»Es geht nicht nur darum, ob ich es will. Mein Leben ist in Berlin, und seins ist hier … Und ich fliege übermorgen zurück und …« Mein Herz schlug auf einmal so schnell, dass ich es im ganzen Körper spürte, und ich hatte das dringende Bedürfnis, Luft zu holen.
»Atmen!«, sagte Annie.
»Trinken!«, sagte Leonie. Zum zweiten Mal an diesem Vormittag drückte sie mir ein Glas Sekt in die Hand. Ich kippte es in einem Zug hinunter.
»Warum ist unser Timing immer so dermaßen beschissen? Es ist, als würde sich das Universum jedes Mal denken: Oh, sie lieben sich. Na, dann mach ich’s mal kompliziert.«
»Du liebst ihn noch?«, fragte Izzy und sah aus wie dieses Emoji mit den tränenfeuchten Augen.
»Natürlich lieb ich ihn noch«, seufzte ich.
»Oooh«, kam es verzückt von Leonie und Rebecca. Als hätten sie gerade die romantischste Szene eines Films gesehen.
Ich konnte nicht anders und musste lächeln. Auch wenn ich mich fragte, ob das der Moment war, in dem alles gut wurde oder das Drama erst begann.
Als wir alle geschminkt und frisiert waren, zogen wir uns um. Es war das erste Mal, dass ich die Kleider der anderen sah, und ich war absolut hingerissen. Irgendwie war es Mrs. Walsh gelungen, sechs Kleider zu schneidern, die sowohl Einheit als auch Individualität ausstrahlten. Alle waren sie beerenrot und aus Satin, aber es gab Unterschiede beim Ausschnitt, den Ärmeln und der Länge.
Als Izzy schließlich das Wohnzimmer betrat, hielten wir alle kollektiv die Luft an. Sie lächelte ein wenig verlegen, und in ihrem Blick lag so viel gleichzeitig. Anspannung, Nervosität, Unruhe, Freude, Überwältigung.
»Wow!« Rebecca hielt sich die Hand vor den Mund.
»Izzy«, hauchte ich verzückt, als ich meine Freundin in ihrem Brautkleid sah.
Der Stoff schimmerte elfenbeinfarben und passte perfekt zu ihrem Teint. Das Oberteil bestand aus floraler Spitze. Der V-Ausschnitt war tief und elegant. Die Ärmel waren ebenfalls aus Spitze und weiteten sich ab dem Ellbogen trichterförmig. Die Taille wurde von einem schmalen Band betont, bevor der Rock in fließenden Lagen nach unten fiel.
»Das ist das schönste Brautkleid, das ich je gesehen habe«, sagte Aubree, und ich konnte ihr nur zustimmen. Es war perfekt. Stimmig bis ins Detail. Izzy trug nicht nur ein Kleid. Sie trug ihr Kleid.
»Dreh dich mal!«
Izzy kam Leonies Bitte nach und präsentierte uns die Rückseite des Kleids, die nicht weniger spektakulär daherkam. Ein tiefer Ausschnitt, fast bis zur Taille. Bewunderndes Raunen ging durchs Wohnzimmer.
»Darf ich?« Annie deutete an, den Stoff berühren zu wollen.
Izzy lächelte. »Klar.«
Annies Finger glitten über die Spitze. So vorsichtig, als hätte sie Angst, etwas kaputt zu machen.
Wir standen noch eine Weile um die Braut herum und bestaunten ihr Kleid, als es an der Tür klingelte.
»Das ist mein Bruder.« Zum ersten Mal an diesem Vormittag klang Izzy nervös.
»Bist du bereit?«, fragte ich.
Sie atmete einmal tief durch und nickte. Wir setzten uns alle in Bewegung und begleiteten sie in den Flur. Es war zu eng für uns, aber das kümmerte niemanden. Die Tür wurde geöffnet, und ein völlig perplexer Olly stand uns gegenüber. Er trug eine schwarze Anzughose, dazu ein T-Shirt, das so bedruckt war, dass es wie eine Smokingjacke aussah.
»Äh …«, machte er und hob die Brauen.
Wir traten zur Seite und gaben den Blick auf die Braut frei. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Wurde ganz weich. Ein bisschen gerührt. »Wow«, sagte er. Dann trat er einen Schritt vor und hielt ihr den Arm hin. »Wollen wir?«