Kapitel 47 - New Memories
By Lilly Lucas
Ein paar Minuten später brach auch der Rest von uns auf. Wir waren die ersten Gäste, die an der Scheune eintrafen. Nur die Familien von Izzy und Will waren bereits vor Ort und wuselten umher. Izzys Eltern rückten Stühle zurecht, und Mr. und Mrs. Albright waren am Traubogen zugange, der wunderschön geschmückt war. Ein halb transparenter weißer Stoff war lose über den oberen Balken drapiert. Ergänzt wurde das Ganze von einem herbstlichen Blumenarrangement, das perfekt zur Farbe unserer Brautjungfernkleider passte.
»Ihr seht ja umwerfend aus!«, sagte Mrs. Albright und führte die Hand zur Brust. »Da hast du dich wirklich selbst übertroffen, Karen!«
Bescheiden winkte Izzys Mutter ab, aber man sah ihr an, wie viel ihr das Kompliment bedeutete.
»Sie beide sehen aber auch toll aus«, lobte Rebecca die Frauen, und wir nickten zustimmend. Mrs. Albright hatte sich für ein smaragdgrünes Seidenkleid mit Blousonärmeln entschieden. Izzys Mutter trug ein florales Etuikleid mit Blazer. Wir tauschten uns noch kurz über unsere Outfits und Frisuren aus, dann löste sich die Runde auf, weil Rebecca zum Soundcheck gerufen wurde und Leo und Grayson eintrafen. Ich nutzte den Moment, um mich davonzustehlen.
Die Scheune war kaum wiederzuerkennen. Zwei lange Tafeln liefen parallel auf die provisorische Tanzfläche zu, wo ein Mikrofonständer mit Boxen bereitstand. Bedeckt waren die Tische mit hellen Leinentüchern, die sanft zu Boden fielen. Die Deko bestand aus Kerzen, Windlichtern und dezent arrangierten Wildblumen. Kreuz und quer durch die Scheune waren Lichterketten gezogen. Noch waren sie ausgeschaltet, aber ich konnte mir vorstellen, wie wunderschön es am Abend aussehen würde. Ich stieß einen verzückten Laut aus, bevor ich mich wieder daran erinnerte, warum ich hergekommen war.
»Wo seid ihr?«, murmelte ich und begab mich auf die Suche nach den Tischkarten von Olly und Fynn. Ich lief die Tafel ab und ließ den Zeigefinger über die Namenskarten gleiten. Annie … Cole … Elara … Noah … Rebecca … Leo … Fynn. Ich stibitzte seine Karte und beugte mich über den Tisch, um sie mit meiner zu tauschen.
»Du ziehst das echt durch, hm?«
Ich erschrak so sehr, dass ich mich mit der Hand auf der Tischplatte abfangen musste und fast eine Vase umwarf. Mein Kopf schnellte zum Eingang der Scheune, wo Ryan stand, die Arme vor der Brust verschränkt, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. Er trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd, der aussah, als wäre er ihm auf den Leib geschneidert worden. Seine Schultern wirkten breit, aber nicht zu breit, und seine Oberarme füllten die Ärmel des Sakkos genau im richtigen Maß aus. Auch die Anzughose saß perfekt und betonte seine schmalen Hüften und die langen Beine. Sein Bart war getrimmt, und er hatte sein Haar mit etwas Gel in Form gebracht. Zum Niederknien, seufzte eine Stimme in meinem Hinterkopf.
»Erschreck mich doch nicht so«, murrte ich – hauptsächlich, um zu überspielen, wie sehr mich sein Anblick umhaute. Ich richtete mich auf und zupfte mein Kleid zurecht. Als ich den Kopf hob, sah ich, dass seine Augen auf mich gerichtet waren. Das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden und mit ihm jede Spur von Lässigkeit. Seine Pupillen flitzten von meinen Augen zu meinem Mund zu meinem Kleid und wieder zurück. 1:1, säuselte die Stimme in meinem Hinterkopf und ließ meine Mundwinkel verräterisch zucken.
»Ist was?«, fragte ich unschuldig.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf und räusperte sich. »Nein.« Dann bückte er sich nach etwas, das neben ihm im Schatten des Tors stand.
Ich blinzelte. »Ist das …?«
»Joe konnte ihn reparieren.« Mit dem Schlitten in den Armen kam er auf mich zu. Zwei Dinge fielen mir gleichzeitig auf: die rote Geschenkschleife, die er um die Sitzfläche gebunden hatte, und dass Ryan fantastisch roch. Ein herber, intensiver Männerduft, der mich kurz vergessen ließ, was ich hatte sagen wollen.
»Der sieht ja aus wie neu.«
»Joe hat die Latten ersetzt und den Rost von den Kufen entfernt.«
»Wow«, hauchte ich und strich über die Sitzfläche.
Er sah sich um. »Mrs. Walsh hat einen Geschenketisch erwähnt. Weißt du, wo der ist?«
Ich machte eine entsprechende Daumenbewegung. »Vielleicht hol ich mein Geschenk auch noch schnell aus Aubrees Kofferraum«, dachte ich laut vor mich hin.
Ich befand mich bereits auf dem Weg nach draußen, als er meinen Namen sagte. Ich drehte den Kopf und sah ihn lächeln.
»Du siehst toll aus.«
Mein Herz machte einen verräterischen Satz. »Du siehst auch toll aus. Für jemanden, der nur duschen und in einen Anzug schlüpfen musste.« Ich zwinkerte, und er stieß ein Lachen aus.
Nachdem ich mein Geschenk auf dem Gabentisch abgestellt hatte – inzwischen lag dort auch eine offene Pizzaschachtel, in der jemand kreisförmig Zehn-Dollar-Scheine angeordnet hatte –, mischte ich mich unter die Gäste. Noah und Elara waren eingetroffen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Noah arbeitete für die NASA und erzählte mir von einem spannenden Dokumentarfilmprojekt, in das er involviert war. Elara unterrichtete an einer Highschool und schwärmte von den Kids. Sie waren kürzlich in ihr eigenes Haus gezogen, das sie, wie sie scherzten, für den Rest ihres Lebens abbezahlen würden. Die beiden wirkten unfassbar glücklich, und mir entging nicht, dass Elara immer wieder mit dem Diamantring an ihrem linken Finger spielte, während sie sprach. Als müsste sie sich erst noch daran gewöhnen. Die Vorstellung, dass Noah ihr womöglich einen Antrag gemacht hatte, erfüllte mich mit purer Freude. Die beiden waren ein wunderschönes Paar und hatten einige Herausforderungen meistern müssen, ehe sie ihr Happy End bekommen hatten.
Auch im Gespräch mit Cole und Annie hatte ich das Gefühl, dass der nächste Schritt bevorstand. Vielleicht lag es daran, dass sie die Augen nicht voneinander nehmen konnten. Oder daran, dass Cole nicht müde wurde, von den dreijährigen Zwillingen zu schwärmen, mit denen er in Neuseeland gedreht hatte.
»Ich glaube, wir sollen unsere Plätze einnehmen«, sagte ich, als ich auf Izzys Mutter aufmerksam wurde, die mir ein Zeichen gab.
»Wir haben ja noch den ganzen Abend Zeit«, sagte Cole entspannt.
Ich erwiderte sein Lächeln, konnte aber nicht leugnen, dass ein Teil von mir erleichtert war, nicht weiter in den Spiegel blicken zu müssen. Den Spiegel, den mir meine Freunde unbeabsichtigt vorhielten. In dem nichts von alledem zu sehen war. Kein Partner, keine Kinder, kein Haus, kein erfüllender Job. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Blick zu Ryan glitt. Er stand ein paar Meter entfernt und unterhielt sich mit jemandem, den ich nicht kannte. Vermutlich Verwandtschaft von Izzy oder Will. Als hätte er es gespürt, drehte er den Kopf und sah zu mir herüber. Er runzelte ganz leicht die Stirn. Vielleicht, weil ich den Blick nicht abwandte. Ihn weiter betrachtete. Mir vorstellte, mit ihm hier zu sein. Als seine Partnerin. Die Frau an seiner Seite. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie er mir die Hand auf den Rücken legte, mir einen Kuss auf die Wange hauchte und …
»Kommst du?«, beendete Annie meinen Tagtraum.
Ich blinzelte. »Ja«, murmelte ich und sah noch einmal zu Ryan. Aber er war nicht mehr da.