Kapitel 49 - New Memories
By Lilly Lucas
Zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang waren die Reden von Ryan und mir eingeplant. Der DJ kündigte mich an, und ich atmete tief durch und ging nach vorn. Der Raum wurde ruhiger, Gespräche verstummten, Stühle rückten. So viele Gesichter, die mich aufmunternd, aber erwartungsvoll ansahen. Meine Hand zitterte ein wenig, als ich nach dem Mikro griff. Ich räusperte mich und spitzte auf mein Smartphone. Als wüsste ich nicht mehr, wie ich meine Rede beginnen wollte. Dabei konnte ich sie fast auswendig.
»Liebe Izzy, lieber Will, liebe Familie, liebe Freunde. Für alle, die mich nicht kennen: Ich bin Lena, Izzys Trauzeugin. Und jemand, der heute mit viel Dankbarkeit hier steht.« Ich machte eine Pause. »Als ich damals als Au-pair nach Green Valley gekommen bin, dachte ich, ich wäre gut vorbereitet. Spoiler: War ich nicht.« Leises Lachen ging durch den Saal, und die Anspannung fiel ein wenig von mir ab. »Meine Jacke war zu warm, mein Englisch holprig, und ich dachte, der Busfahrer erwartet eine Antwort auf sein How are you?.« Wieder lachten alle, und ich gewann an Sicherheit. »Was ich übrigens auch nicht hatte: Orientierung. Gleich an meinem ersten Tag hab ich mich verlaufen. Ich lag quasi schon halb im Bauch eines Schwarzbären.« Ich vernahm Gelächter. »Aber plötzlich kam da jemand auf seinem Fahrrad angefahren und hat mir den Weg erklärt.« Ich lächelte Izzy an. »Zugegeben, damals hätte ich nie gedacht, dass aus dieser zufälligen Begegnung eine so tiefe Freundschaft entstehen würde.« Ein gerührtes Raunen ging durch den Raum. »Izzy hat mich an die Hand genommen und mir Green Valley gezeigt. Und sie hat mir ihren besten Freund vorgestellt. Will.« Ich lächelte ihn an. »Heute kann ich ja zugeben, dass ich anfangs ein klitzekleines bisschen in dich verschossen war.« Ich wandte mich an die Gäste. »Aber sind wir ehrlich: Das waren wir alle mal. Oder, Mrs. Walsh?« Jetzt wurde so laut gelacht, dass ich eine Pause einlegen musste und kurz auf mein Handy spitzte. Als wieder Ruhe eingekehrt war, fuhr ich fort. »Mein kleiner Crush auf Will war nicht von Dauer, ich hab schnell erkannt, für wen sein Herz schlägt. Schneller als du, Izzy.« Ich zwinkerte, und sie nickte schmunzelnd. »Ich könnte jetzt sagen, dass ich live dabei war, als aus eurer Freundschaft Liebe wurde, aber«, ich schüttelte den Kopf, »das zwischen euch … war immer Liebe. Sie ist nicht aus diesem einen großen Moment heraus entstanden.« Ich neigte den Kopf. »Gut, es gab da diesen Kuss an Silvester, aber darüber müssen wir jetzt nicht groß reden. Habt ihr ja auch ewig nicht.« Izzy und Will lachten. Eine Spur ernster sagte ich: »Eure Liebe ist aus vielen kleinen Momenten heraus entstanden. Vielleicht ist das die schönste Form der Liebe. Die, die nicht imposant und gewaltig sein muss. Nur echt. Und vielleicht ist das der Grund, warum eure Liebe so stark ist. Weil sie gewachsen ist. Stück für Stück. Weil sie auf Freundschaft gebaut ist.« Ich sah, wie Will sich eine Träne von der Wange strich und Izzy seine Hand drückte. »Izzy, Will. Ich bin so unendlich dankbar, Teil eurer Geschichte sein zu dürfen. Damals wie heute. Und ich wünsche euch ein Leben voller Liebe, Lachen und Vertrauen.« Ich erhob mein Glas. »Auf euch. Auf eure Liebe. Und alles, was noch kommt.« Alle Gläser gingen in die Höhe. Reihenweise wurde »Auf euch« gemurmelt. Izzy und Will gaben sich einen innigen Kuss, bevor sie sich erhoben und auf mich zukamen.
»Das war wunderschön, Lena«, sagte Will und umarmte mich.
»Danke«, hauchte Izzy, bevor sie mir ebenfalls um den Hals fiel.
Etwas Warmes breitete sich in mir aus. Eine tiefe Dankbarkeit. Ich begab mich wieder auf meinen Platz, denn jetzt war Ryan an der Reihe. Er trat ans Mikrofon und nestelte an seiner Krawatte herum.
»Hallo an alle.« Er sah zu den Gästen und zum Brautpaar. »Die meisten von euch kennen mich. Ich bin Ryan, Wills Trauzeuge, und tja, was soll ich sagen, ich war lange genug im Spitzensport unterwegs, um zu erkennen, wann ich verloren habe. Und das war ziemlich genau, als die Trauzeugin die Bühne betreten und diese unverschämt perfekte Rede gehalten hat.«
Leises Gelächter ging durch den Raum, und ich formte mit den Lippen ein »Sorry« in seine Richtung. Der Zuspruch der Gäste schien ihn zu entspannen. Seine Schultern wurden sichtlich lockerer. Er kratzte sich an der Stirn. »Wahrscheinlich wäre es schlauer, das Mikro wieder an den DJ zu übergeben und ihn noch ein paar Songs spielen zu lassen.« Gelächter. »Aber hey, es geht nicht immer nur ums Gewinnen.« Er ließ einen Moment verstreichen und wurde ernster. »Eigentlich wäre ich heute Abend gar nicht hier. Vor allem nicht als Wills Trauzeuge. Das habe ich Grayson zu verdanken, der den Platz für mich geräumt hat.« Ein paar Leute drehten sich nach Grayson um, aber mein Blick blieb auf Ryan gerichtet. »Was mal wieder beweist, was für ein großartiger Kerl du bist. Danke, Mann.« Gerührte Awwws gingen durch den Raum. »Und danke, dass du diese Entscheidung erst getroffen hast, nachdem du den Junggesellenabschied geplant hattest.« Wieder Gelächter. »Stichwort Junggesellenabschied.«
»Oh, oh«, raunte jemand hinter mir.
Ryan hob die Hand. »Keine Panik, wir waren anständig. Ehrlich. Wir haben Poker gespielt, ein paar Bier getrunken, Taylor Swift gehört … Was man eben so macht.« Gelächter brandete auf. »Aber mir ist eine Sache aufgefallen, als wir zusammen auf der Hütte waren.« Er legte eine Pause ein, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er sie nutzte, um auf sein Handy oder einen Spickzettel zu schielen. Im Gegenteil. Er schien seine Rede komplett auswendig zu können.
»Dass jemand fehlt.« Ryan hielt erneut inne und sah zum Brautpaar hinüber. »Izzy. Und das nicht, weil sie die Braut ist. Die Frau an Wills Seite. Sondern weil sie seine beste Freundin ist. Immer war. Kein Will ohne Izzy. Und da wurde mir wieder einmal bewusst, was euch beide so besonders macht.« Er wandte sich direkt an die zwei. »Ihr seid mehr als ein Liebespaar. Mehr als zwei Menschen, die Schmetterlinge im Bauch haben, wenn sie einander ansehen. Ihr kennt euch in- und auswendig, ihr versteht euch, ergänzt euch. Ihr begegnet einander auf Augenhöhe. Ihr seid«, er schluckte, und für den Bruchteil einer Sekunde zuckte sein Blick zu mir, »ein Zuhause füreinander.«
Irgendwo am Tisch seufzte jemand gerührt auf, und meine Kehle zog sich zusammen.
»Wenn wir das Wort Zuhause hören, dann denken wir ja meistens an einen Ort. Eine Stadt, ein Haus, vier Wände. Aber was, wenn es gar kein Ort ist? Wenn es … ein Mensch ist. Der Mensch, der einem das Gefühl gibt, angekommen zu sein. Sich geborgen und sicher zu fühlen. Der einem Halt gibt – ohne einen aufzuhalten.« Einen Augenblick lang wirkte er nachdenklich. »Ihr seid dieser Mensch füreinander. Wart es schon immer. Und ich hoffe, dass das auf ewig so bleibt. Ich wünsche es euch von Herzen. Auf euch! Auf Izzy und Will!«
Wieder gingen die Gläser in die Höhe.
»Auf Izzy und Will«, raunten die Gäste.
Eine einzelne Träne rollte über meine Wange. Ich wischte sie nicht weg.