Kapitel 6: Sechs Wochen später – Colorado - New Memories
By Lilly Lucas
Es war nicht schwer, Izzy in der Ankunftshalle des Denver International Airport ausfindig zu machen. Mit ihren hüftlangen weißblonden Dreads und der lilafarbenen Fleecejacke stach sie aus der Masse hervor. Noch dazu war das Willkommensschild, das sie in den Händen hielt, kaum zu übersehen. Welcome Home prangte in Großbuchstaben auf dem Pappkarton. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, verdrängte diesen Hauch Anspannung, der mich nach der Landung beschlichen hatte. Erst als ich näher kam, entdeckte ich den Zusatz From Prison, der nachträglich in einer anderen Schrift hinzugefügt worden war. Ein ungebremstes Lachen kam über meine Lippen.
»Das war Will.« Izzy verdrehte die Augen. »Ich heirate einen Zwölfjährigen.« Überschwänglich öffnete sie ihre Arme. »Komm her!« Im nächsten Moment zog sie mich in eine Umarmung. »Ich kann’s nicht glauben, dass du wirklich hier bist.« Sie drückte mich noch ein wenig fester, und ich nahm den Duft von Eisbonbons in ihrem Atem wahr, ein Geruch, den ich nur mit ihr verband. Zu jeder Jahreszeit hatte sie welche bei sich.
»Ich auch nicht«, hauchte ich.
Izzy löste sich von mir und betrachtete mich. »Ist das dein Break-up-Pony?«
Ich lachte und schüttelte den Kopf. »Hatte einfach Lust auf was Neues.« Flüchtig strich ich mir über die Stirnfransen. Es war eine spontane Entscheidung gewesen. Eigentlich hatte ich mir für die Hochzeit nur die Spitzen schneiden lassen wollen, aber im Friseurstuhl hatte ich plötzlich Lust auf einen neuen Look verspürt.
»Muss ich mich darauf einstellen, dass du bald mit einer Akustikgitarre auf die Bühne gehst und Songs über deine Ex-Freunde singst?«
»Haha …« Ich verdrehte die Augen. Dabei war es nicht der erste Taylor-Kommentar, den ich mir einfing. Auch Lara hatte mich damit aufgezogen, als ich vor ein paar Tagen vom Friseur gekommen war.
»Spaß beiseite. Sieht gut aus. Steht dir.« Sie lächelte. »Also … wie ist die Lage? Hast du Hunger? Sollen wir uns noch einen Kaffee für die Fahrt holen?« Sie deutete auf einen Coffeeshop schräg gegenüber.
»Gute Idee. Ich hab das Frühstück im Flugzeug verpennt.«
Während eine Frauenstimme über die Lautsprecher einen verspäteten Flug aus Chicago ankündigte, durchquerten wir die Ankunftshalle, die sich bereits für Thanksgiving herausgeputzt hatte. Von der Decke hing ein überdimensionierter Herbstkranz, und die Schaufenster der Flughafen-Shops waren mit Kürbissen, Girlanden und künstlichen Blättern geschmückt. Auch der Coffeeshop warb mit Herbst-Specials wie Pumpkin Spice Latte und Apple Crisp Macchiato.
Wir bestellten zwei große Flat Whites und einen Blueberry Bagel mit Cream Cheese.
»Geht auf mich«, bremste ich Izzy, als sie ihre Kreditkarte zücken wollte. »Wenn du schon extra den weiten Weg auf dich nimmst, um mich abzuholen.«
»Wer nimmt hier weite Wege auf sich?«, erwiderte sie mit hochgezogenen Brauen. »Außerdem musste ich sowieso nach Denver und mein Kleid abholen.«
»Dein Brautkleid?«, fragte ich mit großen Augen.
»Die Schneiderin hat gestern Bescheid gegeben, dass es fertig ist.«
»Musste noch viel gemacht werden?« Etwas umständlich klemmte ich mir die Bageltüte unter die Achsel, um die Hände für den Kaffeebecher und meinen Trolley frei zu haben.
»Warte, ich nehm dir den ab«, kam Izzy mir zu Hilfe.
Dankend überließ ich ihr meinen Koffer und lief neben ihr in Richtung Ausgang.
»Die Vorbesitzerin hatte mehr Brust als ich, aber weniger Bizeps. Hier und da musste was angepasst werden, aber alles noch im Rahmen.«
»Ich bin so gespannt, wie es aussieht.« Izzy hatte im Vorfeld nicht viel rausgelassen, nur dass es ein langärmeliges Boho-Kleid aus einem Secondhand-Brautmodenladen war. »Hat Will seinen Anzug auch dort gekauft?«
Sie stieß ein spöttisches Lachen aus. »Kannst du dir Will Albright in einem Secondhand-Anzug vorstellen?«
»Äh … nein.«
Wir lachten beide.
»Er war mit Grayson bei einem Herrenausstatter in Boulder. Mehr weiß ich nicht.«
»Nicht mal die Farbe?«
»Nope. Aber sind wir mal ehrlich: Der Anzug könnte Kuhflecken haben, und Will würde fantastisch darin aussehen.« Gespielt resigniert zuckte sie mit den Schultern, und ich schmunzelte. Wenn sich eins nicht leugnen ließ, dann, dass es für Izzys Zukünftigen ziemlich gut gelaufen war im Genpool-Lotto.
Kühle Herbstluft schlug uns entgegen, als wir das Flughafengebäude verließen – ein harter Kontrast zur Wärme in der Ankunftshalle.
»Ist es weit bis zum Auto?«, erkundigte ich mich, weil ich augenblicklich zu frieren begann. »Sonst hol ich meine Jacke aus dem Koffer.«
»Ich steh gleich da drüben.« Sie deutete auf die Drop-off-Parkplätze. Mit Blick auf mein Longsleeve fragte sie: »Ist es in Deutschland noch so warm?«
»Nein, aber ich dachte, hier wäre es wärmer.«
In meinem Kopf blitzte die Erinnerung an meinen ersten Flug nach Colorado auf. Es war ebenfalls Herbst gewesen, und ich war in einer Daunenjacke mit Fellkragen ins Flugzeug gestiegen und bei spätsommerlichen Temperaturen in Green Valley angekommen.
»Das Wetter spielt gerade ein bisschen verrückt. Aber ab morgen soll es wärmer werden.«
»Klingt gut. In Berlin hat es in den letzten zwei Wochen quasi nur geregnet.« Ich verzog das Gesicht. »Hast du ein neues Auto?«, fragte ich, als Izzy die Zentralverriegelung eines metallicblauen Honda-Vans klicken ließ.
»Schon eine Weile. Hab ich das nicht erwähnt?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Mein altes hat den Geist aufgegeben. Motorschaden. Annie meinte, die Reparatur lohnt sich nicht mehr.« Sie öffnete den Kofferraum und wuchtete meinen Trolley hinein. »Uff, der ist aber schwer. Was hast du da drin? Kurzhanteln?«
»Es kommt ziemlich viel zusammen, wenn man zwei Wochen verreist.« Ich zuckte mit den Schultern. »Und euer Geschenk ist auch nicht gerade leicht.«
»Welches Geschenk?« Anklagend hob sie die Brauen. »Wir waren uns doch einig, dass deine Anwesenheit auf unserer Hochzeit das Geschenk ist.«
»Es ist nur was Kleines«, versicherte ich ihr. »Was Kleines … Schweres.«
Nur halb ernst verdrehte sie die Augen und schloss den Kofferraum. Als ich zur Beifahrertür lief, erhaschte ich einen Blick auf den schwarzen Kleidersack, der ordentlich ausgebreitet auf dem Rücksitz lag. Second Chance Bridal Boutique stand in Goldschrift auf dem Stoff.
»Wie geht es Annie so?«, fragte ich, als wir im Wagen saßen und uns anschnallten. Im Radio liefen gerade die 8-Uhr-Nachrichten. Ich schnappte noch auf, dass es einen größeren Stromausfall im Süden von Denver gegeben hatte, bevor Izzy ihr Smartphone mit dem Auto koppelte und eine Playlist abspielte.
»Gut. Sie hat dieses Jahr die Werkstatt ausgebaut und um einen Elektro-Service erweitert.«
»Damit Cole seinen Tesla warten lassen kann, wenn er hier ist?«, gluckste ich und nahm einen Schluck Kaffee.
»Den hat er verkauft, als Elon angefangen hat durchzudrehen. Fährt jetzt einen Mercedes EQS. Ganz bodenständig.« Sie grinste und startete den Wagen.
»Kommt er zur Hochzeit?«, fragte ich über den Rand meines Bechers hinweg.
»Cole? Ja. Will und ich haben eigentlich gar nicht damit gerechnet. Er ist momentan für Dreharbeiten in Neuseeland.« Sie setzte den Blinker und bog aus der Parkbucht. »Aber irgendwie konnte er sich wohl ein paar Tage freischaufeln.«
»Wie schön. Dann seh ich ihn mal außerhalb von Reels und Klatschzeitungen.« Ich schnitt eine Grimasse. »Wobei es in dieser Hinsicht ein bisschen ruhiger um ihn geworden ist, oder?«
»Annies guter Einfluss.«
»Also hat sie immer noch keine Lust auf das Jetset-Leben?«
Ein schnaubendes Lachen drang aus Izzys Mund. »Nein, die wechselt nach wie vor lieber Öl als Outfits.«
»Ich find’s bewundernswert, dass die zwei das so gut hinkriegen. Diese beiden … Welten zu vereinen.« Annie Hudgens und Cole Jacobs waren mit Abstand das ungleichste Paar, das ich kannte, und hätte ich ihre Liebesgeschichte nicht live miterlebt, wäre ich mir heute noch sicher, sie zwischen den Seiten einer cuten RomCom gefunden zu haben. Ein berühmter Serienstar, der sich unsterblich in eine Automechanikerin aus einer Kleinstadt verliebte? Wie oft kam so etwas schon vor im echten Leben?
»Ja, ich auch. Das kann nicht leicht sein.«
Um den Flughafen herum herrschte dichter Verkehr, weshalb ich Izzy nicht ablenken wollte und mein Handy aus dem Rucksack zog. Ich aktivierte meine e-Sim und schrieb Lara, dass alles geklappt hatte. Als ich die Nachricht abschickte, wurde mir erst so richtig bewusst, dass ich wirklich hier war. In Colorado. Auf dem Weg nach Green Valley. Meinem absoluten Herzensort. Nirgendwo war ich so glücklich gewesen. Nirgendwo hatte ich mich so geborgen und zu Hause gefühlt. Und dennoch waren über drei Jahre vergangen, seit ich das letzte Mal diese Straße entlanggefahren war. Beobachtet hatte, wie Denver nach und nach im Rückspiegel verschwand und sich endlose Weiten vor mir auftaten, die am Horizont in die majestätischen Rocky Mountains übergingen. Schneebedeckt ragten sie in den Himmel, der nirgendwo so blau war wie hier. Wie oft hatte ich aus meinem Berliner Fenster geblickt und mir nichts sehnlicher gewünscht, als noch einmal diese Silhouette zu sehen.
»Alles okay?«, fragte Izzy.
Ich spürte ihren Blick auf mir. »Es ist schön, wieder hier zu sein.«
»Es ist auch schön, dich wieder hier zu haben.« Wenn auch nur für kurz. Sie sagte es nicht, aber ich las es in ihren Augen.
»Also«, setzte ich an, um möglichst schnell diesen Hauch Schwermut zu verdrängen, der sich im Wagen breitgemacht hatte, »bring mich mal auf den neusten Stand. Wie läuft’s mit den Vorbereitungen? Was steht noch so an?«
Ihre Miene verfinsterte sich. »Wir lagen eigentlich super im Zeitplan, aber jetzt gibt es leider ein Problem mit der Scheune, in der wir feiern wollten.«
»Was für ein Problem?«
»Sie hat kein Dach mehr.«
Ich riss die Augen auf.
»Wir hatten hier letzte Woche einen heftigen Orkan. Der hat das halbe Dach abgetragen.«
»Oh shit! Ist jemand verletzt worden?«
Izzy schüttelte den Kopf. »Gott sei Dank nicht.«
»Kann man das Dach reparieren?«
»Ja, aber bis zu unserer Hochzeit wird es nicht fertig. Der Dachstuhl hat was abbekommen.«
»Und jetzt?«
»Es gibt noch eine andere Scheune auf der Ranch. Fast baugleich. Aber sie steht voll mit Gerümpel. Das muss jetzt alles erst mal raus.«
Mit der rechten Hand zog sie ihren Kaffeebecher aus der Mittelkonsole und nahm einen Schluck.
»Also feiert ihr trotzdem auf der Ranch?«
»Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. In der Kürze der Zeit würden wir niemals eine neue Location finden. Und leisten könnten wir uns das auch nicht. Die Preise hier in der Region sind einfach nur crazy.«
»Ist das viel Arbeit? Diese Scheune zu entrümpeln?«
»Wir haben am Wochenende angefangen, aber es ist ein Fass ohne Boden. Und Will und ich können beide keinen zusätzlichen Urlaub mehr nehmen, also muss alles nach Feierabend passieren.«
»Hast du mal mit Grayson geredet? Er hätte doch sicher Verständnis und würde dir extra freigeben?«
»Unter normalen Umständen schon, aber er muss sowieso schon mit zwei Guides weniger auskommen. Rafe hat sich beim Mountainbiken den Arm gebrochen, und Casey ist schwanger und darf keine Touren übernehmen.« Sie seufzte. »Bei Will auf der Arbeit sieht es leider nicht wesentlich besser aus. Durch die Haushaltskürzungen hat er nur noch einen Deputy, und der ist letzte Woche Vater geworden.«
»Oh.«
»Ja, alles nicht ideal«, murmelte sie, die Stirn sorgenvoll in Falten gelegt.
»Also ab morgen kann ich gerne mit anpacken. Ich wollte dich sowieso fragen, wie ich mich einbringen kann.«
Abwehrend hob Izzy die Hand. »Das ist lieb, aber du bist gerade erst gelandet und …«
»Hey, ich bin deine Trauzeugin«, protestierte ich. »Lass mich helfen, jetzt, wo ich endlich hier bin!«
Izzy rang mit sich. Ihr war deutlich anzusehen, dass es ihr einerseits unangenehm war, sie andererseits aber nicht leugnen konnte, dass sie jede helfende Hand gebrauchen konnte. »Also einen Job hätte ich auf jeden Fall für dich.«
Abwartend sah ich sie an.
»Du könntest in den nächsten Tagen mal bei meiner Mom vorbeischauen und dein Brautjungfernkleid anprobieren.«
Ich hob eine Braue. »Netter Versuch.«
»Ernsthaft. Falls noch was geändert werden muss …«
Izzys Mom hatte darauf bestanden, die Kleider der Bridesmaids selbst zu nähen. Da ich als Einzige nicht vor Ort war, hatte ich meine Maße nehmen und ihr schicken müssen, was mich vor einige Herausforderungen gestellt hatte. Angefangen damit, dass ich kein Maßband besessen hatte. Nachdem ich diese Hürde erfolgreich genommen hatte, war ich daran gescheitert, das Maßband gerade zu halten. Irgendwann hatte ich eingesehen, dass ich Laras Hilfe benötigte. Sie hatte alle Maße genommen, die Mrs. Walsh verlangt hatte. Zu allem Übel war uns dann aufgefallen, dass Izzys Mutter mit Zentimetern nichts anfangen konnte, weshalb wir alles in Inches umgerechnet hatten.
»Das mach ich natürlich gern.« Ich ließ einen Moment verstreichen. »Aber mit der Scheune helfe ich euch trotzdem.«
Izzy kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich mich nicht davon abbringen lassen würde, daher begnügte sie sich mit einem Seufzen und lächelte.
Während die Landschaft sich veränderte, endlose Weiten in Hügel und Berge übergingen, als würde Colorado seine Schultern anheben, unterhielten wir uns über alles Mögliche. Den Film, den ich im Flugzeug angefangen hatte, das Dark-Romance-Buch, das der Teenager neben mir gelesen hatte, die Songs auf Izzys Playlist. Sie erzählte mir, dass ihre Eltern neuerdings zum Linedance gingen. Dass ihr Bruder einen Kredit aufnehmen und das Gebäude kaufen wollte, in dem sich seine Sportsbar befand. Dass sie und Will sich immer noch uneinig waren, ob sie sich eine Hochzeitsreise leisten wollten. Und sie versorgte mich mit dem neusten Green-Valley-Gossip. Ich erfuhr, dass Gossip Earl sich das Bein gebrochen und Tessa Wickersham im Olly’s fremdgeknutscht hatte, dass Annies Vater Hank in letzter Zeit auffallend oft mit Bürgermeisterin Hartley gesehen wurde und Hannah Davis aus dem Golden Leaf schwanger war. Dass Molly McAbott altersbedingt ihren Blumenladen aufgeben würde und es ein neues Café in Green Valley gab. Ich hörte gebannt zu, riss immer mal wieder die Augen auf oder hielt mir die Hand vor den Mund, wenn ich es nicht glauben konnte. Und hatte mit jeder Meile, die wir zurücklegten, mehr das Gefühl, in einen anderen Lebensabschnitt zurückzukehren.