Kapitel 7 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich find’s immer noch nicht okay, dass du dich einfach hier eingebucht hast, statt bei uns zu wohnen«, sagte Izzy, als wir die Zufahrtsstraße zum Golden Leaf nahmen. Sie führte durch ein Waldstück, das etwas außerhalb von Green Valley lag und dem Namen des B&Bs alle Ehre machte. In den prächtigsten Gelb-, Gold- und Orangetönen schimmerten die Espen am Wegrand. Auch wenn es die einzige Unterkunft in Green Valley war, hatte ich länger darüber nachgedacht, ob ich ausgerechnet dort einchecken wollte, denn das B&B gehörte Ryans Familie. Nach dem Tod seiner Eltern hatten sein Bruder Jack und dessen Frau Amy den Betrieb notdürftig am Laufen gehalten, bis sie sich schließlich entschieden hatten, mit Hannah Davis eine Betriebsleiterin einzustellen.
»In den Wochen vor der Hochzeit hat man Besseres zu tun, als Gäste zu bewirten.«
»Du bist kein Gast. Du bist Familie.«
Ich stieß einen gerührten Laut aus und fasste mir ans Herz. »Trotzdem. Ich möchte euch nicht im Weg sein. Und spätestens für die Hochzeitsnacht wäre ich freiwillig ausgezogen.« Ich wackelte mit den Brauen.
»Hochzeitsnacht«, schnaubte sie. »Die ist so overrated wie Sex unter der Dusche. Alles, was Will und ich da machen werden, ist, sturzbetrunken und mit Blasen an den Füßen ins Bett zu fallen.«
»Sei nicht so unromantisch!«
»Ich bin nur realistisch«, erwiderte sie schulterzuckend.
Wir näherten uns dem Golden Leaf, ein hellblaues Holzhaus im Blockhüttenstil, mit einem gemauerten Schornstein, aus dem eine dünne Rauchfahne in den Himmel stieg. Ich hatte nicht vergessen, wie idyllisch das B&B war, trotzdem war ich einen Moment lang wie verzaubert.
»Da wären wir.« Izzy hielt direkt vor dem Eingang. Ein paar Stufen führten hinauf zu einer Veranda, die liebevoll mit Kürbissen, Strohballen und Chrysanthemen dekoriert war. Ich öffnete die Beifahrertür und sog den Duft von Herbstlaub und Kaminrauch ein.
»Soll ich mit reinkommen?«, fragte Izzy, nachdem sie meinen Trolley aus dem Kofferraum gewuchtet und ein weiteres Mal über das Gewicht geklagt hatte.
Ich wiegelte ab.
»Okay, dann sehen wir uns heute Abend?«
Während der Fahrt hatte sie mich gefragt, ob ich Lust hatte, mit ihr und Will auf einen Willkommensburger ins Olly’s zu gehen. Die Sportsbar ihres Bruders war so etwas wie unser zweites Wohnzimmer gewesen, als ich in Green Valley gelebt hatte. Noch dazu war es die einzige Bar weit und breit.
»Ich hoffe, ich halte durch«, erwiderte ich und unterdrückte ein Gähnen.
»Hau dich einfach noch eine Runde aufs Ohr.«
»Nein, das verstärkt den Jetlag nur. Man muss sich sofort an die Zeitzone anpassen.«
Izzy verdrehte die Augen und murmelte etwas, das verdächtig nach »Streberin« klang.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, trug ich meinen Koffer die Veranda hinauf. Seit Izzy es angemerkt hatte, kam er mir schwerer vor. Aber ich hatte für zwei Wochen Colorado packen müssen, wo im Oktober so gut wie alles möglich war – von 25 Grad und Sonne bis hin zu Frost und Schneefall. Ich zog die Tür auf und schob mich mitsamt Koffer hindurch. Verhinderte gerade noch, dass ich mit meiner Schulter den wunderschönen Herbstkranz streifte. Der Eingangsbereich empfing mich mit molliger Wärme und vertrauten Gerüchen. Es duftete nach Holz und Kaffee, nach altem Leder und dem Feuer, das im Kamin prasselte. Direkt davor lümmelte ein Labrador, der kurz den Kopf hob und mich beäugte, dann aber weiterdöste. Sein Herrchen saß in einem der Ohrensessel und las die Vail Daily.
Auf den ersten Blick hatte sich hier nichts verändert – abgesehen davon, dass Hannah nicht da war. Stattdessen blickte eine junge Frau hinter dem Empfangstresen hervor, die ich noch nie gesehen hatte. Spontan schätzte ich sie auf sechzehn oder siebzehn. Vielleicht eine Auszubildende. Zumindest verriet ihr scheues Lächeln, dass sie sich in ihrer Rolle noch nicht sicher fühlte. Auch wenn es viele Jahre her war, erinnerte ich mich an dieses Gefühl. Die schwitzigen Hände, die Angst, einen Fehler zu begehen. Jeder Blick der Gäste war mir wie eine Prüfung vorgekommen, jede Frage wie eine Falle.
Ich schenkte ihr ein freundliches Lächeln, als ich meinen Koffer zum Tresen zog. Unter mir knarrte der Holzboden, gedämpft von einem dünnen Webteppich.
»Hallo. Mein Name ist Lena Lenz. Ich hab hier ein Zimmer reserviert.«
»Lena Lenz«, wiederholte sie und warf einen Blick in den Computer, wodurch ich Gelegenheit hatte, sie einer kurzen Musterung zu unterziehen. Sie konnte wirklich kaum älter sein als siebzehn. Ihr braunes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten und ihr Gesicht umspielten, das – soweit ich es beurteilen konnte – ungeschminkt war. Sommersprossen zogen sich über ihre Haut. Zu ungleichmäßig und natürlich, um das Ergebnis von Fake Freckles zu sein. Sie trug einen grob gestrickten Rollkragenpullover, auf dem ein Namensschild angebracht war. Isabella.
»Ah, hier«, murmelte sie und wandte sich wieder mir zu. »Herzlich willkommen im Golden Leaf. Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise.« Es hörte sich ein wenig aufgesagt an. Noch dazu war ich es nicht gewohnt, so formell begrüßt zu werden. Immerhin hatte es Zeiten gegeben, in denen ich im Golden Leaf ein und aus gegangen war. Ryan und ich hatten das Bed & Breakfast gemeinsam renoviert, und nach der Neueröffnung hatte ich sogar eine Weile hier ausgeholfen. Dadurch war mir auch klar geworden, dass ich Hotelfachfrau werden wollte.
»Wir haben Sie im Oak Room untergebracht.« Isabella legte einen Messingschlüssel mit Holzanhänger auf den Tresen. »Das ist eines unserer schönsten Zimmer.« Wieder wirkte es ein bisschen auswendig gelernt. »Die Treppe hoch und links. Aber ich bringe Sie gerne hin.«
»Oh, das ist nicht nötig. Ich war schon mal hier.«
Verwundert schielte sie auf den Computer, als hätte er ihr diese Info geben müssen.
»Nicht als Gast«, schob ich rasch nach, verwirrte sie damit aber noch mehr.
»Wo der Frühstücksraum ist, wissen Sie dann vermutlich auch schon?«, sagte sie und wartete mein Nicken ab. »Zwischen sieben und halb zehn servieren wir dort Kaffee und Gebäck. Sie haben außerdem die Möglichkeit, im Ort frühstücken zu gehen. Moe’s Diner kann ich sehr empfehlen.«
Diesmal verkniff ich mir den Hinweis, dass ich auch diesen Laden bereits kannte. Stattdessen zog ich meinen Geldbeutel aus dem Rucksack und reichte ihr meine Kreditkarte.
»Oh, die brauch ich nicht. Das Zimmer ist ja bereits bezahlt.«
Ich verengte die Augen. »Eigentlich hab ich es nur reserviert.«
Isabella warf einen weiteren Blick in den Computer. »Hier steht, dass die Rechnung beglichen wurde.«
»Das muss ein Fehler sein.« Ich zückte mein Smartphone, suchte nach der Reservierungsbestätigung der Buchungsplattform und hielt sie ihr hin.
»Hm. Kann es sein, dass jemand die Rechnung für Sie übernommen hat?«
»Jemand die …« Ich brach ab. Izzy. »Ich glaube, ich weiß, wer das war.«
Isabellas Gesichtszüge entspannten sich. »Brauchen Sie Hilfe mit dem Koffer? Die Treppe ist etwas schmal und steil.«
»Das ist nett, aber ich komm klar.«
»Okay, dann … wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt im Golden Leaf.«
Ich bedankte mich und zog meinen Trolley zur Treppe. Nachdem ich ihn die ersten fünf Stufen hochgehievt hatte, musste ich einsehen, dass ich mich überschätzt hatte. Hilfe suchend blickte ich zum Empfangstresen, aber Isabella war nicht mehr da. Shit. Ich biss die Zähne zusammen und nahm die nächsten drei Stufen, spürte, wie mir der Griff unangenehm in die Handfläche schnitt. Noch dazu begann ich langsam zu schwitzen. Als ich etwa die Hälfte der Treppe hinter mich gebracht hatte, wechselte ich den Arm. Aber es änderte nichts daran, dass ich das Gefühl hatte, der Koffer würde von Stufe zu Stufe schwerer werden. Gleich geschafft, redete ich mir gut zu und zerrte ihn hinter mir her. Dann passierte es. Eine der Rollen verhakte sich an der Treppenkante, und ich geriet ins Wanken. Einen entsetzten Atemzug lang kämpfte ich um mein Gleichgewicht.
»Woawoawoa.«
Wie aus dem Nichts legten sich zwei Hände von hinten um meine Taille. Aber das war nicht der Grund, warum ich erstarrte. Es war die Stimme. Eine Stimme, die ich aus Tausenden herausgehört hätte. In meinem Kopf blitzte eine Erinnerung auf. Ein anderer Tag, eine Leiter statt einer Treppe. Arme, die mich auffingen, bevor ich fiel. Hab dich. Der Schreck wich einem anderen Gefühl. Als hätte mein Herz sich erinnert, bevor mein Kopf verstand.
»Ryan«, hauchte ich, noch ehe ich einen Blick über meine Schulter geworfen hatte.