Kapitel 8 - New Memories
By Lilly Lucas
Ich hatte mir diesen Moment vorgestellt. Vor dem Einschlafen, in meinen Träumen, wenn ich nachts wach gelegen hatte. Hatte mir vorgestellt, wie es wäre, ihm noch einmal zu begegnen. Zufällig. An einem Flughafen. Auf der Straße. In einem Café. Irgendwo. Aber niemals auf der Treppe im Golden Leaf. Und in keinem meiner Szenarien hatte er mich so angesehen. Erschüttert. Nein. Entsetzt. Als hätte er ein Stromkabel gestreift, löste er seine Hände von meiner Taille und wich zurück. Ein, zwei Sekunden spürte ich noch ihren geisterhaften Abdruck, dann verlor sich das Gefühl.
»Was machst du hier?«, stieß er hervor.
Kein Hallo. Kein Lächeln.
»Ich …« Mein Herz hämmerte. Vom Schreck, vom Stolpern, aber vor allem von der Härte in seiner Stimme. In seinem Blick. »Was machst du hier?«, krächzte ich überfordert.
»Die Frage steht mir ein bisschen mehr zu, findest du nicht?«
Ich blinzelte. Starrte ihn an. Wusste nicht, was ich sagen sollte. Also sagte ich das Erste, was mir in den Sinn kam. »Deine Haare sind anders.« Er trug sie oben länger und an den Seiten kürzer. Es sah ungewohnt aus. Aber gut.
Seine Augen verengten sich, aber sein Mund blieb unbeweglich. Für mindestens fünf Sekunden. Fünf Sekunden, in denen ich feststellte, dass sich nicht nur seine Frisur verändert hatte. Auch der Dreitagebart war neu. Er verlieh seinem Gesicht etwas Raues, aber ich konnte nicht sagen, ob ich es mochte.
»Was machst du hier, Lena?«
Lena. Es war, als würde mein Name von seinen Lippen in meine Blutbahn übergehen. Das Chaos in mir weiter anfachen.
»Ich … hab hier ein Zimmer reserviert.«
»In Green Valley«, presste er hervor. »Was machst du in Green Valley?«
Ich blinzelte. »Die Hochzeit.« Warum war mein Mund plötzlich so trocken? »Ich bin für die Hochzeit hier.«
»Für …« Er riss die Augen auf. »Was?!«
Seine heftige Reaktion irritierte mich. »Ich bin Izzys Trauzeugin.«
Entgeistert starrte er mich an. »Du …« Er runzelte die Stirn. »Du bist … ihre Trauzeugin?« Seine Augen huschten über mein Gesicht, als würde er nach Anzeichen suchen, dass das ein Scherz war, und ich begann zu begreifen. Er hatte es nicht gewusst. Dass ich zur Hochzeit kommen würde. Die Erkenntnis fiel mir mit Backsteinen in den Magen.
»Ich … ich dachte, du wärst … in Europa.« Was als Frage gemeint war, klang eher wie eine Rechtfertigung.
»Ja. Ich auch«, murmelte er. Als versuchte er immer noch, zu verstehen, was hier vor sich ging. Er stierte noch ein paar Sekunden ins Leere, dann drehte er sich um und ging. Lief in schnellen Schritten die Treppe hinunter. Reglos stand ich da und sah ihm nach. Hörte die Stufen unter seinen Schritten knarren, während er sich weiter und weiter von mir entfernte. Als er die Tür aufriss, hörten meine Beine endlich auf mich und setzten sich in Bewegung.
»Ryan, warte!«
Ich ließ meinen Koffer an Ort und Stelle stehen und rannte die Treppe hinunter. Stolperte fast über die letzten Stufen, weil es mir plötzlich nicht schnell genug gehen konnte. Mit einer Mischung aus Neugier und Sorge blickte mir Isabella vom Tresen entgegen, aber es hätte mir nicht egaler sein können. Ich hastete hinaus auf die Veranda und sah gerade noch, wie er in einen dunklen SUV stieg. Ein BMW, wenn ich mich nicht täuschte. Sein neues Auto? Der Motor ertönte, und die Reifen quietschten auf dem Kies, als er zurücksetzte. Es war offensichtlich, dass er es eilig hatte. Eilig, hier wegzukommen. Von mir.