Epilog: August 1991 - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Jenny nahm den frühen Greyhoundbus über die Grenze. Sie starrte aus dem Fenster auf vorbeifahrende Autos und Trucks, während ihr Spiegelbild ihren Blick erwiderte. Sie war jetzt dreiunddreißig Jahre alt, ihre Haut war noch blass, ihr blondes Haar lang, und nach den Jahren mit dem kalorienreichen Essen im Gefängnis war sie fülliger als früher. Sie hatte gelernt, sich besser zu ernähren. Sie hatte eine Menge Dinge gelernt. Drei Jahre lang hatte sie an ihrer Freilassung gearbeitet. Zuerst Freigang, dann der offene Vollzug. Sie war für den Rest ihres Lebens nur auf Bewährung draußen, aber wenigstens hatte man ihr gestattet, wieder nach Vancouver zu ziehen. Sie hatte das Meer vermisst.
Am Vormittag kam sie an der Busstation in Seattle an. Sie nahm ein Taxi zu der Adresse, die sie auswendig gelernt hatte, und bat den Fahrer, sie an der Ecke herauszulassen. Sie setzte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Grasstreifen, der den Fußweg von der Fahrbahn trennte, um zu warten. Sie war im Schatten eines Baumes verborgen, konnte das Haus jedoch durch die Lücke zwischen zwei geparkten Autos deutlich erkennen. Sie trank ein wenig Wasser aus ihrer Thermoskanne.
Das Haus war kleiner, als sie es sich vorgestellt hatte, gestrichen in einem hellen Gelbton. Die Vordertreppe, die Terrasse und das Eisentor waren weiß. Die Hecke an der Frontseite war gerade geschnitten. Eine hübsche Straße mit Laubbäumen und gepflegten Häusern.
Es war bereits Nachmittag, als die Tür sich endlich ein paar Zentimeter weit öffnete. Jenny hielt den Atem an und starrte auf den dunklen Spalt, bis die Tür ganz aufging. Tom, mit einer Sporttasche. Sein Haar war mit grauen Strähnen durchzogen, die Koteletten waren verschwunden, aber er sah immer noch fit aus in Shorts und T-Shirt.
Er trat auf die Veranda, ging den gepflasterten Weg bis zur Garage an der Seite und verschwand einen Moment aus ihrem Blickfeld. Das Garagentor fuhr hoch. Ein blaues Auto rollte heraus und fuhr davon.
Die Zeit verstrich. Jenny streckte die Beine, aß ihren Snack. Jemand mähte Rasen. Zwei Mädchen im Teenageralter gingen vorbei und hörten Musik über Walkmans. Sie sahen sie nicht an.
Die Haustür wurde geöffnet, und Alice kam heraus. Jenny erstarrte. Sie hatte Angst, sich zu bewegen und den Moment zu zerstören. So viele Jahre waren vergangen, aber das war sie, das war unverkennbar Alice.
Ihr braunes Haar war jetzt etwas heller, und sie trug es in wippenden Korkenzieherlöckchen. Sie wirkte sportlich und elegant zugleich, mit Sonnenbrille, weißen Shorts und einer durchscheinenden offenen Bluse, unter der ein gestreiftes T-Shirt zu sehen war. Über der Schulter trug sie eine Strandtasche. Ein zusammengerolltes Handtuch lugte heraus.
»Katie!«, rief sie mit einem lachenden Unterton in der Stimme. »Beeil dich!«
Ein Mädchen stürmte durch die Tür nach draußen und knallte sie hinter sich zu. »Tut mir leid.«
Sie sprang die Treppe hinunter. Langes schwarzes, glänzendes Haar. Schwarzes T-Shirt, schwarze kurze Jeans mit Rissen. Ein Gürtel mit silbernen Spikes. Dunkles, rauchgraues Augen-Make-up und tiefroter Lippenstift. Sie trug einen kleinen, flauschigen weißen Hund. Sie setzte ihn ab, und er lief los, während sie die Leine hielt.
Ihr Name war Katie. Jenny sagte ihn sich flüsternd vor.
Alice und Katie liefen plaudernd den Gehweg entlang, ihre Stimmen vermischten und überlagerten sich, sodass Jenny sie manchmal nicht auseinanderhalten konnte, als sie den beiden mit einigem Abstand folgte, getarnt mit Baseballkappe und Sonnenbrille. Sie folgte ihnen durch das Wohngebiet, vorbei an einigen vornehmen Häusern, und war froh über die Schatten spendenden Bäume, bis sie am Strand ankamen, wo die beiden eine Decke ausbreiteten.
Von einer Parkbank aus beobachtete Jenny, wie sie zusammen etwas aßen, immer noch in ihrer eigenen Welt versunken. Katies Hände tanzten durch die Luft, ihre Mimik war lebhaft. Alice warf den Kopf zurück und lachte.
Jenny spürte das Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie konnte Katies Gesichtszüge jetzt besser erkennen. Sie war schön, wirklich schön. Fast fünfzehn Jahre alt. Jenny war nicht sehr viel älter gewesen, als sie schwanger geworden war. Sie suchte Katies Gesicht nach Spuren von sich selbst ab, aber sie sah nicht aus wie Jenny oder Robert, bis auf sein schwarzes Haar. Sie war ganz sie selbst. Ob sie wohl gerne tanzte oder Sport trieb? Sie könnte auch ein Bücherwurm oder musikalisch sein. Sie könnte so vieles sein.
Katie stand auf und zog ihr Shirt und die Hose aus, unter denen sie einen roten Bikini trug. Sie rannte zum Wasser und schrie: »Otis!«, und der kleine weiße Hund jagte ihr hinterher. Katie kreischte auf, als das kalte Wasser ihre Füße berührte. Otis bellte die Vögel an und jagte den Wellen am Strand nach. Jetzt beugte Katie sich vor und suchte etwas im flachen Wasser. Sie hob eine Handvoll Steine oder Muscheln auf und sortierte sie.
Jenny stockte der Atem, ihre Augen brannten.
Alice gesellte sich mit einer Tüte zu Katie. Zusammen gingen sie am Strand entlang. Hin und wieder hoben Katie oder Alice einen Stein auf, manche behielten sie, andere warfen sie ins Wasser, und Otis versuchte, die Spritzer einzufangen.
Schließlich kehrten sie zu ihrer Decke zurück. Sie blieben noch eine Stunde, lasen in Zeitschriften, unterhielten sich. Manchmal waren sie ganz still, blickten hinaus aufs Wasser oder hoch in den klaren Himmel. Jenny legte ebenfalls den Kopf zurück und fragte sich, was Katie wohl dachte, wenn sie die Kondensstreifen und die flockigen Wolken sah. Otis lag zwischen Alice und Katie, die kleinen Pfoten in der Luft.
Jenny wollte diesen Moment in Erinnerung behalten. So wie sie sich an diesen winzigen Moment erinnerte, den sie mit ihrem Baby gehabt hatte. Sie hatte ihr das Fläschchen gegeben, hatte die perfekten schwarzen Löckchen bewundert, den winzigen Schmollmund, die weichen Wangen. Sie hatte sie geküsst und ihr all ihre Wünsche für sie ins Ohr geflüstert.
Alice und Katie rollten ihre Decke und die Handtücher zusammen, packten die Brotdosen in die Strandtasche. Otis wurde wieder angeleint. Jenny malte sich aus, wie sie in ihr Haus zurückkehrten und sich zum Abendessen mit der Familie an den Tisch setzten, während die Haut noch nach Sonnencreme und salziger Luft roch. Vielleicht würden sie sich ihre Muscheln und Steine anschauen, während sie Tom von ihrem Tag erzählten, und er würde ihnen von seinem berichten.
Jenny wartete noch ein paar Minuten auf der Bank, nachdem sie gegangen waren. Sie würde ihnen nicht folgen. Sie musste bald wieder zum Busbahnhof. Sie ging zum Strand, zog ihre Schuhe aus und spürte den warmen Sand zwischen ihren Zehen. Sie fand die Stelle, wo Alice und Katie ihre Decke ausgebreitet hatten. Sie legte sich auf den Rücken und blickte zum Himmel empor, saugte das Blau in sich ein. Sie lächelte. Ihre Tochter war glücklich. Jenny hatte ihr das beste Leben geschenkt. Sie hatte ihr Alice geschenkt.