Kapitel 1: Alice (5. Juli 1976) - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Als Alice sie zum ersten Mal sah, liefen sie nebeneinander auf der schmalen Schotterstraße, die zum Campingplatz führte. Ein Junge und ein Mädchen wanderten langsam am Straßenrand entlang. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt, sie eine Hand in die Gesäßtasche seiner Schlaghose geschoben. Sein Rucksack im Armeestil sah schwer aus und schien aus allen Nähten zu platzen; unten war noch ein zusammengerollter orangefarbener Schlafsack festgezurrt. Der Rucksack des Mädchens war kleiner, aber genauso vollgestopft, ein grüner Schlafsack saß auf Höhe ihrer Hüften. Darunter schimmerten kastanienbraune Shorts.
Tom verlangsamte den Winnebago, um dem Paar mehr Platz zu lassen. Der Junge drehte sich um und sah sie an. Viereckige Sonnenbrille, braunes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, und ein blaues Trägerhemd mit der Aufschrift Keep on Truckin’.
Er zog das Mädchen enger an sich und schirmte es von der heißen Windbö und dem Staub ab, den der Camper aufwirbelte. Alice erhaschte einen Blick auf den gesenkten Kopf der jungen Frau, deren blondes Haar im Wind flatterte. Sie beobachtete sie in ihrem Spiegel, bis sie um eine Ecke verschwanden, doch das Mädchen blickte kein einziges Mal auf.
Das Büro des Campingplatzes befand sich in einer urigen Holzhütte, von Feldsteinen eingefasst und geschmückt mit der kanadischen Flagge, deren rotes Ahornblatt sich deutlich vom weißen Hintergrund abhob. Gähnend stieg Alice aus dem Camper und ging hinter Tom die Stufen zum Büro hinauf. Er meldete sie an, während sie lustlos am Postkartenständer drehte. Sie blinzelte gegen die Schläfrigkeit in ihren Augen an und bereute, dass es am Abend zuvor so spät geworden war. Aber dieser 4. Juli war wichtig gewesen, und anscheinend hatte ganz Seattle es genauso gesehen. Das Ufer war voll gewesen mit Menschen, die sich das Feuerwerk zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten angeschaut hatten.
Sie überflog eine Auslage mit Broschüren und las in einer etwas über Warnungen vor Bären und wie man Lebensmittel sicher verstaute. Tom redete mit dem Campingplatzbetreiber.
»Wir sind seit Sonnenaufgang unterwegs und haben in Blaine, Washington, die Grenze überquert. Waren Sie schon mal dort?« Alice hörte die Antwort des Mannes nicht, weil sie zu einem Regal mit Campingutensilien schlenderte. Gelbe Plastikeierbecher. Metallspieße zum Rösten von Marshmallows und Hotdogs. Insektenspray. Citronella-Kerzen. Sie fing nur Bruchstücke von der Unterhaltung der Männer auf. Toms tiefe Stimme.
»In Vancouver haben wir zum Mittagessen angehalten und sind durch den Stanley Park gefahren. Haben uns auf dem Hafendamm die Füße vertreten. Junge, Junge, von da hat man einen verdammt guten Blick auf die Stadt.«
»Ist das Ihr erster Besuch in Hope?«
»Ja. Nettes Fleckchen.«
Die Männer plauderten einen Moment über die kleine Stadt, dann breitete der Betreiber eine Karte des Campingplatzes aus und tippte auf ihren Stellplatz. Auf die Duschen. Den Holzvorrat. Den breiten Fluss, vor dessen starker Strömung er warnte; sie sei zu stark, um darin zu schwimmen. Schade, an so einem heißen Tag.
Tom bedankte sich bei ihm und drehte sich zu Alice um. »Fertig?«
Sie nickte.
Im Schritttempo fuhren sie über den Campingplatz, der in zwei Bereiche unterteilt war – einer nah am Fluss, der andere im Wald. Wohin sie auch schaute, überall standen Zelte, Camper und Busse mit offenen Türen, Musik war zu hören, Handtücher hingen zum Trocknen draußen. Ein Hund bellte, als sie vorbeifuhren.
Ihr Stellplatz versteckte sich in einem Kreis aus hohen Fichten. Mit leicht gerunzelter Stirn lenkte Tom den Camper auf den Parkplatz. Alice versuchte, ihn einzuweisen, aber als ein Zweig an der Seite entlangkratzte, zuckten sie beide zusammen.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Den habe ich nicht gesehen.«
»Schon gut. Ein paar Kratzer gehören dazu.« Tom lächelte, doch sie konnte die Enttäuschung in seiner Stimme hören, den Hauch von Verärgerung.
»Es ist in Ordnung, wenn du sauer bist. Ich breche schon nicht zusammen.«
Er sah ihr in die Augen und wandte den Blick rasch wieder ab. Ihr Gesicht fühlte sich heiß an. Sie wussten beide, wie nah sie dieses Jahr einem Zusammenbruch gewesen war. Sie sagte nichts mehr, bis er das Reisemobil fertig eingeparkt hatte.
Danach holten sie die Campingstühle aus Aluminium heraus. Alice breitete die Plastiktischdecke über den Picknicktisch und glättete die Falten. Das Muster aus rotgelben Mohnblumen wirkte zusammen mit dem grünen Campinggeschirr, das sie aus dem Katalog bestellt hatte, richtig fröhlich.
Tom schenkte ihnen Wein ein. »Sollen wir auf unsere erste Nacht anstoßen?«
»Oder lieber auf alle Abenteuer, die noch vor uns liegen?« Sie tippten ihre Plastikgläser gegeneinander, und Alice nahm einen kleinen Schluck. Sie hatte seit Monaten keinen Alkohol mehr getrunken. Zu viel davon, und sie würde rührselig werden.
In der Mitte der Feuerstelle schichtete Tom Anmachholz und etwas Zeitungspapier zu einem ordentlichen Stapel, dann beugte er sich vor und blies, um die Glut anzufachen. Es war noch nicht dunkel, die Sommertage waren lang, doch es war nett, in die tanzenden Flammen zu schauen. Tom setzte sich mit seinem Stuhl dicht neben sie und nahm ihre Hand. Mit verschränkten Fingern nippten sie am Wein und lauschten den Stimmen der anderen Campinggäste, dem gelegentlichen Knirschen von Schritten auf dem Schotterweg und dem leisen Zwitschern der Vögel, die sich einen Platz für die Nacht suchten.
»Was sollen wir den ganzen Abend machen?«, fragte Alice.
Mit einer erhobenen Braue drehte Tom sich um. »Langweile ich dich bereits?«
»Überhaupt nicht.« Sie versuchte, beruhigend zu lächeln. Diese Reise war wichtig. Eine Atempause. Tom hatte ihnen einen Winnebago Chieftain mit flotten orange-braunen Streifen an der Seite gekauft. Alice war begeistert von der Essecke mit den Sitzbänken im grünen Blumenmuster und dem Tisch, die sich zusammen in ein zusätzliches Bett verwandeln ließen, von dem flauschigen Teppich, der Holzverkleidung, dem kleinen Kühlschrank und dem Herd. Die Toilette hatte sogar eine Wasserspülung, die man mit einem Fußhebel betätigte. Die Couch im hinteren Teil ließ sich in ein Doppelbett umwandeln, und die Hängeschränke reichten, um ihre gesamte Kleidung darin unterzubringen. Es gab sogar einen blickdichten Vorhang, der ein wenig Privatsphäre bot. Tom schwor, sie könnten sich die Raten leisten, und erinnerte sie daran, dass der Arzt gesagt hatte, sie müsse sich erholen.
Sie ließ ihren Wein im Glas kreisen und schwor sich, auf diesem Ausflug anders zu sein. Sie würde wieder Spaß haben. Sie brauchte nur einen Moment, um sich zu sammeln. Der Wein war ein Fehler gewesen.
»Wir könnten Uno spielen«, bot Tom an.
»Vielleicht nach dem Abendessen? Ich würde gerne duschen. Ich bin total verschwitzt.«
»Soll ich dich begleiten?«
»Ich komme schon zurecht.« Sie tätschelte seine Schulter. Siehst du? Es geht mir gut.
* * *
Im Waschraum roch es nach Schimmel, der Betonfußboden war sandig, und in den Duschkabinen lagen leere Shampooflaschen und Seifenreste herum. Alice schüttelte den Plastikvorhang ab, der an ihren Beinen klebte, und wünschte, sie könnte im Reisemobil duschen, doch Tom wollte, dass sie die Einrichtungen des Campingplatzes benutzten, damit sie die Tanks nicht jeden Tag leeren mussten. Sie setzte ihre Duschhaube auf und wusch sich rasch unter dem lauwarmen Sprühregen.
Danach trocknete sie sich ab, zog frische Kleidung an und hatte gerade ihre Habseligkeiten zusammengesucht, als sie das Schlapp-Schlapp von Sandalen hörte. Sie trat aus dem Duschbereich und war überrascht, das blonde Mädchen am Waschbecken zu sehen, das leise aufschrie und sich hastig umdrehte.
»Tut mir leid«, sagte Alice, »ich wollte dich nicht erschrecken.«
»Schon gut.« Die junge Frau faltete ein kleines Stück Papierhandtuch zusammen und wickelte es um das Fußriemchen ihrer Sandale. Sie zuckte zusammen. »Blasen. Ich habe vergessen, Pflaster einzupacken.«
»Wir haben einen Erste-Hilfe-Kasten in unserem Camper. Du kannst gerne vorbeikommen.«
Das Mädchen richtete sich auf und biss sich auf die Lippe, während es über das Angebot nachdachte. Sie war hübsch, mit großen blauen Augen in einem elfenhaften Gesicht, doch sie war extrem dünn. Ihr schlanker Körper verschwand fast in der weißen Babydoll-Bluse, die sich um ihren Bauch bauschte. Beim Stehen waren ihre Füße leicht nach außen gedreht.
»Das ist nett von Ihnen, aber ich muss erst meinen Freund fragen.«
Alice wartete, während das Mädchen sich die Haare bürstete und Lipgloss auftrug und anschließend alles in eine bunte Tasche aus gehäkelten Quadraten steckte. Sie verstaute die Tasche in ihrem Rucksack, der an der Wand lehnte, und warf ihn sich über die Schulter.
Der Junge wartete neben dem Gebäude, als sie herauskamen, die Arme vor der Brust verschränkt, die Sonnenbrille hochgeschoben. Sein Rucksack stand neben seinen Füßen. Ein Makrameegürtel hielt seine Jeans auf den schmalen Hüften.
Seine dunklen Augen wurden schmal, als sein Blick zwischen Alice und dem Mädchen hin- und herwanderte. »Alles in Ordnung, Babe?«
»Mh-mh.« Das Mädchen hakte sich bei ihm unter. »Diese Lady hat Pflaster.«
Alice streckte die Hand aus. »Alice Bell.«
Das Mädchen schüttelte sie zuerst. »Ocean, und er ist Blue.«
Alice unterdrückte ein Lächeln. Hippies. Vielleicht waren sie unterwegs, um im Sommer auf einer Farm zu arbeiten, oder sie wollten zu einem Musikfestival. Sie schüttelte dem Jungen die Hand. Warm mit rauen Schwielen. Seine Knöchel waren zerkratzt und rau. Er schob seine Hand zurück in die Hosentasche.
»Wollt ihr sie jetzt haben?«, fragte Alice. »Unser Stellplatz ist nicht weit weg.«
Ocean wandte sich an den Jungen, der kurz nickte. Sie ging neben Alice, und der Junge folgte ihnen. Sie tauschten sich höflich über das Wetter, die wunderschöne Lage des Campingplatzes und die moosbewachsenen Wege aus. Oceans Stimme klang leicht atemlos – mit ihrem kanadischen Akzent zog sie die Vokale in die Länge und hob die Stimme am Satzende ein wenig, was Alice wirklich charmant fand.
Eine junge Frau in Neckholder-Top und Hotpants kam auf sie zu. Sie blieb stehen, um Wildblumen zu pflücken, fügte ein paar Farnwedel hinzu, und fertig war der kleine Strauß. Als sie näher kam und Blue hinter ihnen entdeckte, lächelte sie ihn kokett an und sagte süßlich: »Hi.«
Ocean starrte sie finster an, doch sie brauchte sich keine Sorgen zu machen. Blue ignorierte das Mädchen und ging schneller, bis er auf der anderen Seite neben Ocean war und ihr einen gebräunten Arm um die Schulter legen konnte. Als er Ocean etwas ins Ohr flüsterte, wandte Alice den Blick ab.
Als sie an ihrem Stellplatz ankamen, saß Tom neben dem Feuer, doch er sprang sofort auf, die Stirn leicht gerunzelt. Ein neugieriges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er suchte Alice’ Blick.
»Meine neuen Freunde hier brauchen medizinische Hilfe.« Sie wandte sich an das Paar. »Das ist mein Mann, Tom. Ich hole das Pflaster.«
Als sie aus dem Camper zurückkam, saßen alle drei am Picknicktisch und tranken Limonade. Ocean verarztete ihren Fuß, während Tom versuchte, Blue in ein Gespräch zu verwickeln, doch die Antworten des Jungen fielen knapp aus. Er kam aus einer kleinen Stadt im Norden von British Columbia und arbeitete in einem Eisenwarengeschäft. Sie machten Urlaub, um mehr vom Land zu sehen, bevor sie sich häuslich niederlassen wollten.
»Fahrt ihr per Anhalter?«, fragte Tom.
»Ja.«
»Ich hoffe, ihr meldet euch regelmäßig bei euren Familien«, sagte Tom.
Blue schaute zu Ocean, die ein erschrockenes Gesicht machte. Sie blinzelte ein paarmal, als wäre sie den Tränen nahe. Blue legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie enger an sich.
»Mein Dad ist ein Säufer, meine Mum ist abgehauen, und Oceans Eltern sind tot.«
Tom setzte seine Flasche ab und starrte sie bestürzt an. »Das tut mir sehr leid.«
»Schon okay. Wir haben uns«, sagte Blue mit vorgerecktem Kinn. Ocean schaute zu ihm auf, ihr Blick war sanft. Er küsste sie auf die Stirn. »Bald werden wir zu dritt sein.«
Zuerst begriff Alice nicht. Dann legte Ocean ihre Hand auf den Bauch und zeigte die leichte Rundung, die bisher unter ihrer weit geschnittenen Bluse verborgen geblieben war.
»Du bist schwanger?«, sagte Alice überrascht. Das Mädchen sah noch so jung aus.
Ocean errötete, und Blue sah Alice stirnrunzelnd an.
Unter dem Tisch ergriff Tom Alice’ Hand und drückte sie. »Herzlichen Glückwunsch – Babys sind ein Segen. Wir hatten bisher nicht so viel Glück.«
Das Paar richtete seine Blicke auf Alice, die am liebsten geweint hätte, aber sie klammerte sich an Toms Hand und hob die Mundwinkel zu etwas, das hoffentlich einem Lächeln ähnelte.
»Wie weit bist du schon?«
»Vielleicht im fünften Monat.« Ocean zuckte die Achseln. Alice wollte sie fragen, ob sie schon beim Arzt gewesen war. Wie konnte sie so leichtsinnig sein? Warum reiste sie per Anhalter, wenn sie ein kostbares Leben in sich trug? Aber das alles ging sie nichts an. Sie saß wie gelähmt an ihrem Platz.
»Wir werden dieses Jahr heiraten«, erklärte Blue, und Ocean lächelte ihn an.
»Das ist wunderbar. Wir sind jetzt seit sechzehn Jahren verheiratet«, sagte Tom. »Ich bin Footballtrainer an unserer Highschool, an der Alice als Sekretärin gearbeitet hat. So haben wir uns kennengelernt.«
»Football?« Blue sah ihn verwirrt an. »Woher kommen Sie?«
»Seattle. Wir wollten euer wunderschönes Land schon seit Jahren mal besuchen.«
»Cool.« Blue nahm einen Schluck von seiner Limonade.
»Wo ist euer Zeltplatz?«, fragte Tom.
»Wir haben kein Zelt, wir schlafen einfach am Strand.«
»Ist das nicht zu kalt?«
Blue schüttelte den Kopf. »Wir machen ein Feuer.«
Tom wollte gerade noch etwas sagen, als ein lautes Grollen näher kam und eine Gruppe Motorradfahrer vorbeifuhr. Die Sättel ihrer Maschinen lagen tief, die Lenker waren hoch. Der letzte Fahrer warf ihnen im Vorbeifahren einen finsteren Blick zu. Er hatte langes, fettiges rotes Haar, sein struppiger Bart flatterte im Wind, und die Brust unter der Lederweste war nackt. Sein Blick blieb kurz an Alice und Ocean hängen. Die Motorradfahrer nahmen den Weg, der zu den Zeltplätzen in der Nähe des Flusses führte, und das Röhren ihrer Maschinen verhallte.
Tom wandte sich an das junge Paar. »Am Fluss wird es laut werden heute Nacht.«
Ocean warf ihrem Freund einen besorgten Blick zu. Er versuchte, sie mit einem Lächeln zu beruhigen, doch Alice merkte, dass seine Schultern und Arme angespannt waren.
»Habt ihr vielleicht Lust, mit uns zu Abend zu essen?«, schlug Tom vor. Dieses Mal war es Alice, die sich versteifte. Sie wollte nicht einer schwangeren Frau gegenübersitzen. Einer schwangeren Teenagerin, die sich vermutlich auf der Rückbank eines Autos hatte schwängern lassen. Alice verabscheute ihre mürrischen Gedanken, die Verbitterung darin.
Blue setzte sich aufrechter hin. »Wir haben gutes Essen dabei.«
»Spart euch die Mühe.« Tom war bereits unterwegs zum Grillrost. »Nichts schlägt den Geschmack eines Steaks über Holzkohle.«
Blue und Ocean wechselten erneut einen Blick, dann sagte er: »Gern. Vielen Dank.«
»Wunderbar!« Alice zwang sich zu lächeln und stand auf. »Ich mache einen Salat.« Sie ging rasch in den Camper, wo sie sich Wasser ins Gesicht spritzte, ihr Haar hochsteckte und ein paarmal tief Luft holte. Dann hackte sie energisch Gemüse und schälte Mais, bis sie sich wieder im Griff hatte.
Sie aßen im letzten Sonnenlicht und unterhielten sich über die Olympischen Spiele. Alice erzählte, dass sie stundenlang angestanden hatte, um einen Wettkampfplan und ein Bestellformular für ihre Tickets zu bekommen, und dann hatten sie wochenlang gewartet, um zu erfahren, welche Wettkämpfe sie ergattert hatten, ehe sie ihre Reise geplant hatten.
»Queen Elizabeth wird zur Eröffnungsfeier kommen«, sagte Tom. »Das wird sicher ein ziemliches Spektakel.«
»Fahrt ihr direkt nach Montreal?«, fragte Blue. Tom und Alice hatten den beiden inzwischen das Du angeboten.
»Nein, wir bleiben erst noch eine Weile im Banff National Park, und anschließend machen wir in Calgary, Saskatchewan und Manitoba halt. In Ontario wollen wir uns ein Kanu leihen und die Seen erkunden. Alice will unbedingt die Seetaucher rufen hören.« Er lächelte sie an.
»Nicht zu vergessen die Birken und einen Besuch auf einer echten Ahornsirup-Farm.«
Toms Blick wanderte wieder zu Blue und Ocean. »Habt ihr noch irgendwelche Vorschläge für uns?«
»Wir sind noch nie über Vancouver hinausgekommen«, sagte Blue achselzuckend.
»Danke für das Abendessen.« Ocean wischte sich mit einer Serviette die Butter vom Finger und tupfte ihre Lippen ab. »Das war unglaublich lecker.«
»Freut mich, dass es euch geschmeckt hat.« Alice stand auf und begann, die Teller abzuräumen. »Möchte noch jemand Nachtisch? Wir haben Wassermelone.«
»Danke, aber wir sollten wahrscheinlich gehen«, erwiderte Blue. »Wir müssen noch einen Schlafplatz finden.«
»Bleibt doch hier. Wir haben ein Zelt dabei, und solange diese Biker am Fluss campen, ist es vielleicht kein sicherer Ort für …« Toms Blick wanderte zu Ocean.
Alice konzentrierte sich auf die schmutzigen Teller. Sie sah Tom nicht an.
»Vielleicht haben sie recht, Blue«, sagte Ocean. Sie klang nervös.
Als Blue nicht antwortete, blickte Alice auf und in sein Gesicht. Er schaute zwischen Tom und Alice hin und her. Warum zögerte er? Spürte er, dass sie verstimmt war?
»Hier hättet ihr es bequemer«, sagte Tom.
»Okay. Wenn es euch nichts ausmacht …«
»Damit ist es also beschlossen.« Alice trug die Teller in den Camper.
* * *
Tom und Alice lagen nebeneinander im Bett. Im Schein der Laterne hatten sie mehrere Runden Uno mit dem Paar gespielt. Ocean hatte es noch nie zuvor gespielt, aber sie hatte es rasch gelernt, auch wenn sie sich nicht überwinden konnte, laut »Uno!« zu rufen wie die anderen. Bei ihr klang es eher wie eine Entschuldigung. Blue hatte kein Problem damit, seine Karten hinzuschmeißen. Im Laufe des Abends hatte Ocean verraten, dass sie neunzehn und Blue zweiundzwanzig war, aber Alice hatte das Gefühl, dass Ocean jünger war. Unschuldiger. Alice hatte Jiffy Pop über dem Feuer gemacht, und Ocean war fast vom Stuhl gefallen, als die Maiskörner aufzuplatzen begannen. Dann hatte sie mit großen Augen zugesehen, wie die Aluminiumfolie sich zu einer silbernen Kugel ausdehnte.
»Glaubst du ihre Geschichte?«, fragte Alice. »Dass sie nur ein wenig herumreisen?«
»Klar.« Er klopfte sein Kissen zurecht. »Du nicht?«
»Sie wirken nicht richtig vorbereitet. Sie könnten auch Ausreißer sein.«
Ein leises Achselzucken in der Dunkelheit, dann raschelte die Bettdecke. »Sie sehen nicht aus, als wären sie noch minderjährig.«
»Ihre Namen sind eindeutig ausgedacht.«
»Das ist kein Verbrechen. Sie haben einfach ihren Spaß.« Der bewundernde Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören, und sie bekam ein schlechtes Gewissen. Vielleicht wollte er deswegen Zeit mit ihnen verbringen – sie gaben ihm das Gefühl, wieder jung zu sein. Im Gegensatz zu ihr. Sechsunddreißig fühlte sich plötzlich an wie dreiundsechzig.
»Sie reden kaum über sich selbst.«
»Klingt, als hätten sie es zu Hause nicht leicht gehabt. Ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen.« Er strich mit der Hand über ihren Arm. »Versuch, etwas zu schlafen.«
Sein Atem wurde tiefer, als er sich entspannte. Sie wollte sich zu ihm umzudrehen und ihre Wange an seinen Oberarm schmiegen, doch sie war zu müde, und ihr Herz war zu schwer.
Früher hatte sie Trost in seiner Stärke gefunden. Tom war nicht groß, aber kräftig, hatte breite Schultern und starke Beine. Sein schwarzes Haar war dicht und nach hinten gekämmt, seine sorgfältig gestutzten Koteletten reichten bis zum Kinn. Er aß gerne, trank gerne Bier und lachte gerne mit Freunden. Er liebte es, Gäste zu bewirten, und jedes Jahr zum Super Bowl gaben sie eine Party. Mehr als einmal hatte sie gehört, wie jemand ihn einen freundlichen Bären nannte. Das stimmte, doch sie war neidisch, wie schnell er Probleme einfach abschütteln konnte. Wie rasch er Entscheidungen treffen konnte, ohne sich über jedes Detail den Kopf zu zerbrechen.
Sechzehn Jahre. Das war eine lange Zeit, trotzdem war die körperliche Seite in ihrer Ehe nie ein Problem gewesen. Bis zum letzten Jahr. Da hatte es diesen Bruch gegeben, dann einen immer breiter werdenden Riss, der sich zu diesem großen, klaffenden Schweigen zwischen ihnen entwickelt hatte. Früher hatte er noch kleine Annäherungsversuche unternommen, seine Hand mit ihrer verschränkt, den ganzen Körper an ihren gedrückt. Er hatte eine Hand auf ihre Hüfte gelegt, die Lippen an ihrem Hals, doch sie hatte sich unwillkürlich versteift und konnte ihren Körper nicht dazu bringen, irgendetwas zu empfinden, also hatte er damit aufgehört.
Gedämpfte Musik drang durch die Wände des Campers, lautes Gelächter und Geschrei. Die Gruppe am Fluss. Sie hatte sich geärgert, als Tom sagte, er wolle die alte Pistole seines Vaters mitnehmen, aber jetzt war sie froh um diesen Schutz. Tom machte ein leises schnarchendes Geräusch. Sie dachte an das Paar im Zelt. Schliefen sie schon? Morgen würde sie fröhlicher sein. Sie würde ihnen Frühstück machen. Geistesabwesend strich sie mit der Hand über den jetzt flachen Bauch, dann riss sie den Arm weg, als hätte sie sich verbrannt.
In dieser Nacht träumte sie von einem kleinen, leblosen Körper, den ihr jemand in den Arm legte, so fest in seine blaue Strickdecke eingewickelt, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Dann senkte sich der Zedernholzsarg in den Boden. Erde fiel herab. Sie krallte sich in die Erde, aber sie konnte ihn nicht zurückholen.