Kapitel 17: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Jenny kniete mitten im Gang des Campers, riss die Staufächer unter der Bank auf und stopfte die vollen Kissenbezüge hinein, während Simon sich bis auf Shorts und Tanktop auszog.
Er gab ihr seine Latzhose, die karierten Tücher, die Handschuhe und Kostümbrillen sowie Alice’ Baseballkappe. Jenny bemühte sich, Simons Cowboyhut nicht zu zerdrücken.
Als sie aufstand, zog er sie für einen raschen, salzigen Kuss an sich. Seine nackten Beine und Arme drückten heiß gegen ihre, und sein Herz schlug so schnell, dass sie es spüren konnte. Er setzte sich in der Essecke hinter Alice, Jenny ihm gegenüber.
Er drehte sich zu Alice um. »Bleib auf dieser Straße. Sie müsste irgendwann auf den Highway stoßen.« Simon wandte sich wieder Jenny zu. Sein Haar war dunkel vom Schweiß, ein paar Strähnen fielen ihm in die Stirn.
»Einer der Kissenbezüge ist voll mit Sachen, die wir verkaufen können – Zigaretten, Filme. Ich habe uns auch Snacks mitgebracht. Das Geld zählen wir später. Aber es sieht nach einer ganzen Menge aus.«
Jenny kaute an ihren Fingernägeln. »Das ist doch gut, oder?«
»Ja klar, aber …« Er beugte sich vor und senkte die Stimme. »Wir werden mehr brauchen.«
Mehr? Sie konnten nicht zurück zu der Tankstelle. Das ergab keinen Sinn. Er musterte sie eindringlich, als würde er darauf warten, dass sie begriff. Und dann kapierte sie endlich.
»Das ist doch Wahnsinn. Du kannst heute Abend nicht noch einen Laden ausrauben.«
»Nicht heute Abend, Babe, aber du weißt doch, wie hart ich im Hafen gearbeitet habe. Ich habe mir zehn Stunden am Tag den Arsch aufgerissen, habe getan, was immer mein Dad wollte, und konnte mir trotzdem kaum unsere beschissene Wohnung leisten.«
Jenny dachte an die beengte Mansardenwohnung oberhalb des Jachthafens. Obwohl es immer leicht nach Meer und Seegras gerochen hatte, hatte sie sich dort sicher gefühlt. Gar nicht gefallen hatte ihr dagegen, mitanzusehen, wie Simon in aller Frühe aufbrach und abends mit müdem Blick und hängenden Schultern zurückkam.
»Die Tankstelle hat vielleicht zehn Minuten gedauert«, sagte er.
Für Jenny hatte es sich länger angefühlt, als sie durch die Windschutzscheibe gestarrt und jeden Schatten beobachtet hatte. Tom hinten im Wagen hatte kein einziges Wort zu ihr gesagt. Sie hatte beschlossen, dass sie, falls Simon und Alice nicht zurückkämen, sich ihren Rucksack schnappen, den Wagen und Tom zurücklassen und einfach in der Nacht verschwinden würde.
»Hattest du keine Angst?«
»Nein, aber mein Herz hat gerast. Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken.«
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie verstand, was er sagte, aber es fühlte sich nicht richtig an. Sie waren keine Räuber.
»Werden wir immer auf Campingplätzen bleiben?«
Er schüttelte den Kopf. »Zu viele Leute.«
»Brauchen wir denn kein Wasser?«
»Tankstellen haben Wasserschläuche. Wir können uns überall hinstellen. Auf Parkplätze, in den Wald. Tom hat mir schon gezeigt, wie man die Tanks leert. Wir entleeren sie irgendwo in der Pampa.«
Für Jenny klang das ziemlich eklig, aber es schien vernünftig. Die Cops könnten die Campingplätze absuchen. Was, wenn sie diese »Gesucht«-Plakate aufhängten, wie im Film?
Plötzlich wurde der Camper langsamer, und Alice schnappte nach Luft; es klang überrascht und erschrocken zugleich. Simon schaute über die Schulter durch die Windschutzscheibe. Dann sah Jenny es ebenfalls.
Lichter. Jede Menge blinkende Lichter.
»Was ist da los?«, fragte Simon.
»Eine Straßensperre«, sagte Alice.
Jenny kniete sich auf die Bank und versuchte, besser zu sehen.
»Kannst du sie umfahren?«, fragte Simon.
»Wie denn?« Alice deutete auf den Highway. Mehrere Wagen waren vor ihnen. Rote Bremslichter leuchteten auf und erloschen, als sie im Schritttempo weiterfuhren, anhielten und wieder anfuhren.
»Es könnte ein Unfall sein«, sagte Simon, aber Jenny merkte, dass er nicht mehr so zuversichtlich klang wie noch vor wenigen Minuten.
»Suchen sie nach uns?« Jenny musste das einfach fragen.
»Sie können noch nichts von dem Überfall wissen«, sagte Simon.
»Vielleicht doch.« Jennys Stimme klang schrill in ihren eigenen Ohren, und sie wusste, dass Simon ihre Panik hörte, denn er drehte sich um und sah sie an.
»Ausgeschlossen«, sagte er. »Und selbst wenn, dann haben sie keine Ahnung, dass wir in einem Camper unterwegs sind.«
Alice wurde langsamer, bis sie nur noch im Schneckentempo weiterkrochen. Sie waren so nahe an der Absperrung, dass die Blaulichter im Inneren des Campers herumsprangen und von jeder Metallfläche reflektiert wurden.
»Die Autos biegen rechts ab«, sagte Simon. »Was hat das zu bedeuten?«
»Eine Umleitung«, sagte Alice.
»Also wahrscheinlich doch ein Unfall.« Er setzte sich gerade hin und rutschte etwas zurück, sodass er von Alice’ Schulter verdeckt war, als sie sich den Rettungsfahrzeugen näherten. Weiße Lkws mit orangefarbenen Lichtbalken auf den Dächern – und zwei RCMP-Streifenwagen, deren rot-blaue Lichter sich drehten.
»Polizei.« Alice klang fast hoffnungsvoll. Simons Arm bewegte sich, und Jenny begriff nicht, was er machte, bis er etwas sagte.
»Reiß dich zusammen, Alice. Die Waffe zielt genau auf deinen Hinterkopf.«
»Wenn du willst, dass ich ruhig bleibe, ist das nicht die beste Methode«, zischte sie.
»Bleib einfach cool.«
Jenny starrte die Streifenwagen an und umklammerte die Tischkante. Wie es wohl wäre, verhaftet zu werden? Würden die Handschellen wehtun? Würde die Polizei sie anbrüllen und zu Boden werfen?
Der Camper hielt an, und ein Mann trat ans Fenster. Weiße Reflektorstreifen leuchteten auf seiner gelben Warnweste. Er trug einen Helm. Kein Polizist. Sie sank auf der Bank zurück.
»Was ist denn los?«, fragte Alice den Mann.
»Ein Bergsturz. Der Highway ist gesperrt. Wohin wollen Sie?«
»Nach Banff.«
»Okay. Sie müssen die Umleitung über den Highway 95 nehmen.« Der Mann deutete auf die Abfahrt, die auch die anderen Wagen nahmen. »Dann fahren Sie im Bogen zurück und nehmen die 93, bis sie wieder auf den Trans-Canada Highway stößt. Da gibt’s eine ganze Weile keine Tankstelle, also sorgen Sie dafür, dass Sie ausreichend Treibstoff dabeihaben.«
»Danke.« Alice folgte den anderen Wagen.
Simon wechselte von der Essecke zum Beifahrersitz und holte die Karte aus dem Handschuhfach. Er beugte sich vor und studierte sie im schwachen Licht des Armaturenbretts. »O Mann, so ein Mist.« Simon faltete die Karte zusammen, hob die Füße auf das Armaturenbrett und stellte den Sitz zurück. Alice drehte den Kopf. Ihr Profil wurde kurz vom Licht hervorgehoben, und Jenny wusste, dass sie sich wahrscheinlich über Simons Füße ärgerte, aber sie sagte nichts.
Jenny nahm eines der Kissen, die sie nachts benutzten, legte es ans Fenster und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Die Beine streckte sie vor sich auf der Sitzbank aus.
Die summenden Reifen des Campers ließen den Sitz und die Wand gleichmäßig vibrieren. Sie legte ihre Hände auf den Bauch, als wäre er eine Kristallkugel. Konnte das Baby die Vibration spüren? Ihre Lider wurden schwer. Sie ließ sie langsam sinken. Es fühlte sich so gut an, einfach nachzugeben. Sie und das Baby wurden in den Schlaf gewiegt.
* * *
Sie wachte von Simons lauter Stimme auf. »Wo zum Teufel sind wir?«
»Ich weiß es nicht!«, schrie Alice zurück.
»Du hast die Abzweigung zum Highway verpasst!«
»Ich habe dir gesagt, dass ich nachts nicht gern fahre.«
»Ich habe die Augen nur ein paar Minuten zugemacht. Du hättest mich wecken sollen.«
»Um dir was zu sagen? Dass ich eine Abzweigung verpasst habe, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie verpasst habe? Der Mann sagte, fahren Sie über den Highway 95, und das habe ich getan.«
»Verdammt noch mal.« Simon saß jetzt aufrecht und faltete die Karte auseinander. Er griff zwischen Alice und sich nach oben und schaltete das Deckenlicht ein.
»Ich kann nicht fahren, wenn das Licht an ist.« In Alice’ Stimme lag Panik, und der Camper schwankte, sodass Jennys Magen sich zusammenkrampfte, gefolgt von einem scharfen Stechen an der Unterseite ihres Bauchs, das sie noch nie gehabt hatte. Sie runzelte die Stirn und rieb sich die schmerzende Stelle. Sie musste sich im Schlaf verkrampft haben.
»Herrgott noch mal.« Simon schaltete das Licht wieder aus.
Von hinten fragte Tom mit undeutlicher Stimme: »Was ist los?«
»Deine Frau hat dafür gesorgt, dass wir uns verfahren haben.«
Schweigend fuhren sie weiter, und Simon beugte sich vor, als würde er versuchen, den Highway besser zu erkennen. Jenny spähte durch ihr Seitenfenster in die Dunkelheit. Sie konnte nur Bäume und gelegentlich das Mondlicht aufblitzen sehen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis Simon die angespannte Stille durch lautes Rufen unterbrach.
»Da vorne! Ein Schild. Fahr langsamer!«
Jenny rutschte ans Ende der Sitzbank, damit sie durch die Windschutzscheibe blicken konnte.
»Zehn Meilen bis Kimberley«, sagte Simon. »Fahr weiter, bis wir eine Stelle finden, an der wir anhalten können. Ich will auf die Karte schauen.«
Bald darauf entdeckte Simon eine Schotterpiste, und Alice bog vom Highway ab. Als sie den Camper parkte, ließ sie den Motor laufen, und die Scheinwerfer zeigten auf die Straße, die in der Dunkelheit immer schmaler wurde. Jenny gefiel es nicht, dass sie nicht erkennen konnte, wie es draußen aussah. Sie schlang die Arme um ihre Mitte. Simon schaltete die Innenbeleuchtung ein, was besser war, denn jetzt spiegelten sich Simon und die auseinandergefaltete Karte in der Windschutzscheibe.
»Wir sind ganz im Süden von British Columbia.« Simon funkelte Alice an. »Du hast mich stundenlang schlafen lassen.« Er riss den Kopf herum und sah Jenny an. »Warum hast du mich nicht geweckt?«
»Ich bin auch eingeschlafen. Tut mir leid.«
Alice brachte nichts zu ihrer Verteidigung vor und entschuldigte sich auch nicht. Jenny dachte daran, dass Simon gesagt hatte, Alice sei schlau. Hatte sie die Abzweigung absichtlich verpasst? Warum sollte sie das tun?
Jenny war verletzt, weil Simon sie angefaucht hatte, als hätte sie etwas falsch gemacht. Es war nicht ihre Schuld, dass sie eingeschlafen war. Sie hatte es gar nicht mitbekommen.
Simon schaute wieder auf die Karte. »Wir können immer noch von Süden aus nach Alberta fahren.«
»Darf ich mal sehen?«, bat Jenny, und Simon nickte. Sie ging nach vorn.
Simon deutete auf die Karte. »Hier sind wir gestartet, in Golden.« Er fuhr mit dem Finger den Highway entlang und tippte auf die Abzweigung, die Alice verpasst hatte. »Wir sind ganz in der Nähe der US-Grenze.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir bleiben hier bis zum Morgen stehen. Vom Highway aus kann man uns nicht sehen. Morgen gehen wir einkaufen und suchen einen anderen Laden aus, den wir uns vornehmen können.«
Alice drehte sich um und starrte ihn mit offenem Mund an. Ihr Augen funkelten im Licht. »Bist du verrückt?«
Simon lachte spöttisch. Dieses Lachen hatte Jenny noch nie zuvor gehört.
»Lady, du hast ja keine Ahnung.«
* * *
Am Morgen machte Alice Kaffee und Porridge, während Simon die Kissenbezüge hervorholte und Jenny alles zeigte, was er gestohlen hatte. Sie war erstaunt, wie viel er zusammengerafft hatte. Sie half ihm, das Bargeld zu zählen und zu ordentlichen Stapeln zu sortieren. Sie wusste, dass es nicht richtig war, aber es fiel ihr schwer, nicht aufgeregt zu sein, als sie das ganze Geld sah – Geld, das ihnen helfen würde, ein neues Leben anzufangen.
Simon teilte das Geld auf. Etwas wanderte in sein Portemonnaie. Etwas in ihre Handtasche. Etwas in seinen Rucksack. Etwas in ihren. Der Rest blieb im Kissenbezug, den er wieder unter der Bank verstaute.
Als sie fertig gegessen hatten, wuschen sie sich nacheinander. Jenny wünschte, sie könnte duschen – ihr Haar fühlte sich strähnig und schmutzig an –, doch sie mussten Wasser sparen. Sie kämmte ihr Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zurück. Als sie in den Spiegel schaute, sah sie ein vertrautes Bild. Ein Mädchen, das sein Haar straff gekämmt in einem Knoten trug, der so fest saß, dass es Kopfschmerzen bekam. Jenny wollte dieses Mädchen nie wieder sehen. Sie befreite das Haar aus dem Pferdeschwanz und schüttelte es auf.
Kurze Zeit später erreichten sie Kimberley. Jenny blickte sich verblüfft um. Die Stadt sah aus wie auf Fotos, die sie in einem National Geographic von Europa gesehen hatte. Die Berge, die die Stadt umgaben, ragten so klar vor dem blauen Himmel auf, dass sie fast unecht wirkten. Die Straßen waren von weißen, cremefarbenen oder grünen, stuckverzierten Häusern gesäumt, versehen mit dunklen Holzverkleidungen und bunten Fensterläden. Die meisten dieser an Lebkuchenhäuser erinnernden Gebäude hatten Balkone mit üppig blühenden Blumenkästen. Die Ladenschilder hatten ausgefallene Beschriftungen, und manche boten Bretzeln, Schnitzel oder Bier an.
»Was zum Teufel ist Schnitzel?«, fragte Simon.
»Flach geklopftes Fleisch, paniert und gebraten«, antwortete Alice. »Es ist ein deutsches Gericht.«
»Diese Stadt ist echt schräg«, sagte Simon.
Das Stadtzentrum war für den Autoverkehr gesperrt, also mussten sie eine Weile herumfahren, bis sie einen Lebensmittelladen fanden. Das moderne Gebäude war flach und weitläufig, hatte ein orangefarbenes Metalldach und eine Glasfront, in der sich der Camper spiegelte, als sie vorbeifuhren. Sie parkten unter einem Baum hinter dem Laden.
Alice schrieb eine Einkaufsliste, dann zog Jenny eines ihrer Sommerkleider an, das nicht zu zerknittert war, nahm ihre Handtasche und ging durch den Vordereingang in den Laden.
Sie fand einen Einkaufswagen und legte ihre Finger um den Metallgriff, dankbar, dass sie sich irgendwo abstützen konnte. Noch dankbarer war sie für die Klimaanlage im Geschäft, nachdem sie in ihren Sandalen über den heißen Asphalt gelaufen war. Sie hörte männliche Stimmen und schaute in die Ecke des Ladens, wo es ein kleines Café mit einer Vitrine voller Gebäckstücke gab. Ein paar Männer saßen rund um einen Tisch, unterhielten sich und tranken Kaffee. Einer las Zeitung.
Sofort wandte Jenny den Blick ab und schob den Einkaufswagen durch den Gang. Was, wenn ihr Foto in der Zeitung war? Vielleicht sollte sie lieber wieder gehen. Sie berührte ihr Haar. Nein. Sie sah jetzt ganz anders aus. Sie war nur eine junge Frau beim Einkaufen. Diese Männer würden sie niemals für eine Kriminelle halten.
Sie faltete die Einkaufsliste auseinander. Barbecue-Soße. Sie war bereits in der Gewürzabteilung und studierte die Auswahl an Soßen, Ketchups und Marinaden. Alice hatte nichts über die Geschmacksrichtung gesagt. Jenny suchte eine Flasche aus.
Sie schob den Wagen um die Ecke und blieb so plötzlich stehen, dass die Flasche im Korb umkippte, doch sie machte keine Anstalten, sie wieder hinzustellen. Sie war wie gelähmt und starrte das Paar an, das sich mitten im Gang umarmte. Ihre Mutter. Ihre Mutter war in diesem Laden und küsste einen dunkelhaarigen Mann. Robert.
Jenny blinzelte. Blinzelte erneut. Sie waren immer noch da. Geister. Sie sah Gespenster. Hatte sie den Verstand verloren? Sie musste hier raus, aber ihre Füße hatten sich in Betonklötze verwandelt.
Die Hand der Frau durchwühlte das Haar des Mannes. Seine Hände waren an ihrem Hintern. Die Frau kicherte und entzog sich ihm. Jetzt konnte Jenny ihr Gesicht sehen. Es war nicht ihre Mutter. Das blonde Haar und die Figur waren ähnlich, aber diese Frau war kleiner, die Nase war länger, die Lippen dünner.
Der Mann trug einen Anzug, aber nicht so einen schicken und ordentlichen wie Robert. Sein Haar war schlaff, das Gesicht glänzte, und sein Kinn war rund – nicht kantig. Die Frau richtete seine Krawatte und strich über das Revers.
Ungewollte Erinnerungen. All die Männer, die ihre Mutter mit nach Hause gebracht und in der Tür oder auf dem Sofa geküsst hatte. Ihre Mutter, die jedes Mal einen Riesenwirbel machte, wenn Robert das Haus verließ und zu einer Lesung ging. Wenn eine andere Frau in der Nähe war. Oder auch nur, wenn Jenny im Zimmer war. Dann lehnte ihre Mutter sich an ihn, drückte ihre Brüste an seinen Arm, küsste ihn mit offenem Mund und lachte, wenn Jenny aus dem Raum floh. Als wäre das alles nur ein lustiges Spiel. Am schlimmsten waren die Geräusche, die sie in ihrem Zimmer am Ende des Flures machten, sodass Jenny sich ein Kissen über die Ohren halten musste.
Die Frau drehte sich um. Ihre Augen wurden groß, als sie Jenny im Gang entdeckte, aber dann hoben sich ihre Mundwinkel. Als wäre Jenny die Unanständige. Die Frau sagte etwas zu dem Mann.
Jetzt starrte er sie ebenfalls an.
Eilig schob Jenny den Wagen weiter. Der Laden, in dem es zuvor angenehm frisch gewesen war, wirkte plötzlich eiskalt. Die Härchen an ihren Armen stellten sich auf. Sie schluckte schwer.
Sie ging die Liste durch, schnappte sich alles, was Alice aufgeschrieben hatte, und noch ein paar andere Dinge, die ihr ins Auge fielen. Sie hatte keinen Schimmer, wie viel das kosten würde. Ihr war schwindelig, ihr Magen fühlte sich an, als könnte sie sich jeden Moment übergeben. Bewegte sich das Baby? Sollte sich das so anfühlen?
An der Kasse fächelte Jenny sich Luft zu. Die Kassiererin war jung, vielleicht im selben Alter wie Jenny, aber mit langem rötlichem Haar und Sommersprossen auf der Nase und den Armen. Mit einer fröhlichen Singsangstimme plauderte sie über die Hitze.
»Bist du zu Besuch hier?«
Jenny starrte sie an und überlegte, was diese Frage zu bedeuten hatte.
»Du bist nicht von hier. Ich kenne jeden, der in der Stadt wohnt.«
»Äh, ja. Wir sind auf der Durchreise.«
»Habt ihr schon unsere Kuckucksuhr gesehen? Es ist die größte auf der Welt.«
Jenny schüttelte den Kopf.
»Wenn du eine Münze einwirfst, kommt Hans im Glück raus und jodelt.« Sie lachte und schaute vom Einpacken der Einkäufe auf, als müsste Jenny etwas dazu sagen.
»Warum habt ihr eine Kuckucksuhr?«
Das Mädchen warf ihr einen verwirrten Blick zu, worauf Jenny sich sorgte, dass sie die Antwort bereits kennen sollte. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie stützte sich mit einer Hand an den Tresen.
»Wir sind die bayerische Stadt in den Rocky Mountains«, erklärte das Mädchen. »Als die Mine geschlossen wurde, wollten sie etwas haben, mit dem sie Touristen anlocken können.« Sie zuckte die Achseln. »Es ist witzig.«
»Witzig.«
Sie wiederholte einfach, was das Mädchen sagte. Als könnte sie keine eigenen Worte finden. Sie war so dumm. Jennys Bauch verkrampfte sich an der Seite. Sie zuckte zusammen und legte eine Hand auf den Bauch. Was war das für ein Schmerz? Mit verwirrter Miene schaute die Kassiererin hinunter auf ihren Bauch.
»Alles in Ordnung bei dir?«
»Ja, nur eine kleine Magenverstimmung.«
Das Mädchen nannte Jenny die Gesamtsumme, und sie gab der Kassiererin eine Handvoll Geld und überließ ihr das Zählen. Sie eilte mit dem Einkaufswagen hinaus auf den Parkplatz und begriff, dass sie noch einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte zu viel eingekauft, um es tragen zu können. Der Asphalt war so heiß.
Sie schob den Einkaufswagen um die Ecke des Gebäudes und lief so schnell, dass sie in ihren Sandalen beinahe stolperte und ihre Brust gegen die Stange drückte.
Der Camper kam in Sicht. Sie schaute über die Schulter, aber niemand beobachtete sie. Allerdings stiegen andere Kunden aus ihren Autos. Sahen sie das alberne Mädchen, das mit dem Einkaufswagen über den Parkplatz rannte?
Hinter dem Gebäude blieb sie stehen und nahm so viele Tüten auf den Arm, wie sie tragen konnte. Die Tür des Campers öffnete sich. Alice kam zu ihr und half ihr mit den restlichen Tüten. Sie sah sie merkwürdig an. Die Augenbrauen berührten sich fast. Jenny gab ihr keine Gelegenheit, etwas zu sagen. Sie kletterte in den Camper, stellte die Einkäufe auf den Tisch, ohne Simon zu beachten, der aufgestanden war. Seine Hand streifte ihren Arm, als sie an ihm vorbei ins Badezimmer rannte.
Sie schloss die Tür und zog ihre Unterhose herunter.
Blut.